Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Ist eine Neuerfindung der Natur durch den Cyborg-Mythos möglich?


Hausarbeit, 2019

16 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Anthropozän

3. Das Chthuluzän
3.1. Die Überwindung des Dualismus
3.2. Der Cyborg-Mythos

4. Die Neuerfindung der Natur

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der rasante Anstieg der CO2-Konzentration (Rahmstorf and Schnellnhuber, 2018), die Versauerung und Erwärmung der Ozeane und die Übernutzung, der uns zur Verfügung stehenden Ressourcen und die daraus folgenden Transformationen und Mutationen unserer Erde sind überall präsent. Beispiellos ist auch die Anzahl der menschlichen und nicht-menschlichen Geflüchteten, die durch die Vereinfachung und Vernichtung von Refugien auf der Erde nirgendwo mehr Zuflucht finden (Haraway, 2016, S.100).

Die Vielzahl der Phänomene, die die Erde Gaia[1] maßgeblich beeinflussen, lassen sich unter dem Begriff der ökologischen Krise zusammenfassen. Weil Ökologie von den griechischen Worten oikos (dt. Haus, Haushalt) und logos (dt. Lehre) zusammengesetzt ist, kann diese auch als „Krise des Wohnens“ bezeichnet werden (Zimmermann, 2018).

Die Verantwortung für diese transformativen Auswirkungen auf unserer Erde wird in dem Zeitalter des Anthropozän dem Menschen zugeschrieben, der nach dem Modell des Exzeptionalismus und der Subjektivierung handelt. Folglich nimmt unsere Spezies durch ihr Denken und Verhalten eine Sonderstellung gegenüber allen anderen Lebewesen ein und es kommt zu einer menschlichen Verweltlichung, in der das Individuum eine immer größere Rolle spielt. Die Frage, die sich die Wissenschaftstheoretikerin, Biologin und Geschlechterforscherin Donna J. Haraway vor diesem Hintergrund stellt ist:

„What happens when human exceptionalism and the utilitarian individualism of classical political economics become unthinkable in the best sciences across the disciplines and interdisciplines?“ (Haraway, 2016, S.57)

Mit dieser Erkundigung möchte sie darauf hinweisen, dass der Mensch seine Stellung in der Welt verändern kann, wenn er sowohl sein Denken und Verhalten, als auch sein zweckorientiertes Selbstbild modelliert. Nicht nur in ihrem Essay A Cyborg Manifest, sondern auch in zahlreichen anderen Texten beschreibt sie, wie so Refugien wiederhergestellt werden und Artensammlungen wiederaufleben. Diese geochronologische Epoche, in der unsere Spezies das Modell des Exzeptionalismus und der Subjektivierung überwindet, nennt sie das Chthuluzän (Haraway, 2016, S.100f.).

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll versucht werden die Frage „Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän: Ist eine Neuerfindung der Natur durch den Cyborg-Mythos möglich?“ zu beantworten. Hierfür wird zuerst das gegenwärtige Zeitalter des Anthropozän definiert um davon ausgehend zum Chthuluzän überzuleiten und die Idee des Cyborg-Mythos zu erläutern. Darauf aufbauend soll analysiert werden, inwieweit dieser eine Neuerfindung der Natur ermöglicht.

2. Das Anthropozän

Das Anthropozän, das eine geochronologische Epoche anzeigt, beschreibt die Verantwortung des Menschen für die transformativen Auswirkungen auf der Erde. Der Begriff wurde von dem Biologieprofessor Eugene Stoermer geprägt und im Anschluss an die Veröffentlichungen des Chemikers Paul Crutzens nicht nur in den wissenschaftlichen, sondern auch in den gesellschaftlichen Diskurs übernommen (Haraway, 2016, S.44ff.). Am 29. August 2016 rief eine Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern[2] auf dem 35. Internationalen Geologischen Kongress in Südafrika offiziell das Erdzeitalter Anthropozän aus (Latour, 2011).

Die neue geochronologische Epoche soll das Holozän, ein Zeitalter in der verschiedenste Artengemeinschaften in Refugien Zuflucht finden konnten, um ihre kulturelle und biologische Vielfalt zu wahren, ablösen. Laut Anna Tsing und Haraway sei der entscheidende Wendepunkt zwischen den beiden geochronologischen Epochen das Aussterben der Artengemeinschaften, ausgelöst durch die menschliche Reduktion, Vereinfachung und Vernichtung dieser Refugien auf der Erde (Haraway, 2016).

Sowohl Lynn Marguis, als auch Bruno Latour verwenden die Bezeichnung Gaia, um „complex nonlinear couplings between processes that compose and sustain entwined but nonadditive subsystems as a partially cohering systemic whole” zu beschreiben (Lovelock and Marglis, 1973; Haraway, 2016, S.43f.) In seinem Programmtext Das terrestrische Manifest bezeichnet Latour Gaia sogar als einen Akteur, der auf den Menschen reagiert (Latour, 2018, S.55ff.).

Dies lässt sich darauf zurückführen, dass die Erde als ein autopoetisches System mit ihren homöostatischen Mechanismen darauf ausgelegt ist, sich selbst zu erhalten, anzupassen und zu erneuern (Haraway, 2016, S.33). An dieser Stelle ist jedoch die Frage zu stellen, wo und was die Grenzen dieses Mechanismus sind?

Gaia folgt dem Prinzip der Rekursion. Das System agiert also immer wieder nach den gleichen Regeln. Menschliche Erfindungen, wie die Dampfmaschine oder die Entdeckung der Elektrizität im 18. Jahrhundert haben zu einer permanenten Belastung der Erde geführt (Sloterdijk, 2016, S.9f.). Durch die positive Rückkopplungsschleife dehnen sich die daraus resultierenden Veränderungen der Umwelt in einer unschätzbaren Geschwindigkeit auf den ganzen Globus aus. Weil Gaia irgendwann nicht mehr in der Lage sein wird, die durch ihre ständige Ausbeutung zerstörten Rückzugsräume wiederherzustellen, mündet dieser Verstärkungseffekt schließlich in eine Zustandsänderung des Systems (Haraway, 2016, S.33&44). Während sich Mikroben den Mutationen anpassen können, werden große Arten Schwierigkeiten haben, sich einer Adaption zu unterziehen. Durch die Erschöpfung der Ressourcen ist folglich nicht nur die Biodiversität, sondern auch die Zukunft der Menschheit bedroht (Haraway, 2016, S.43).

3. Das Chthuluzän

Den Menschen als Anthropos des Anthropozäns, also als wichtigsten Einflussfaktor in Bezug auf diese geochronologische Epoche, zu bezeichnen und ihn alleine für die oben beschriebene Entwicklung verantwortlich zu machen, wird jedoch nicht von allen Wissenschaftlern akzeptiert. So ist Haraway der Meinung, dass das Anthropozän eher eine Übergangszeit sei, die so kurz wie möglich gestaltet werden sollte (Haraway, 2016, S.100). Das Problem bestehe darin, dass das Anthropozän eine Geschichte erzählt, die nur einen Akteur kennt. Jedoch ist es keiner Spezies, nicht einmal dem Menschen, möglich als unabhängiger Organismus zu agieren und somit als einziger Akteur eine Erzählung zu schreiben. Viel eher sind wir in unsere Umgebung integriert und agieren mit anderen Lebewesen in Form von Intraaktionen (Haraway, 2016, S.100). Den Ursprung dieser Annahme begründet sie wie folgt:

“The sciences of the Anthropocene are too much contained within restrictive systems theories and within evolutionary theories called the Modern Synthesis, which for all their extraordinary importance have proven unable to think well about sympoiesis, symbiosis, symbiogenesis, development, webbed ecologies, and microbes.” (Haraway, 2016, S.49)

Darüber hinaus übt sie Kritik daran, dass die Geschichte des Anthropozän nicht auf Kontinuität ausgelegt ist, sondern irgendwann schlecht enden wird (Haraway, 2016, S.49). Um diese Aussage weiter auszuführen kann eine Aussage von Peter Sloterdijk herangezogen werden, der das Problem wie folgt beschreibt:

„Die Prägung des Begriffs `Anthropozän` gehorcht somit unvermeidlicherweise der apokalyptischen Logik: Er zeigt das Ende der kosmischen Unbesorgtheit an, die den historischen Formen menschlichen In-der-Welt-Seins zugrunde lag.“ (Sloterdijk, 2016, S.20)

Sloterdijk weist mit der von ihm genannten „apokalyptischen Logik“ auf das Prinzip der Rekursion hin, dem Gaia folgt (vgl. Kapitel 2 Das Anthropozän). Ein durch den Menschen ausgelöster Systemzusammenbruch wird zu einem weiteren Systemzusammenbruch führen, und schließlich in einer Apokalypse enden (Haraway, 2016). Für diesen Zusammenhang verantwortlich machen sowohl Sloterdijk als auch Haraway die historisch geprägte Identität des Menschen. Und weil es eben „schwer ist, mit so einem schlechten Schauspieler eine gute Geschichte zu erzählen“ möchte Haraway neue Geschichten, mit nicht nur Einem sondern vielen Akteuren, schreiben (Haraway, 2016, S.49). Denn trotz unumgänglicher irreversibler Verluste, können Refugien wiederhergestellt werden und Artenansammlungen wiederaufleben, wenn sich biotische und abiotische Kräfte, also Kräfte der lebenden Umwelt mit physikalischen und chemischen Kräften der unbelebten Umwelt, zusammenschließen (Haraway, 2016, S.100f.). Hier ist auch die Fusion zwischen Organismus und Maschine zu benennen, die in Kapitel 1.2 genauer erläutert wird.

An dieser Stelle ist wieder Das terrestrische Manifest von Latour zu erwähnen, in dem er ein neues Verhältnis zwischen Mensch und Natur fordert. Latour möchte Gaia-Geschichten schreiben, in denen der Mensch nicht mehr im Zentrum des Handelns steht, weil er zusammen mit anderen Arten eine Welt konstruiert und komponiert (Haraway, 2016, S.41; Latour, 2018). Das hieraus resultierende neue Zeitalter, dass sich der Figuration und der Datierung widersetzt, nennt Haraway Chthuluzän (Haraway, 2016, S.100).

3.1. Die Überwindung des Dualismus

Um diese Alternative zum Anthropozän zu schaffen und neue Geschichten, die Teile in ein Ganzes integrieren, zu erzählen müssen laut Haraway die Dichotomien von Geist und Körper, Tier und Mensch, Mann und Frau, Organismus und Maschine, öffentlich und privat, Natur und Kultur, überwunden werden (Haraway, 1991). Jene historischen Konstruktionen hätten sich durch die Bildung einer unabhängigen, homogenen, aktiven, männlichen, weißen, Identität etabliert, welche versucht die Herrschaft zu erlangen (Haraway, 1995, S.38). Durch die Benennung dieser Identität werde ein Raum konstruiert, der ganze Gruppen, wie die der Frauen, der farbigen Menschen und der Tiere von der Position der Handlungsträger in Erzählungen ausschließt (Haraway, 1991). Haraways Lösungsansatz, um diese durch das Patriarchat, Kolonialismus und Kapitalismus entstandene westliche Tradition zu überwinden lässt sich in dem Slogan «Make Kin not Babies!» zusammenfassen. Mit diesem Leitgedanken bekennt sie sich gegen die Bildung von neuen Individuen und Menschen (Haraway, 2016, S.102). Um das Verhältnis zwischen diesen beiden zu verstehen müssen zwei Entwicklungen nachvollzogen werden. Auf Grund seines Exzeptionalismus hat sich der Mensch zunehmend von anderen Lebewesen separiert. Gleichzeitig führte diese menschliche Verweltlichung zu einer gesteigerten Bedeutung des Individuums. Der Mensch grenzte sich also nicht nur von anderen Arten, sondern auch von anderen Subjekten der eigenen Spezies verstärkt ab. Haraway spricht sich somit sowohl gegen die Entstehung von neuen Individuen als auch gegen die neuer Menschen aus. Anstelle dessen plädiert sie dafür, Identität durch Affinität zu ersetzten (Haraway, 1991, S.155). Sie möchte also Beziehungen schaffen, die nicht auf der Grundlage der Verwandtschaft, sondern auf einer durch Ähnlichkeit bedingte Anziehung beruhen. Durch dieses Verhältnis, das sie auch als Wesensverwandtschaft bezeichnet, soll die unabhängige, aktive, weiße, männliche Identität überwunden werden (Haraway, 1991). Bei ihrem Lösungsansatz, Beziehungen zu schaffen, die nicht mehr auf der Grundlage der Verwandtschaft beruhen, ist darauf hinzuweisen, dass eine gemeinsame Identität auch nicht auf dieser basiert. Haraway tendiert dazu diese beiden gleichzusetzten, also die Identität metonymisch für verwandtschaftliche Beziehungen stehen zu lassen und umgekehrt, weil sie versucht zwei Ansätze mit einer Theorie zu erklären:

Zum einen soll durch die Dekonstruktion der unabhängigen, homogenen, aktiven, männlichen, weißen Identität der Dualismus zwischen Mann und Frau überwunden werden. Wie wichtig Haraway dieser emanzipierte Ansatz ist, ist bei der Lektüre ihres Essays A Cyborg Manifesto, einem programmatischem Text, in dem sie sich intensiv mit einer feministischen Politik auseinandersetzt, zu erkennen.

Gleichzeitig ist es Haraways Intention unsere Spezies mit ihrem Slogan dazu aufrufen Beziehungen zu bilden, die nicht biologisch voneinander abstammen, um den Dualismus zwischen Mensch und Tier zu überwinden. Die Grundvoraussetzung hierfür ist die gemeinsame Genealogie aller Lebewesen (Haraway, 1985). Mit Hilfe von Kommunikations- und Biologietechnologien sollen Gene von vom Aussterben bedrohten Arten in das menschliche Genom implementiert werden. Das entstandene Wesen, das Haraway als kin bezeichnet, ist keine neue Spezies, sondern eine Verbindung aus bestehenden Spezies. Es besitzt die Fähigkeit sich mit körperlichen Sinnen sowohl in die menschlichen Lebensumstände, als auch in die, der mit ihm verschwisterten Art hineinzuversetzen (Haraway, 2016, S.143).

[...]


[1] Gaia wird in der folgenden Arbeit als “a complex systemic phenomena that compose a living planet“ verstanden (Haraway, 2016, S.43). In der griechischen Mythologie, in welcher der Begriff seinen Ursprung findet, ist Gaia eine der ersten Gottheiten. Durch diese Personifikation wird die Erde nicht nur auf eine Ebene mit oder über den Menschen gehoben, sondern verdeutlicht auch, dass der Planet keine auszubeutende Ressource ist (vgl. Kapitel 2 Das Anthropozän).

[2] Die weibliche Form ist der männlichen in der gesamten Forschungsarbeit gleichgestellt. Lediglich aus Gründen der Vereinfachung wurde durchgängig die männliche Form verwendet.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Ist eine Neuerfindung der Natur durch den Cyborg-Mythos möglich?
Hochschule
Zeppelin University Friedrichshafen
Note
1,3
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V511840
ISBN (eBook)
9783346092540
ISBN (Buch)
9783346092557
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verwandtschaft, arten, chthuluzän, neuerfindung, natur, cyborg-mythos
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Ist eine Neuerfindung der Natur durch den Cyborg-Mythos möglich?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511840

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