Feministische Sprachkritik. Ein theoretischer Überblick


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

24 Seiten, Note: 1,7

Verena Binder (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Feministische Sprachkritik
2.1 Formen der Benachteiligung von Frauen in der deutschen Sprache
2.1.1 Zusammenhang von Genus und Sexus
2.1.2 Generisches Maskulinum
2.1.3 Bildung der femininen Formen
2.1.4 Weitere Arten der sprachlichen Benachteiligung von Frauen
2.2 Vorschläge zur Vermeidung von sprachlichen Benachteiligungen
2.2.1 Beidnennung
2.2.2 Neutralformen
2.2.3 Weitere Vorschläge
2.3 Studien zur Benachteiligung von Frauen in der deutschen Sprache
2.3.1 Klein 1988
2.3.2 Braun/Sczesny/Stahlberg 2002
2.3.3 Kusterle 2011

3 Fazit

II Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die feministisch motivierte Sprachkritik geht davon aus, dass Frauen in der deutschen Sprache benachteiligt werden. Dies geschieht unter anderem durch die Verwendung des generischen Maskulinums, bei dem die maskuline Form einer Personenbezeichnung sich auf Männer und Frauen beziehen soll. Die Kritik richtet sich darauf, dass Frauen dadurch ‚unsichtbar‘ gemacht werden und somit nicht berücksichtigt und in der Folge benachteiligt werden (vgl. Elsen 2014, 82f.). Aus diesem Grund wird die sprachliche Gleichstellung der Geschlechter im öffentlichen Leben, zum Beispiel in Parlamenten und Behörden, diskutiert (vgl. Braun/Sczesny/Stahlberg 2002, 77). Seit den 1980er-Jahren haben Institutionen verschiedenster Art zahlreiche Leitfäden zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch herausgegeben (vgl. Hellinger 2004, 275). Die vorliegende Arbeit soll einen Überblick über die Kritikpunkte am deutschen Sprachsystem und -gebrauch sowie über Lösungsvorschläge und entsprechende Studien dazu bieten.

In Kapitel 2.1 befasse ich mich mit den Gegebenheiten im deutschen Sprachsystem sowie im Sprachgebrauch, durch die Frauen möglicherweise benachteiligt werden. Dazu gehe ich auf den Zusammenhang zwischen Genus und Sexus und das umstrittene generische Maskulinum ein. Zudem stelle ich dar, wie Bezeichnungen für weibliche Personen abgeleitet werden und gehe kurz auf weitere Formen der sprachlichen Benachteiligung ein, zum Beispiel durch Asymme-trien in der Lexik und der Phraseologie. Darauf aufbauend stelle ich in Kapitel 2.2 Vorschläge vor, die Frauen in der deutschen Sprache sichtbarer machen sollen, darunter Formen der Beidnennung, neutrale Bezeichnungen und weitere Ideen, die besonders radikale Änderungen des Sprachsystems beinhalten. In Kapitel 2.3 betrachte ich schließlich beispielhaft drei Studien, die die Auswirkungen verschiedener Sprachformen auf die Mann-Frau-Assoziation untersuchen.

Zur (Un)Sichtbarkeit von Frauen in der deutschen Sprache und zu Lösungsvorschlägen gibt es bereits zahlreiche Forschungsliteratur. Dennoch mangelt es noch an aussagekräftigen Studien zur tatsächlichen Wirkung verschiedener Sprachformen, worauf ich in meinem Fazit näher eingehen werde. Ein wichtiger Literaturtitel für die vorliegende Arbeit ist die Überblicksdarstellung Genderlinguistik. Eine Einführung in Sprache, Gespräch und Geschlecht von Helga Kotthoff und Damaris Nübling (2018). Daneben beziehe ich mich häufig auf Karin Kusterles (2011) Untersuchung Die Macht von Sprachformen. Der Zusammenhang von Sprache, Denken und Genderwahrnehmung sowie auf die Einführung in die feministische Sprachwissenschaft von Ingrid Samel (2000).

2 Feministische Sprachkritik

2.1 Formen der Benachteiligung von Frauen in der deutschen Sprache

Die wichtigste Grundannahme der feministisch motivierten Sprachkritik ist das sprachliche Relativitätsprinzip (vgl. Elsen 2014, 82). Dieses geht im Wesentlichen auf die Forschungen von Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf zurück. Es besagt, dass die linguistischen Verhältnisse der Muttersprache, vor allem die grammatischen Strukturen, die Art des Denkens der Sprecherinnen und Sprecher beeinflussen (vgl. Samel 2000, 84f.). Für die feministische Linguistik folgt daraus:

Die Muttersprache steuert die kognitiven Funktionen wie Wahrnehmung, Bewertung von Sachverhalten, Gedächtnisspeicherung oder Problemlösung ihrer Sprecherinnen und Sprecher. Dies kann konkrete Auswirkungen haben, denn wahrscheinlich wird auch die gesellschaftliche Situation der Geschlechter durch die Art und Weise, wie Frauen in der jeweils zu betrachtenden Sprache vorkommen, mit beeinflußt [sic]. Die Sprache ist nicht nur das Produkt der Gesellschaft und ihrer Sprecherinnen und Sprecher, sondern die Sprache prägt auch die Gesellschaft. (ebd., 83)

In der Sprache werden Asymmetrien in Bezug auf die Rolle der Geschlechter deutlich, die wiederum die Sicht auf die Realität beeinflussen (vgl. Hellinger 2004, 276). Durch Veränderungen in der Sprache lässt sich die Wahrnehmung wandeln (vgl. Elsen 2014, 82), was wiederum zu Veränderungen in der Gesellschaft beiträgt (vgl. Hellinger 2004, 276). Diese zentrale Annahme stellt die Grundlage für die unter 2.2 zusammengefassten Vorschläge zur sprachlichen Gleichstellung der Geschlechter dar.

Samel (2000, 52 – 54) unterscheidet bei feministisch motivierter Sprachkritik zwischen Sprachgebrauchs- und Sprachsystemkritik. Letztere bildete in der Anfangszeit der feministischen Linguistik den Forschungsschwerpunkt (vgl. Kusterle 2011, 33). Sprachsystemkritik ist eine Kritik an Sprachnormen, beispielsweise daran, dass im Deutschen feminine Personenbezeichnungen von maskulinen Formen abgeleitet werden (vgl. Samel 2000, 54). Kusterle (2011, 34) geht davon aus, „dass die Sexismen durch den Sprachgebrauch produziert werden; dass Sprache nur durch den Gebrauch existiert und ein System an sich, welches diskriminieren könnte, nicht greifbar ist.“ Erst durch den Sprachgebrauch werden Frauen ausgeschlossen (vgl. ebd., 36), zum Beispiel indem keine Beidnennung von femininen und maskulinen Formen erfolgt. Dies ist Sprachgebrauchskritik, die Redeweise und Stil kritisiert (vgl. Samel 2000, 54).

2.1.1 Zusammenhang von Genus und Sexus

Genus ist eine „formalgrammatische Kategorie“ (Klann-Delius 2005, 20). Es bezeichnet das grammatische Geschlecht eines Wortes und ist im Deutschen in die drei Klassen Maskulinum, Femininum und Neutrum unterteilt (vgl. Bär 2004, 153). Demgegenüber steht das Sexus, das biologische Geschlecht, das zwischen männlich und weiblich unterscheidet (vgl. Klein 2004, 292). Jedes Substantiv bekommt im Deutschen ein Genus zugewiesen, auch wenn das Bezeichnete keinen Sexus hat (vgl. Stefanowitsch 2017, 122). Es handelt sich also um zwei unterschiedliche Systeme, ein symbolisches und ein natürliches (vgl. Klein 2004, 293) oder ein innersprachliches und ein außersprachliches (vgl. Diewald 2018, 288). Welches Genus ein Substantiv besitzt, hängt (sofern es keine Personenbezeichnung ist) nicht mit seiner Bedeutung zusammen, wie Klein (2004, 292f.) anhand von bedeutungsähnlichen Wörtern mit unterschiedlichen Genera zeigt, zum Beispiel die Mauer, der Wall, das Gitter.

Anhänger einer speziellen Art des Strukturalismus, die grammatische Phänomene nur innerhalb der Sprache analysieren, kritisieren die Annahmen der feministischen Linguistik zum Zusammenhang zwischen dem Genus eines Wortes und der Vorstellung von Sexus, die dieses Wort aufruft (vgl. ebd., 294). Die Genuszuweisung ist aus strukturalistischer Sicht arbiträr (vgl. Klann-Delius 2005, 23). Klein (2004, 294) fasst die zentrale Argumentation wie folgt zusammen:

Da das dreigliedrige grammatische Genussystem und das zweigliedrige biologische Geschlechtersystem unterschiedliche Systeme in unterschiedlichen ontologischen Sphären sind, könne in einer domänenspezifischen Prädominanz eines grammatischen Genus gegenüber einem anderen grammatischen Genus keine Diskriminierung oder Benachteiligung von Angehörigen des biologischen Geschlechtersystems liegen.

Klein (ebd.) argumentiert gegen diese Position, dass zwei Systeme, die unterschiedlich sind, nicht zwangsläufig auch voneinander unabhängig sein müssen. Er nimmt eine „Repräsentationsbeziehung“ (ebd.) an, die zwischen dem sprachlichen und dem biologischen/gesellschaftlichen System besteht (vgl. ebd.).

Bär (2004, 154f.) ordnet Substantiven ein semantisches Geschlecht zu, je nachdem welches Sexus das Bezeichnete hat. Er unterscheidet zwischen semantischen Maskulina (der Mann, die Drohne), Feminina (die Frau, das Mädchen), Utra, die sich auf beide biologische Geschlechter beziehen (der Mensch, die Katze) und Neutra, die Geschlechtsloses bezeichnen (das Haus, der Hof). Die Beispiele zeigen, dass semantisches und grammatisches Geschlecht keineswegs immer deckungsgleich sind. Bär (ebd., 156) fasst deshalb zusammen: „Jedes semantische Geschlecht kann durch jedes Genus ausgedrückt werden“. Diewald (2018, 289) stimmt in diesem Punkt mit Bär überein. Sie spricht von den semantischen Merkmalen ´männlich` und ´weiblich`, die Teil der jeweiligen Wortbedeutung sind.

Klein (2004, 294) sieht dennoch Parallelen zwischen dem Genus von Personenbezeichnungen und dem Sexus des Bezeichneten, ebenso wie Elsen (2014, 83) und Samel (2000, 56). Von dieser Grundregel gibt es nur wenige Ausnahmen, zum Beispiel die Person und das Kind (vgl. Klein 2004, 294). Zu diesem semantischen Kriterium zur Genusverteilung kommen phonologische und morphologische hinzu (vgl. Hajnal/Zipser 2017, 133). Deshalb sind Fräulein und Mädchen trotz des semantischen Femininums aufgrund ihrer Diminutivsuffixe grammatische Neutra (vgl. Stefanowitsch 2017, 122). Hajnal/Zipser (2017, 137) fassen zusammen:

Die grammatische Beschreibung tut sich mit dem Phänomen Genus schwer. Denn Genus lässt sich einerseits als funktionale Kategorie einer autonomen Syntax beschreiben. Andererseits verfügt Genus wie andere Nominalklassen über eine klare Schnittstelle zum Lexikon und damit zur außersprachlichen Welt. Genus ist folglich bestenfalls indirekt an Sexus gekoppelt.

Die Frage des Zusammenhangs von Genus und Sexus spielt insbesondere für die Diskussionen über die Verwendung des generischen Maskulinums als geschlechtsneutrale Form eine wichtige Rolle. Dessen Kritikerinnen und Kritiker nehmen an, dass zwischen Genus und Sexus eine „enge assoziative Bindung“ (Kusterle 2011, 46) besteht, weshalb maskuline Formen als ´männlich` verstanden werden und nur in diesem Kontext verwendet werden sollten (vgl. Samel 2000, 64f.).

2.1.2 Generisches Maskulinum

Ein generisches Maskulinum liegt dann vor, wenn eine maskuline Form sich sowohl auf Männer als auch auf Frauen bezieht. Frauen sind bei der maskulinen Form also mitgemeint (vgl. Elsen 2014, 83). Das generische Maskulinum wird in der Regel verwendet, wenn das Geschlecht der bezeichneten Person irrelevant oder unbekannt ist oder wenn auf eine gemischtgeschlechtliche Gruppe referiert wird (vgl. Klann-Delius 2005, 26). Dabei ist es unerheblich, ob die Gruppe mehr Frauen als Männer oder umgekehrt umfasst (vgl. Kusterle 2011, 47). „ Generisch wird somit in der Bedeutung von geschlechtsübergreifend oder -inklusiv, geschlechtsneu-tral, -indifferent oder -abstrahierend gefasst“ (Kotthoff/Nübling 2018, 92, Kursivierung im Original).

Nach der strukturalistischen Markiertheitstheorie ist die maskuline Form die unmarkierte und somit als generische Form für beide Geschlechter verwendbar. Das markierte Femininum ist dagegen nur beschränkt nutzbar, denn es kann sich ausschließlich auf Frauen beziehen (vgl. Hajnal/Zipser 2017, 130). Klein (2004, 293) spricht vom bifunktionalen Maskulinum im Unterschied zum unifunktionalen Femininum. Hier liegt also eine Asymmetrie des Sprachsystems vor (vgl. Hajnal/Zipser 2017, 130). Problematisch daran ist, dass das Maskulinum entweder beide Geschlechter meinen oder nur auf Männer referieren kann. Frauen können sich somit nicht sicher sein, ob sie eingeschlossen sind oder nicht (vgl. Elsen 2014, 83f.). Dies kann zu Missverständnissen führen, die für Frauen ungünstig ausfallen. Denn bei der Interpretation einer maskulinen Bezeichnung für eine Personengruppe als ´männlich` liegt die Leserin oder der Leser in jedem Fall richtig, da eine so bezeichnete Gruppe mindestens einen Mann beinhalten muss. Ob auch Frauen in der Gruppe sind, bleibt hingegen je nach Kontext unklar (vgl. Kusterle 2011, 47).

Klann-Delius (2005, 26) weist zudem darauf hin, dass maskuline Formen als Referenz auf männliches natürliches Geschlecht verstanden werden, weil Genus und Sexus vor allem bei Personenbezeichnungen assoziativ eng verbunden sind (sh. auch 2.1.1). Nach Elsen (2014, 84) „ist die Verwendung einer maskulinen Form als generisch sehr oft willkürlich.“

Kotthoff/Nübling (2018, 92f.) machen verschiedene Verwendungsweisen des generischen Maskulinums aus, bei denen das Geschlecht der bezeichneten Person(en) je nach Grad der Referenzialität unterschiedlich relevant ist. Am wichtigsten ist das Geschlecht demzufolge bei direkten Adressierungen, zum Beispiel Lieber Rentner!, und bei referierenden Bezeichnungen, die spezifisch und demonstrativ den Agens benennen, wie in Dieser Rentner bezieht gleich sein Zimmer. Wird die Personenbezeichnung hingegen prädikativ verwendet, spielt das Geschlecht nur eine geringe Rolle, etwa in dem Satz Du bist jetzt Rentner. Die ersten beiden Sätze bezeichnen also eindeutig Männer, während im letzten auch eine Frau gemeint sein könnte. „Die Konkretheit und Identifizierbarkeit (Referenzialität) des (…) Rentners nimmt (…) sukzessive ab, und in diesem Maß vermutlich auch die Vorstellung eines männlichen Vertreters“ (ebd., 93). Inwieweit bei Sätzen mit hoher Referenzialität, die eine maskuline Personenbezeichnung beinhalten, zu der die feminine Form ungebräuchlich ist, auch Frauen assoziiert werden, ist Kotthoff/Nübling (ebd.) zufolge noch nicht erforscht. Als Beispiel nennen sie Gast. Nicht-referenziell und somit wenig geschlechtsspezifisch sind zudem die Erstglieder von Komposita wie Raucherabteil (vgl. ebd., 94), wobei Scholten (2017, 116) hier widerspricht.

Außerdem weisen Kotthoff/Nübling (2018, 92 – 94) auf die Bedeutung des Numerus hin: Während eine konkrete Einzelperson das korrekte Geschlecht zugewiesen bekommen muss, weil ein geschlechtsloser Mensch nicht vorstellbar ist, ist dies nicht für jedes einzelne Mitglied einer Gruppe notwendig. Kotthoff/Nübling (ebd., 94) gehen davon aus, das im Plural Genus grundsätzlich neutralisiert wird, werfen allerdings die Frage auf, ob das aus der Singularform bekannte Genus nicht möglicherweise in den Plural mit hineinspielt und eine ausgewogene Geschlechterassoziation verhindert. Außerdem beeinflussen sozial und historisch geprägte Vorstellungen von der außersprachlichen Geschlechterverteilung die Assoziationen: Piloten wird demnach in stärkerem Maße männlich interpretiert als Zuhörer (vgl. ebd., 95)

Bär (2004, 157) zufolge handelt es sich nur dann um echte generische Maskulina, wenn die Bildung einer femininen Form nicht möglich ist. Bei den meisten Wörtern existiert jedoch eine feminine Ableitung. Aufgrund des Strebens nach Sprachökonomie wird bei der Bezeichnung von gemischtgeschlechtlichen Gruppen oft nur die maskuline, „pseudogenerische“ (ebd.) Form verwendet. Die feministische Sprachkritik sieht darin eine Diskriminierung von Frauen, da die Sprache das Denken beeinflusst (ebd., sh. auch 2.1). Ähnlich argumentiert Klein (2004, 296), der beispielhaft für das Wort Einwohner, mit dem mit ziemlicher Sicherheit auch Frauen gemeint sind, die Frage aufwirft „ob und gegebenenfalls in welchem Ausmaß die Verwendung des generischen Maskulinums die Bildung von Vorrangkonzepten für Männer als Prototypen der Einwohnerschaft beeinflusst.“ Samel (2000, 70) fasst zusammen:

Die feministische Sprachwissenschaft nimmt die Maskulina zum Anlaß [sic], darauf hinzuweisen, daß [sic] durch ihre Verwendung nicht deutlich, nicht sichtbar wird, daß [sic] Frauen ebenso wie Männer gemeint sind. Sie bewertet den Gebrauch der Maskulina für eine Gruppe von Männern und Frauen als androzentrische (männerzentrierte) Sprachverwendung, mit der oft das Vorhandensein von Frauen als Gesprächsteilnehmerinnen oder als potenzielle Amtsinhaberinnen ignoriert wird.

Die feministische Sprachkritik bezieht sich jedoch nicht nur auf die generische Verwendung von maskulinen Substantiven, sondern auch auf die Pronomina, die „die grundsätzliche Asymmetrie der Repräsentation des Weiblichen und des Männlichen“ (Klann-Delius 2005, 30) aufzeigen. Kritisiert wird, dass im Deutschen auf Indefinitpronomen wie jeder und keiner und auf das Interrogativpronomen wer maskuline Formen folgen müssen[1], zum Beispiel Wer hat seinen Lippenstift vergessen? (vgl. ebd.).[2] Weitere Beispiele für generisch maskuline Pronomen ohne allgemein übliche feminine Form sind man, niemand und jemand (vgl. Elsen 2014, 83), die vereinzelt aufgrund der lautlichen Übereinstimmung mit Mann in Verbindung gebracht werden (vgl. Samel 2000, 69). Außerdem richtet sich die Kritik auf maskuline Pronomen, mit denen vom Sexus her neutrale Personenbezeichnungen mit Genus Maskulinum grammatisch korrekt wiederaufgenommen werden müssen, auch wenn von einer Frau die Rede ist.[3] Diese Kritik setzt implizit voraus, dass jegliche grammatisch maskuline Form als ´männlich` interpretiert wird (vgl. Klann-Delius 2005, 30).

Um die Unsinnigkeit des generischen Maskulinums zu belegen, wird in vielen Werken der feministischen Linguistik folgende Anekdote in leicht unterschiedlichen Varianten genutzt:

Vater und Sohn fahren Auto. Sie haben einen schweren Unfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Junge wird mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht, in dem ein Chef-Chirurg arbeitet, der eine bekannte Kapazität für Kopfverletzungen ist. Die Operation wird vorbereitet, alles ist fertig, als der Chef-Chirurg erscheint, blass wird und sagt: „Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!“ Frage: In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen der Chirurg und das Kind? (Kotthoff/Nübling 2018, 95, Hervorhebungen von mir, J.H.)

Meines Erachtens resultiert die Schwierigkeit beim Verstehen dieses Textes nicht aus einem Missverständnis aufgrund des generischen Maskulinums[4], sondern aus der falschen Verwendung der maskulinen Formen Chirurg, ein und der. Sie beziehen sich auf eine konkrete Einzelperson und werden referenziell verwendet, was der Verwendung des generischen Maskulinums entgegensteht, wie auch Kotthoff/Nübling (2018, 96) kritisieren. Im Text müssten also die vorhandenen und gebräuchlichen femininen Formen Chirurgin, eine und die zum Einsatz kommen. Das Problematische an der Anekdote ist, dass sie (fehlerhaft) aus dem Englischen übersetzt wurde. Dort gibt es keine weibliche Entsprechung zu surgeon. Wenn die Leserin oder der Leser des englischen Textes stutzt, liegt das daran, dass mit dem Chirurgenberuf eher Männer als Frauen assoziiert werden (vgl. ebd.).

[...]


[1] Zu jeder und keiner gibt es – anders als bei wer – in rein weiblichen Kontexten jedoch die Möglichkeit, die femininen Entsprechungen jede und keine zu verwenden und mit femininen Pronomen – wie die – wiederaufzunehmen. Die Problematik der Unsichtbarkeit von Frauen besteht hier also nur, wenn die maskulinen Formen generisch für gemischtgeschlechtliche Gruppen verwendet werden.

[2] Weitere Ausführungen zu wer bei 2.2.3.

[3] Der Gast , der das Zimmer bewohnt, ist nicht da. Er ist vor fünf Minuten weggegangen (eigenes Beispiel).

[4] Wie beispielsweise Kusterle (2011, 63) annimmt.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Feministische Sprachkritik. Ein theoretischer Überblick
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
24
Katalognummer
V512378
ISBN (eBook)
9783346092465
ISBN (Buch)
9783346092472
Sprache
Deutsch
Schlagworte
feministische, sprachkritik, überblick
Arbeit zitieren
Verena Binder (Autor), 2019, Feministische Sprachkritik. Ein theoretischer Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512378

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