Sind Märchen für Kinder geeignet?

Die Positionen von Otto F. Gmelin und Bruno Bettelheim


Seminararbeit, 2003

14 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehungsgeschichte und Formales zum Märchen
2.1. Entstehungsgeschichte
2.2. Formale Kennzeichen des Märchens

3. Exemplarische Positionen zur Eignung von Märchen für Kinder
3.1. Otto F. Gmelin
3.2. Bruno Bettelheim

4. Fazit und Vergleich

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm (KHM) begegnen uns bis heute überall. Das Märchenbuch ist noch immer in vielen Kinderzimmern zu finden; die Grimm’schen Märchen wurden auf vielfältige Weise in andere Medien übertragen: Das Angebot reicht von der Aschenputtel-Barbie über Hörspielkassetten bis hin zum Disneyfilm. Diese Vielfalt zeugt von der ungebrochenen Faszination, die die KHM auf zahlreiche Menschen ausüben. In dieser Hausarbeit möchte ich auf die grundsätzliche Eignung von Märchentexten für Kinder eingehen, wobei zunächst zwei Extrempositionen (Gmelin und Bettelheim) gegenübergestellt werden. Zum besseren Verständnis werden vorher die Entstehungsgeschichte und wichtige formale Merkmale des Märchens behandelt. Im abschließenden Fazit werden die Positionen Gmelins und Bettelheims in den Kontext der Forschungsliteratur eingeordnet, wobei auch einige weitere Aspekte wie mediale Umsetzungen von Märchen und Bedeutung des Märchens für die Lesesozialisation Beachtung finden. Aus der Forschungsliteratur werden dann zwei Kriterien extrahiert, bei deren Beachtung Kinder auch Märchen mit grausamen Elementen rezipieren können, ohne mit Angstzuständen zu reagieren.

2. Entstehungsgeschichte und Formales zum Märchen

2.1. Entstehungsgeschichte

Das Alter von Märchen an sich lässt sich nicht genau bestimmen. Die Motive sollen allerdings älter als die Geschichten sein, die in Europa im Mittelalter entstanden. Andere Forscher sehen Märchen als Konsequenz von magisch-mythischen Ritualen bei Naturvölkern, Götter- und Naturvorstellungen, als psychoanalytische Traumanalogien, menschliche Reifungsvorgänge oder Ausgestaltung von Archetypen.

Die Märchensammlung von Jacob und Wilhelm Grimm erschien in zwei Bänden; 1812 mit 86 Märchen und 1815 mit weiteren 72 Märchen. 1822 folgte ein Werk mit Beiträgen zur Märchenforschung (Kindlers Literaturlexikon). Die Sammlung war auch politisch motiviert: Nach den Befreiungskriegen machte sich im politisch immer noch machtlosen Bürgertum Enttäuschung breit. Das ‚Deutsche’ musste in der Kultur gesucht werden, weil Deutschland feudal zersplittert war. Die Rückwendung zur Vergangenheit habe dabei eine sozialkompensatorische Funktion gehabt (Bastian 1986, 28). Dabei entstand eine romantische Volkstumsideologie. Die Brüder Grimm waren der Überzeugung, dass sich „in diesen Volksmärchen lauter urdeutscher Mythos, den man für verloren gehalten“ bewahrt habe (Vorwort KHM).

Textlich sind die KHM ein hochkomplexes Gebilde. An der Entstehung der Sammlung waren nicht weniger als 240 unterschiedliche Texte beteiligt. Hinzu kommen 40 Märchenerzähler und zwei Sammler und Bearbeiter. Die Gebrüder Grimm selbst haben kaum genaue Herkunftsangaben zu den Märchen gemacht und die von ihnen verwendeten Materialien vernichtet. Einzig ein Manuskript, das Clemens Brentano nicht an die Brüder zurückgegeben hatte, ist noch erhalten geblieben (Rölleke 1986, 37 ff). Einen Großteil ihrer Märchen bekamen Jacob und Wilhelm von Grimm von der westfälischen Adelsfamilie von Haxthausen, zu der auch die Schwestern Droste-Hülshoff zählen und der Bäuerin Dorothea Viehmann aus einem Dorf bei Kassel. Dorothea Viehmann wurde in der Vorrede zur Märchenausgabe von 1815 zur idealtypischen Märchenerzählerin stilisiert, die ihre Geschichten von Generation zu Generation weitergibt. Auffällig sind allerdings die starken Parallelen zwischen den Viehmann-Texten und französischen Märchen, zum Beispiel von Perrault oder d’Aulnoy. Der Grund dafür ist Dorothea Viehmanns hugenottische Abstammung. Zirka ein Drittel ihrer Märchen haben französische Einflüsse, die restlichen sind eher derb und schwankhaft und wurden höchstwahrscheinlich im Gasthof ihrer Eltern von Fuhrknechten und Dienstboten erzählt (Rölleke 1986, 38 f). Weiter fällt auf, dass fast alle Beiträger wohlhabende Bürger oder Adlige waren. Daraus ist allerdings nicht abzuleiten, dass Märchen eine Angelegenheit der sozialen Oberschicht waren: Die Erzähler kannten die Märchen wiederum von ihrem Personal, also Kinderfrauen, Dienstboten und anderen ‚einfachen’ Menschen (Rölleke 1986, 41 f). Dies impliziert allerdings auch, dass die Märchen nicht in der ursprünglich erzählten Fassung in die Sammlung gelangten. Jeder Text wurde vorher mindestens drei Mal gefiltert. Zuerst waren die Gebrüder Grimm nur an erzählerisch und künstlerisch anspruchsvollen Texten interessiert, so dass sie automatisch an kultivierte Erzähler gerieten. Diese gaben nur solche Texte weiter, die sie selber für geeignet hielten. Schließlich wurden die Märchen nochmals von den Brüdern ausgewählt und überarbeitet (Rölleke 1986, 43). Wilhelm Grimm wollte den Märchen insbesondere einen volkstümlichen, altertümlichen und auch kindgerechten Klang geben – so fügte er in Sterntaler ganze sieben Diminutive ein (Poser 1980, 25).

2.2. Formale Kennzeichen des Märchens

Der Schweizer Forscher Max Lüthi hat Märchen einer strukturalistischen und literaturwissenschaftlichen Analyse unterzogen, wobei er fünf große Gattungsmerkmale extrahiert hat.

- Eindimensionalität bedeutet, dass Diesseits und Jenseits im Märchen nicht getrennt sind. „Das Wunderbare ist dem Märchen nicht fragwürdiger als das Alltägliche“ (Lüthi 1974, 11).
- Das Märchen hat keine Tiefengliederung in Bezug auf Zeit, Raum, Geist oder Seele. Eigenschaften und Gefühle der Märchenfiguren werden nur in ihren Handlungen sichtbar (Lüthi 1974, 23). Selbst soziale Beziehungen werden verdinglicht, durch einen Gegenstand dargestellt – das kann zum Beispiel ein Haar oder ein Ring sein. Lüthi nennt dieses Merkmal Flächenhaftigkeit. Selbst bei schlimmen Verstümmelungen der Figuren äußere sich weder körperlicher noch seelischer Schmerz. Tränen flössen nur, wenn dies für die weitere Handlung wichtig sei (Lüthi 1974, 14). „Eigenschaften und Gefühle sprechen sich in Handlungen aus – das heißt aber: sie werden auf dieselbe Fläche projiziert, wo sich auch alles andere abspielt. Die Gefühlswelt als solche fehlt der Märchenfigur, und damit geht ihr jede seelische Tiefe ab“ (Lüthi 1974, 15). Auch „verwandtschaftliche Gefüge“ kommen nach Lüthi im Märchen nicht vor (1974, 18).
- Konsequenz der Flächenhaftigkeit ist für Max Lüthi Wirklichkeitsferne (1974, 25). Die Märchenfiguren seien scharf umrissen und trieben ausschließlich die Handlung voran (ebda.). Das Märchen beschreibt oder schildert nichts, sondern benennt nur. Dies ist das wesentliche des Merkmals abstrakter Stil. Kommt ein König beispielsweise in eine Stadt aus Eisen, geht das Märchen mit keinem Wort auf das Aussehen der eisernen Gebäude ein. „Ebenso scharf und bestimmt wie Kontur, Stoff und Farbe der Märchenfiguren ist die Linie der Handlung “ (Lüthi 1974, 29). Eine weitere Eigenschaft der Handlung ist ihre Passgenauigkeit. Der Held oder die Heldin eines Märchens kommt nie zu früh oder zu spät, sondern genau zu dem Zeitpunkt, der zur Erfüllung einer bestimmten Aufgabe wesentlich ist. „Die Dinge und Situationen passen scharf aufeinander“ (Lüthi 1974, 32). Zum abstrakten Stil gehöre außerdem eine gewisse Formelhaftigkeit: Eingangs- und Schlussformeln, Wiederholungen und Aufbau nach bestimmten Zahlenschemata (Lüthi 1974, 33 f).
- Weitere Merkmale nach Lüthi sind Isolation und Allverbundenheit sowie Sublimation und Welthaltigkeit 1.

3. Exemplarische Positionen zur Eignung von Märchen für Kinder

3.1. Otto F. Gmelin

Otto F. Gmelin (1977, 24) postuliert, dass es in der heutigen Gesellschaft keinen Schonraum für Kinder mehr geben könne, dass es diesen sogar nie gegeben habe, weil ein solcher Schonraum „randvoll von historischem Material und Programm” sei (ebda). Das relevante Kapitel in seinem Buch ‚Böses aus Kinderbüchern und ein roter Elefant’ ist mit „Die Programmierung des zukünftigen Erwachsenen“ (ebda.) überschrieben. Über die Zeitschrift ‚Eltern’ erreichten seine Positionen in den 70er Jahren eine große Reichweite. Märchen sieht er als einen Niederschlag eines historischen Gesellschaftsmodells mit bestimmten Rollen und Handlungsanweisungen für Kinder und Erwachsene (Gmelin 1977, 25). Diese stammten direkt aus den geschichtlichen Verhältnissen, vor allem aus der wirtschaftlichen Situation. „Insofern sind sie [die Märchen C.S.] – auf heute bezogen – immer >>falsch<<, d.h. immer ideologisch“ (ebda.). Gmelin betrachtet das Märchen ausschließlich als geschichtlichen Ausdruck seiner Zeit – archetypische Elemente spricht er ihm völlig ab. Gegen eine Vermittlung von Märchen als Geschichten aus einer vergangenen Epoche hätte er prinzipiell nichts einzuwenden; der Grund, aus dem Gmelin Märchen für Kinder ablehnt, ist die Tatsache, dass das Kind kein „historisches Inneres Modell “ (ebda.) habe. Damit ist gemeint, dass ein Kind die Historizität des Textes nicht erkennen könne und seine Inhalte und Verhandlungsweisen dementsprechend auf heute übertrüge.

Ein Kind begreife Spiel- und Literaturmodelle zunächst in einer „unmittelbaren, unhistorischen Identifikation“ (Gmelin 1977, 27). Erst später lerne es, bestimmte Verhältnisse bestimmten geschichtlichen Epochen zuzuordnen und könne auch erst dann begreifen, dass die feudalen Prinzipien des Märchens in einer modernen Industriegesellschaft nicht gültig sind.

„Deshalb sind alle Märchen-, Comics-, Fernseh-Modelle usw. verbrecherisch, die die historische Dimension zerstören, also bestimmte Erscheinungen falschen Zeiten zuordnen, denn sie heben einige der wichtigsten Voraussetzungen, die Welt und ihre Modelle zu begreifen, auf: Sie zerstören eine Ordnungskoordinate des menschlichen Bewußtseins“. (Gmelin 1977, 27)

Gmelin hält dies für besonders bedrohlich, weil das Kind zunächst kein historisches Bewusstsein habe, sondern das historische Modell des Märchens als explizite Handlungsanweisung begreife. Es sei eher schädlich, Kindern solche veralteten Modellvorstellungen zu vermitteln.

[...]


1 Lüthi 1974, 37 ff und 63 ff: Diese beiden Merkmale sind für die Arbeit nicht relevant und sollen an dieser Stelle nicht weiter vertieft, sondern nur der Vollständigkeit halber aufgeführt werden.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Sind Märchen für Kinder geeignet?
Untertitel
Die Positionen von Otto F. Gmelin und Bruno Bettelheim
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Proseminar "Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur"
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V512006
ISBN (eBook)
9783346088376
ISBN (Buch)
9783346088383
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
erstellt im Diplom-Studiengang Medien-Planung, -Entwicklung und -Beratung
Schlagworte
Märchen, Pädagogik, Grimms Märchen, Medienpädagogik
Arbeit zitieren
Marie Schneider (Autor), 2003, Sind Märchen für Kinder geeignet?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512006

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Sind Märchen für Kinder geeignet?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden