Ist Sprache eine soziale Tatsache? Ferdinand de Saussure und Strukturalismus


Hausarbeit, 2019

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsangabe

III. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Saussuresche Trichotomie: langage - langue - parole
2.1 Die soziale Realität der Sprache
2.2 Das sprachliche Zeichen nach Ferdinand De Saussure
2.2.1 Eigenschaften der sprachlichen Zeichen
2.2.2 Die Beliebigkeit des sprachlichen Zeichens
2.2.3 Die Veränderlichkeit und Unveränderlichkeit des sprachlichen Zeichens
2.2.4 Die Lineare Charakter der sprachlichen Zeichen

3. Analyse der sozialen Realität der Sprache am Beispiel vom Kiezdeutsch
3.1 Kiezdeutsch und seine Partikularität 9-
3.2 Die Entstehung des Kiezdeutsches als eine soziale T atsache

4. Schlussfolgerung

5. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Langage, Langue, Parole

Abbildung 2: Saussuresche Ei

Abbildung 3: Lautliches Bild und Konzept

Abbildung 4: die Veränderlichkeit der Sprache

Abbildung 5: Die Entstehung des Kiezdeutsches als eine soziale Tatsache

1. Einleitung

Das Postum Cours de Linguistique Générale zählt als Grundlage, wodurch sich die Linguistik erst zu einer selbstständigen Disziplin entwickelt hat. Bemerkenswert ist bei diesem Werk, dass es sich dabei um eine Zusammenfügung von Mitschriften der Studierenden aus den Vorlesungen von Ferdinand de Saussure handelt, die von seinen zwei wissenschaftlichen Kollegen zusammengetragen und publiziert wurden1. Die Cours de Linguistique Générale (in der nachfolgenden Arbeit mit C.L.G. abgekürzt) kann demzufolge auch als so genannte „Bibel der Linguist/innen“ bezeichnet werden und De Saussure als „Vater der Linguistik“ betrachtet werden.

Im Kern seiner Arbeit geht es um die intensive Auseinandersetzung mit dem internen Charakter der Sprache bzw. die Sprache als ein sozialer Produkt der Fakultät der Sprachfähigkeit und als ein Ensemble von notwendige Bedingungen adoptiert von dem sozialen Korpus für das Ermöglichen der Ausübung dieser Fakultät bei dem Subjekt.2 In dem Kapitel drei der C.L.G, dem „Gegenstand der Sprachwissenschaft“, unternimmt De Saussure einen Versuch die Sprache zu definieren, indem er „Langue“, „Parole“ und „Langage“ (auf Deutsch: die „Sprache“, die „Rede“ und das „Sprachsystem“) differenziert. De Saussure definiere die Sprache in der C.L.G als die „menschliche Rede abzüglich des Sprechens“ und beschreibt sie als „die Gesamtheit der sprachlichen Gewohnheiten, welche es dem Individuum gestatten, zu verstehen und sich verständlich zu machen“.3 Eines der wichtigsten Merkmale der Sprache ist jedoch, dass die Sprache sozial ist, denn die Sprache existiert nur im Kollektiven. Dieser nicht unwesentliche Aspekt der „Sprache als eine soziale Realität“ ist der Grund dafür, dass wir uns im Seminar „Saussure und der Strukturalismus“ die Frage stellten, in wieweit eine Sprache überhaupt eine soziale Tatsache ist. Der erste Teil dieser Arbeit widmet sich daher dem Verstehen von De Saussure der „Langue“ als ein „Fait social“ (hier: soziale Realität).

Im darauffolgenden Teil wird der Zeichenbegriff nach De Saussure genauer betrachtet, der sich auf den sozialen Aspekt der „Langue“ konzentriert. In Kapitel 3 soll am Beispiel aus dem Phänomen „Kiezdeutsch“ die sozialen Realität der Sprache, basierend auf der Forschung von De Saussure, analysiert werden, um zu verstehen, wie die Sprache als „fait social“ (soziale Realität) zu verstehen ist. Es folgt zunächst der „saussureische“ Begriff des sprachlichen Zeichens.

2. Saussuresche Trichotomie: „langage - langue - parole“

Die „Langage“ bezeichnet die menschliche Fakultät des Individuums, eine Sprache zu sprechen. Dies bedeutet, dass die „Langage“ als Potential im Individuum zu finden sei, im Gegenteil zu der „Langue“, die ein gesellschaftlich bestehendes Sprachsystem darstellt.4

Bei der „Parole“ hingegen handelt es sich um den konkreten Akt des Sprechens, das heißt, die konkrete Realisierung der Fakultät der „Langage“ (hier: in dem Sprachsystem). Die „Parole“ ist somit die so genannte Ausübung der Sprache. Diese Ausübung geschieht nicht in der Menschenmasse, sondern ist rein individuell. Sie ist immer unterschiedlich je nach Individuum, denn jedes Subjekt ist unterschiedlich intelligent.5 Zudem spielen hier die Unterscheidungen der Kombinationen der Wörter und der psychophysische Mechanismus eine entscheidende Rolle, wie die Wörter gestaltet und geäußert werden.6

Abbilding 1: Langage, Langue, Parole (Heringer, S. 39)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In seinem Versuch in der C.L.G. die „Langue“ und die „Langage“ zu unterscheiden bzw. zu definieren, lassen sich Lücken erkennen. Denn De Saussure gibt keine Eindeutige Definition der „Langage“. Er definiert nicht, was die „Langage“ ist, sondern nur was sie nicht ist.7 Eine genaue Definition der „Langage“ fehlt hier.

In Bezug auf die „Langue“ dagegen sagt er:

Man muß sich von Anfang an auf das Gebiet der Sprache begeben und sie als die Norm aller andern Äußerungen der menschlichen Rede gelten lassen. In der Tat, unter so vielen Doppelseitigkeiten scheint allein die Sprache eine selbständige Definition zu gestatten, und sie bietet dem Geist einen genügenden Stützpunkt.8

Mit dieser Aussage verdeutlicht De Saussure, dass nur die „Langue“ imstande ist, eine autonome Definition zu erlangen. Er definiert die „Langue“ noch wie folgt:

Sie ist zu gleicher Zeit ein soziales Produkt der Fähigkeit zu menschlicher Rede und ein Ineinandergreifen notwendiger Konventionen, welche die soziale Körperschaft getroffen hat, um die Ausübung dieser Fähigkeit durch die Individuen zu ermöglichen.9

Wenn man sich auf diese Definition der „Langue“ von De Saussure stützt, kann man sagen, dass der entscheidende Aspekt der Bestimmung der „Langue“ der soziale Aspekt ist, der im nächsten Abschnitt beschrieben wird.

2.1 Die soziale Realität der Sprache

Es ist wichtig zu erwähnen, dass Ferdinand de Saussure nicht der erste Sprachwissenschaftler war, der sich für die soziale Tatsache der Sprache interessiert hat. Diese Behauptung wird auch in den schriftlichen Äußerungen von dem amerikanischen Linguist William Dwight Whitney vertreten, ähnlich wie auch beim französischen Sprachwissenschaftler Antoine Meillet10, jedoch war er der bedeutendste. Die „Langue“ ist wie De Saussure es sagt eine „soziale Tatsache“.11 De Saussure betont es am Anfang der C.L.G. In dem gesamten Werk lassen sich auch sehr viele Passagen herausarbeiten, wo der soziale Charakter der Sprache ins Gefecht geführt wird, wie zum Beispiel:

a) « a langue, pour s‘imposer à l’esprit de l’individu, doit d’abord avoir la sanction de la collectivité. »12

b) « Ce n’est que par la vie sociale que la vie sociale que la langue reçoit sa consécration.»13

c) « La langue est sociale ou bien n’existe pas. »14

Jedoch lässt diese Definition die Sprache noch außerhalb der sozialen Tatsachen stehen; sie macht daraus etwas „Irreales“, weil sie nur eine Seite der Realität umfasst, nämlich nur die individuelle Seite. Im Gegenteil, es bedarf einer sprechenden Menge, damit eine Sprache entsteht. Niemals - und diesem Anschein zum Trotz - besteht Sprache außerhalb der sozialen Verhältnisse, weil sie eine so genannte semeologische Erscheinung ist.15

Die Individuen, die eine Sprache Sprechen haben zwar eine virtuelle Konzeption der Sprache aber ihre Realisierung und Perfektionierung kann nicht ohne die Masse stadtfinden. Die Sprache allein ist quasi wertlos, sie dient mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren. Man kann sagen, dass das Subjekt durch die übereinstimmende kollektive Verwendung einer Sprache begreift und eignet sich sprachliche Elemente, sodass es überhaupt möglich, Elemente oder Erscheinungen der Sprache zurechnen zu können.16

2.2 Das sprachliche Zeichen nach Ferdinand De Saussure

Die Überlegungen über die Naturgegebenheit des sprachlichen Zeichens war sehr lange Zeit das Tagesthema der griechischen Philosophen der Antike gewesen. Einige behaupteten, die Theorie sei, dass die sprachlichen Zeichen „Physei“ seien, die andere waren hingegen der Meinung, dass sie „Thesei“ wären17. „Physei“ hieß so viel wie „naturgegeben“ oder „natürlich“. „Thesei“ hieß so viel wie „menschengemacht“, gesetzt also.“18 De Saussure war von Anfang an für die „Theseisten“, weil die Sprache als naturgegeben, zu verstehen, bedeuten würde, dass sie nicht eine soziale Tatsache wäre.19

Schon im Mittelalter gab es den Ausdruck: „aliquid stat pro aliquo“20 (hier: etwas steht für etwas anderes) und damit wurde behauptet, dass das Zeichen doppelseitig ist21. De Saussure schließt sich dieser Behauptung an. Deswegen sagt er: „Dennoch kann diese allzu einfache Betrachtungsweise uns der Wahrheit näherbringen, indem sie uns zeigt, dass die sprachliche Einheit etwas Doppelseitiges ist, das aus der Vereinigung zweier Bestandteile hervorgeht.“22 Bei diesen beiden Seiten des Zeichens handelt es sich um mentale Einheiten:

Wir haben [...] gesehen, dass die im sprachlichen Zeichen enthaltenen Bestandteile alle beide psychisch sind, und dass sie in unserm Gehirn durch das Band der Assoziation verknüpft sind.23

Meint, auf der einen Seite haben wir ein lautliches Bild, auf der anderen geht es um ein Konzept24: „Das sprachliche Zeichen vereinigt in sich nicht einen Namen und eine Sache, sondern eine Vorstellung und ein Lautbild.“25. Dies lässt sich mit dem berühmten saussureschen Ei veranschaulichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Saussuresche Ei26

Für diesen Beiden mentalen Entitäten: das Konzept und das lautliche Bild verwendet De Saussure zwei Termini für ihre Bezeichnung: „Signifiant“ und „Signifié“ übersetzt „Bezeichnendes“ und „Bezeichnetes“.27

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Lautliches Bild und Konzept28

[...]


1 Vgl. Ferdinand de Saussure: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin / New York: Walter de Gruyter 2001, S. 8.

2 Vgl. Bierbach, Christine: Sprache als „Fait social“. Die linguistische Theorie F. de Saussure's und ihr Verhältnis zu den positivistischen Sozialwissenschaften. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1978, S. 32.

3 De Saussure, S. 91.

4 Vgl. Heringer, Hans Jürgen: Linguistik nach Saussure. Eine Einführung. Tübingen: A. Francke Verlag 2013, S. 26f.

5 Ebd. S. 39.

6 Vgl. Ferdinand de Saussure, S11

7 Vgl. Bierbach, S. 30.

8 De Saussure, S. 11.

9 Ebd. S. 11.

10 Chiss, Jean-Louis / Puech, Christian: Fondations de la Linguistique. Etude d’histoire et d’epistémologie. Bruxelles : De Boeck-Wesmael 1987, S. 54.

11 Ebd. S. 91.

12 Ferdinand de Saussure : Cours de linguistique générale. Edition critique. Wiesbaden : Otto Harrassowitz Verlag 1989, S. 28.

13 Ebd. S. 27.

14 Ebd. S. 28.

15 Ebd. S. 91.

16 Vgl. Bierbach, S 33.

17 Heringer, S. 44.

18 Ebd. S. 44.

19 Ebd. S. 44.

20 Ebd. S.44.

21 Ebd. S. 44.

22 De Saussure, S. 76f.

23 Ebd. 77.

24 Heringer, S. 45.

25 De Saussure, S. 77.

26 Heringer, S. 45.

27 Ebd. S. 77.

28 Ebd. S. 77.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Ist Sprache eine soziale Tatsache? Ferdinand de Saussure und Strukturalismus
Hochschule
Universität Hamburg
Veranstaltung
Saussure und der Strukturalismus
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V511847
ISBN (eBook)
9783346097484
ISBN (Buch)
9783346097491
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprache, tatsache, ferdinand, saussaure, strukturalismus
Arbeit zitieren
Mohamed Mbathie (Autor), 2019, Ist Sprache eine soziale Tatsache? Ferdinand de Saussure und Strukturalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511847

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