Die Differenzierung der Andersartigkeit. Wie durch Othering kulturelle Unterschiede entstehen


Essay, 2015

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Auseinandersetzung und Analyse der ausgewählten Themen und Einlagen. Inwiefern fuhren einige der Kulturkonzepte, die in der Ethnologie Anwendung finden, zu Othering?
2.1 Einlage A: Kultur und interkulturelle Praxis
2.1.1 Hinführung zum Thema
2.1.2 Essay zum Aufsatz „Der Kampf um die Kulturen“
2.1.3 Analyse der erarbeiteten Thematik unter Berücksichtigung der Fragestellung
2.2 Einlage B: Ethnologische Forschungsmethoden
2.2.1 Hinführung zum Thema
2.2.2 Essay zum Einfuhrungskapitel von den „Argonauten des westlichen Pazifik“
2.2.3 Analyse der erarbeiteten Thematik unter Berücksichtigung der Fragestellung
2.3 Einlage C: Ethnologische Perspektive aufEltemschaftund Kindheit
2.3.1 Hinführung zum Thema
2.3.2 Essay zum Dokumentarfilm „Babys“
2.3.3 Analyse der erarbeiteten Thematik unter Berücksichtigung der Fragestellung

3. Schluss

4. Literaturhinweise

1. Einleitung

Im Rahmen des Aufbaumoduls in meinem Studiennebenfach Ethnologie erstelle ich im Folgenden ein Portfolio, welches aus zwei Übungen und einer Vorlesung besteht, die ich im Zuge des Moduls besucht habe und in dieser Arbeit thematisch miteinander verknüpfen werde. Die Veranstaltungen, um die es sich dabei handelt, sind die Übungen „Ethnologische Perspektive auf Elternschaft und Kindheit“, „Kultur und Interkulturelle Praxis“ und die Vorlesung „Ethnologische Forschungsmethoden“.

Da in den letzten Monaten durch die fremdenfeindliche PEGIDA-Bewegung und Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, aber auch durch viele Kriege und den daraus resultierenden Flüchtlingen, das Thema Rassismus und Xenophobie wieder mehr in die Öffentlichkeit gelangt ist und wir diese Themen auch in den Seminaren besprochen haben, habe ich mich intensiv mit der Thematik Fremdenfeindlichkeit auseinandergesetzt. Ebenso habe ich einen Deutschkurs für Flüchtlinge mitgeleitet und so eine andere Perspektive auf interkulturellen Austausch bekommen. Da kam es mir sehr gelegen, dass das Seminar „Kultur und Interkulturelle Praxis" in meinem Ethnologie-Studium im Sommersemester 2015 angeboten wurde und ich die Möglichkeit bekam, von einem ethnologischen Standpunkt aus dieses komplexe Thema zu bearbeiten. Aus diesen persönlichen Erfahrungen und Diskussionen in den Seminaren kam mir die Idee zu untersuchen, wie Fremdenfeindlichkeit oder die Ablehnung der Anderen entsteht und warum es so viele Anfeindungen gegenüber "anderen" Menschen gibt.

Deshalb habe ich mich für folgende Fragestellung für mein Portfolio entschieden: Inwiefern führen einige der Kulturkonzepte, die in der Ethnologie Anwendung finden, zu Othering?

Für folgende Themen, welche ich im Laufe der Arbeit näher beleuchte und mit zusätzlichen Einlagen veranschaulichen werde, habe ich mich entschieden: Aus der ersten Übung wird der Diskurs über den Kampf um die Begrifflichkeit "Kultur" erörtert, welche Probleme bei der Konnotation des Kulturbegriffs entstehen und was die verschiedenen Kulturkonzepte der Ethnologie für Auswirkungen in Hinsicht auf "das Andere" bzw. "das Fremde" haben. Dabei werde ich den Evolutionismus und den Kulturrelativismus näher betrachten, da diese Kulturkonzepte als Beispiele gut geeignet sind. Das gewählte Thema aus der Vorlesung besteht in der ethnologischen Forschungsmethode der Feldforschung und teilnehmenden Beobachtung. Hierbei wird das Augenmerk auf Bronislaw Malinowski gelegt, der einen wichtigen Akteur der teilnehmenden Beobachtung in der Ethnologie darstellt und hier kritisch bezüglich seines Umgangs mit "den Anderen" analysiert wird. Aus der Übung „Ethnologische Perspektive auf Elternschaft und Kindheit“, werde ich den Inhalt des Dokumentarfilms „Babys“ und die methodische Herangehensweise des Regisseurs Thomas Balmes vorstellen und im Bezug zur Fragestellung kritisch analysieren.

2. Auseinandersetzung und Analyse der ausgewählten Themen und Einlagen. Inwiefern führen einige der Kulturkonzepte, die in der Ethnologie Anwendung finden, zu Othering?

Damit dieses Portfolio und die Verbindungen zwischen den ausgewählten Themen verständlich sind, muss ich Othering kurz erläutern. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll unter Othering das Vergleichen von "den Anderen" mit "dem Eigenen", einschließlich der Herausarbeitung der Differenzen verstanden werden. „Dieser Vergleich [...] akzentuiert Unterschiede und schließt Ähnlichkeiten oder gar Gemeinsamkeiten nahezu aus. Man spricht heute von Othering, von anders machen“1 (Sökefeld 2001: 124). Dieses "anders machen" ist negativ konnotiert, da es mit Vorurteilen und Ablehnung behaftet ist und in gewissen Fällen sogar zu Unterdrückung und Entmenschlichung führt.

2.1 Einlage A: Kultur und interkulturelle Praxis

2.1.1 Hinführung zum Thema

Das Seminar „Kultur und interkulturelle Praxis“, handelte von der Schwierigkeit des Kulturbegriffs und dessen Inhalt. So wurden verschiedene Texte gelesen, in welchen die Problematik der Verschiedenheit ethnologischer Kulturkonzepte erörtert und kritisch hinterfragt wurden und die Begrifflichkeit „Kultur“ als solches zum Gegenstand der Untersuchung des Seminars wurde. Das Seminar schaffte es immer wieder, belebende Diskussionen zu entfachen und mir die Frage nach Inhalt und Konnotation von „Kultur“ als einen interessanten Teilaspekt der Ethnologie zu vermitteln. Da es verschiedene Kulturkonzepte gibt und die Definition von Kultur in verschiedenen Bereichen nicht einheitlich beschrieben ist, habe ich mich als Einlage dafür entschieden, einen Essay zum Text von Carola Lentz „Der Kampf um die Kultur“ zu schreiben. Der Text zeigt sehr gut, wie speziell und kompliziert die Frage nach Kultur in der Ethnologie, aber auch in der Soziologie ist und wie unterschiedlich die wissenschaftlichen Zugänge zur Kultur sind. Carola Lentz ist seit 2002 Professorin für Ethnologie am Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Johannes Gutenberg-Universität. Da Lentz an der Johannes Gutenberg-Universität lehrt und ich selbst schon ihre Vorlesungen besuchte, hat mich ihr Aufsatz persönlich interessiert, da ich es für eine Ehre halte bei einer so renommierten Ethnologin studieren zu können.

2.1.2 Essay zum Aufsatz „Der Kampf um die Kulturen“

Carola Lentz beschreibt in diesem Text verschiedene Sichtweisen und Verständnisse des Kulturbegriffs, allerdings ist sie sich darüber bewusst, dass es keine klare Definition gibt. Zudem beschreibt sie sich selbst als Soziologin und nicht als reine Ethnologin, was die Definition auf absolut ethnologischer Basis zu nichte macht, allerdings auch eine Tür aufstößt und den Blickwinkel auf Kultur verändert und erweitert. So wird im Text auf Adam Kuper und Chris Hahn Bezug genommen, welche den Kulturbegriff „für so unrettbar reinfiziert, diffus und machtblind“ (Lentz 2009, S. 306) ansehen, dass er am besten abgeschafft werden sollte oder wenigstens so weit definiert, dass alle das gleiche mit diesem Begriff assoziieren. So wird weiter über Edward Tylor, welcher als Begründer des britischen Evolutionismus gilt, und Franz Boas geschrieben, welcher sich mit dem Kulturrelativismus gegenüber der von Tyler verfassten Primitive Culture abgrenzen wollte und die „Gleichwertigkeit aller menschlichen Kulturen betonte“ (Lentz 2009, S.307). Boas wehrt sich gegen den Begriff der Rasse und der Ende des 19.Jh in Europa herrschenden Rassenideologie. Auch Sapir, welcher den „Volksgeist“ (Lentz 2009, S.309) als wichtigstes kulturelles Merkmal nennt und Margaret Mead werden erwähnt, wobei letztere „Kulturen“ ebenfalls vor allem als „konsistente Denk-, Fühl- und Handlungsmuster“ (Lentz 2009: 309) versteht. Die Autorin zeigt im folgenden Verlauf des Aufsatzes weitere Kulturverständnisse auf. So wird Clifford Geertz erwähnt, der Kultur als „Bedeutungsgewebe“ definiert und mit seiner Methode der dichten Beschreibung einen Zugang für Ethnologen zum Innersten einer Kultur entwickelte.

Ich kann mich sehr schwer zu einem Kulturbegriff bzw. Konzept zuordnen, da ich der Meinung bin, dass die meisten wissenschaftlichen Kulturtheorien ihre Berechtigung haben, da sie versuchen, die Entstehung und Entwicklung von Kultur zu erklären. Die gesamte europäische Ethnologie war sehr lange in den Fesseln des eurozentristischen Kulturverständnisses gefangen, aber auch der Ethnozentrismus blitzt immer wieder in den Menschen dieser Welt auf, unabhängig davon, auf welchem Kontinent diese Menschen leben. Ich glaube auch, dass es sinnvoll ist, Ethnien und Kulturen an gewissen Merkmalen festzumachen, allerdings sollten diese Gemeinsamkeiten oder Unterschiede nicht dazu verwendet werden, um Othering zu betreiben und damit die Menschheit in stetige Konflikte zu ziehen, da Unterscheidungen oft als Grund für Ablehnung oder Unterdrückung verwendet werden. Als methodisches Verfahren, bei der sozialwissenschaftlich eine Untersuchungsgruppe 'befremdet' wird, um eine Grundlage für kulturelle Analysen zu erhalten, erachte ich dagegen für sinnvoll. So finde ich das Kulturkonzept des Essentialismus gut, da man auf die Gemeinsamkeiten einer Kultur schaut, andererseits aber auch schlecht, da diese als unveränderliche, abgrenzende Merkmale gelten, was noch schlimmer im Kulturverständnis der Primordialisten zum Vorschein kommt. Der Gedanke, dass es unveränderliche oder unüberbrückbare Grenzen zwischen Menschen gibt, ist für mich absurd. Die Geschichte hat immer wieder bewiesen, dass Menschen aus unterschiedlichen Ländern und unterschiedlicher Sozialisation friedlich und kooperierend miteinander leben können. So ist mir das Kulturkonzept des Konstruktivismus lieber, da es zweifellos Unterschiede zwischen Ethnien gibt, diese aber überwunden werden können. Das Konstrukt Mensch­Gesellschaft- Ethnie ist ein ewiger Prozess, eine Entwicklung und Aufgabe, welche der Mensch zu lösen hat. Nicht um soziale Gruppenbildungsprozesse wie Ethnizität, zu überwinden, sondern um zu verstehen, dass Gruppenbildungsprozesse ein konstituierender Bestandteil des Menschseins ist.

Ich halte es für falsch und auch für nicht realisierbar, den Begriff der Kultur komplett abzuschaffen, so wie es Hahn fordert. Da dieses Wort viel zu tief in den Menschen verankert ist und nicht alle sich der Komplexität der Konnotation bewusst sind, wird es auch in Zukunft in den Zeitungen darum gehen, welche „Leitkultur“ Deutschland hat oder ob der Islam zur „deutschen“ Kultur passt. Man sollte die Menschen sensibilisieren und informieren, dass das „Fremde“ nicht gleich das „Böse“ darstellt und durch interkulturellen Austausch den Gedanken der Menschlichkeit wieder fördern, damit es keine Rolle mehr spielt, welche Religion, Hautfarbe oder Sprache ein Mensch hat. Mein primordialistischer Ansatz wäre: Wir alle haben rotes Blut!

2.1.3 Analyse der erarbeiteten Thematik unter Berücksichtigung der Fragestellung

Wie Carola Lentz eindrucksvoll beschreibt, ist der Kampf um die Hoheitsdeutung des Kulturbegriffs entbrannt. Da Kultur nicht nur dem Ethnologen als Untersuchungsgegenstand dient, sondern ebenfalls den Soziologen, hat mich der Text von Lentz sehr angesprochen, zumal ich in meinem Hauptfach Erziehungswissenschaft studiere und mich deshalb auch als Soziologe verstehe, weil es in den Erziehungswissenschaften und der Soziologie viele Schnittmengen gibt und der Mensch und die Gesellschaft im Mittelpunkt dieser Wissenschaften stehen.

Der von mir geschriebene Essay, welcher die Komplexität des Kulturbegriffs anschneidet und verschiedene Akteure und Kulturkonzepte der Ethnologie benennt, soll zeigen, dass auch die moderne Ethnologie noch immer auf der Suche nach einer einheitlichen Konnotation von Kultur ist und eine Erklärung für kulturelle Unterschiede zu finden versucht. Bei der Untersuchung von Kulturen ergibt sich eine Dichotomie: Wir - Die, Ich - Du. Somit entsteht automatisch eine vergleichende Perspektive, eine Orientierung auf das Andere. Wenn jemand anders ist, ist uns derjenige fremd. Der Ethnologe Christoph Antweiler schreibt, dass Fremdheit auf einer psychischen Ebene zu verorten ist und da man das Fremde nicht kennt, kann dies zu Angst bzw. Verwirrung führen (Antweiler 2015: 32). Dies kann dazu verleiten, dass sich Gruppen, Gesellschaften und Ethnien voneinander abgrenzen. Entweder aus Angst vor dem Fremden, aus politischen Zieldimensionen (bspw. Ressourcensicherung) oder um den Eigenwert der Ethnie zu erhalten. Kulturelle Abgrenzungen sind somit immer gegeben, auch wenn der Grund dafür unterschiedlich sein kann. Allerdings wird auch durch verschiedene Kulturkonzepte Offering vorangetrieben. Dies werde ich anhand folgender Beispiele darlegen.

Edward B. Tyler veröffentlichte 1871 sein Hauptwerk „Primitive Culture“, in dem er den Evolutionismus als Kulturkonzept vorstellte. Dieses auf Hierachie begründete Konzept bildete den Zeitgeist der Kolonialmächte. Daraus entstand der Gedanke, dass der Europäer fremden Ethnien überlegen sei und die höchste Stufe der Evolution, die Zivilisation, erreicht habe, da er durch technische Innovationen anderen Menschen überlegen war. Außerdem gilt für die Evolutionisten die Maxime, dass es nur eine Kultur gibt und alle Ethnien mit demselben Maß gemessen werden. Dieser Gedanke führt zwangsläufig zu Offering, da fremden Gesellschaften nicht die gleiche evolutionistische Stufe zugerechnet wird wie der europäischen. Obwohl hier die Frage erlaubt sein muss, ob es überhaupt eine europäische Kultur gibt, was ich verneinen würde. Europa besteht aus vielen verschiedenen Nationalstaaten, es werden viele verschiedene Sprachen gesprochen, viele verschiedene Religionen praktiziert und außerdem gibt es keine kollektive oder soziale Identität. Das evolutionistische Kulturkonzept ist in der modernen Ethnologie überholt, da es rassistische Züge und Werte vertritt. Einen Menschen über oder unter einen anderen Menschen zu stellen, ist für mich unsinnig und fördert die Zwietracht zwischen den Individuen, Gruppen oder Ethnien.

[...]


1 Kursiv imOriginal

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Differenzierung der Andersartigkeit. Wie durch Othering kulturelle Unterschiede entstehen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Kultur und interkulturelle Praxis, Ethnologische Forschungsmethoden, Ethnologische Perspektive auf Elternschaft und Kindheit
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V511994
ISBN (eBook)
9783346087430
ISBN (Buch)
9783346087447
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Othering, kulturelle Unterschiede, Rassismus, Malinowski, ethnologische Forschungsmethoden, Kulturkonzepte, interkulturelle Praxis
Arbeit zitieren
Cristian Claus (Autor), 2015, Die Differenzierung der Andersartigkeit. Wie durch Othering kulturelle Unterschiede entstehen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511994

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Differenzierung der Andersartigkeit. Wie durch Othering kulturelle Unterschiede entstehen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden