Schlägt man eine gute spanische Literaturgeschichte auf und sucht darin nach Goethe, so erlebt man eine Überraschung: man findet entweder gar nichts oder eventuell nur eine Bemerkung über Faust oder vielleicht noch den Werther. Weiterhin findet man zahlreiche Übersetzungen und Studien über den wohl größten deutschen Dichter. Eine Würdigung oder gar eine Zusammenfassung über seine Arbeit und seine Bedeutung für die hispanische Welt sucht man jedoch vergeblich. Umso interessanter erschien mir deshalb die Frage, was Goethe und insbesondere der Faust für eine Bedeutung in der spanischen Welt gehabt haben bzw. noch haben. Denn schließlich stellte Goethe nach E. JIMENEZ CABALLERO „für das europäisch gesinnte, romantische Spanien, das nach 1898 heraufgekommen ist...die Aufklärung, den Weltbürger, den Menschen, den Humanisten, den Polygraphen, Wissenschaftler, Dichter, Romancier, Dramatiker, Botaniker, Maler und Physiologen.“(1932) dar. Ob diese Aussage auf die gesamte spanische Welt zutraf und vor allem ab wann sie allgemeine Gültigkeit in Anspruch nehmen durfte, soll in der folgenden Hausarbeit untersucht werden. Besonderes Augenmerk soll bei der Betrachtung auf Goethes Faust gelegt werden. Zugleich soll die Frage Heinrich Heines, weshalb die Legende von Johannes Faustus einen so geheimnisvollen Reiz für die Zeitgenossen ausgeübt hat, auf die hispanische Welt ausgeweitet werden. Waren sie vielleicht ebenso fasziniert von dem „so naiv und fasslich“ dargestellten Kampf im Faust, den sie selber gerade kämpften, „den modernen Kampf zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen Autorität und Vernunft, zwischen Glauben und Denken“? Diesen Fragen soll in der folgenden Hausarbeit nachgegangen werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Goetherezeption in der Hispanischen Welt
1.1. Goethe und die hispanische Welt – eine Annäherung
1.2. Goetherezeption in der spanischen Welt im 19. Jahrhundert
1.3. Goetherezeption in Hispanoamerika im 19. Jahrhundert
2. Faust-Rezeption in der hispanischen Welt
2.1. Zum Fauststoff und zur Entstehung des Faust
2.2. Der historische Faust
2.3. Faust-Sage und Faust-Tradition
2.4. Faustrezeption in Spanien und Hispanoamerika
3. Würdigung des Dichters
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rezeption von Johann Wolfgang von Goethe und insbesondere dessen Werk „Faust“ im spanischsprachigen Raum (Spanien und Hispanoamerika) während des 19. Jahrhunderts. Ziel ist es, die kulturellen, sozialen und politischen Hindernisse sowie die Faktoren zu beleuchten, die den Zugang und die Verbreitung von Goethes Werk in dieser Region beeinflussten und formten.
- Historische Rahmenbedingungen und kulturelle Gegensätze zwischen der hispanischen Welt und Deutschland.
- Einfluss von Übersetzungen und Literaturkritik auf die Goethe-Rezeption.
- Die Rolle prominenter Persönlichkeiten bei der Vermittlung deutscher Literatur.
- Vergleich der Faust-Rezeption in Spanien und Hispanoamerika unter Berücksichtigung politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen.
- Bedeutung von Goethes Werk als Symbol für Freiheit, Individualismus und modernen Humanismus.
Auszug aus dem Buch
1.1. Goethe und die hispanische Welt – eine Annäherung
Der erste Kontakt der spanischen Welt mit dem Werk Goethes erfolgte unter sehr ungünstigen Umständen. Spanien befand sich auf seinem „kulturellen Tiefstand“ und erlebte „eine der dürftigsten Epochen seiner Geschichte“. Denn die spanischen Völker waren auf ihrem traditionalistisch- rückschrittlichen Stand „stehen geblieben“ und hatten nicht eine annähernd vergleichbare aufgeklärte kulturelle Entwicklung vollzogen wie das nichtspanische Publikum. Demnach war die spanische Welt immer noch geprägt durch ihre religiöse Orthodoxie, Traditionalismus, ihre klerikale und autoritäre „Kollektiv-Kultur“. Seine Zeit als Großmacht und das Goldene Zeitalter waren bereits vorbei. Zensur, Inquisition sowie „el terrible tradicionalismo español” bewirkten eine Verkümmerung des geistigen und literarischen Lebens und verhinderten jegliche moderne Entwicklung in Literatur (einzige Blüte erlebte der Essay) und Gesellschaft. Konserviert und gepflegt wurden dagegen traditionalistische literarische Formen, was letzten Endes zu „Starrheit“ und „Künstelei“ führte.
In Deutschland sah die literarische Welt dagegen ganz anders aus. Die deutsche Literatur war durch einen sehr wechselhaften Verlauf gekennzeichnet, bestand aus unzusammengefügten bruchstückhaften Perioden, welche stets einen Neuanfang wagen mussten und nicht wie in Spanien auf eine lange Tradition zurückgreifen konnten. Trotzdem erlebte die deutsche Literatur gerade mit Goethe – im Gegensatz zur spanischen Welt - seinen literarischen Höhepunkt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung thematisiert das Fehlen einer systematischen Aufarbeitung der Goethe-Rezeption im spanischsprachigen Raum und stellt die zentrale Frage nach der Bedeutung Goethes und seines Faust in dieser Region.
1. Goetherezeption in der Hispanischen Welt: Dieses Kapitel analysiert die schwierigen Bedingungen des ersten Kontakts zwischen den beiden Kulturen, die Rolle der literarischen Vermittlung durch Einzelpersonen und den Einfluss gesellschaftlicher Krisen.
1.1. Goethe und die hispanische Welt – eine Annäherung: Es werden die kulturellen Gegensätze zwischen dem traditionalistischen Spanien und dem literarisch aufstrebenden Deutschland kontrastiert.
1.2. Goetherezeption in der spanischen Welt im 19. Jahrhundert: Der Fokus liegt auf der langsamen Etablierung Goethes im 19. Jahrhundert, geprägt durch Zensur, politische Instabilität und die spätere Öffnung durch das aufkommende Bürgertum.
1.3. Goetherezeption in Hispanoamerika im 19. Jahrhundert: Es wird die zeitlich verzögerte und über Umwege (Frankreich) verlaufende Rezeption in Lateinamerika erläutert, die stark von der Identitätssuche der jungen Nationen geprägt war.
2. Faust-Rezeption in der hispanischen Welt: Dieses Kapitel widmet sich spezifisch der Aufnahme von Goethes Faust und den verschiedenen Übersetzungs- und Rezeptionssträngen im spanischsprachigen Raum.
2.1. Zum Fauststoff und zur Entstehung des Faust: Hier werden die historischen Ursprünge des Fauststoffes und die Entstehungsgeschichte von Goethes Werk kurz skizziert.
2.2. Der historische Faust: Es werden die wenigen belegbaren Fakten über die historische Person Johann Georg Faust dargestellt.
2.3. Faust-Sage und Faust-Tradition: Die Entwicklung der Legendenbildung um Faust und der kulturelle Kontext, der zu dieser Mythologisierung führte, werden untersucht.
2.4. Faustrezeption in Spanien und Hispanoamerika: Die spezifische Aufnahme des Werkes wird beleuchtet, einschließlich der Probleme bei der Übersetzung und der unterschiedlichen Interpretation der beiden Teile des Faust.
3. Würdigung des Dichters: Das Kapitel schließt mit einer Betrachtung über Goethes Bedeutung als Repräsentant des modernen Humanismus und die Auswirkungen seiner Lebensphilosophie auf die kulturelle Elite der Hispania.
Schlüsselwörter
Goethe, Faust-Rezeption, Spanien, Hispanoamerika, 19. Jahrhundert, Literaturgeschichte, Kulturtransfer, Übersetzungsgeschichte, Romantik, Krausismus, Humanismus, Kulturvergleich, Rezeptionsästhetik, Bildungsgeschichte, Weltliteratur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Rezeption von Johann Wolfgang von Goethe und insbesondere seines Werks „Faust“ im spanischsprachigen Raum im 19. Jahrhundert sowie die damit verbundenen kulturellen Bedingungen.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Arbeit behandelt?
Im Zentrum stehen die literarischen Beziehungen zwischen dem deutschen und spanischsprachigen Raum, der Einfluss von Übersetzungen, die Rolle der Literaturkritik sowie die kulturellen und politischen Kontexte des 19. Jahrhunderts.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Die Arbeit verfolgt das Ziel zu klären, warum Goethe und der Faust in der spanischen Welt eine spezifische Bedeutung erlangten und welche Barrieren die Verbreitung seiner Werke erschwerten bzw. förderten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturhistorische und rezeptionsgeschichtliche Analyse, wobei sie zeitgenössische Literaturgeschichten, Übersetzungen, Zeitschriftenartikel und Sekundärliteratur auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Goetherezeption in Spanien und Hispanoamerika getrennt voneinander, beschreibt die Entstehung des Faust-Mythos und untersucht die vielfältigen, teils schwierigen Übersetzungsvorgänge im 19. Jahrhundert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Untersuchung am besten?
Wichtige Begriffe sind Goethe, Faust-Rezeption, Spanien, Hispanoamerika, 19. Jahrhundert, Kulturtransfer, Übersetzungsgeschichte und Humanismus.
Welche Rolle spielte das „Colegio El Salvador“ in Kuba für die Goethe-Rezeption?
Es fungierte als wichtiges Zentrum, da der Kubaner José de la Luz y Caballero dort nach seinem persönlichen Kontakt mit Goethe Deutsch und deutsche Literatur unterrichtete und damit das Interesse bei seinen Schülern weckte.
Warum war der erste Teil des Faust in der spanischen Welt erfolgreicher als der zweite Teil?
Der erste Teil galt als verständlicher und entsprach eher dem damaligen Zeitgeist, während der zweite Teil häufig als „schwaches Alterswerk“ oder als „dunkel und verworren“ missverstanden wurde.
Inwiefern beeinflusste die politische Situation die Verbreitung von Goethes Werk?
Politischer Traditionalismus, Zensur und Inquisition behinderten den Zugang anfangs stark, während spätere liberale Strömungen, wie der Krausismus, Goethe als Symbol für geistige Freiheit und modernen Humanismus instrumentalisierten.
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- Stefanie Müller (Author), 2006, Goethe- und Faust-Rezeption in Spanien und Lateinamerika im 19. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51216