Migrationsbewegungen sind für alle öffentlichen Bildungseinrichtungen eine große Herausforderung. Auch die Waldorfschulen nehmen sich dieser Problematik an und gründen immer mehr Interkulturelle Waldorfschulen. Diese zeichnen sich, im Gegensatz zu klassischen Waldorfschulen, durch eine kulturell heterogene Schülerschaft mit hohem Migrantenanteil aus.
Wie gehen Waldorfschulen mit Migrationsbewegungen um? Inwieweit gelingt es Interkulturellen Waldorfschulen, eine Schülerschaft aus Migrantenmilieus zu erreichen? Und decken Interkulturelle Waldorfschulen wirklich alle sozialen Milieus ab?
Der Autor Tom Becker klärt diese Fragen und geht auf die prekäre Lage von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ein. Anhand eines Praxisbeispiels beleuchtet Becker die Schülerschaft von Interkulturellen Waldorfschulen und erläutert, inwieweit die Waldorfpädagogik zu mehr Toleranz gegenüber fremden Kulturen beitragen kann.
Aus dem Inhalt:
- Bildungserfolg;
- kulturelle Passung;
- Migrationshintergrund;
- Toleranz;
- Willkommensklassen
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Freien Waldorfschulen und ihre Gründung
2.1 Gründungsgeschichte und Gründungsimpuls der Freien Waldorfschulen
2.2 Soziale Herkunft der Waldorfschüler*innen und der Waldorfelternschaft in den Gründungsjahren
3 Die Waldorfelternschaft heute
3.1 Die soziale Herkunft der Waldorfeltern und -kinder
3.2 Waldorfeltern und -kinder mit Migrationshintergrund
3.3 Abschließende Bewertung
4 Die Theorie der „kulturellen Passung“
4.1 Ursprünge der „kulturellen Passung“ bei Bourdieu und Passeron – Vom primären und sekundären Habitus
4.2 Ausdifferenzierung der „kulturellen Passung“ bei Kramer und Helsper
5 Der sekundäre Schülerhabitus an Waldorfschulen
5.1 Stellung der Klassengemeinschaft und Stellung der Schüler*innen
5.2 Was bedingt die Passung oder Abstoßung? Zentrale Eigenschaften
5.3 Familiäre Lebenswelt
5.4 Umgang mit Leistungsansprüchen
5.5 Gemeinsame Weltzugänge und Interessenlagen
5.6 Subkulturen und Individualisierungsansprüche
5.7 Zusammenfassung
6 Migrantenmilieus in Deutschland und deren Passung zur Waldorfschule
6.1 Die traditionsverwurzelten Migrantenmilieus
6.2 Die bürgerlichen Migrantenmilieus
6.3 Die ambitionierten Migrantenmilieus
6.4 Die prekären Migrantenmilieus
6.5 Zusammenfassung der Ergebnisse
7 Die Interkulturelle Waldorfschule Mannheim
8 Exploration an der Interkulturellen Waldorfschule Mannheim: Vorstellung der Forschungs- und Auswertungsmethode
8.1 Die Fragestellung der Analyse
8.2 Forschungsfeld
8.3 Forschungsmethode: Das Experteninterview
8.4 Bestimmung des vorliegenden Ausgangsmaterials
8.5 Qualitative Inhaltsanalyse in Anlehnung an Philipp Mayring
9 Darstellung und Interpretation der Forschungsergebnisse
9.1 Kategorie „Selbstpositionierung in der Waldorfbewegung“
9.2 Kategorie „Zentrale Elemente des Schülerhabitus“
9.3 Kategorie „Bedingungen und Grenzen der Passung“
9.4 Kategorie „Maßnahmen zur Erreichung der Migrantenmilieus“
9.5 Zusammenfassung der Forschungsergebnisse
10 Fazit und Forschungsausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, warum Schüler*innen mit Migrationshintergrund an Waldorfschulen stark unterrepräsentiert sind und ob die "Interkulturelle Waldorfschule" in Mannheim erfolgreich soziale Hürden überwinden kann, um Kinder aus unterschiedlichsten Migrantenmilieus zu erreichen.
- Habituelle Passung zwischen Waldorfschulkultur und verschiedenen Migrantenmilieus.
- Analyse des sekundären Schülerhabitus in Waldorfschulen.
- Evaluation von Integrationsansätzen der Interkulturellen Waldorfschule Mannheim.
- Anwendung der Theorie der kulturellen Passung nach Bourdieu/Passeron und Kramer/Helsper.
- Experteninterview zur Erforschung von Integrationsbedingungen in der Praxis.
Auszug aus dem Buch
9.2 Kategorie „Zentrale Elemente des Schülerhabitus“
Der Experte beschreibt als oberste Wertepräferenz der Schule die Offenheit und Toleranz gegenüber Andersartigen, in besonderem Maße anderen Kulturen. Diese Offenheit müsse allerdings stets im realen Leben aufgegriffen und nicht in bewusst konstruierten Situationen er- und durchlebt werden. Sie könne niemals durch bloße Anhäufung von Wissen über andere Kulturen entstehen (vgl. Z. 125 – 134). Diese erlebte Offenheit sei nur zu erreichen, wenn Anpassungsbereitschaft von allen schulischen Akteuren vorhanden ist. Stetige Rücksichtnahme und Anpassung an andere Kulturen ist nach dem Experten immer vonnöten. Dazu betrachte man folgendes Beispiel:
Ich werde nie vergessen […], war bei Geburtstagen üblich, dass die Kinder Kuchen mitgebracht haben mit ähm Gummibärchen oben drauf (...) und dann haben die muslimischen Kinder diesen Kuchen nicht gegessen, weil ähm Gelatine in Gummibärchen […] dann haben wir irgendwann das besprochen, festgestellt, dass es so ist, haben auch gesprochen und haben die Kinder selbstverständlich dann Schokokuchen ohne Gummibärchen mitgebracht. Und eines Tages kam ein Mädchen mit aber so viele Gummibärchen gab’s noch nie auf einem Kuchen, Klasse leicht im Schock, starr, was ist jetzt, wie sagen die ihr, ähm ja dass sie traurig wird, weil die Geburtstag hat und jetzt wir (...) wir wollen das nicht, dass du so einen Kuchen mitbringst und dann hat sie sich hingestellt und hat gesagt: naja, achtung, das sind Gummibärchen (…), aber vegane (Z. 134 – 148).
An diesem szenischen Bericht des Experten wird diese Anpassungserwartung deutlich. Das Mädchen ersetzte die Gummibärchen mit Gelatine durch vegane und signalisiere dadurch Anpassungsbereitschaft und Offenheit an andere Kulturen. Das werde jedoch auch gefordert und verlangt. Das Ausbleiben solcher Anpassungshandlungen führe unweigerlich in den Konflikt zwischen verschiedenen Kulturen, wie z. B. bei Quereinsteigern, die am Anfang mit dem Modus der gegenseitigen Akkommodation noch nicht vertraut seien und erst hineinwachsen müssten (vgl. Z. 270 – 274).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung erläutert die Problematik der Unterrepräsentation von Kindern mit Migrationshintergrund an Waldorfschulen und stellt die Fragestellung bezüglich der Interkulturellen Waldorfschule Mannheim vor.
2 Die Freien Waldorfschulen und ihre Gründung: Dieses Kapitel behandelt die Entstehungsgeschichte der Waldorfbewegung und deren ursprüngliches, sozial orientiertes Ideal der Einheitsschule.
3 Die Waldorfelternschaft heute: Hier wird der aktuelle Forschungsstand zur sozialen Herkunft von Waldorfeltern analysiert, wobei eine starke Überrepräsentation bildungsnaher Schichten festgestellt wird.
4 Die Theorie der „kulturellen Passung“: Es werden die theoretischen Grundlagen nach Bourdieu/Passeron sowie die Weiterentwicklung durch Kramer und Helsper eingeführt, um Habitus-Differenzen zu verstehen.
5 Der sekundäre Schülerhabitus an Waldorfschulen: Dieses Kapitel charakterisiert die spezifische Schulkultur und die Erwartungen an den Schülerhabitus in Waldorfschulen.
6 Migrantenmilieus in Deutschland und deren Passung zur Waldorfschule: Hier werden unterschiedliche Migrantenmilieus (SINUS-Modell) hinsichtlich ihrer habituellen Anschlussfähigkeit an die Waldorfschule untersucht.
7 Die Interkulturelle Waldorfschule Mannheim: Vorstellung der Schule als Pionierprojekt, das gezielt versucht, eine kulturell heterogene Schülerschaft zu erreichen.
8 Exploration an der Interkulturellen Waldorfschule Mannheim: Vorstellung der Forschungs- und Auswertungsmethode: Darlegung des methodischen Vorgehens anhand eines Experteninterviews und qualitativer Inhaltsanalyse.
9 Darstellung und Interpretation der Forschungsergebnisse: Analyse des Experteninterviews in vier zentralen Kategorien, um die Integrationspraxis der Schule zu beleuchten.
10 Fazit und Forschungsausblick: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Diskussion der Frage, ob die Schule ihr Ziel der sozialen Einheitsschule erreicht.
Schlüsselwörter
Waldorfpädagogik, Interkulturelle Waldorfschule, kulturelle Passung, Migrantenmilieus, Habitus, Schülerhabitus, Bildungsungleichheit, soziale Selektivität, Integration, Schulkultur, Bildungsbiografie, Migrationshintergrund, qualitative Sozialforschung, Experteninterview, Schulentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen der waldorfpädagogischen Schulkultur und verschiedenen Migrantenmilieus in Deutschland, wobei der Fokus auf der Frage liegt, warum Waldorfschulen bisher kaum Kinder aus bildungsfernen oder Migrantenfamilien erreicht haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind soziale Herkunft, kulturelle Passungstheorien, Milieustudien und die spezifischen Herausforderungen der Integration in einer als exklusiv wahrgenommenen pädagogischen Schulkultur.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, theoretisch zu begründen und empirisch zu prüfen, ob und wie eine Waldorfschule (am Beispiel der IWS Mannheim) durch Anpassungsleistungen und spezifische Maßnahmen erfolgreich Barrieren zwischen ihrem traditionellen Bildungsmodell und Migrantenmilieus überwinden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine theoretische Fundierung (Habituskonzepte) mit einem qualitativen Forschungsansatz, namentlich einem Experteninterview mit einem Funktionsträger der Interkulturellen Waldorfschule, ausgewertet nach der Inhaltsanalyse von Philipp Mayring.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Auseinandersetzung mit der Passungsthematik, eine Typisierung von Migrantenmilieus sowie die explorative Analyse des Experteninterviews zur Praxis an der Interkulturellen Waldorfschule.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem "Habitus", "kulturelle Passung", "Migrationsmilieus", "waldorfferne/waldorfnahe Milieus" und "Schulkultur".
Was unterscheidet die IWS Mannheim von anderen Waldorfschulen?
Die IWS Mannheim versucht aktiv, das Gründungsideal einer Einheitsschule durch gezielte Akquise, den Verzicht auf exklusive Schulgeldanforderungen und eine interkulturelle Ausrichtung im Schulleben wiederzubeleben und umzusetzen.
Gelingt die Integration an der IWS Mannheim vollständig?
Die Studie zeigt ein gemischtes Bild: Während die Schule erfolgreich eine Brücke zu bestimmten Migrantenmilieus schlägt, zeigt sich bei sehr prekären oder traditionell-religiösen Milieus weiterhin eine deutliche Abstoßung, was die Grenzen des waldorfpädagogischen Konzepts markiert.
- Citation du texte
- Tom Becker (Auteur), 2020, Wie Interkulturelle Waldorfschulen die Toleranz fördern. Migrantenmilieus als Herausforderung für die Waldorfpädagogik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512191