Die Psychodynamik der stellvertretenden Einwilligung bei der Organspende. Entscheidungsgründe und Trauerbewältigung von Angehörigen


Fachbuch, 2020

59 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Methodisches Vorgehen

3 Hirntod und Organentnahme
3.1 Hirntod
3.2 Transplantationsgesetz
3.3 Wie kommt es zur Organspende?
3.4 Ablauf der Organspende
3.5 Statistik

4 Trauerprozess
4.1 Krisenverarbeitung
4.2 Pathologische Trauer
4.3 Besonderheiten beim Hirntod und der Organspende
4.4 Todes- oder Trauerschleuse

5 Entscheidungen durch Angehörige
5.1 Stellvertretende Einwilligung
5.2 Erleben der Angehörigen bei der Frage nach der Organspende
5.3 Entscheidungsgründe der Angehörigen
5.4 Angehörigenbetreuung
5.5 Stabilität der Entscheidung

6 Diskussion

7 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Impressum:

Copyright © Social Plus 2020

Ein Imprint der GRIN Publishing GmbH, München

Druck und Bindung: Books on Demand GmbH, Norderstedt, Germany

Covergestaltung: GRIN Publishing GmbH

1 Einleitung

Die Verfasserin hat in der Vergangenheit sowohl in ihrer beruflichen Praxis, als auch im privaten Bereich mit dem Thema Organspende zu tun gehabt, wenn auch nicht als direkte Angehörige. Als Pflegekraft und als Freundin ist man sehr nah an den Angehörigen und kann miterleben, dass eine Organspende und die vorausgehende Hirntoddiagnostik eine besonders belastende Situation darstellen. Daher interessiert es einen besonders, wie man eine solche Situation positiv beeinflussen kann, damit eine Ver-arbeitung ermöglicht wird, die Trauerbewältigung keinen pathologischen Weg geht, und die Entscheidung für oder gegen eine Spende langfristig als positiv empfunden wird.

In der vorliegenden Arbeit wird daher der Trauerprozess der Angehörigen beleuchtet und herausgearbeitet, was gerade bei Angehörigen von hirntoten Patienten1 und Organspendern eine Besonderheit darstellt. Des Weiteren wurden die Entscheidungsgründe der Ange-hörigen, die stellvertretend für hirntote Patienten über die Organspende entschieden haben, analysiert, um eventuelle Zusammenhänge zwischen der Entscheidung und der Verarbeitung herauszufinden.

Nach einer Beschreibung des methodischen Vorgehens in der vorlieg-enden Arbeit wird kurz auf die verschiedenen Definitionen und Statistiken zum Thema Organspende bei Hirntod eingegangen und der Ablauf einer Organspende beschrieben, um die Grundlagen des Themas kurz zu er-läutern. Zusätzlich wird anhand von statistischen Daten die Relevanz des Themas dargelegt.

Im folgenden Kapitel wird auf das Thema der Krisenverarbeitung und den Verlauf des Trauerprozesses eingegangen. Es werden Besonderheiten für den Bereich der Organspende dargestellt.

Anschließend wird im fünften Kapitel auf die stellvertretende Einwilligung eingegangen. Hier wird das Erleben der Angehörigen während der Frage nach einer Organspende beschrieben. Es werden Entscheidungsgründe für oder gegen eine Spende dargelegt. Die bisher existierenden Projekte zur Begleitung der Angehörigen werden beschrieben und schließlich wird durch die Analyse von verschiedenen Studien dargestellt, wie stabil die Entscheidungen zur Zeit sind.

In der anschließenden Diskussion werden die gesammelten Erkenntnisse und deren Bedeutsamkeit kurz zusammengefasst und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen dargestellt. Ein Ausblick in die Zukunft was bei der Betreuung der Angehörigen verbessert oder verändert werden sollte wird gegeben und weitere Forschungsbedarfe werden aufgezeigt. Im Fazit wird abschließend auf die erlangten Erkenntnisse über die momentanen Situation der Organtransplantation eingegangen.

2 Methodisches Vorgehen

Zu Beginn dieser Arbeit wurde zunächst die Homepage der „Deutschen Stiftung Organtransplantation“2 genutzt, um einen Überblick über das Thema, die allgemeinen Fakten, Definitionen und Vorgehensweisen zum Thema Organspende zu erhalten. Dadurch war es möglich, eine erste Liste der Suchbegriffe für die Literaturrecherche zu erstellen.

Daraufhin wurde eine erste Suche in der Hochschulbibliothek der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, auf „Livivo" (ehemals „Medpilot“) und damit der Suchmaschine der Zentralbibliothek für Medizin in Köln und der Suchmaschine „CareLit“ durchgeführt. Hier wurde zunächst mit den Überbegriffen begonnen, auch wenn klar war, dass bei einem solch umfassenden Thema wie die Organspende eine hohe Trefferzahl erlangt wird. Daraufhin wurde durch die Eingabe von Jahreszahlen, Trunkierungszeichen und/oder Suchkombinationen verschiedener Begriffe die Trefferzahl reduziert, bzw. die Auswahl zu dem Themenschwerpunkt präzisiert. Danach wurde durch Sichtung der Inhaltsverzeichnisse und der Abstracts eine erste Auswahl der Literatur getroffen. Studien, bei denen es um Lebendspenden, Folgen für die Transplantierten oder um das Empfinden des Personals ging, konnten sofort ausgeschlossen werden, da diese nicht zu dem Themenbereich gehören.

Nach der ersten Literatursichtung konnten weitere wichtige Suchbegriffe, die bei der ersten Recherche nicht beachtet wurden, herausgefiltert werden, und es wurde eine erneute Suche mit Hilfe der oben genannten Suchmaschinen durchgeführt. Schließlich wurde mit den Literatur-verzeichnissen der Studien, die für das Thema relevant sind, zusätzlich eine Schneeballrecherche durchgeführt.

Die Suche wurde beendet, nachdem nur noch irrelevante Studien oder bereits gefundene Studien erneut gefunden wurden und die Suche daher gesättigt war.

Im Anhang befindet sich eine tabellarische Auflistung der genutzten Suchbegriffe mit den jeweiligen Trefferzahlen.

Zusätzlich zu der oben beschriebenen Suche wurden verschiedene Internetseiten besucht, die in den gefundenen Quellen ebenfalls als nützlich angegeben wurden. Diese sind ebenfalls im Anhang aufgelistet.

Da bei der Schneeballrecherche auch einige englischsprachige Texte gefunden wurden, die anscheinend für das Thema relevant sind, wurde zusätzlich bei Livivo eine Recherche mit englischen Suchbegriffen durchgeführt. Da aber nicht in allen Ländern die gleichen Regelungen wie in Deutschland zur Organspende vorliegen, mussten bei der Sichtung der Literatur teilweise relevant erscheinende Artikel aufgrund differenter Voraussetzungen aussortiert werden. Ebenso musste bei der englisch-sprachigen Suche wegen der sehr hohen Trefferanzahl die Suche durch Kombinationen mehrerer Begriffe, bzw. die Einschränkung durch eine Jahreszahl weiter präzisiert werden. Die Liste dieser Suchbegriffe befindet sich ebenfalls im Anhang.

3 Hirntod und Organentnahme

3.1 Hirntod

Wird in den gängigen Suchportalen etwas zum Thema Hirntod gesucht, findet man hunderte von Quellen zu diesem Thema. Da, wenn auch nicht im Wortlaut, so doch sinngemäß, die Definitionen zum Thema Hirntod alle übereinstimmen, wurden in dieser Arbeit Quellen genutzt, die entweder die Richtlinien der Bundesärztekammer oder das Transplantationsgesetz zitieren. Auf die zahlreiche Literatur, auf die man zur Kritik am Hirntodkonzept und zur Hirntoddiagnostik bei der Suche stößt, wird in dieser Arbeit nicht eingegangen, da es nicht in direktem Zusammenhang mit dem Trauerprozess der Angehörigen steht. Da der Schwerpunkt dieser Arbeit auf die Angehörigen und deren stellvertretende Entscheidung gelegt wird, wird auch die Lebendspende und die Sichtweise der Empfänger und des medizinischen und pflegerischen Personals weitgehend aus-geklammert.

Die Bezeichnung des Hirntodes wurde erstmalig 1968 durch eine Kommission der Harvard Medical School definiert (vgl. Müller 2011: 3) und seitdem ausschließlich im Wortlaut, nicht aber in der Definition verändert (vgl. Wittkowski/Strenge 2011: 109). Sie besagt, dass es sich beim Hirntod um ein irreversibles Koma handelt, bei dem ein endgültiger Ausfall des gesamten Gehirns, also von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm, vorliegt, und damit der Tod des Menschen rechtlich verbindlich festgestellt werden kann (vgl. Tonn et al. 2015: 2). Heute spricht man eigentlich nicht mehr vom Hirntod, sondern vom irreversiblen Hirnfunktionsausfall. In anderen Ländern, wie zum Beispiel Großbritannien, ist eine Organspende auch nach dem sogenannten Hirnstammtod möglich (vgl. Müller 2011: 4). Da dies in Deutschland nicht der Fall ist, werden diese Diagnose, und die dadurch folgenden diagnostischen Maßnahmen, in dieser Arbeit nicht näher beschrieben.

Der irreversible Hirnfunktionsausfall ist durch verschiedene Symptome gekennzeichnet, die durch die sogenannte Hirntoddiagnostik, die von der Bundesärztekammer 1998 in ihrer Reihenfolge festgelegt wurde, bestätigt werden (vgl. Müller 2011: 5). Hierzu zählen Koma, Pupillenstarre, fehlende Hirnstammreflexe und fehlende Spontanatmung (vgl. Tonn et al. 2015: 3). Voraussetzung für die Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls ist das Vorliegen einer akuten, schweren Hirnschädigung und der Ausschluss anderer, reversibler Ursachen, die die Symptomatik erklären könnten. Auf die genaue Durchführung der Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls wird hier nicht weiter eingegangen, da es keinen Einfluss auf den Trauerprozess der Angehörigen hat.

3.2 Transplantationsgesetz

Die gesetzlichen Grundlagen zur Organspende sind in Deutschland im Transplantationsgesetz (TPG) festgeschrieben (vgl. Vieth/Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung o.J.: o.S.). Dieses Gesetz wurde 1997 veröffentlicht, und seitdem mehrfach überarbeitet bzw. durch das Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes (25.07.2012) und das Gesetz zur Regelung der Entscheidungslösung im Transplantationsgesetz (12.07.2012) ergänzt.

In diesem Gesetz wird der Hirntod definiert und als Voraussetzung zur Organspende in Paragraph 3 beschrieben (vgl. Tonn et al. 2015: 4f.). Zusätzlich wurde in den Neuerungen in Paragraph 5 präzisiert, dass die Diagnostik von zwei Fachärzten mit langjähriger intensivmedizinischer Erfahrung im neurologischen Bereich durchgeführt werden muss, und dass mindestens einer der beiden Ärzte den Facharztstatus Neurologie oder Neurochirurgie vorzuweisen hat. Es muss eine genau definierte Latenzzeit zwischen den beiden Untersuchungen liegen und die Ärzte, die den Hirntod diagnostizieren, dürfen nicht an der Entnahme oder der Übertragung der Organe beteiligt sein.

Durch das Gesetz zur Regelung der Entscheidungslösung im Transplan-tationsgesetz sollten mehr Informationen zum Thema Organspende öffentlich gemacht werden (vgl. Vieth/Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung o.J.: o.S.). Dies sollte einerseits zu einer Entlastung der Angehörigen führen, damit diese nicht mehr die Entscheidung über die Spende treffen müssen, andererseits sollte dem vorhandenen Organ-mangel entgegengewirkt werden. Daher wurden alle Krankenkassen verpflichtet, ihren Mitgliedern alle zwei Jahre einen Organspendeausweis zuzusenden und sie schriftlich über das Thema der Organspende zu informieren. Damit verbunden ist eine neutrale Bitte, den Ausweis auszufüllen. Es muss klar betont werden, dass auch eine Entscheidung gegen die Organspende auf dem Organspendeausweis schriftlich festgehalten werden kann.

Des Weiteren wurden die Krankenhäuser durch Paragraph 9 verpflichtet, alle potenziellen Spender, also alle Patienten, bei denen möglicherweise ein irreversibler Hirnfunktionsausfall vorliegt, bei der DSO zu melden (vgl. Siegmund-Schultze 2011: 1509).

3.3 Wie kommt es zur Organspende?

Liegt kein Organspendeausweis vor, in dem der potentielle Organspender seinen Willen erklärt hat, gibt es länderabhängig verschiedene Regel-ungen, wie über eine Organ- oder Gewebespende entschieden wird. In Deutschland gilt die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung (vgl. Bölting 2005: 123). Dies bedeutet, dass die nächsten Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen über eine mögliche Spende entscheiden, sollte kein Organspendeausweis vorliegen. Ist auch der mutmaßliche Wille nicht ermittelbar, sollen die Angehörigen nach ihren eigenen moralischen Werten eine Entscheidung treffen (vgl. Rahmel 2015: 11). Wer zu den nächsten Angehörigen gehört und welche Rangfolge besteht, ist ebenfalls im Transplantationsgesetz in Paragraph 1 festgelegt. Die entscheidungsbefugte Person muss in den letzten zwei Jahren Kontakt zu dem potentiellen Spender gehabt haben. „Bei mehreren gleichrangigen nächsten Angehörigen genügt es, wenn einer von ihnen beteiligt wird und eine Entscheidung trifft. Der Widerspruch einer gleichrangigen Person verhindert die Organspende. Ist ein vorrangiger Angehöriger innerhalb angemessener Zeit nicht erreichbar, genügt die Entscheidung des als nächstes erreichbaren Angehörigen.“ (Rahmel 2015: 11) Liegt eine Einwilligung von dem Verstorbenen selbst vor, ist es in Deutschland Vorschrift, dass die Angehörigen über die Spende informiert werden (vgl. Bösebeck 2001: 61).

3.4 Ablauf der Organspende

Bei einer Person, bei der der Verdacht eines irreversiblen Hirnfunktions-ausfalls vorliegt, wird die bereits oben erwähnte Hirntoddiagnostik durchgeführt und die DSO informiert (vgl. Bösebeck 2011a: 24ff.). Da die hierfür vorgeschriebenen Untersuchungen nach 12, 24 oder 72 Stunden wiederholt werden müssen, je nach Art der Hirnschädigung, und möglicherweise noch durch apparative Methoden ergänzt werden, vergeht einige Zeit zwischen dem Verdacht und der endgültigen Bestätigung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls und damit dem Tod (vgl. Wooper 2015: 21). Laut der Bundesärztekammer ist es möglich, den Hirntod auch ganz ohne apparative Maßnahmen zu diagnostizieren, dann benötigt man jedoch mehr Zeit, weil größere Latenzzeiten zwischen den einzelnen Tests liegen müssen (vgl. Müller 2011: 5). Während der Hirntoddiagnostik und in der Zeit bis zur Entscheidung über eine Spende läuft die Intensivtherapie weiter. Wird eine Entscheidung gegen eine Spende ausgesprochen, wird die Therapie eingestellt und dem Hirntod folgt der Herztod. Fällt die Entscheidung zu Gunsten einer Spende aus, beginnt die sogenannte organprotektive Intensivtherapie (vgl. Bösebeck 2011b: 42). Das heißt, der Patient wird für tot erklärt, wird aber weiterhin behandelt, um seine Organe zu schützen und sie im bestmöglichen Zustand transplantieren zu können.

Zusätzlich werden weitere Untersuchungen an dem Spender durchgeführt, die mögliche Kontraindikationen für eine Spende, bzw. Aussagen über den Zustand der Organe erlauben sollen (vgl. Wooper 2015: 22-27). Des Weiteren wird mithilfe dieser Diagnostik eine Auswahl des möglichen Empfängers getroffen. Ist die gesamte Diagnostik durchgeführt und sind die Empfänger festgelegt, wird der Spender in den Operationssaal gebracht.

Nach der Organentnahme wird der Leichnam wieder verschlossen. Im Transplantationsgesetz ist in Paragraph sechs ein würdiger Umgang mit dem verstorbenen Spender festgeschrieben (vgl. ebd.). Der genaue Umgang mit den Angehörigen des Verstorbenen, und was bei ihrer Betreuung während des gerade beschriebenen Prozesses beachtet werden muss, wird im vierten Kapitel näher beschrieben.

3.5 Statistik

Laut der statistischen Daten der DSO wurden im Jahr 2014 2989 Organe von 864 Organspendern gespendet (vgl. Deutsche Stiftung Organtrans-plantation 2014: o.S.). Im Jahr 2014 wurden über die Hälfte der getroffenen Entscheidungen über eine Organspende von Angehörigen entschieden. Bei den Entscheidungen für eine Organspende haben 42% der Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des Spenders und 17,2% nach ihren eigenen Wertvorstellungen entschieden. Bei den Entscheidungen gegen eine Organspende haben 26% der Angehörigen nach dem vermuteten Willen und 39,1% nach ihren eigenen Vorstellungen entschieden (vgl. ebd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Entscheidungen zur Organspende im Jahr 2014

(Deutsche Stiftung Organtransplantation 2014: o.S.)

Die oben aufgeführten Zahlen zeigen, dass trotz der erhöhten Präsenz des Themas immer noch in vielen Fällen die Angehörigen eine Entscheidung treffen müssen, sogar ohne den Willen des Verstorbenen mutmaßen zu können. Dies verdeutlicht, dass die Betreuung und Aufklärung der Angehörigen weiterhin ein wichtiger Eckpfeiler der Transplantationsmedizin ist und vermutlich bleiben wird.

In den nächsten Teilen der vorliegenden Arbeit wird daher anhand des oben beschriebenen zeitlichen Ablaufs der Organspende und der Schilderung des Prozesses der Einwilligung aufgezeigt, aus welchen Gründen der Trauerprozess der Angehörigen in einer solchen Situation besonders ist, bzw. wo der Unterschied zum Trauerprozess bei Angehörigen von Herztoten liegt. Zusätzlich wird aufgezeigt, was beachtet werden muss, damit es nicht zu einer pathologischen Trauerreaktion kommt.

4 Trauerprozess

4.1 Krisenverarbeitung

Der Trauer- oder Bewältigungsprozess, den man nach dem Verlust eines nahen Angehörigen durchlebt, verläuft bei jeder Art von Tod langfristig gesehen immer ähnlich, unabhängig von Todesursache und -zeitpunkt (vgl. Schuchardt 2013: 13). Prof. Dr. phil. Erika Schuchardt, die unter anderem lange im Krisenmanagement gearbeitet hat, hat hierzu eine sehr ausführliche Studie veröffentlicht, bei der sie sich mit der Verarbeitung von Krisen jeglicher Art befasst hat. Hierfür hat sie über 2000 Lebens-geschichten, in denen unterschiedliche Arten von Krisen stattfanden, analysiert. Sie konnte feststellen, dass jede Art von Krise, auch der Verlust eines nahen Angehörigen, einen ähnlichen Verlauf in der Verarbeitung hat. Auf Grundlage dieser Studie und den Erfahrungen, die sie als Krisenmanagerin gemacht hat, hat sie ein Modell der Krisenverarbeitung erstellt, den 8-fachen Komplementär-Spiralweg (vgl. ebd.: 34). Hierbei handelt es sich um eine Spirale, die aus acht Stadien besteht, die man bei der Verarbeitung einer Krise durchlebt. Die erste Phase ist die Zeit der Ungewissheit, dann kommt die Gewissheit, es schließen sich Aggression, Verhandlung und Depression an, die sechste Phase ist die Annahme, Phase Sieben ist die Aktivität und schließlich die Solidarität, als achte Phase. Diese Stadien sind in der Reihenfolge nicht starr festgelegt, können mehrfach durchlebt werden und sind bei jedem Betroffenen unter-schiedlich stark ausgeprägt (vgl. ebd.: 34-48).

Das Krisenmanagementmodell wird also auch von den Angehörigen eines Hirntoten im Verlauf durchlebt, und so kann die Unterstützung der Hinterbliebenen ähnlich wie bei anderen Krisenverarbeitungen gestaltet werden. Das Modell hilft den Betroffenen und den Begleitern, ihre Situation einzuordnen, zusätzlich können individuelle Hilfsangebote gemacht werden (vgl. Burgheim 2005a: 5.2.2: 2). Da sich die Betroffenen in der Akutphase im Krankenhaus, und während des Entscheidungs-prozesses über die Organspende in der Regel noch in den ersten zwei Phasen befinden, werden hier nur diese näher erläutert.

Die Phase der Ungewissheit ist durch den Schock über den Eintritt der Krise, hier die Todesmitteilung, geprägt (vgl. Schuchardt 2013: 37). Man wird völlig unvorbereitet mit einer Situation konfrontiert, die das Leben nachhaltig ändert. Gekennzeichnet ist diese Phase durch das Haupt-merkmal der „impliziten Leugnung.“ (Schuchardt 2013: 37) Das heißt, dass die Angehörigen (teilweise unbewusst) versuchen, das Ereignis zu verdrängen.

Schuchardt (2013: 37ff.) unterscheidet drei weitere Zwischenphasen, die dem Begleiter helfen sollen, genauer zu erkennen, in welcher Phase sich der Betroffene befindet. Sie unterteilt die Phase Ungewissheit in die Zwischenphasen Unwissenheit, Unsicherheit und Unannehmbarkeit. In der Zeit der Unwissenheit wird eine Hoffnung, dass nicht das Schlimmste angenommen werden muss, aufrechterhalten, dies gelingt aber nur sehr kurzfristig. In der Zeit der Unsicherheit wird langsam klar, dass die Zweifel an dem Ereignis nicht weiter aufrechterhalten werden können. Laut Schuchardt braucht es „viel Zeit, die Realität akzeptieren zu lernen.“ (Schuchardt 2013: 38) In dieser Zeit hat das Krankenhaus-personal eine wichtige Funktion, um mit seinem Verhalten die Weichen für den Verlauf der Verarbeitung zu stellen.

In der dritten Zwischenphase, der Unannehmbarkeit, wird aktiv versucht, sich gegen die Wahrheit zu stellen (vgl. ebd.: 39). Die Wahrnehmung in dieser Zeit ist sehr stark subjektiv geprägt und die Betroffenen realisieren nur die Dinge, die ihre Zweifel fördern. Dies ist ein letzter Versuch zu fliehen, obwohl die Betroffenen sich gleichzeitig danach sehnen, dass diese innere Spannung aufhört. „Bei fehlender Prozeßbegleitung wird die Wahrheits-Entdeckung unverhältnismäßig lange hinausgescho-ben.“ (Schuchardt 2013: 39) Hierdurch wird die wichtige Rolle des begleitenden Krankenhauspersonals deutlich, denn es zeigt sich, dass „diese Erkennungs- oder Einleitungsphase den gesamten Verlauf der Krisenverarbeitung prägt. Durch angemessene Begleitung in ihrem Prozess werden hier die Weichen gestellt, um einen Abbruch der Krisenverarbeitung mit Tendenz sozialer Isolation zu ver-hindern.“ (Schuchardt 2013: 39)

In der zweiten Phase, der Phase der Gewissheit, haben die Angehörigen die Wahrheit objektiv erfasst, befinden sich aber zeitweise emotional wieder in einer Zeit, in der sie wider aller Hoffnung versuchen, die Fakten als Irrtum zu erkennen (vgl. ebd.: 40). Diese Ambivalenz ist das Hauptmerkmal dieser Phase. Klärende Gespräche sind hier eine wichtige Hilfe, um die rationalen Fakten mit den emotionalen Empfindungen zu verbinden, hierfür muss der Betroffene aber seine Bereitschaft signal-isieren.

Die oben beschriebenen Phasen deuten bereits an, wie schwierig es ist, in dieser Zeit eine so weitreichende Entscheidung über eine Organspende zu treffen. Zusätzlich kommen bei den Angehörigen von Organspendern gerade in der Akutphase während der Hirntoddiagnostik, der Explantation und der folgenden Verabschiedung im Krankenhaus einige Besonder-heiten hinzu, die die Gefahr einer pathologischen Trauer mit sich bringen. Im nächsten Kapitel werden die Definition und die Risikofaktoren für eine pathologische Trauer erläutert, um im darauf folgenden Teil auf die Besonderheiten bei Organspendern einzugehen.

4.2 Pathologische Trauer

Da Trauer ein sehr individueller Prozess ist, der von jedem anders erlebt und durchlebt wird, ist es schwierig zu bewerten, wann jemand pathologisch trauert (vgl. Nagele/Feichtner 2005: 160). Daher sprechen auch viele Autoren von komplizierter oder starker Trauer. Laut J. Worden können vier Formen der pathologischen Trauer unterschieden werden. Er spricht von chronischer, verzögerter übertriebener und larvierter, also versteckter Trauer. Bei der chronischen Trauer findet die Zeit der Trauer über Jahre keinen Abschluss, bei der verzögerten Trauerreaktion tritt diese verspätet ein, oft erst bei einem weiteren Verlust. Bei der übertriebenen Trauer ist die Abgrenzung besonders schwer. Hier sind die Betroffenen so von der Trauer eingenommen, dass ein normales Leben gar nicht mehr möglich ist. Die larvierte Trauer ist von Symptomen geprägt, die der Betroffene gar nicht mit dem Verlust in Verbindung bringt.

Anzeichen für eine besonders starke Trauer können sein, dass Betroffene besonders emotional reagieren, wenn der Verstorbene erwähnt wird oder sie an Jahrestagen extreme Reaktionen zeigen (vgl. ebd.: 161). Es ist möglich, dass sie sich selber völlig vernachlässigen, was sich in Schlaf-losigkeit, mangelnder Hygiene und Appetitlosigkeit bzw. mangelnder Nahrungsaufnahme verdeutlicht. Häufig verbringen diese Personen Tage im Bett. Ein wichtiger Faktor bei der Differenzierung von normaler und pathologischer Trauer ist der Faktor Zeit, also wie lange der Betroffene sich in der Trauerphase befindet (vgl. Filipp/Aymanns 2005: 770).

Risikofaktoren für eine pathologische Trauer sind frühere Erfahrungen mit Verlusten, die Beziehung zu dem Verstorbenen, Bedingungen, die später Schuldgefühle hervorrufen könnten, die Umstände des Todes, wie zum Beispiel plötzliche, unerwartete Todesfälle, Unfälle oder Mord (vgl. Nagele/Feichtner 2005: 161f.). Im Verlauf ist auch entscheidend, ob den Angehörigen ausreichend Zeit zum Verabschieden geboten wurde, und ob der Abschied individuell nach den Bedürfnissen der Betroffenen gestaltet wurde. Bei dem Verlust eines Angehörigen durch Hirntod besteht eine erhöhte Gefahr der erschwerten Trauer, weil das Ereignis, das zum Tod führt, meist bereits völlig unvorhergesehen geschieht, weil die Nahestehenden bei der Todesnachricht ihren Angehörigen plötzlich als tot ansehen sollen, obwohl sich scheinbar nichts verändert hat, und schließlich, weil die Entscheidung über die Organspende immer mit dieser belastenden Situation verbunden sein wird (vgl. Weiher/Feldmann 2010: 63). Die Beschreibung dieser Risikofaktoren und weiterer Besonderheiten bei der Organspende werden im folgenden Kapitel näher erläutert.

4.3 Besonderheiten beim Hirntod und der Organspende

Der Hirntod und vor allem die Organspende stellen in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit für sowohl die Angehörigen, als auch für das Personal des Krankenhauses dar. „Von jährlich rund 900000 Toten sterben etwa 5000 den Hirntod. Hiervon sind knapp 2000 potenzielle Organspender; […] Davon werden knapp 1000 Organspender. Damit wird bei rund 4000 Hirntoten nach der Feststellung des Hirntods die künstliche Beatmung abgeschaltet, worauf binnen weniger Minuten das Herz stehen bleibt.“ (Schäfer 2015: 60) Die Betreuung eines Hirntoten und seiner Angehörigen ist eine seltene, aber emotional belastende Ausnahme-situation für das Personal des Krankenhauses, bei der die Reaktionen der Angehörigen nur schwer vorhersehbar sind (vgl. Müller 1997: 221). Dennoch ist gerade die Betreuung der Angehörigen während der Über-bringung der Todesnachricht und dem folgenden Organspendeprozess wichtig, um eine gesunde Trauerreaktion einzuleiten (vgl. Bösebeck 2001: 61).

Beim Hirntod handelt es sich in der Regel um einen plötzlichen Tod (vgl. Kalitzkus 2005: 14). Durch diesen Umstand ist der Tod dieser Person auch ohne das Thema Organspende „schwieriger zu betrauern, als Todesfälle, denen eine Vorwarnung vorausging“. (Worden 1999: 106) Hierbei ist für die Hinterbliebenen die Realität schwieriger zu begreifen und ein Gefühl der Unwirklichkeit ist meist sehr stark ausgeprägt (vgl. Fässler-Weibel 2001: 25). Dies führt bei vielen Angehörigen zu einer Art Schockzustand. Die Konfrontation mit der Wirklichkeit und der Beginn des Ver-arbeitungsprozesses werden gleichzeitig gefordert und belasten die Angehörigen dadurch vermehrt (vgl. Muthny et al. 1995: 183). Ein weiterer Aspekt bei dem plötzlichen Verlust eines Angehörigen ist häufig ein sehr ausgeprägtes Schuldgefühl bei den Hinterbliebenen, welches oft mit Schuldzuweisungen, die auch das medizinische Personal treffen können, einhergehen (vgl. Worden 1999: 106f.).

Auch das Gefühl der Hilflosigkeit, welches bei einer schwerwiegenden Er-krankung ebenfalls auftritt, aber bereits vor dem Tod entsteht, trifft die Angehörigen bei einem plötzlichen Tod gleichzeitig mit all den anderen oben beschriebenen Gefühlen und wird häufig durch Wut oder Zorn nach außen transportiert (vgl. ebd.: 107ff.).

Bei einem Hirntoten wird zusätzlich zu all diesen facettenreichen Emo-tionen eine Entscheidung von den Angehörigen über eine Organspende gefordert. Es liegt auf der Hand, dass dies Einfluss auf den Trauerprozess und die Verarbeitung nimmt. In der Literatur wird daher die Bitte um eine Organspende häufig als die „schwierigste Frage in der unangenehmsten Situation an die unglücklichste Familie“ (Muthny et al. 1995: 184) bezeichnet.

Bei Organspendern kommen weitere entscheidende Punkte für die Ange-hörigen hinzu, die die Verarbeitung beeinflussen. So ist es bei Hirntoten deutlich schwieriger, den Tod zu begreifen, da sich optisch während der Hirntoddiagnostik nichts an dem Patienten verändert und so die Über-mittlung des Todeszeitpunktes für viele Angehörige willkürlich wirkt (vgl. Müller 2005: 17). Generell ist es für die Angehörigen, auch wenn sie kognitiv den Hirntod verstanden haben, emotional schwierig zu verstehen, dass die Person, die rosig und warm vor ihnen liegt und ein schlagendes Herz hat, tot sein soll (vgl. Blaes/Mauer 2004: 271). Dies wird zusätzlich dadurch erschwert, dass es durch Rückenmarksfunktionen bei Mani-pulationen am Verstorbenen zum Anstieg des Blutdrucks und der Herzfrequenz kommen kann (vgl. Müller 2004: 6). Zusätzlich können spinale Reflexe sogar zu Bewegungen des Verstorbenen führen (vgl. Henske 2002: 180). Dies ist in 75% der Fälle zu sehen. Im Extremfall kann es sogar passieren, dass der Verstorbene die Arme komplett anhebt und in die Hände klatscht oder der Verstorbene Gehbewegungen ausführt. Dieses Phänomen bezeichnet man als Lazarus-Zeichen. Hierüber sollten Angehörige vorher informiert werden, damit sie diese Bewegungen nicht als Lebenszeichen fehlinterpretieren.

Daher empfehlen die meisten Quellen, dass eine Abschiednahme nach der Explantation gewährleistet werden soll, weil der Tod so deutlich besser begreifbar wird (vgl. Kalitzkus 2005: 15). Dies kann aber auch zu einem negativen Effekt führen, da der Leichnam, auch wenn er nach der Operation wieder verschlossen wurde, durch die Explantation verändert aussieht und so einige Angehörige durch den Anblick ihres Hinter-bliebenen erschreckt sind (vgl. Baureithel/Bergmann 1999: 139ff.). Dies liegt unter anderem daran, dass ein Leichnam nach einer Organentnahme völlig blutleer ist, da die Organe zur Konservierung während der Operation mit einer speziellen, gekühlten Elektrolytlösung gespült werden (vgl. Fischer-Fröhlich/Eichmann/Jakusch 2002: 178). Daher sollten die Angehörigen auf den Moment der Abschiednahme gut vorbereitet werden und über mögliche äußerliche Veränderungen informiert werden.

[...]


1 Im Interesse einer besseren Lesbarkeit wird nicht ausdrücklich in geschlechtsspezifischen Personenbezeichnungen differenziert. Die gewählte männliche Form schließt eine adäquate weibliche Form gleichberechtigt ein.

2 Im Folgenden mit DSO abgekürzt

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Die Psychodynamik der stellvertretenden Einwilligung bei der Organspende. Entscheidungsgründe und Trauerbewältigung von Angehörigen
Autor
Jahr
2020
Seiten
59
Katalognummer
V511932
ISBN (eBook)
9783963550621
ISBN (Buch)
9783963550638
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Organtransplantation, Sterbeverfügung, Traumatisierung, Traumabewältigung, Psychotherapie
Arbeit zitieren
Katharina Everts (Autor), 2020, Die Psychodynamik der stellvertretenden Einwilligung bei der Organspende. Entscheidungsgründe und Trauerbewältigung von Angehörigen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511932

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