In dieser Arbeit wird untersucht, ob Panofskys Paradigma der Ikonologie und Ikonographie auch auf Kunst angewendet werden kann, die nicht dem europäischen Raum entstammt. Demnach liegt der Fokus auf der Afrikanischen Kunst, insbesondere aber auf der Höfischen Kunst aus Benin in Südnigeria. Die Kunstwerke aus Bronze und Elfenbein zählen zu den bedeutendsten Schöpfungen des Königreich Benins. Aus der Vielzahl der Objektkategorien sollen im Folgenden insbesondere die "Oba-Köpfe" die Köpfe der Könige aus Gelbguss, die zu den so genannten "Benin-Bronzen" zählen, untersucht werden. Diese gelten als die bekanntesten Werke der Benin-Kunst.
Erwin Panofsky galt als einflussreichster Vertreter und Mitbegründer der Ikonologie, die sich insbesondere um die inhaltliche Deutung von Bildern kümmert. Zu seinen früheren methodischen Überlegungen zu stilgeschichtlichen Ansätzen hat er in den 30er Jahren ein Interpretationsmodell zur vorikonographischen Beschreibung, ikonographischen Analyse und ikonologischen Deutung entwickelt und sich dabei auf die Kunst der Renaissancebezogen. Dieser Ansatz entfaltete eine überragende Wirkung und hat auch in Europa die Kunstgeschichte über Jahrzehnte nachhaltig geprägt.
In einem ersten Schritt ist es notwendig, Panofskys Paradigma darzulegen und anschließend die Voraussetzungen zur Anwendung des Modells auf Afrikanische Kunst zu klären. Im zweiten Schritt sollen die Bronze-Köpfe nach Panofskys Vorgehensweise der vorikonographischen Beschreibung, der ikonographischen Analyse und der ikonologischen Interpretation analysiert werden. Diesbezüglich bilden der Ausstellungskatalog über die Ausstellung "Benin – Könige und Rituale" des Museums für Völkerkunde in Wien von Barbara Plankensteiner aus dem Jahre 2007 sowie die Monographie von Armand Duchâteau "Benin – Kunst einer afrikanischen Königskultur" über die Benin- Sammlung des Museums für Völkerkunde in Wien eine notwendige Grundlage. Beide Werke behandeln intensiv die Geschichte sowie Besonderheiten der Benin-Kunst und stellen die einzelnen Kunstwerke überblicksartig dar.
Inhaltsverzeichnis
1. Themenhinführung & Vorgehensweise
2. Erwin Panofskys Paradigma der Ikonologie und Ikonographie
3. Die Anwendung von Panofskys Paradigma auf Afrikanische Kunst
4. Die Kopfplastiken der Oba
4.1 Vorikonographische Beschreibung
4.2 Ikonographische Analyse
4.3 Ikonologische Interpretation
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendbarkeit von Erwin Panofskys kunsthistorischem Paradigma der Ikonologie und Ikonographie auf außereuropäische Kunstformen, mit einem spezifischen Fokus auf die höfische Kunst aus dem Königreich Benin.
- Methodische Grundlagen der Ikonologie und Ikonographie nach Erwin Panofsky
- Transferierbarkeit westlicher Analysemethoden auf afrikanische Kunstobjekte
- Formale und ikonographische Untersuchung der Oba-Köpfe
- Kulturelle und historische Kontextualisierung der Bronze- und Elfenbeinköpfe
- Erörterung der Bedeutung von Ahnenkult und Repräsentation königlicher Macht
Auszug aus dem Buch
Die Kopfplastiken der Oba
Gemäß PANOFSKYS Modell müssen die betrachteten Objekte erst der vorikonographischen Analyse unterzogen werden. Demnach folgt eine simple Beschreibung der Bildwerke. Der Analyse werden die Oba-Köpfe der Wiener Sammlung, sowie ergänzend diese der Benin-Ausstellung zu Grunde gelegt.
Die Kopfplastiken aus Bronze sind in der Regel nicht größer als maximal 30 cm (Abb. 2 bis Abb. 5). Durch eine ähnliche Tiefe und Breite von etwa 20 bis maximal 30 cm wirken sie sehr stämmig und beinahe quaderförmig. Um den Hals tragen sie dicht aneinandergereihte Ketten aus Korallenperlen, die den Hals vollständig bedecken und bis zum Mund reichen. Diese wirken wie ein Mauerwerk. Auf dem Kopf tragen die Plastiken eine Mütze oder Kappe, welche ebenfalls vollständig aus Korallenperlen besteht. Durch den reichen Schmuck bleibt vom Gesicht nur noch ein viereckiger Ausschnitt zwischen Perlenkragen, Kappe und den seitlichen Perlenschnüren sichtbar. Augen, Nase und Lippen bleiben frei. Am Kopf ist darüber hinaus eine breite Vertiefung zu erkennen, die fast die gesamte Breite des Kopfes in Anspruch nimmt.
Die Kappe von manchen Plastiken kann dabei wesentlich enger geflochten sein als die von anderen (Vgl. Abb. 2 mit Abb. 5). Darüber hinaus ist sie häufig mit kleinen Rosetten bestickt, bestehend aus vier oder fünf konischen Korallenperlen. Auffällig ist, dass bei den meisten Plastiken über der Stirne eine doppelkonische Perle herabhängt. Darüber hinaus sind bei manchen Kopfplastiken auf der Stirn zwei oder mehrere rechteckige Vertiefungen zu sehen, in welchen sich zum Teil Einlagen aus Eisen erhalten haben, ebenso wie in den Pupillen der Plastiken. In einem anderen Kopf fehlen dagegen die eisernen Pupillen und Stirneinlagen.
Daneben können aber auch flügelförmige Elemente angebracht sein (Abb. 8 und Abb. 9). Hinten und an beiden Seiten der Kappe hängen zusätzlich Perlenzöpfe oder Perlenstränge herab.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Themenhinführung & Vorgehensweise: Die Arbeit skizziert die methodische Zielsetzung, Panofskys Interpretationsmodell auf afrikanische Kunst anzuwenden, und definiert das Untersuchungsfeld der Benin-Bronzen.
2. Erwin Panofskys Paradigma der Ikonologie und Ikonographie: Dieses Kapitel erläutert die drei Ebenen der Interpretation nach Panofsky: die vorikonographische Beschreibung, die ikonographische Analyse und die ikonologische Deutung.
3. Die Anwendung von Panofskys Paradigma auf Afrikanische Kunst: Es wird diskutiert, inwieweit das stark an abendländische Kunst orientierte Modell an die spezifischen Bedürfnisse und Quellenlagen der afrikanischen Kunstgeschichte angepasst werden muss.
4. Die Kopfplastiken der Oba: Der Hauptteil analysiert die Obaköpfe methodisch in ihre drei interpretatorischen Stufen, von der rein formalen Betrachtung bis zur kulturhistorischen Einordnung.
5. Fazit: Die Ergebnisse bestätigen die Nützlichkeit des Modells als strukturierte Vorgehensweise, betonen jedoch die Notwendigkeit, zusätzliche, nicht-literarische Quellen wie mündliche Überlieferungen miteinzubeziehen.
Schlüsselwörter
Erwin Panofsky, Ikonologie, Ikonographie, Benin-Bronzen, Oba-Köpfe, Afrikanische Kunst, Ahnenkult, Kunstgeschichte, Methodik, Gelbguss, Korallenschmuck, Kulturgeschichte, Skulptur, Königshof, Interpretationsmodell
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Anwendung des kunsthistorischen Analysemodells von Erwin Panofsky auf die höfische Kunst des Königreichs Benin, speziell auf die bronzenen Gedenkköpfe der Oba.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die methodische Strenge der kunsthistorischen Bilddeutung, die Spezifik der Benin-Kunst, die Rolle des Ahnenkults und die Bedeutung von Insignien wie Korallenperlen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu untersuchen, ob und wie Panofskys Paradigma, das ursprünglich für die Renaissance entwickelt wurde, auf außereuropäische Kunst erfolgreich übertragen werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die dreistufige Methode nach Panofsky: vorikonographische Beschreibung, ikonographische Analyse und ikonologische Interpretation.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Anwendung des Modells auf die physischen Eigenschaften, die symbolische Bedeutung und den kulturhistorischen Kontext der Oba-Köpfe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Ikonologie, Ikonographie, Oba-Köpfe, Benin-Kunst und methodische Kunstgeschichte definiert.
Welche Bedeutung haben die Eiseneinlagerungen in den Köpfen?
Die Eiseneinlagerungen in Pupillen und Stirn werden als Zeichen von Macht und Stärke interpretiert; sie sollen dem Objekt eine besondere Kraft verleihen und könnten zudem auf das für die Erneuerung der Kraft notwendige Opferblut verweisen.
Warum wird die Datierung der Köpfe als problematisch beschrieben?
Die Datierung ist schwierig, da sie oft nur auf Stilvergleichen oder mündlichen Überlieferungen basiert, was eine exakte zeitliche Einordnung der verschiedenen Objektgruppen erschwert.
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- Victoria Landmann (Author), 2017, Ikonologie und Ikonographie nach Erwin Panofsky am Beispiel der Höfischen Kunst aus Benin, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511815