In dieser Arbeit soll anhand von zwei kambodschanischen Filmen die Darstellung der Erinnerungskultur im kambodschanischen Kino nach dem dem Khmer Rouge Regime analysiert werden. Erinnerungskultur hat die Autorin Astrid Eril als den Umgang des Einzelnen und der Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit und ihrer Geschichte definiert und sie ist historisch und kulturell sehr stark von kollektivem Gedächtnis geprägt. Erinnerung und Trauma sind die Hauptthemen in der südostasiatischen Kunst, aus denen sich auch die Erinnerungskultur in Südostasien bildet. Diese besondere Kulturform weist auch ihre Besonderheiten in Südostasien auf, vor allem im 20. Jahrhundert. Das war eine chaotische und aufwühlende Zeit für Südostasien, was hauptsächlich auf die Kolonialisierung durch die westlichen Länder zurückzuführen war.
Nach dem zweiten Weltkrieg und im Prozess der Dekolonialisierung und der Modernisierung haben sich viele Nationalstaaten in Südostasien gebildet, wie Thailand, Kambodscha, Burma und Laos. Aber die Neubildung der Nationalstaaten hat keinen Frieden in Südostasien versprochen. In den folgenden Jahren haben die neugeborenen Nationalstaaten weitere nationale Instabilitäten und Konflikte mit Nachbarländern erlebt, wie die Herrschaft der Khmer Rouge zwischen April 1975 und Januar 1979 und den ständigen Grenzkonflikt zwischen Kambodscha und Thailand. Die Erinnerungskultur in Südostasien hat dann auch in vielen politischen Ereignissen ihre Wurzel gefunden und ist sehr eng mit den politischen Konflikten und Unruhen verbunden.
In der südostasiatischen Geschichte, vor allem in der neuzeitlichen Geschichte, ist die Erinnerungskultur in dem jeweiligen Land durch ein landespezifisches politisches Ereignis geprägt. Kwok Kian-Woon und Roxana Waterson haben in ihrem Artikel zum Thema „Southeast Asia and the politics of contested memories“ folgende Ereignisse aufgelistet: den Genozid in Kambodscha unter dem Khmer Rouge Regime, den Kollaps von Suhartos Regime nach den vielfältigen studentischen Bewegungen in Indonesien, das Massaker an der Thammasat-Universität in Thailand sowie den Aufstand 8888 im Jahr 1988 in Burma.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung - Erinnerungskultur in Südostasien
II. Die Erinnerungskultur in Kambodscha - von außen nach innen
III. Die soziale Funktion der Erinnerungskultur
IV. Der Film „First They Killed My Father: A Daughter of Cambodia Remembers“
1. Die Handlung des Films
2. Der Hintergrund des Films
3. Die Umwandlung der individuellen Erinnerung zu einer kollektiven Erinnerung
V. Der Film „S-21, la machine de mort Khmère rouge“
1. Die Handlung des Films
2. Der Hintergrund des Films
3. Die Umwandlung der individuellen Erinnerung zu einer kollektiven Erinnerung
VI. Schlussfolgerung: Das Erzählen ist die Heilung einer anderen Form
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Erinnerungskultur in Kambodscha unter besonderer Berücksichtigung ihrer filmischen Aufarbeitung nach dem Ende des Khmer-Rouge-Regimes. Ziel ist es, die soziale Funktion des Erinnerns zu erörtern und aufzuzeigen, wie individuelle Traumata durch Filme in ein kollektives Gedächtnis transformiert werden können, um eine Form der Heilung für die Gesellschaft zu bewirken.
- Erinnerungskultur in Kambodscha und deren Besonderheiten
- Soziale Funktionen des kollektiven Gedächtnisses
- Filmanalyse: „First They Killed My Father: A Daughter of Cambodia Remembers“
- Filmanalyse: „S-21, la machine de mort Khmère rouge“
- Transformation individueller Erinnerung in kollektive Heilungsprozesse
Auszug aus dem Buch
3. Die Umwandlung der individuellen Erinnerung zu einer kollektiven Erinnerung
In diesem Film spielt vor allem die individuelle Erinnerung eine Rolle, die Loung Ung als ein kleines Mädchen hat; hinter Loung Ung stehen jedoch die gesamten Kambodschaner, die im Khmer Rouge Regime Familien verloren haben. Am Ende dieses Films steht ein Szenario, wo die Khmer Flüchtlinge in Vietnam einen Soldaten der Roten Khmer gefangen haben, sich danach alle auf einem Feld versammeln, um ihn zu verprügeln und die Wut, die sie gegenüber den Roten Khmer empfinden, an ihm auszulassen. Dieser Soldat sieht dem Vater von Loung Ung ähnlich und sie verwechselt ihn auch mit ihm. Während er von den anderen verprügelt wird, ruft sie mehrfach „Papa“ zu ihm. Die anderen bekommen dies mit und gehen auf verschiedene Wege damit um. Ein älterer Herr fragt, warum sie den Soldaten verprügeln sollten, denn er habe schließlich auch nicht freiwillig gehandelt. Alle Anwesenden teilen das Schicksal der kleinen Loung Ung, da sie ebenfalls ihre Familien in dieser Katastrophe verloren haben.
Nachdem Loung Ung vor Ort gesehen hat, dass die Kader der Roten Khmer ihren Vater getötet haben, vermisst sie ihren Vater jeden Tag. Ihr Schreien ist eine rein natürliche Darstellung ihres Vermissens. Das gleiche gilt auch für das Verprügeln des Soldaten durch die anderen Flüchtlinge. Sie haben den Kader verprügelt, weil die glaubten, dass es die Kader waren, die ihre Familienangehörigen getötet haben, aber sie haben nicht verstanden, dass es eigentlich das System war, das ihre Familienangehörigen getötet hat. Das Verprügeln des Kaders stellt nicht nur die Unzufriedenheit damit dar, was die Kader gemacht haben, sondern auch indirekt das Vermissen ihrer Familien. Dieses Szenario bringt den ganzen Film auf ein höheres Niveau, wo nicht nur Loung Ung ihre Erinnerung erzählt, sondern das ganze Land, das unter den Roten Khmer litt. Auch durch dieses Szenario ist die individuelle Erinnerung, die zunächst nur Loung Ung hatte, auf die gesamte Bevölkerung übertragen worden. Das Schreien von Loung Ung lässt dann den Effekt hinzukommen, als würde die ganze Bevölkerung nach ihren verlorenen Familien schreien.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung - Erinnerungskultur in Südostasien: Einführung in die Begriffe Erinnerung und Trauma sowie Einordnung der traumatischen Ereignisse in Südostasien, insbesondere in Kambodscha.
II. Die Erinnerungskultur in Kambodscha - von außen nach innen: Analyse der Hindernisse für eine frühe Erinnerungskultur und der Rolle kambodschanischer Künstler aus dem Exil bei der Aufarbeitung.
III. Die soziale Funktion der Erinnerungskultur: Erläuterung, wie individuelle Erfahrungen durch kollektives Gedächtnis eine heilende Wirkung für eine Gesellschaft entfalten können.
IV. Der Film „First They Killed My Father: A Daughter of Cambodia Remembers“: Darstellung der persönlichen Fluchterfahrung Loung Ungs und der systematischen Zerstörung der alten Ordnung durch die Roten Khmer.
V. Der Film „S-21, la machine de mort Khmère rouge“: Analyse der Konfrontation zwischen Opfern und Tätern im Kontext des ehemaligen Sicherheitsgefängnisses S-21.
VI. Schlussfolgerung: Das Erzählen ist die Heilung einer anderen Form: Fazit über die Notwendigkeit des Erzählens für die psychische Heilung der Überlebenden und die gesellschaftliche Gerechtigkeit.
Schlüsselwörter
Erinnerungskultur, Kambodscha, Khmer Rouge, Rithy Panh, Angelina Jolie, kollektives Gedächtnis, Trauma, S-21, First They Killed My Father, Zeitzeugen, Heilung, Filmanalyse, Genozid, Aufarbeitung, Geschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Erinnerungskultur im kambodschanischen Kino nach dem Ende des Khmer-Rouge-Regimes und wie Filme zur Aufarbeitung von traumatischen historischen Ereignissen beitragen.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Themen sind das kollektive Gedächtnis, die Bedeutung von persönlichen Fluchterfahrungen sowie die Auseinandersetzung mit Tätern und Opfern in der Zeit nach dem Regimewechsel.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie das kambodschanische Kino als Medium fungiert, um individuelles Trauma in ein kollektives Erinnern zu überführen und dadurch einen Heilungsprozess anzustoßen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewandt?
Es handelt sich um eine medien- und kulturwissenschaftliche Filmanalyse, die durch historische Kontextualisierungen und Literaturrecherche gestützt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert zwei spezifische Filme – „First They Killed My Father“ und „S-21“ – und diskutiert deren Handlung, den historischen Hintergrund sowie ihre symbolische Bedeutung für die Erinnerungskultur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wesentliche Begriffe sind unter anderem Erinnerungskultur, Khmer Rouge, Trauma, kollektives Gedächtnis, S-21 und psychische Heilung.
Wie unterscheidet sich die Darstellung in den beiden analysierten Filmen?
Während der Film von Angelina Jolie die individuelle Perspektive eines Kindes und die Flucht thematisiert, fokussiert sich Rithy Panh in „S-21“ auf die direkte, oft schmerzhafte Konfrontation zwischen überlebenden Opfern und ehemaligen Peinigern.
Welche Bedeutung hat das „Knien“ des Täters in Rithy Panhs Film?
Das Knien wird als eine tiefgreifende Geste interpretiert, die über die persönliche Reue hinausgeht und symbolisch als Bitte um Verzeihung für alle beteiligten Täter gegenüber allen Überlebenden verstanden werden kann.
- Citation du texte
- Yizhou Liu (Auteur), 2018, Erinnerungskultur und deren Darstellungen im kambodschanischen Kino, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511452