Goethe- und Faust-Rezeption in Spanien und Lateinamerika im 19. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

17 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Goetherezeption in der Hispanischen Welt
1.1. Goethe und die hispanische Welt – eine Annäherung
1.2. Goetherezeption in der spanischen Welt im 19. Jahrhundert
1.3. Goetherezeption in Hispanoamerika im 19. Jahrhundert

2. Faust -Rezeption in der hispanischen Welt
2.1. Zum Fauststoff und zur Entstehung des Faust
2.2. Der historische Faust
2.3. Faust-Sage und Faust-Tradition
2.4. Faustrezeption in Spanien und Hispanoamerika

3. Würdigung des Dichters

Quellenverzeichnis

Einleitung

Schlägt man eine gute spanische Literaturgeschichte auf und sucht darin nach Goethe, so erlebt man eine Überraschung: man findet entweder gar nichts oder eventuell nur eine Bemerkung über Faust oder vielleicht noch den Werther. Weiterhin findet man zahlreiche Übersetzungen und Studien über den wohl größten deutschen Dichter. Eine Würdigung oder gar eine Zusammenfassung seiner Arbeit und seine Bedeutung für die hispanische Welt sucht man jedoch vergeblich. Ebenso erstaunlich fand ich es, dass auch auf deutscher Seite, z.B. in dem Standartwerk zu Goethe, im Goethe-Handbuch, keinerlei Informationen zum Dichter und seiner Wirkung im spanischsprachigen Ausland zu finden waren. Goethe selbst war zwar nie in Spanien, Rezeptionsbeziehungen zu Spanien und Lateinamerika sollte es doch wohl gegeben haben. Umso interessanter erschien mir deshalb die Frage, was Goethe und insbesondere der Faust für eine Bedeutung in der spanischen Welt gehabt hat bzw. noch hat. Denn schließlich stellte Goethe nach E. JIMENEZ CABALLERO für das europäisch gesinn-te, romantische Spanien, das nach 1898 heraufgekommen ist, „die Aufklärung, den Welt-bürger, den Menschen, den Humanisten, den Polygraphen, Wissenschaftler, Dichter, Roman-cier, Dramatiker, Botaniker, Maler und Physiologen.“[1] (1932) dar. Ob diese Aussage auf die gesamte spanische Welt zutrifft ob und vor allem ob sie für die spanische Welt allgemeine Gültigkeit in Anspruch nehmen darf, soll in der folgenden Hausarbeit untersucht werden. Besonderes Augenmerk soll bei der Betrachtung auf Goethes Faust gelegt werden. Zugleich soll die Frage Heinrich Heines, weshalb die Legende von Johannes Faustus einen so geheimnisvollen Reiz für die Zeitgenossen ausgeübt hat, auf die hispanische Welt ausgeweitet werden. Waren sie vielleicht ebenso fasziniert von dem „ so naiv und fasslich“[2] dargestellten Kampf im Faust, den sie selber gerade kämpften, „den modernen Kampf zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen Autorität und Vernunft, zwischen Glauben und Denken“.[3] Diesen Fragen soll in der folgenden Hausarbeit nachgegangen werden. Die Bezeichnung „spanische Welt“ wird hier allgemein gebraucht für das Mutterland Spanien und das von diesem abhängige Hispano-amerika. Da Letzteres vom Mutterland sprachlich-kulturell wie auch lite-rarisch geprägt war, werde ich zwischen der europäischen und der amerikanischen „spa-nischen Welt“ nur an denjenigen Stellen eine Unterscheidung vornehmen, wo signifikante Unterschiede bestehen bzw. eine andere Entwicklung in Bezug auf Goethe und dessen Rezeption stattgefunden hat.

1. GOETHEREZEPTION IN DER HISPANISCHEN WELT

1.1. Goethe und die hispanische Welt – eine Annäherung

Der erste Kontakt der spanischen Welt mit dem Werk Goethes erfolgte unter sehr ungünstigen Umständen. Spanien befand sich auf seinem „kulturellen Tiefstand“ und erlebte „eine der dürftigsten Epochen seiner Geschichte“[4]. Denn die spanischen Völker waren auf ihrem tradi-tionalistisch- rückschrittlichen Stand „stehen geblieben“ und hatten nicht eine annähernd vergleichbare aufgeklärte kulturelle Entwicklung vollzogen wie das nichtspanische Publikum. Demnach war die spanische Welt immer noch geprägt durch ihre religiöse Orthodoxie, Tra-ditionalismus, ihre klerikale und autoritäre „Kollektiv-Kultur“[5]. Seine Zeit als große Welt-macht und das Goldene Zeitalter waren bereits vorbei. Zensur, Inquisition sowie „el terrible tradicionalismo español”[6] bewirkten eine Verkümmerung des geistigen und literarischen Lebens und verhinderten jegliche moderne Entwicklung in Literatur (einzige Blüte erlebte der Essay) und Gesellschaft. Konserviert und gepflegt wurden dagegen traditionalistische litera-rische Formen, was letzten Endes zu „Starrheit“ und „Künstelei“ führte.[7]

In Deutschland sah die literarische Welt dagegen ganz anders aus. Die deutsche Literatur war durch einen sehr wechselhaften Verlauf gekennzeichnet, bestand aus unzusammengefügten bruchstückhaften Perioden, welche stets einen Neuanfang wagen mussten und nicht wie in Spanien auf eine lange Tradition zurückgreifen konnten. Trotzdem erlebte die deutsche Literatur gerade mit Goethe – im Gegensatz zur spanischen Welt - seinen literarischen Höhepunkt.[8]

Bei diesem ersten Kontakt mit dem Werk Goethes – Goethe war zu diesem Zietpunkt bereits nichtmehr am Leben! - mussten also zwei geistige Welten aufeinander prallen. Beide Kulturen waren weiter denn je voneinander entfernt - nicht nur durch die räumliche Entfernung und die Sprachunkenntnis. Gute Übersetzungen und günstigere Ausgaben fehlten. Der erste Kontakt mit Goethe beruhte also auf dem Zufall. Ein Vermittlungsorgan existierte derzeit noch nicht. Ein Zeitgenosse schildert diese Situation folgendermaßen: „ Alles fremde Literarische muss gebracht, ja aufgedrungen werden...es muss mit weniger Bemühung zu haben sein, wenn wir danach greifen wollen, um es bequem zu genießen.“[9] Aber ein leichterer Zugang zu Goethes Werk ließ auf sich warten, denn gute Übersetzungen und günstigere Aus-gaben waren auch lange Zeit später noch nicht zu haben. Zudem fielen viele Werke der Zensur zum Opfer und gelangten so erst gar nicht in die Hände der Leser.[10]

1.2. Goetherezeption in der spanischen Welt im 19. Jahrhundert

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, der Zeit von Romantik und Europäisierung, befand sich Spanien noch tiefer in der Krise: Nach der repressiven Regierungszeit Karl IV., der die Ideen der französischen Revolution ablehnte, kam es zu einem ersten Thronwechsel. Karl IV. suchte sich nach einer Niederlage im ersten Koalitionskrieg notgedrungen mit den Franzosen gutzustellen und verbündete sich mit diesen gegen England, was einerseits zum Debakel von Trafalgar führte und andererseits den Weg für die Franzosen ebnete, sich Spanien untertan zu machen. Napoleon setzte nämlich seinen Bruder José auf den spanischen Thron. Die Spanier setzten sich im Befreiungskrieg gegen die Franzosen zur Wehr und errichteten schließlich eine nationale Volksregierung in Cádiz. Diese liberale Regierung blieb aber nur kurz bestehen, denn ihr folgte die Wiedererrichtung des Ancièn Régime durch Fernando VII. Im Zuge dieses Regimewechsels unter Ferdinand VII. erreigneten sich zwei wichtige Auswanderungsbewegungen der geistigen Elite Spaniens in die Metropolen London und Paris. Nach deren Rückkehr erlebte das Land einen wichtigen Erneuerungs- und Europäisierungsprozess. Die Ideen, welche die Emigranten aus dem Ausland mitbrachten, gaben wichtige Impulse für eine neue Kunsteinstellung (Romantik) und die grundlegende Modernisierung von Geschichtsschreibung und Naturwissenschaften. All dies bildete die Voraussetzungen für Industrialisierung und eine soziologische Erneuerung: der Übernahme der führenden Rolle durch den Mittelstand.[11]

Angesichts dieser politischen und gesellschaftlich- repressiven Umstände scheint es nicht verwunderlich, dass Goethe Anfang des 19. Jahrhunderts in den zeitgenössischen Literatur-geschichten der spanischen Welt noch keine oder nur kurze und unbedeutende Erwähnung fand. In der Literaturgeschichte des Jesuiten JUAN ANDRES beispielsweise wurde Goethe nur als „gelehrter, feinsinniger und schönerer Geist als Schiller“[12] genannt. Näher bespro-chen wurde in diesem enzyklopädischen Werk nur ein Werk Goethes, die Iphigenie. Jedoch fiel das Urteil eher negativ aus, denn es wurde die zu große Regelfreiheit des Werks, sein Hang zum Philosophieren und seine schadende Wirkung für das Theater gerügt. Auch in den Zeitschriften der Zeit war Goethes Name nur selten (in jenen Fäl-len aus Sekundär- oder Tertiärquellen) anzutreffen. Auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts zeichnete sich keine Steigerung des Interesse für Goethe ab. Im Gegenteil. Zu den bereits er-wähnten ungünstigen Umständen der Zeit trat ein Weiterer hinzu: die Anti-Goethe-Stim-mung in Deutschland, welche viele Spanier auf ihren Reisen dorthin antrafen. Goethegegner bezeichneten Goethe zu jener Zeit z.B. als „teilnahmslosen Olympier“, „vaterlandslosen Egoisten“ oder „gefähr-lichen Heiden und Schürzenjäger“.[13] Was sollte da ein Ausländer aus traditionalistisch ge-prägten Strukturen von diesem „durchaus unsittlichen Menschen vor des-sen Büchern man warnen müsse“[14] denken? Dieser weit verbreiteten Meinung stellten sich aber zur gleichen Zeit Goetheverehrer entgegen und verfassten Verteidigungsschriften gegen jene „Goethe-verkleinerer“[15].

Vom Zufall regiert, gelangte zuerst eine deutsche Literaturgeschichte des entschiedenen Goethegegners Wolfgang Menzel in die spanische Welt. Ein Aufsatz über diese Literatur-geschichte bildete auch eines der erstgedruckten Werke, welches in Spanien erschienen ist. Goethes Einführung in Spanien musste demnach - u.a. bedingt durch das erschwerte Ver-ständnis - als abschreckend empfunden werden. Zudem erschwerten die Verschiedenheit der Landschaft, der Natur, des Volkscharakters, der Gewohnheiten und der gesellschaftlichen Verhältnisse und die fehlende persönliche Beziehung das gegenseitige Verständnis.[16]

Nur zwei persönliche Begegnungen zwischen Goethe und gebürtigen Hispaniern sind nach-weisbar:

Einmal handelt es sich um den Madrider Ingenieur LORENZO GOMEZ PARDO, von dem ein Huldigungsgedicht mit der Bemerkung „ der Spanier an Goethes Grab“[17] erhalten geblie-ben ist. PARDO soll Goethe kurz vor dessen Tod noch persönlich besucht und kennen gelernt haben. Allerdings blieb diese Begegnung folgenlos.[18]

Der zweite Besucher war der Kubaner JOSÉ DE LA LUZ Y CABALLERO, welcher Goethe 1830 zweimal besuchte. Dieser konnte mit Goethe eine persönliche Beziehung knüpfen und erhielt von diesem sogar Klassikermanuskripte. Als DE LA LUZ wieder nach Kuba zurück-kehrte, etablierte er dort das Colegio „El Salvador“ zur wichtigsten Schule und unterrichtete dort auch Deutsch, deutsche Literatur und Philosophie (was für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich war!). Auf diese Weise streute DE LA LUZ seine Goethebegeisterung wie Saat unter seinen Schüler aus, die in den darauffolgenden Jahrzehnten aufgehen sollte. ANTONIO ÁNGULO Y HERDIN war einer seiner Schüler der 1863 im Ateneo von Madrid als Literatur-historiker die erste Vorlesung über Goethe und Schiller hielt: Goethe y Schiller. Su vida sus obras y su influencia en Alemania. Lecciones pronunciadas en el Ateneo de Madrid.[19] Diese Vorlesung wurde im selben Jahr auch als Buch veröffentlich, womit die erste spanische Studie über Goethe herausgebracht war, welche erstmals ein Gesamtbild des Dichters und seines Werks entwarf. Weitere wichtige Schriftsteller dieser „Kubanischen Schule“ waren TRISTÁN MEDINA Y SANCHEZ, DIEGO VICENTE TEJERA und ISAAC CARILLO Y O`FARRILL, welche die deutsche Literatur und Philosophie nicht nur pflegten, sondern auch für die spanische Welt fruchtbar machten. Damit war der Anfang der Goethebewegung in Kuba vollzogen. Von dort – u.a. - aus breitete sich dann allmählich die Begeisterung für den deutschen Dichter auf die spanischsprechenden Menschen beider Hemisphären aus.[20]

Als erstes gedrucktes Werk erschien in Spanien 1812 Goethes Hermann und Dorothea und wurde durch die gerade vorherrschenden günstigen Umstände (der zeitweilig abgeschafften Zensur während der Befreiungskriege) ein bemerkenswerter Erfolg. Eine unmittelbare Be-ziehung zur deutschen Kultur begann aber erst mit der Romantik.[21] Anstoß hierfür war 1819 der Erfolg des Werther, der bis 1860 in 15 weiteren Ausgaben erschien. Nun interessierte man sich auch für Goethes Lieder und Balladen. Gedichte Goethes wurden übersetzt und litera-rische Artikel und Aufsätze darüber verfasst: 1962 De la novela von D. ANTONIO ALCALÁ GALIANO oder 1864 der Aufsatz über Goethes Lieder von TEODORO LLORENTE.[22] Meist geschah dies in Zeitschriften wie La América (erschienen von 1859 bis 1863), in der 1859 ein Artikel über Goethe y el Fausto erschien. 1862 veröffentlichte die Zeitschrift La Abeja (revista cientifica y literaria principalmente extractada de los buenos escritores alemanes) Artikel verfasst von J. FERNÁNDEZ MATHEU (Barcelona) über Goethe. 1863 erschienen wichtige Beiträge in der Revista Ibérica und in der Revista Hispanoamericana.[23] In diesen ereignisreichen 60er Jahren beginnt auch die einzigartige Faszination durch den Faust. (Eine eingehendere Auseinandersetzung mit dem Faust soll im Anschluss erfolgen.)

Eine große Zugangserleichterung und Kenntnis von Goethes Literatur war den Professoren der Universitäten zu verdanken. Die zu der Zeit noch vorherrschende Wissenschaftssprache, das Latein, befand sich Ende des 19. Jahrhunderts gerade - wie auch die restliche spanische Welt - in einer Krise (Dekadenz). Das Interesse verlagerte sich darum im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auf die deutsche Kultur. Man wandte man sich vom Latein und von Frank-reich als Vermittler ab und setzte sich direkt mit der deutschen Kultur auseinander. Es setzte förmlich eine Germanophilie ein. Einen wesentlichen Beitrag hierfür lieferte die Bewegung des Krausismus, eine Bewegung, welche die geistige Freiheit, ganz im Sinne des Zeitgeistes forderte.[24]

Seit den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts bis 1900 stieg auch die Zahl der Übersetzungen von Goethe-Werken und die Literatur über Goethe in spanischer Sprache stetig an. Goethe war also zu dieser Zeit in der spanischen Literatur ständig gegenwärtig. Endlich gab es auch billigere Volksausgaben (der Höhepunkt der Buchhandelszahlen von Goetheliteratur zw. 1920-50)[25], welche – sowohl in der neuen wie auch in der alten Welt in immer neuen Auflagen und Übertragungen erschienen. Goethe war nun zu einem Teil des allgemeinen Kulturstandards der spanischen Welt geworden- Selbst Maler und Musiker beschäftigten sich mit Goethe und setzten seine Werke mit Farben und Klängen um (1866 ANTONIO DE LA CRUZ „Faustoper“).[26] Sogar in der Schule wurde Goethe nun gelesen. Bei jeder Gelegenheit spielte man auf den deutschen Dichter an. Auch für die Jugend wurde Goethe schmackhaft gemacht: es erschien das Märchen Der neue Paris von RAMON M. TENREIRO, die Geschichten von Goethe für Kinder erzählt von MARIA LUZ MORALES und 1933 eine Faustausgabe für die Jugend. Schließlich wurde eine Goetheausgabe von RAFAEL CASINOS ASSENS herausgegeben, welche erstmalig der spanischen Welt einen Zugang zu Goethes Gesamtwerk verschaffte.[27]

Welch eine Bedeutung Goethe in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der spanischen Welt schon erlangt hatte, zeigte die Auseinandersetzung der Real Academia de la Historia mit Goethe, die in einem Preisausschreiben die wissenschaftliche Klärung der Abhängigkeit zwi-schen Goethe und Calderón beauftragte.[28] Ab diesem Zeitpunkt beginnt man auch inter-nationale Goetheliteratur zu lesen. Der Philologieprofessor URBANO GONZALEZ SER-RANO verfasste 1878 die erste Goethemonographie, ein ausgezeichnetes Werk für seine Zeit, welches das Goethebild in der spanischen Welt bestimmte. Goethes dramatische Dichtungen (1867 Egmont; 1868 Tasso; 1869 Götz von Berlichingen und Iphigenie) blieben ohne große Wirkung und kamen nur selten zur Aufführung. Auch den übersetzten Romanen und Prosawerken stand das spanische Publikum innerlich befremdlich gegenüber. Die Spanier waren es nicht gewohnt, sich in der Literatur mit inneren Vorgängen des Menschenschicksals ausführlich zu beschäftigen und lehnten dies als „Grübelei“ ab. Die wirkliche Bedeutung von Goethes Prosawerken (1880 Wilhelm Meisters Lehrjahre; Wahlverwandtschaften; 1881 Dichtung und Wahrheit und 1891 Italienische Reise) wurde erst im 20. Jahrhundert erkannt.[29]

Zusammenfassend kann mal also feststellen, dass man in den ersten 50 Jahren des 19. Jahrhunderts, seit der ersten Werkveröffentlichung Goethes, noch sehr wenig von dem Dichter wusste. Das was nach Spanien gelangte, war aus französische Hand und Übersetzung. Bezeichnenderweise enthielt die 1851 in Madrid erschienene Enciclopedia Moderna [30] keinen einzigen Artikel über Goethe, sehr wohl aber von anderen englischen und französischen Dichtern. Ausländische Literatur war unbekannt und es fehlte an Urteilen darüber. Das Interesse Spaniens für Goethe erwachte erst zwischen 1859 und 1867. Literaturkritik war noch wenig objektiv, erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts etablierte sich eine angemes-sene Literaturkritik. Eine lebendige literarische Beziehung zu Goethe war in Spanien also erst Mitte des 19. Jh.s mit dem Aufkommen des Bürgertums möglich.[31]

1.3. Goetherezeption in Hispanoamerika im 19. Jahrhundert

In Hispanoamerika waren die Bedingungen für eine Begegnung mit Goethe ebenfalls sehr ungünstig und im Allgemeinen erfolgte der Kontakt mit dem deutschen Dichter später als in Spanien.[32] Trotz einer gemeinsamen kulturellen und literarischen Tradition mit dem Mutterland Spanien gab es enorme Abweichungen. Die Mischkultur Hispanoamerikas war ohne Einheit und die kulturelle und literarische Entwicklung verlief in jedem Land sehr unterschiedlich. Zudem litten die Menschen unter spanischer Sklaverei, Korruption und der Abhängigkeit vom Mutterland. Darum kam es zu einem regelrechten Hass auf Spanien, und dies führte schließlich dazu, dass man die spanische Kultur gänzlich ablehnte.[33] England und Frankreich sollten von da an geistiges und literarisches Vorbild und neuen Vormund sein. So diente Frankreich (insbesondere Paris) als Vermittler zwischen Deutschland und Südamerika. Die Literatur Hispanoamerikas war von der Zeit an geprägt durch einen tiefen Wesenskonflikt mit der eigenen Vergangenheit und einer inneren Zerrissenheit. Weil es sich lediglich an sein Vorbild Frankreich anlehnte, von dem es vollständig abhängig war und dessen Literatur imitierte, entwickelte sich vorerst keine unverwechselbare eigene Literatur.[34]

[...]


[1] Zitat E. Jimenez Caballero 1932 in Rusker (1958), S. 42.

[2] Zitat Heinrich Heine 1847 in Pageard (1958), S. 38.

[3] Zitat Heinrich Heine 1847 in Pageard (1958), S. 38.

[4] Rusker (1958), S.15.

[5] ebenda, S. 15.

[6] Zitat Maria Zambrano in Rusker (1958), S. 16.

[7] vgl. Rusker (1958), S. 16f.

[8] vgl. ebenda, S. 11.

[9] Zitat ‚Tag- und Jahreshefte’ in Rusker (1958), S. 42.

[10] vgl. Rusker (1958), S. 42.

[11] ebenda, S. 20ff.

[12] ebenda, S. 43.

[13] Rusker (1958), S. 43.

[14] ebenda, S. 43.

[15] ebenda, S. 43.

[16] ebenda, S. 43.

[17] ebenda, S. 44.

[18] ebenda, S. 45.

[19] Pageard (1958), S. 40.

[20] ebenda, S. 47f.

[21] Die Romantik verlief in Spanien sehr viel langsamer und schwächer ab als in Deutschland. Sie spaltete sich in verschiedene Richtungen und Schulen und war durch keine radikalen Brüchen mit der Tradition, sondern eher konservativ gekennzeichnet (Kontinuität). Erst später änderte sich diese traditionalistische Haltung und wandelte sich in eine revolutionäre um, welche sich gegen den Zwang der Tradition richtete. Vgl. Rusker, S. 26.

[22] Pageard (1958), S. 39.

[23] ebenda, S. 40.

[24] vgl. Rusker (1958) S. 49f

[25] vgl. ebenda S. 51

[26] vgl. ebenda S. 52

[27] vgl. ebenda S. 52

[28] vgl. ebenda, S. 49.

[29] vgl. Rusker (1958), S. 50.

[30] Ebenda, S. 49.

[31] Ebenda, S. 88.

[32] Ebenda, S. 50.

[33] Ebenda, S. 34f.

[34] vgl. Rusker (1958), S. 38f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Goethe- und Faust-Rezeption in Spanien und Lateinamerika im 19. Jahrhundert
Hochschule
Universidad Complutense de Madrid  (Filología Alemana)
Veranstaltung
Relaciones literarias y culturales hispano-alemanes
Note
1,5
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V51216
ISBN (eBook)
9783638472456
ISBN (Buch)
9783640196234
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe-, Faust-Rezeption, Spanien, Lateinamerika, Jahrhundert, Relaciones
Arbeit zitieren
Stefanie Müller (Autor), 2006, Goethe- und Faust-Rezeption in Spanien und Lateinamerika im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51216

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