Der rasante Anstieg der CO2-Konzentration (Rahmstorf and Schnellnhuber, 2018), die Versauerung und Erwärmung der Ozeane und die Übernutzung, der uns zur Verfügung stehenden Ressourcen und die daraus folgenden Transformationen und Mutationen unserer Erde sind überall präsent. Beispiellos ist auch die Anzahl der menschlichen und nicht-menschlichen Geflüchteten, die durch die Vereinfachung und Vernichtung von Refugien auf der Erde nirgendwo mehr Zuflucht finden (Haraway, 2016).
Die Vielzahl der Phänomene, die die Erde Gaia maßgeblich beeinflussen, lassen sich unter dem Begriff der ökologischen Krise zusammenfassen. Weil Ökologie von den griechischen Worten oikos (dt. Haus, Haushalt) und logos (dt. Lehre) zusammengesetzt ist, kann diese auch als „Krise des Wohnens“ bezeichnet werden (Zimmermann, 2018)
Die Verantwortung für diese transformativen Auswirkungen auf unserer Erde wird in dem Zeitalter des Anthropozän dem Menschen zugeschrieben, der nach dem Modell des Exzeptionalismus und der Subjektivierung handelt. Folglich nimmt unsere Spezies durch ihr Denken und Verhalten eine Sonderstellung gegenüber allen anderen Lebewesen ein und es kommt zu einer menschlichen Verweltlichung, in der das Individuum eine immer größere Rolle spielt. Die Frage, die sich die Wissenschaftstheoretikerin, Biologin und Geschlechterforscherin Donna J. Haraway vor diesem Hintergrund stellt ist:
„What happens when human exceptionalism and the utilitarian individualism of classical political economics become unthinkable in the best sciences across the disciplines and interdisciplines?“ (Haraway, 2016)
Mit dieser Erkundigung möchte sie darauf hinweisen, dass der Mensch seine Stellung in der Welt verändern kann. Nicht nur in ihrem Essay A Cyborg Manifest, sondern auch in zahlreichen anderen Texten nennt sie diese geochronologische Epoche, in der unsere Spezies das Modell des Exzeptionalismus und der Subjektivierung überwindet, nennt sie das Chthuluzän (Haraway, 2016).
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll versucht werden die Frage „Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän: Ist eine Neuerfindung der Natur durch den Cyborg-Mythos möglich?“ zu beantworten. Hierfür wird zuerst das gegenwärtige Zeitalter des Anthropozän definiert um davon ausgehend zum Chthuluzän überzuleiten und die Idee des Cyborg-Mythos zu erläutern. Darauf aufbauend soll analysiert werden, inwieweit dieser eine Neuerfindung der Natur ermöglicht..
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Anthropozän
3. Das Chthuluzän
3.1. Die Überwindung des Dualismus
3.2. Der Cyborg-Mythos
4. Die Neuerfindung der Natur
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die Konzepte des Chthuluzäns und der Cyborg-Metaphorik nach Donna J. Haraway eine notwendige Neuerfindung der Natur ermöglichen, um die ökologische Krise des Anthropozäns zu überwinden und dualistische Denkmuster aufzubrechen.
- Kritische Analyse des Anthropozäns und seiner anthropozentrischen Konzepte
- Einführung des Chthuluzäns als Alternative zum vorherrschenden Krisenverständnis
- Dekonstruktion dualistischer Trennungen wie Natur/Kultur und Mensch/Maschine
- Untersuchung der Cyborg-Figur als Modell für eine neue menschliche Ontologie
Auszug aus dem Buch
3.2. Der Cyborg-Mythos
Den Begriff des Cyborgs definiert Haraway zum ersten Mal in ihrem 1985 veröffentlichen Essay A Cyborg Manifest: „A cyborg is a cybernetic organism, a hybrid of machine and organism, a creature of social relations, our most important political construction, a world-changing fiction.” (Haraway, 1991, S.149)
Um die Entstehung der Idee eines solchen kybernetischen Geschöpfes nachvollziehen zu können, muss ein Blick in die Vergangenheit geworfen werden.
In der frühen Neuzeit, die durch patriarchale und kolonialistische Herrschaft geprägt war, wurde eine klare Grenze zwischen Natur und Kultur gezogen (Haraway, 1991, S.151ff.). Die westliche Wissenschaft eignete sich die Natur an, um Kultur hervorzubringen. Hieraus lässt sich der Rückschluss ziehen, dass die Natur ein Ort der Nicht-Kultur war. Sie wurde als Bedrohung angesehen, die man versuchte, sich anzueignen und zu beherrschen (Haraway, 1995, S.27). Lynn White bezeichnet in seinem Artikel The Historical Roots of Our Ecological Crisis das Christentum als einen prägenden Faktor für diese Beziehung zwischen Mensch und Natur. Weil dem Menschen, im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen, eine Seele zugeschrieben wird, ist er der Natur übergeordnet. Dieses Denken kann, aus zeitlicher Perspektive heraus, als linear bezeichnet werden. Durch die technologische und wissenschaftliche Bewegungen entkoppelt der Mensch so immer weiter von der Natur und es entsteht das Bild einer unabhängigen, homogenen, aktiven, männlichen, weißen, Identität.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die ökologische Krise als eine „Krise des Wohnens“ und stellt die Frage, wie der Mensch sein Selbstbild durch das Konzept des Cyborgs transformieren kann.
2. Das Anthropozän: Dieses Kapitel definiert das Anthropozän als Epoche der menschlichen Verantwortung für Umweltveränderungen und problematisiert die Einseitigkeit des „Exzeptionalismus“.
3. Das Chthuluzän: Hier wird das Chthuluzän als alternatives Konzept vorgestellt, das den Menschen aus seiner Sonderstellung herauslöst und als eingebunden in ein komplexes Geflecht von Akteuren begreift.
3.1. Die Überwindung des Dualismus: Dieses Kapitel erörtert die Notwendigkeit, klassische Dichotomien wie Natur/Kultur oder Mann/Frau durch neue, nicht-biologische Verwandtschaftsbeziehungen aufzubrechen.
3.2. Der Cyborg-Mythos: Das Kapitel analysiert den Cyborg als kybernetisches Geschöpf, das die Grenze zwischen Organismus und Maschine verwischt und eine neue politische Identität ermöglicht.
4. Die Neuerfindung der Natur: Diese Sektion diskutiert, wie durch die Dekonstruktion des Natur-Kultur-Dualismus ein neues Verständnis der Welt als Kollektiv entstehen kann.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Cyborg-Metaphorik keine Utopie darstellt, sondern ein wirksames Werkzeug ist, um neue Geschichten zu erzählen und einen Paradigmenwechsel einzuleiten.
Schlüsselwörter
Anthropozän, Chthuluzän, Donna J. Haraway, Cyborg, Dualismus, Ökologische Krise, Gaia, Natur, Kultur, Identität, Kybernetik, Sympoiesis, Artengemeinschaften, Technisierung, Biopolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen und wissenschaftstheoretischen Kritik am Anthropozän und untersucht, wie Donna J. Haraways Konzepte des Chthuluzäns und des Cyborgs dazu beitragen können, unsere Sicht auf die Natur grundlegend zu verändern.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Überwindung dualistischer Denkmuster, die Rolle des Menschen als Teil eines ökologischen Gesamtsystems (Gaia) und die Bedeutung von Fiktion und Mythen für die wissenschaftliche Weltgestaltung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, inwieweit die Cyborg-Figur als neues ontologisches Modell dienen kann, um die Mensch-Natur-Beziehung neu zu definieren und so die ökologische Krise aktiv zu adressieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse und der diskursiven Auseinandersetzung mit wissenschaftstheoretischen, feministischen und ökologischen Texten von Autoren wie Donna J. Haraway, Bruno Latour und Peter Sloterdijk.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse des Anthropozäns, die Einführung des Chthuluzäns, die Dekonstruktion binärer Dualismen und die detaillierte Ausarbeitung des Cyborg-Mythos als Gegenentwurf zur apokalyptischen Logik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind Anthropozän, Chthuluzän, Cyborg, Natur-Kultur-Dualismus, ökologische Krise, Gaia, Identität und Sympoiesis.
Wie definiert Haraway den „Cyborg“?
Haraway definiert den Cyborg als ein kybernetisches Geschöpf, das sowohl aus Maschine als auch aus Organismus besteht und als ein Konstrukt sozialer Beziehungen fungiert, das die Realität und Fiktion ineinander verwebt.
Warum ist das Konzept des „Chthuluzäns“ ein Gegenentwurf?
Im Gegensatz zum Anthropozän, das den Menschen als einzigen Akteur in den Mittelpunkt stellt, betont das Chthuluzän die Verwobenheit mit vielen anderen Spezies und Akteuren, wodurch die einseitige Herrschaft des Menschen über die Natur infrage gestellt wird.
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- Anonym (Autor), 2019, Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Ist eine Neuerfindung der Natur durch den Cyborg-Mythos möglich?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511840