Die richtige Ernährung für Säuglinge und Kleinkinder. Aktuelle Empfehlungen und Interventionsmöglichkeiten für die Soziale Arbeit


Fachbuch, 2020

96 Seiten


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Vorgehensweise
1.2 Begriffserläuterungen

2 Historische Entwicklung der Säuglings- und Kleinkindernährung
2.1 Ernährung und Erziehung – eine Korrelation
2.2 Säuglingsernährung im Wandel der Zeit

3 Von der Milch zur Beikost
3.1 Muttermilch und Muttermilchersatz
3.2 Studien zum Stillverhalten
3.3 Zwei Wege der Beikosteinführung

4 Empfehlungen zur Säuglings- und Kleinkindernährung
4.1 Weltgesundheitsorganisation (WHO)
4.2 Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ) und Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE)
4.3 Weitere Empfehlungen
4.4 Kritische Betrachtung der bisherigen Erkenntnisse

5 Pädagogischer und sozialarbeiterischer Blickwinkel
5.1 Säuglingspflege nach Emmi Pikler
5.2 Kultursensibler Umgang
5.3 Bedeutung für die Soziale Arbeit

6 Zusammenfassung
6.1 Forschungsfragen
6.2 Übersicht der verwendeten Studien
6.3 Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Zusammenhang IQ und Stilldauer.

Abb. 2: Untersuchung der Stilldauer.

Abb. 3: Ernährungsplan der DGKJ für das erste Lebensjahr

Abb. 4: Mahlzeitengestaltung / Herstellung nach der DGKJ

Abb. 5: Lóczy Essbänkchen

1 Einleitung

Die Ernährung spielt von Geburt an eine wichtige Rolle und stellt Eltern nicht selten vor Herausforderungen. Dass Ernährung weit mehr ist als eine reine Nahrungsaufnahme, wird in diverser Literatur deutlich. Dies demonstriert die Bedeutung und Wichtigkeit des Themas Ernährung, vom ersten Lebenstag an. Immanuel Kant konstatierte hierzu in einer akademischen Vorlesung zum Thema Pädagogik (zitiert aus dem Werk „Erziehung und Ernährung“ von Sabine Seichter):

„´Unter der Erziehung nämlich verstehen wir die Wartung (Verpflegung, Unterhaltung), Disziplin (Zucht) und Unterweisung nebst der Bildung´. Bemerkenswert an dieser Formulierung Kants ist nicht so sehr der Hinweis auf Zucht, Unterweisung und Bildung, sondern jener auf die an erster Stelle genannte Ernährung“

(Seichter 2012, S. 13).

Die Art und Weise, wie die Ernährung und Versorgung im Säuglingsalter von den Eltern gestaltet und umgesetzt und somit von dem Baby erfahren wird, beeinflusst die Entwicklung des Kindes und dessen Einstellung zur Ernährung ein Leben lang. Die Säuglingsernährung darf daher nicht nur als reiner Akt des Hungerstillens gesehen werden, sondern muss in ihrer gesamten Dimension und Wirkung erkannt werden.

Die vorliegende Arbeit stellt eine Annäherung an das Thema Säuglingsernährung aus historischem bis hin zum zeitgenössischen Kontext dar. Hierzu werden aktuelle Empfehlungen skizziert und die Thematik aus pädagogischer und sozialarbeiterischer Sicht beleuchtet. Es wird versucht, Antworten auf folgende Fragen zu finden:

- Wie hat sich die Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern historisch verändert?
- Welche Empfehlungen gibt es aktuell zur Säuglingsernährung? Wie werden diese empirisch begründet?
- Welche Bedeutung hat die Säuglingsernährung für die Entwicklung des Kindes? Wie kann hierbei positiv agiert werden?
- Welche pädagogischen Empfehlungen gibt es zur Gestaltung von Mahlzeiten im Säuglings- und Kleinkindalter?
- Wie können SozialarbeiterInnen der Thematik begegnen?

1.1 Vorgehensweise

Als thematischen Einstieg wird zunächst die Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern im historischen Kontext betrachtet. Hierzu werden passende Literaturfunde vorgestellt und ein kurzer Überblick zur historischen Entwicklung gegeben. Der nachfolgende Passus vereint theoretische Bezüge zur Milchernährung und Beikosteinführung mit Forschungsergebnissen zu Vor- und Nachteilen des Stillens/Nichtstillens sowie zum Stillverhalten. Im Anschluss geht es um die Säuglingsernährung im zeitgenössischen Kontext. Es werden aktuelle Empfehlungen vor allem der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dem Verein der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und dem Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) vorgestellt und eine kritisch zusammenfassende Betrachtung skizziert. Im fünften Kapitel wird die Säuglingsernährung aus pädagogischer und sozialarbeiterischer Sicht beleuchtet und der kultursensible Umgang thematisiert. In diesem Kapitel steht der praktische Bezug im Vordergrund. Schließlich wird im letzten Abschnitt alles Bisherige zusammenfassend betrachtet, vor allem im Hinblick auf die einleitend erwähnten Forschungsfragen.

Die in dieser Arbeit erwähnten Studien und Forschungen sind die aktuellsten, die zur Zeit der Bearbeitung ermittelt werden konnten. Dass alle zur Thematik relevanten Studien gefunden und verwendet wurden, kann nicht gewährleistet werden. Die Recherche hat gezeigt, dass zahlreiche statistische Erhebungen zum Thema Stillen publiziert wurden. In ebenfalls vielen Studien wurden zudem Gründe und Einflussfaktoren für die Entscheidung für und gegen das mütterliche Stillen untersucht. Zu dieser Thematik konnte auch zahlreiche Literatur gefunden werden. Schwieriger war die Suche nach Forschungsergebnissen und Literatur bezüglich der Beikosteinführung, vor allem zur Methode Baby-led weaning.

1.2 Begriffserläuterungen

Um Unverständlichkeiten zu vermeiden, werden nachfolgend zentrale Schlüsselbegriffe in ihrer inhaltlichen Dimension erläutert. Für eine leichtere Lesbarkeit ist in der Arbeit überwiegend von der „Mutter“ als Ernährerin die Rede. Im Allgemeinen ist hiermit jedoch jede Person gemeint, die für die Verpflegung/Ernährung des Kindes zuständig ist.

1.2.1 Säugling und Kleinkind

Als „Säugling“ wird ein Kind von der Geburt bis zum ersten Lebensjahr definiert aber auch als ein Kind „das noch an der Brust der Mutter oder mit der Flasche genährt wird“ (Bibliographisches Institut GmbH Dudenverlag 2018, Berlin). Als Kleinkind wird in dieser Arbeit die Lebensphase nach dem ersten Lebensjahr bezeichnet. Bedeutend ist hierbei nicht die obere Altersgrenze, sondern lediglich die Unterscheidung zwischen der Ernährung im ersten und den nachfolgenden Lebensjahren. Um übermäßige Wortwiederholungen zu vermeiden, werden synonym die Begriffe „Baby“ und „Kind“ verwendet.

1.2.2 Säuglingsernährung

Hiermit ist die gesamte Ernährung eines Babys im ersten Lebensjahr gemeint, also sowohl die Milchernährung, die aus Muttermilch und Muttermilchersatz bestehen kann, als auch die Beikost.

1.2.3 Muttermilchersatz

Der Begriff „Muttermilchersatz“ bezeichnet in dieser Arbeit sämtliche Arten der industriell hergestellten Milch. Nachfolgend tauchen folgende Synonyme auf: Folge-, Industrie- und Säuglingsmilch sowie künstliche Ernährung.

1.2.4 Stillen

„Stillen“ bezeichnet die natürliche Ernährung des Säuglings an der Brust der Mutter. Wenn in den nachfolgenden Kapiteln von „Muttermilch“ die Rede ist, kann diese dem Säugling sowohl direkt aus der Mutterbrust als auch mittels Fläschchen zugeführt werden. Geht es speziell um das Trinken aus der Mutterbrust, wird der Begriff „Stillen“ verwendet.

2 Historische Entwicklung der Säuglings- und Kleinkindernährung

Bevor auf die aktuellen Empfehlungen und statistischen Daten zum Thema Säuglingsernährung eingegangen wird, soll an dieser Stelle zunächst ein Überblick über die historische Entwicklung skizziert werden. Es geht hierbei nicht um einen lückenlosen geschichtlichen Überblick. Vielmehr soll die Bedeutung des Zusammenwirkens von Ernährung und Erziehung in ausgewählten literarischen Werken vorgestellt werden. Im Anschluss wird versucht, eine Annäherung zum zeitgenössischen Kontext herzustellen. Hierfür werden ältere Handlungsempfehlungen über die Ernährung des Kindes skizziert. Vor allem geht es in diesem Abschnitt um die verändernden Ansichten zur Bedeutung des Stillens und der Säuglingsernährung in der Geschichte und Gesellschaft.

In diesem Kapitel wurden die Werke „Erziehung und Ernährung“ (2012) und „Erziehung an der Mutterbrust“ (2014) von Sabine Seichter richtungsweisend verwendet. Sie hat sich in beiden Büchern umfassend mit der hier vorgestellten Thematik auseinandergesetzt.

2.1 Ernährung und Erziehung – eine Korrelation

In der Antike bis hin zu Platons Zeiten waren die Begriffe für Ernährung und Erziehung identisch. Das Wort „trophé“ bedeutete sowohl Lebensmittel, Ernährung, Kost als auch Lebensweise, Erziehung und Aufzucht (vgl. Seichter 2012, S. 42). Das älteste und vollständig überlieferte antike Werk zum Thema Erziehung ist die Schrift „Peri paidon agogés“ (Über Kinderziehung) von einem aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert nach Christus stammenden Schriftstellers. Seichter hat sich in ihrem Werk „Erziehung und Ernährung“ unter anderem mit dieser Schrift auseinandergesetzt und formuliert hierzu: „…die Aufzucht der Kinder wird quasi stillschweigend der Mutter bzw. der Amme überlassen, so dass die wichtigste pädagogische Entscheidung des Vaters darin besteht, eine kluge Wahl der richtigen Amme zu treffen“ (Seichter 2012, S. 65). Als begeisterte Leser dieser „antiken Erziehungsweisheit“ galten später beispielsweise „Bacon, Comenius, Locke, Rousseau, Schiller, Jean Paul u.a.“ (Seichter 2012, S. 66). Seichter schreibt zu dem genannten Werk weiter:

„Dabei misst Pseudo-Plutarch dem Einfluss der Muttermilch eine ungeheuer große Bedeutung für die physische und moralische Entwicklung des Kindes zu… . Das Säugen der Mütter erscheint Pseudo-Plutarch auch aus dem anderen Grunde ratsam, dass sie die Kinder dann mit tieferer Zuneigung und erhöhter Sorgfalt aufziehen, ´denn ihre Liebe wird inbrünstiger und kommt sozusagen aus Herzensgrund´. Dass Mütter ihre Kinder selbst säugen, erscheint Pseudo-Plutarch als eine Weisung der Natur, denn sonst hätte sie nicht jedem gebärenden Geschöpf Milchbrüste gegeben“

(Seichter 2012, S. 66).

Das Erziehungstraktat des Pseudo-Plutarchs verdeutlicht die Bedeutung des Stillens als naturgegebene Ernährungsform des Kindes. Auch in der Zeit der Aufklärung gibt es, unter anderem mit Rousseau, Befürworter dieser natürlichen Ernährung. In seinem 1762 herausgegebenen Werk „Emile oder Über die Erziehung“, verurteilt Rousseau Mütter, die ihr Kind als primäre Pflicht nicht stillen. Sie handeln seiner Ansicht nach „naturwidrig“ und „vernunftwidrig“ (Rousseau 1998, S. 120). Weiter formuliert er:

„Seitdem die Mütter, in Missachtung ihrer vornehmsten Pflicht, ihre Kinder nicht mehr selbst nähren wollten, übergab man sie gewinnsüchtigen Frauen, die, auf diese Weise Mütter von fremden Kindern, an die sie keine natürliche Bindung hatten, sich um sie nicht die geringste Mühe machten“

(Rousseau 1998, S. 120).

Wie bereits in der Antike wird also auch in der Zeit der Aufklärung, wie Rousseau in seinem Werk deutlich macht, das Stillen als natürliche und primäre Pflicht der Mutter gesehen. Es geht hierbei jedoch nicht nur um die reine (naturgegebene) Pflichterfüllung. Pseudo-Plutarch und Rousseau heben ebenso die Bedeutung der emotionalen Bindung und Beziehung zwischen dem Säugling und der stillenden Mutter hervor.

Die Bedeutung der Natur (und der natürlichen Gesetzmäßigkeiten) für die Erziehung und Ernährung setzt sich in dem 1807 verfassten Buch „Über die Erziehung für Erzieher“ von Sailer fort. Ähnlich wie Rousseau setzt Sailer „die falsche Art der kindlichen Ernährung mit einer falschen, d.h. entgegen der Natur des Kindes erfolgenden Erziehung“ (Seichter 2012, S. 74) gleich. Er kritisiert die „Künstelei in der Wahl der Speisen“ (Sailer 1962, S. 97) als Abwendung von der einfachen, natürlichen Ernährung. Das Kind würde hierdurch „für das Leben unbrauchbar“ (Sailer 1962, S. 97) gemacht, da es an nur eine Art der Ernährung gewöhnt werden würde. Seichter fasst Sailers Kritik wie folgt zusammen:

„Einen der schwerwiegendsten Erziehungs- und Ernährungsfehler sieht Sailer darin, dass das gehorsame Kind mit ´Leckerbissen belohnt´ wird. Der ´gutgemeinte Unverstand´ der Erzieher macht das Kind naschhaft und ´verzieht´ es so mit einem falschen Begriff und einem falschen Verständnis von Erziehung überhaupt“

(Seichter 2012, S. 74 f.).

Die Bedeutung der Einfachheit der Nahrung wird auch in der Romantik durch Pestalozzis Schüler Friedrich Fröbel fortgesetzt. In seinem 1826 entstandenen zweiten Band „Menschenerziehung“, schreibt Fröbel nicht nur dem Stillen eine hohe erzieherische Tragweite zu, sondern der gesamten (einfachen) Ernährung in der frühen Kindheit, denn „durch die richtige Auswahl der Nahrungsmittel gewinnt das Kind die für das Leben notwendige Stärke und wird durch sie ´lebenstätig´, ´lebensfrisch´ und ´lebensflink´“ (Seichter 2012, S. 76). Zwar äußert sich Fröbel nicht dazu, abgesehen von der Muttermilch, welche Nahrungsmittel im Speziellen für den Säugling geeignet sind, jedoch formuliert er allgemein: „Die Nahrung des Kindes sei darum die einfachste, welche das Verhältnis, in dem das Kind lebt, nur reichen und geben kann, und sie werde ihm in einem Maße gereicht, welche mit seiner Körper- und Geistestätigkeit in gleichem Verhältnis steht“ (Fröbel 1968, S. 39). Die Nahrungsmittel seien also auf die individuellen Fähigkeiten des Kindes abgestimmt. In dem um 18611veröffentlichten Werk „Essays on Education and kindred Subjects“ widmet Spencer seine Aufmerksamkeit unter anderem der Ernährung (vgl. hierzu Spencer 1966). Er unterscheidet hierbei die drei Kategorien Quantität, Qualität und Variabilität, die von Seichter folgendermaßen zusammengefasst werden:

„Hinsichtlich der Quantität verwirft Spencer jegliche Einseitigkeit, also sowohl Über- als auch Unterfütterung. Statt Verwöhnung oder Abtötung verlangt er einen rhythmischen Wechsel von Ausschweifung und Askese. Bezüglich der Qualität fordert er eine optimal konzentrierte Nahrung… .

Die ´variety of food´ erscheint Spencer als am wichtigsten, denn keine einzelne Nahrung kann alles enthalten, und deshalb ist Mischkost und nicht Eintönigkeit geboten. Fasst man alle drei Regeln zusammen, dann heißt das: die Nahrung des menschlichen Nachwuchses muss so reichlich, so nahrhaft und so abwechslungsreich wie möglich sein…“

(Seichter 2012, S. 78).

Die Forderungen Spencers nach Ausschweifung und möglichst abwechslungsreicher Kost stehen konträr zu den skizzierten Ansichten von Sailer und Fröbel.

Im Jahr 1848 erschien das Buch „Die Pädagogik als System“ von Rosenkranz. Rosenkranz misst ebenso wie Pseudo-Plutarch, Rousseau und Fröbel der Muttermilch als erste Nahrung des Säuglings eine wichtige Rolle bei. Nur bei Krankheit der Mutter sei das Nähren des Kindes durch eine Amme als (traurige) Ausnahme denkbar, „weil mit der Ernährung durch die Amme auch ein fremdes psychisches und ethisches Element verschleppt wird“ (Rosenkranz 2008, S. 58). Da der Mensch ein Omnivore sei, liege es in der Natur der Kinder, dass sie von allem Essen und Trinken kosten wollen; die Naschhaftigkeit des Kindes dürfe daher nur bei besonderer Raffinesse oder Schlemmerei bestraft werden oder wenn mit ihr Heimlichkeit oder Aufsässigkeit korreliere (vgl. Rosenkranz 2008, S. 61). Auch Rosenkranz schreibt der Natur oder den natürlichen Gegebenheiten eine entscheidende Bedeutung in der Ernährung des Kindes bei.

Mit Hilfe der Anthropometrie konnten Gewicht und Größe des menschlichen Körpers vermessen werden, es entstand der sogenannte „Durchschnittsmensch“ (vgl. Seichter 2012, S. 156). Die somit gewonnen Informationen und Vergleichswerte wurden um 1800 vor allem zur Beurteilung der Militärtauglichkeit genutzt (vgl. Oltersdorf 2016, Stuttgart). Adolphe Quételet, Bevölkerungsstatistiker und Astronom, beschäftigte sich 1835 in seiner Schrift „Sozialphysik oder Abhandlung über die Entwicklung der Fähigkeiten des Menschen“ mit der Theorie des Durchschnittsmenschen: „Auf der Basis mathematischer Gesetze der Fehlverteilung rekonstruiert Quételet dort den normalen Körpermenschen mitsamt seinen intellektuellen und moralischen Eigenschaften…“ (Seichter 2012, S. 156). Durch die gewonnen Erkenntnisse über den durchschnittlichen Menschen wurden im 19. Jahrhundert exakte Messungen „des kindlichen Körpers und die Aufstellung von ´normalen´ Wachstumstabellen und –kurven“ (Seichter 2012, S. 156) vorgenommen. Diese Vergleichswerte „wurden zu einem massiven Kampfmittel gegen die hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit erklärt und dienten in der sozialen Praxis als Richtschnur für die Entwicklungsverläufe eines ´normalen Kindes´; nicht selten auch hinsichtlich seiner sozialen und mentalen Eigenschaften“ (Seichter 2012, S.156). Die Quételetsche These „veränderte das Wissen über Kinder in zweierlei Weise: durch die Einführung des Konzepts statistischer Gesetze der Gesellschaft, den Newtonschen Naturgesetzen vergleichbar, und indem sie die Vorstellung von Wahrscheinlichkeitsgesetzen propagierte“ (Turmel 2008, S. 37). Das somit gewonnene Datenmaterial nahm gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine beachtliche Größe an. Es ermöglichte einerseits professionelle, medizinische Behandlungsmöglichkeiten, andererseits, so gibt Seichter zu Bedenken:

„Der Durchschnitt z.B. von Körpergröße und Körpergewicht eines Kindes zum Zeitpunkt X galt als ordnungsgemäß, wobei das Abweichen von dieser Normalität weniger als Nachteil für das einzelne Kind, sondern vielmehr als Bedrohung der öffentlichen Ordnung angesehen wurde. Die Möglichkeit des Vergleichens gewann dabei eine neue Dimension, die nicht selten in dem Gedanken der ´Auslese´ extrem Abweichender ihren bedenklichen Gipfelpunkt erreichte“

(Seichter 2012, S. 156).

Um dieser „Abweichung vom Durchschnitt“ Einhalt zu gebieten, oder diese zumindest einzudämmen, bedarf es einer staatlichen Kontrolle über die Ernährung der Kinder. Eine gute Möglichkeit für einen einheitlichen und umfassenden Eingriff in die kindliche Erziehung/Ernährung stellt die staatliche Schule dar: „ Durch die institutionelle Etablierung von Schulspeisungen gewinnt die Politik die Möglichkeit einer zentral regulierten und lokal veranstalteten Versorgung der Kinder im Dienste einer gesteigerten Arbeits- und Leistungsfähigkeit“ (Seichter 2012, S. 159).

Mit der Etablierung der medizinischen Polizei Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Gesundheitszustand der Bevölkerung Aufgabe des Staates: „Diese neue Disziplin sollte sich mit allem befassen, was die öffentliche Gesundheit beeinflussen konnte und wirksame Konzepte entwickeln, wie sie verbessert werden könnte“ (Pieper 2003, S. 28). Die Erziehung des Einzelnen zu einem funktionstüchtigen und gesunden Staatsbürger wurde somit zum Politikum.

Die medizinische Polizei war demzufolge ein „Inbegriff von Grundsätzen, zu den möglichst besten öffentlichen Anstalten eines Staates, für die Erhaltung der Gesundheit und des Lebens und für die Fortpflanzung der Unterthanen (!), und des zu ihrem Unterhalte nothwendigen (!) Viehes“ (Hußty 1786, § 1)2. Hußty widmet sich in seinem „Diskurs über die medizinische Polizei“ (1786) auch im Besonderen den Findelkindern. Die polizeiliche Aufsicht sei ebenso - oder vor allem – in den staatlichen Findelhäusern notwendig. Durch eine disziplinierte und strenge Erziehung seien Kinder, die „dem Staat zur Last fallen würden, wenn sie zur Weichlichkeit und Gemächlichkeit erzogen würden“ (Hußty 1786, § 537) zu vermeiden. Kontrolliert wurde in erster Linie die Ernährung, um eine Unter- oder Fehlernährung zu vermeiden und somit potentielle, gesunde Arbeitskräfte zu erschaffen. Hußty formuliert hierzu:

„Auf keinen Gegenstand hat die Polizei mehr zu wachen, als auf den Theil (!) der öffentlichen Erziehung, wodurch wir erst zu nützlichen Bürgern werden… Die Polizei hat sich also umzusehen, daß (!) sich in die öffentliche Erziehung nichts einmische, was das phisische (!) Wohl der Zöglinge stören könnte, oder als phisische (!) Ursache der gehörigen Ausbildung der Geisteskräfte zuminder (!) wäre“

(Hußty 1786, § 545).

Wie diese ausgewählten literarischen Beispiele zeigen, sind Erziehung und Ernährung – auch in die heutige Zeit übertragen – nicht voneinander zu trennen. Die Ernährung stellt ein fundamentales Element in der Erziehung dar. Seichter fasst dies in ihrem Buch „Erziehung und Ernährung“ passend zusammen:

„Die von Kant aufgestellten pädagogischen Maximen der Disziplinierung, Zivilisierung, Kultivierung und Moralisierung lassen sich – bis heute – als Erziehungsaufgaben deuten, die auch und besonders wirkungsvoll durch das Essen (methodisch) vollzogen und (teleologisch) erreicht werden können. Wenn Rousseau im zweiten Buch seines ´Emile` schreibt, ´daß (!) das geeignetste Mittel, Kinder zu erziehen, darin besteht, sie durch ihren Mund zu lenken` (Rousseau 1998, S. 328), so lohnt es sich, dem näher nachzugehen …“

(Seichter 2012, S. 179).

2.2 Säuglingsernährung im Wandel der Zeit

Gefäße zur Ernährung des Säuglings, die dem Zuführen künstlicher Nahrung dienen, seien für die Zeit vor 2000 v. Chr. nachgewiesen (vgl. Seichter 2012, S. 229). Weiterhin „ist die ´Euterernährung´, bei welcher dem Kind die Zitzen einer Ziege oder eines Esel in den Mund geschoben wurde, fester Bestandteil uralter Sagen, Mythen und Überlieferungen“ (Seichter 2012, S. 229 f.). Ebenso von langer Tradition sei die Gabe von Milchbreien, welche nicht selten mit Likör und Opium angereichert waren, um das Kleinkind zu beruhigen (vgl. Seichter 2012, S. 229). Die Euterernährung galt vor allem als günstiger Ersatz zur Lohnamme und war bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts weit verbreitet. Erst als die Forschungen von Louis Pasteur und Justus von Liebig voranschritten, wurde die Euterernährung abgeschafft. So konnten die beiden Chemiker durch die „Differenzierung der vier lebenswichtigen Grundlagen menschlicher Ernährung (Eiweiß, Fett, Kohlehydrate und Salz) sowie durch die Möglichkeit der Entkeimung von Milch“ (Seichter 2012, S. 231) eine ungenügende und ungesunde Zusammensetzung der Ziegenmilch nachweisen. Neben Lohnammen gab es seit der jüngeren Steinzeit sogenannte Trockenammen, die für die künstliche Ernährung eines Säuglings zuständig waren und ihnen vor allem Milch mit Honig mittels Saugflaschen zuführten (vgl. Seichter 2014, S. 21).

Im Mittelalter wurden gesunde Frauen, die sich gegen das Stillen entschieden, moralisch diskriminiert. Dennoch weisen sowohl das weitverbreite Ammenwesen als auch diverse Möglichkeiten zur künstlichen Ernährung des Säuglings daraufhin, „dass für die Frauen das Stillen nicht als der kategorische weibliche Imperativ angesehen wurde und sich gerade über die Art und Weise der Säuglingsernährung auch unterschiedliche Ausdrucksformen von Mutterschaft und mütterlicher Fürsorge zeigen konnten“ (Seichter 2014, S. 38).

In der Zeit der Aufklärung, im 18. Jahrhundert, galt es als gesellschaftliche Verpflichtung jeder Frau, das eigene Kind hingebungsvoll und bedingungslos zu lieben und zu pflegen, was allein durch das Selbststillen möglich würde (vgl. Seichter 2014, S. 52). Auch bedingt durch die hohe Kindersterblichkeitsrate, die zu jener Zeit vor allem durch eine mangelnde oder falsche Ernährung herrührte, wurde von der künstlichen Säuglingsernährung und dem Dienste einer Lohnamme abgeraten (vgl. Seichter 2014, S. 62). Das Ammenwesen existiert bereits seit etwa 2000 v. Chr. So ist im Gesetzbuch Hammurabis folgendes zu lesen: „Wenn jemand sein Kind zu einer Amme gibt und das Kind in deren Händen stirbt, die Amme aber ohne Zustimmung von Vater und Mutter gleichzeitig ein anderes Kind säugt, so soll man sie dieser Übertretung überführen und ihr die Brüste abschneiden“ (Lehmann 1954, S. 12). Das gesellschaftliche Ansehen der Ammen war also von Beginn an von Ambivalenz gekennzeichnet. In den Familien, die die Dienste der Amme in Anspruch nahmen, genossen die Frauen Anerkennung und stellten für das Kind eine wichtige Bezugsperson dar (vgl. Seichter 2014, S. 19). Gesellschaftlich wurde eine Amme jedoch häufig aufgrund ihres Berufes diffamiert, da sie oftmals „ihr eigenes Kind aufgrund der Vermarktung ihrer Muttermilch zurücklassen musste und dieses deshalb oftmals aufgrund von Mangelernährung starb“ (Seichter 2014, S. 19). Wie bereits im vorherigen Abschnitt erwähnt, stellte für Rousseau das Stillen und die Aufzucht des Kindes die weibliche Urpflicht jeder Mutter dar. Seichter schreibt hierzu: „Mit dem Akt des Selbststillens verband man [ab dem 18. Jahrhundert, d. Verf.] gemeinhin nicht nur die für den Säugling geeignetste Art und Weise der Ernährung, sondern … die erste Möglichkeit, auf die Moralisierung des Kindes und damit auch auf die Gesellschaft einzuwirken“ (Seichter 2012, S. 225). Mit Rousseaus Appell an die Mütter, ihre Säuglinge selbst zu stillen, sollen der Sittenverfall verhindert und die „natürlichen Regungen“ geweckt werden, sodass sich der Staat wieder bevölkere (vgl. Rousseau 1998, S. 19). Lloyd de Mause führt in seiner Schrift von 1977 „Hört ihr die Kinder weinen“ Zahlen an, die einen tiefen und gleichzeitig erschreckenden Eindruck über die damalige Situation vermitteln: Laut der Schätzung eines Polizisten in Paris im Jahr 1780 wurden 21.000 Babys in Paris geboren, hiervon wurden 17.000 aufs Land zu Ammen geschickt, 2000 bis 3000 Säuglinge wurden in Kinderheimen abgegeben, etwa 700 wurden von Lohnammen zu Hause bei den Eltern versorgt und etwa ebenso wenige – lediglich 700 Säuglinge – wurden von der eigenen Mutter gepflegt und gestillt (vgl. de Mause 1977, S. 58). Die Säuglingsernährung wird in der Zeit der Aufklärung, wie abermals im Laufe der Geschichte, zum Politikum:

„Ein aufgeklärter Staat kann sich jedoch ein zu frühes Ableben seiner Bürgerinnen und vor allem seiner Bürger schlichtweg nicht leisten. Für sein Wachsen und Gedeihen bedarf er einer nützlichen, brauchbaren und gesunden neuen Generation; vor allem im Hinblick auf die Wirtschaft und auf das Militär. Aus dieser Perspektive wird das gesunde Kind zum Spiegel einer wirtschaftlich erfolgreichen Politik und zum Beweis für eine gelungene Erziehung und eine moralische Lebensweise. Neben den Politikern und Erziehern fungierten wiederum die Hausärzte stillschweigend als (Haupt-)Vertreter staatlicher Bevölkerungsinteressen (…). Mit diesem Engagement übernahmen sie neben den medizinischen Aufgaben auch moralisch-politische und stiegen so in den Rang von Volkserziehern auf“

(Seichter 2014, S. 62).

In diesem Zusammenhang seien die Mediziner Johann Friedrich Zückert (1737-1778) und Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836) zu nennen. Zückert beklagt in seiner 1764 entstandenen Schrift „Unterricht für rechtschaffene Eltern, zur diätetischen Pflege ihrer Säuglinge“ die künstliche Ernährung des Babys mit Mehlbreien, bestehend aus Stärke, Weizenmehl, Wasser und Zucker (vgl. hierzu Seichter 2014, S. 63). Dies sei sowohl für die Versorgung mit den notwendigen Nährstoffen als auch für die Verdauung des Säuglings ungeeignet. Ebenso verurteilt der Mediziner das Vorkauen der Nahrung durch die Amme aufgrund der mangelnden Mund-Hygiene zutiefst (vgl. hierzu Seichter 2014, S. 63). Ähnlich wie Zückert fordert auch der Mediziner Hufeland eine rein natürliche Säuglingsernährung. In seiner Abhandlung von 1848 „Guter Rath an Mütter über die wichtigsten Punkte der physischen Erziehung der Kinder“ betont Hufeland die Wichtigkeit des ausschließlichen mütterlichen Stillens in den ersten neun Lebensmonaten (vgl. hierzu Seichter 2014, S. 63). Seine Anweisungen nach streng geregelten Essenszeiten lassen bereits die Entwicklungen des kommenden 19. und 20. Jahrhunderts erahnen. Das Politikum und die Bedeutung der Medizin im Bereich der Säuglingsernährung gipfelten im 18. Jahrhundert in der Etablierung der bereits erwähnten medizinischen Polizei. Zacharias Gottlieb Hußty verdeutlicht in seinem Werk „Diskurs über die medizinische Polizei“ von 1786, dass das Nichtstillen der Frauen einzig und allein durch Krankheit zu rechtfertigen sei (vgl. Hußty 1786, § 514). Diese Stillunfähigkeit müsse attestiert werden. Ebenso hat die Frau bereits während der Schwangerschaft, spätestens zur Geburt des Kindes, anzuzeigen, ob sie zu stillen gedenke oder nicht, denn:

„So würde man die faulen Mütter von den fleißigen, die kranken von den gesunden kennen und unterscheiden lernen (…) und endlich würde man sich in Stand setzen, den Müttern, die ihre Pflichten erfüllen, denjenigen Vorzug angedeihen zu lassen, welcher ihnen vor dem übrigen Haufen der Halbmütter gebühret“

(Hußty 1786, § 514).

Weiterhin ist zu lesen, dass eine Mutter ihren Säugling mindestens acht Monate stillen solle, ein früheres Abstillen bedarf einer Erlaubnis durch die medizinische Polizei (vgl. Hußty 1786, § 516). Die praktische Umsetzung der Forderungen der medizinischen Polizei wurde damals nur teilweise erreicht. Jedoch spiegeln bereits die schriftlich formulierten Anweisungen und Anordnungen von Hußty die gesellschaftliche Situation, vor allem der Mütter, auf beeindruckende Weise wider. Die Dimension und Tragweite der moralisch-gesellschaftlichen Diffamierung, welcher nichtstillende „Halbmütter“ zu jener Zeit ausgesetzt waren, lassen sich hierbei nur erahnen.

Neben der Milchernährung wurden Säuglingen freilich auch andere Lebensmittel zugeführt. Überwiegend in ärmeren Familien herrschte zu Beginn des 19. Jahrhunderts „die Zufütterung mit Tee, Kaffee, Brot- und Kartoffelsuppen vor; nicht selten wurde der Säugling auch mit Wein und Bier getränkt“ (Seichter 2014, S. 70).

Der Arzt Sternberg empfahl als Ersatz für die Muttermilch die Verabreichung einer Schneckenbrühe mit einer genauen Zubereitungsanleitung (vgl. Sternberg 1802, S. 59 f.). 1796 beschreibt Salzmann in seiner Schrift „Konrad Kiefer“ folgende Szene:

„Ich kam einmal dazu, da sie [die Mutter, d. Verf.] das Kind fütterte. Sie hatte einen Teelöffel, mit welchem sie ihm die Nahrung einflößte. Die ersten 10 Löffel flossen recht gut hinunter; dann hob es aber beim Kinde, und es wollte nichts mehr zu sich nehmen. Meine Frau wollte es nun erzwingen und strich dem Kinde immer wieder ein, was es von sich gegeben hatte, und wenn ich etwas dagegen sagte, so meinte sie, das Kind habe erst ein paar Löffel zu sich genommen, es müsse doch seine gehörige Portion genießen. Da ich darauf sagte, der Appetit des Kindes wäre das beste Maß, wonach man die Portion abmessen könnte, so gab sie mir zur Antwort, ich verstünde es nicht. (…) Nach der Zeit brachte ich es doch durch gute Worte dahin, daß (!) dem Kinde nicht mehr eingestrichen wurde und daß (!) es aufhörte zu essen, wann es keinen Appetit mehr hatte“

(Salzmann 1961, S. 19).

Die Kritik Salzmanns an der Mutter des Kindes „kann in der Tat als eine früh vorweggenommene Kritik an neueren spätbürgerlichen ´Pseudo-Moralvorstellungen´ von der Pflicht zum Tellerleeressen gelesen werden“ (Seichter 2012, S. 237). Ebenso rückte das Stillen nach Bedarf ab der Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr in den Hintergrund und wurde durch rigide Stillzeiten verdrängt. Seichter erwähnt in diesem Kontext den 1827 publizierten, sehr erfolgreichen Ratgeber von Friedrich August von Ammon „Die ersten Mutterpflichten und die erste Kindespflege“. Dieser Ratgeber beruht nicht auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen – Ammon war deutscher Augenarzt – erfreute sich dennoch großer Beliebtheit. Ammon kritisiert jegliche Art der künstlichen Ernährung, ebenso das Ammenwesen, und führt als Begründung die hohe Kindersterblichkeit an (vgl. Seichter 2014, S.75). Laut dem Augenarzt seien zwischen 1868 und 1870 in München 8329 Säuglinge innerhalb der ersten 12 Lebensmonate verstorben, von den gestillten Kindern (durch die Mutter selbst oder eine Amme) seien 1231 verstorben – dies entspricht einem Verhältnis von 17 zu 3 (vgl. Seichter 2014, S. 76). Ammon tritt ebenso vehement für „eine präzise Stillordnung und für genau einzuhaltende Stillzeiten ein“ (Seichter 2014, S. 76). Diesbezüglich ist bei Seichter zu lesen:

„Nachdrücklich warnt Ammon vor einer Überfüllung des kindlichen Magens durch Missachtung von dessen Völlegefühl … . Vielmehr sei auf eine genaue Kontrolle und Überprüfung des tatsächlichen Wachstums und der realen Gewichtszunahme des Kindes zu achten. Hierfür empfiehlt Ammon die gewissenhafte Führung sog. Wachstums- und Gewichtstabellen. Bereits den Säugling in Gehorsam und Gewöhnung zu üben, ihn nicht durch eine falsche Liebe zu verzärteln und zu verwöhnen, sollte … die neue bürgerliche Ordnung und das Erlernen bürgerlicher Tugenden widerspiegeln“

(Seichter 2014, S. 77).

Wie im vorangegangen Passus erwähnt, „rückt das Neugeborene immer mehr in den Fokus naturwissenschaftlicher Betrachtungen und erfährt dabei eine objektive und nüchterne Einschätzung seitens seiner distanzierten Betrachter“ (Seichter 2014, S. 77). Die individuelle körperliche, emotionale und kognitive Entwicklung des Kindes verlor immer weiter an Bedeutung. Kindliche Regungen und Gefühle sollten frühzeitig und strikt unterbunden werden. Diese kindliche Disziplinierung begann vor allem an der mütterlichen Brust. Durch strikte Festlegungen der Stillzeiten und Stilldauer sollte der Säugling an eine regelmäßige, zeitlich bestimmte Nahrungsaufnahme gewöhnt werden und somit bereits an das bürgerliche Leben.

Der Chemiker Justus von Liebig stellte 1865 „die erste `Suppe für Säuglinge` her und sorgte somit für die erste künstliche Säuglingsnahrung; ein später hergestelltes pulverförmiges `Kindermehl` folgte“ (Seichter 2014, S. 83). Aufgrund der zeitaufwendigen Zubereitung konnte diese Suppe bereits fertig zubereitet und entsprechend teuer in Apotheken erworben werden (vgl. Seichter 2014, S. 83). 1866 stellte Heinrich Nestlé das erste „Kindermehl“ her, „ein Trockenpulver aus Milch, Getreide und Zucker“ (Seichter 2014, S. 83). Das Kindermehl konnte laut Nestlé ab dem ersten Lebenstag bis zum 18. Lebensmonat verabreicht werden und erfreute sich großer Beliebtheit, was dazu führte, dass bereits Anfang des 20. Jahrhunderts etwa 50 weitere Kindermehle – teilweise billige Nachahmungen – auf dem Markt erhältlich waren (vgl. Seichter 2014, S. 84). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es erste Untersuchungen bezüglich der Auswirkungen einer ausschließlichen Ernährung des Säuglings mit künstlicher Nahrung, welche häufig von Fehl- und Unterernährung gekennzeichnet war (vgl. Seichter 2014, S. 85). Daraufhin wurde erneut das mütterliche Stillen proklamiert. Primär Kinderärzte „bemängelten das Ungenügen der Ersatznahrung und prangerten dabei vor allem die Aggressivität und Gewissenlosigkeit der Werbung an, welche die Kindermehle als das für den Säugling Beste anpriesen“ (Seichter 2014, S. 86).

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrschte die Überzeugung vor, dass mit der Muttermilch auch moralische und charakterliche Eigenschaften auf das Kind übertragen würden (vgl. Seichter 2012, S. 226). Das Stillen wird Anfang des 20. Jahrhunderts erneut zum Politikum: Um der rückläufigen Geburten- und Stillrate entgegenzuwirken, wurde eine „Stillprämie“ als staatliche Zuwendung eingeführt (vgl. Seichter 2014, S. 88). Die zunehmende Teilnahme der Frauen jener Zeit am Erwerbsleben „bedrohte“ die Geburtenraten ebenso wie die Stillrate. Die Emanzipation der Frau war in diesem Kontext nicht im Sinne des Staates. Es etablierten sich diverse Frauenbewegungen, die unterschiedliche Ziele verfolgten. Während der „Bund für Mutterschutz“ (ab 1924 „Bund für Mutterschutz und Sexualreform“) die Vereinbarkeit von Beruf, Kind und freier Ehe forderte, setzten sich die konservativen Frauenrechtlerinnen für ein anderes Verständnis von Emanzipation ein: Die „Akzeptanz und Verwirklichung der Fähigkeiten und Tätigkeiten, die sich aus ihrer weiblichen Natur ergeben: Gebären und Ernähren“ (Seichter 2014, S. 91). Der Gesellschaft und Politik jener Zeit war daran gelegen, nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der Geburtenrate zu steuern. In ihrem Interesse lag demnach „nicht nur gesteigerten Nachwuchs aus den unteren, sozial ´degenerierten´ und ungebildeten Schichten“ (Seichter 2014, S. 90), sondern die „Höherentwicklung des Menschengeschlechts … mit Hilfe einer ´Wissenschaft vom guten Erbe´, eben der Eugenik, zu garantieren“ (Seichter 2014, S. 93). Diese Gedanken fanden ihren Höhepunkt in der NS-Ideologie. Die Frau wurde nach der aufkommenden Emanzipation erneut aus dem Berufsleben verbannt, die „aufopferungsbereite Hausfrau und Mutter wurde (wieder) zum phönixhaften Ideal von Weiblichkeit“ (Seichter 2014, S. 96). Um einen Einblick über die Bedeutung des Stillens zu jener Zeit zu erhalten, ist ein Blick in den Erziehungsratgeber von Johanna Haarer „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ aus dem Jahr 1934 aufschlussreich. Dieser Ratgeber wurde bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts (!) etwa 1,2 Millionen Mal verkauft (vgl. Seichter 2014, S. 98). Seichter schreibt hierüber:

„Auch wenn für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die eklatant nationalsozialistisch gefärbten Stellen gestrichen und im Titel das Adjektiv ´deutsch´ getilgt wurden, blieb der Ratgeber nach wie vor geprägt von einem kühlen und distanzierten Umgang zwischen Mutter und Kind, ein Umgang, welcher von einer mechanischen Perfektion der Mutter und von einer dezidierten Triebunterdrückung des Kindes diktiert wurde. Schon allein von dieser kühlen und apersonalen Mutter-Kind-Relation her ist es verwunderlich, dass das Buch von (deutschen) Müttern über Generationen hinweg weiter gelesen und beherzigt wurde“

(Seichter 2014, S. 98).

In diesem Ratgeber wird die Muttermilch als die einzig richtige, weil natürliche Ernährung des Säuglings angepriesen ebenso der Akt des Stillens als natürliche mütterliche Verpflichtung. Zudem erfülle die stillende Mutter somit ihre rassische Pflicht: „Deutsche Mutter, wenn du stillst, tust du nicht nur deine Schuldigkeit deinem Kinde gegenüber, sondern erfüllst auch eine rassische Pflicht“ (Haarer 1934, S. 102). Die politische Bedeutung des Stillaktes und der Muttermilch ist im Laufe der Geschichte wohl nie größer gewesen. Ziel des Staates und der Gesellschaft sei es, dass jedes Kind zu einem nützlichen Staatsbürger erzogen werde und in diesem Sinne die eigenen Bestrebungen und Wünsche für das Gemeinschaftswohl opfere (vgl. Haarer 1934, S. 237 f.). Die kindliche Disziplinierung erfolgt - ähnlich wie im 18. bis 19. Jahrhundert – bereits an der Mutterbrust durch rigide, regelmäßige Stillzeiten und einer 20-minütigen Stilldauer: „Erster Plan für 5 Mahlzeiten: Wir stillen um 6, 10, 14, 18 und 22 Uhr. Regelmäßige vierstündige Pausen; Nachtruhe 8 Stunden. Zweiter Plan für 6 Mahlzeiten: Wir stillen um 6, 9.30, 13, 16, 19 und 22 Uhr“ (Haarer 1934, S. 106). Die Ausführungen Haarers über die künstliche Ernährung seien laut Seichter „durch unverständliche Passagen zur Zusammensetzung der Ersatznahrungsstoffe, zur hauswirtschaftlichen Zubereitung der Substanzen, zur mathematischen Berechnung der Menge sowie zu der aufwendigen und zeitraubenden Reinigung der Saugflaschen“ (Seichter 2014, S. 100) gekennzeichnet. Dies scheint vor allem dazu zu dienen, Mütter von der Verwendung künstlicher Nahrung abzuhalten und abzuschrecken.

Auch nach dem Kriegsende und trotz Verbesserungen in der Nahrungsversorgung, blieb das mütterliche Stillen die verbreitete Form der Säuglingsernährung. Dennoch sorgte die Erfindung der adaptierten Säuglingsmilch für einen raschen Anstieg der künstlichen Flaschenernährung (vgl. Seichter 2014, S. 105). Die Mutter-Kind-Beziehung und das allgemeine Erziehungsverständnis waren fortwährend geprägt von Funktionalität und Disziplinierung. Die psychoanalytischen Untersuchungen von Anna Freud zur emotionalen Bindung zwischen Mutter und Kind, galten seinerzeit – als das Verhältnis zwischen Eltern und Kind von Distanz und möglichst wenig Körperkontakt geprägt war - als bahnbrechend. Freud betont die emotionale Bindung, die während des Ernährens des Kindes entstehe, sofern das Versorgungsverhältnis in einer gefühl- und hingebungsvollen und von engem Körperkontakt gekennzeichneten Atmosphäre stattfindet; andernfalls sei die spätere Liebesfähigkeit eingeschränkt: „Ein schlecht gepflegter Säugling konzentriert seine Sorge ganz auf seine Befriedigungen und versäumt es, den wichtigen Schritt von der materiellen Abhängigkeit zur echten Liebesbindung zu machen“ (Freud 1971, S. 92). Anna Freud vertritt also die Ansicht - wie zuvor auch Sigmund Freud –, dass das Stillen nicht aus reiner Versorgungsabsicht erfolgen solle, sondern aus dem Wunsch nach körperlicher Verbundenheit heraus. Demnach kommt es laut Freud nicht auf das Stillen per se an, sondern auf die zärtliche und liebevolle Atmosphäre während des Fütterungsvorganges, unabhängig davon, ob der Säugling die Flasche oder die Mutterbrust bekomme (vgl. Freud 1971, S. 92).

Im weiteren historisch-zeitlichen Verlauf etablierten sich unterschiedliche Vereine und Organisationen, die sich dem Kampf gegen die künstliche Säuglingsernährung verschrieben haben. So wurde beispielsweise 1956 die „La Leche League“ in den USA gegründet (vgl. La Leche Liga Deutschland e.V. 2016, Mechernich). Die Non-Profit-Organisation ist derzeit in über 70 Ländern aktiv, seit den siebziger Jahren auch in Deutschland (vgl. La Leche Liga Deutschland e.V. 2016, Mechernich). Die Philosophie der Organisation lässt sich wie folgt zusammenfassen: Jeder Säugling sollte mindestens das erste Lebenshalbjahr ausschließlich gestillt werden (und so lange wie es gewünscht wird), da Muttermilch die natürlichste (und somit einzige adäquate) Ernährungsform ist und der Akt des Stillens einen bedeutenden Einfluss auf die Mutter-Kind-Relation hat. Entgegen den hartnäckig bestehenden Stillzeiten, setzt sich die La Leche Liga für ein „feeding on demand“ ein (vgl. La Leche Liga Deutschland e.V. 2016, Mechernich). Trotz der Bemühungen der La Leche Liga und zahlreicher anderer Organisationen um ein „Stillen nach Bedarf“, existieren in den 1970er Jahren weiterhin diverse Ratgeber mit strikten Reglementierungen bezüglich des Stillaktes. In dem Ratgeber „Mutter und ihr Kind“ von den Medizinern Klaus Wechselberg und Ulrike Puyn finden sich neben hygienischen Vorgaben auch die bereits von Haarer festgelegten Stillzeiten (fünf Mahlzeiten á 20 Minuten) wieder. Um die Stillquote in Westdeutschland wieder zu erhöhen, plädieren sie für eine Verlängerung des Mutterschutzes (damals wurde dieser acht Wochen gewährt): „Der Staat sollte den Müttern, die voll stillen, zur Anerkennung und Unterstützung einen verlängerten, etwa zwölfwöchigen Mutterschutz gewähren“ (Wechselberg/Puyn 1972, S. 197). In Westdeutschland organsierten Mütter nun immer häufiger Krabbel- und Stillgruppen, in denen sie sich austauschen und beraten konnten (vgl. Seichter 2014, S. 126). Die weibliche Berufung wurde nun (wieder) vermehrt im Muttersein gesehen, statt in beruflichen Erfolgen. Seichter schreibt hierzu: „Mutterwerden und Muttersein wurde nicht mehr als eine Art Selbstpreisgabe oder als ein biologisches Schicksal begriffen. Mutterwerden und Muttersein wurde im Gegenteil zum Inbegriff von (weiblicher) Selbstverwirklichung und Autonomie“ (Seichter 2014, S. 126). Die Zunahme der Stillquote zu jener Zeit in Westdeutschland kann laut Seichter jedoch nicht durch ein „Zurück zur Natur“ oder durch den herrschenden gesellschaftlichen Zwang begründet werden, vielmehr gehe es um die Freiwilligkeit und den Ausdruck von Mütterlichkeit und Weiblichkeit:

„Aus der Perspektive dieser Mütter galt das Stillen als eine geradezu spektakuläre Möglichkeit, an gesellschaftlichen Entwicklungen und pädagogischen Erscheinungen Kritik zu üben. Die Entscheidung, ihre Kinder selbst zu stillen, war im gleichen Atemzug eine Entscheidung gegen den technischen Fortschritt künstlicher Ernährungsmöglichkeiten und verstand sich als ein Ausdruck ´natürlicher Humanität´“

(Seichter 2014, S. 127).

Im Gegensatz zum aufblühenden Stillen nach Bedarf in Westdeutschland, prägen in der DDR weiterhin rigide Vorgaben zum Stillen das alltägliche Familienbild. In dem Ratgeber „Unser Kind“ (erstmalig 1959 erschienen) der Ärztin Mírka Klímova-Fügnerová ist folgendes zu lesen:

„Wir wollen, daß (!) das Kind regelmäßig die Nahrung zu sich nimmt, daß (!) es regelmäßig auf die Toilette geht und sich regelmäßig zu Bett begibt. Dieser Rhythmus des täglichen Lebens, der Rhythmus der bedingten Reflexe, trägt zur Festigung der Gesundheit und zu einem Gefühl der Befriedigung bei. Bei der Erziehung brauchen wir vor allem Disziplin“

(Klímova-Fügnerová 1978, S. 112 f.).

Das erste Anlegen an die mütterliche Brust erfolgt nach gewohnter Manier 25 Stunden nach der Geburt, anschließend im vierstündigen Tagesrhythmus (6, 10, 14, 18 und 22 Uhr) - wie bereits über 40 Jahre zuvor von Johanna Haarer empfohlen – mit achtstündiger Nachtruhe, wobei der Stillkontakt nicht länger als zehn Minuten dauern solle (vgl. Seichter 2014, S. 132). Ein Nahrungsbedürfnis des Kindes außerhalb dieses strikten Zeitplanes ist also von Geburt an zu unterbinden. Abermals steht die Disziplinierung des Kindes an oberster Stelle, um es zu einem gehorsamen Staatsbürger zu erziehen. Neben den zeitlichen Vorgaben zum Stillvorgang, gibt es diverse hygienische Vorschriften zu beachten. Im Ratgeber „Das Kleinkind“ (1967 erstmalig erschienen) des Medizinprofessors Rudolf Neubert ist hierzu zu lesen: „Auf den Schoß der Mutter wird ein frisch gewaschenes und heiß gebügeltes Tuch gebreitet, damit das Kind nicht die Kleidung der Mutter berührt“ (Neubert 1975, S.70). Weiterhin schreibt er: „Das Stillen gelingt viel besser, wenn es immer in der gleichen Weise und am gleichen Ort geschieht. Dann schleift sich der bedingte Reflex bei Mutter und Säugling am besten ein. Zum Stillen sollen die beiden allein sein“ (Neubert 1975, S. 27). Im Gegensatz zur Situation in Westdeutschland, wo die individuellen Bedürfnisse des Säuglings nach Nahrung und Zuneigung an erster Stelle stehen, herrscht im Osten eine hygienisch und emotional sterile und mechanische Umgangsform. Konformität, Mechanisierung und Disziplinierung statt Individualität. Ein weiterer Unterschied in der DDR im Vergleich zum Westen zeigt sich bezüglich der künstlichen Nahrung. Bereits ab der achten Lebenswoche sei der Säugling an andere (künstliche) Nahrung zu gewöhnen, beispielsweis an Säfte, und ab dem dritten Monat sei es an Breikost heranzuführen (vgl. hierzu Seichter 2014, S. 134). Trotz der erheblichen staatlich kontrollierten Einschränkungen in der Erziehung, sei an dieser Stelle festzuhalten:

„Im Vergleich zur BRD war man in der DDR in Sachen Vereinbarkeit von Beruf und Mutterschaft dennoch weit voraus. Bereits seit 1967 war es Frauen gestattet, während ihrer Arbeitszeit zwei Stillpausen von je 45 Minuten einzulegen. Von diesen arbeitsrechtlichen Maßnahmen konnten westliche Mütter – sofern sie dies überhaupt wollten – damals nur träumen. Doch obwohl den Frauen beim beruflichen Wiedereinstieg das Stillen ihres Kindes prinzipiell ermöglicht wurde, muss man hier von einer anderen Realität ausgehen. In dem Moment, in dem der Säugling in die Krippe gebracht wurde … musste die Mutter ihr Kind nolens volens abstillen“

(Seichter 2014, S. 135).

Um die Jahrtausendwende haben sich Mediziner, Stillverfechter und Politiker zum Ziele gesetzt, die Stillquote generell und mindestens bis zum sechsten Lebensmonat deutlich zu erhöhen (vgl. Seichter 2014, S. 136). Verantwortlich für die sinkende Stillquote wurde in erster Linie die vielversprechende, farbenfrohe Werbung für künstliche Säuglingsnahrung gemacht. Diese suggeriere neben ganz praktischen Vorzügen (Zeitersparnis, Einfachheit) auch immer deutlicher und überzeugender „den ´humanen´, sogar ´maternalen´ Charakter der künstlichen Babymilch“ (Seichter 2014, S. 136). Die Politik wollte sich dieser Entwicklung entgegenstellen. 1981 sowie noch einmal verstärkt im Jahr 1994, führte die World Health Organisation (WHO) „ein Kodex zur Vermarktung von Ersatzpräparaten für Muttermilch“ (Seichter 2014, S. 137) ein. Der Kodex beinhaltete ein Verbot für die Hersteller von künstlicher Säuglingsmilch, deren Gleichwertigkeit oder gar deren Vorzüge gegenüber der Muttermilch zu bewerben (vgl. Seichter 2014, S. 137). Weiterhin müsse in jedem Werbespot auf die „Überlegenheit“ und die Bedeutung des Stillens verwiesen werden: „Ohne die Betonung der Überlegenheit der natürlichen Muttermilch darf überhaupt nicht für künstliche Babynahrung geworben werden“ (Seichter 2014, S. 137).

Im Verlauf der 90er Jahre waren grundlegende Veränderungen in den Krankenhäusern zu verzeichnen. Sowohl in West- als auch in Ostdeutschland wurden die Säuglinge sofort nach der Geburt von der Mutter getrennt, um gewaschen, gewogen und vermessen zu werden. Die Wissenschaft war bis zu jener Zeit der Meinung, „dass weder die mütterliche Vormilch (Kolostrum) noch ein zu frühes Stillen in den ersten 24 Lebensstunden für den Säugling gesund sei“ (Seichter 2014, S. 142). Das Stillen nach Zeitplan war nicht nur in den Privathaushalten an der Tagesordnung, sondern auch im Krankenhausalltag. Dieses Vorgehen wurde nun von Grund auf revidiert, sodass der Mutter-Kind-Kontakt in den Krankenhäusern von nun an so früh und intensiv wie möglich gestaltet wurde. Es wurde ein 24-Stunden-Rooming-in eingeführt, welches erstmals ab der Geburt ein „feeding on demand“ ermöglichte (vgl. Seichter 2014, S. 142). Bis in die heutige Zeit hat sich diese „historische Wende“ in der Säuglingsernährung bewährt.

3 Von der Milch zur Beikost

Im Folgenden werden allgemeine Informationen zur Milchernährung vorgestellt und mit statistischen Ergebnissen zu den Vor- und Nachteilen für das Ernähren mit Muttermilch und Muttermilchersatz sowie zum Stillverhalten ergänzt. Im Anschluss wird ein Blick auf die verschiedenen Arten der Beikosteinführung geworfen.

3.1 Muttermilch und Muttermilchersatz

Thematisch einleitend wird an dieser Stelle mit folgendem Zitat ein Blick auf die pädiatrische Sichtweise geworfen:

„Völlige Übereinstimmung herrscht heute [1982, d. Verf.] in der Bevorzugung der Muttermilchernährung, soweit Mutter und Kind hierzu in der Lage sind. Hierfür können viele und gute Gründe angeführt werden …, von denen nur die unmittelbar stoffwechselphysiologisch relevanten aufgezählt seien. Muttermilch ist äußerst keimarm. Sie vermittelt zelluläre und humorale Immunfaktoren, die sich insbesondere gegen Keime aus der Umwelt der Mutter richten. Zugleich wird das Kind aktiv und passiv gegen eine Sensibilisierung durch artfremdes Nahrungseiweiß geschützt. Ferner garantiert die Zusammensetzung der Muttermilch eine minimale Belastung des kindlichen Stoffwechsels und stabilisiert damit wiederum die Funktionen des Verdauungsapparates sowie des Wasser-, Elektrolyt- und Säure-Basenhaushalts. Alle genannten Mechanismen tragen dazu bei, das Muttermilchkind gegen enterale Infekte zu schützen. Nur der letztgenannte Mechanismus läßt (!) sich mit ´adaptierter´ Milch weitgehend nachahmen“

(Schöch 1982, S. 126).

In den Studien und Publikationen, die für diese Arbeit untersucht wurden, ist überwiegend die Rede von „gestillten Säuglingen“. Es wird also nicht oder nicht eindeutig unterschieden, ob es um Säuglinge geht, die die Muttermilch direkt aus der Mutterbrust bekommen, also gestillt werden. Oder ob es hierbei rein um die Ernährung mit Muttermilch geht, egal ob aus dem Fläschchen oder der Mutterbrust. Wenn jedoch konstatiert wird, dass gestillte Säuglinge beispielweise seltener an Durchfall erkranken oder im späteren Alter seltener an Adipositas leiden, gilt dies wohl für alle Säuglinge, die mit Muttermilch ernährt werden - egal ob sie diese aus der Brust oder dem Fläschchen erhalten. Für den reinen „Akt des Stillens“, im Gegensatz zum Zuführen der Muttermilch mit Hilfe einer Flasche, werden viele Vorteile genannt: Es habe einen positiven Effekt auf die Mutter-Kind-Bindung und wirke sich generell positiv auf die Gesundheit von Mutter und Kind aus (vgl. Ärzte Zeitung Verlagsgesellschaft mbH 2010, S. 2). Jedoch kann an dieser Stelle kritisch hinterfragt werden, ob die Qualität der Mutter-Kind-Bindung tatsächlich daran festgemacht werden kann, auf welche Weise die (Mutter-) Milch verabreicht wird oder ob nicht viel mehr die Atmosphäre und das Verhalten der Mutter während des Versorgungsvorganges entscheidend ist. Im historischen Passus wurde bereits auf die psychoanalytische Sicht von Anna Freud hingewiesen, die die Art der Mutter-Kind-Bindung vor allem von dem Fütterungsvorgang allgemein abhängig macht – egal welche Nahrung dem Säugling auf welche Weise verabreicht wird. Dennoch ist der Stillakt „aus psychoanalytischer Perspektive nicht nur Mittel zur Stillung des Hungers, sondern in symbolisch-emotionaler Übertragung gleichzeitig Mittel zur Stillung der Bedürfnisse nach Sicherheit, Lust, Verbundensein und Geborgenheit“ (Seichter 2012, S. 242). Weiterhin sprechen ganz praktische Gründe für das Stillen: Muttermilch ist permanent verfügbar, kostenlos und stets richtig temperiert und hygienisch einwandfrei. Das Baby kann somit theoretisch immer und überall, also nach Bedarf, gestillt werden. Im Weiteren wird auf eine explizite Trennung zwischen der Art des Fütterns mit Muttermilch – aus der Mutterbrust oder der Flasche - verzichtet. Die Muttermilch sei aus psychoanalytischer Sicht:

„Symbol der freundlichen Welt und des mit ihr identischen Archetyps der Großen Guten Mutter. Sie symbolisiert das Wesen der positiven Dual-Union und ist Nahrung, Stillung, Sicherheit, Wärme, Schutz, Lust, Nicht-Alleinsein, Verbundensein, Schmerz- und Unlust-Überwindung, Möglichkeit der Ruhe und des Schlafes, Geborgenheit in der Welt und im Leben überhaupt“

(Neumann 1980, S. 31).

Wie im historischen Passus deutlich wurde, wird das Stillen seit Jahrhunderten als die natürliche Ernährung des Säuglings angesehen und, mit wenigen Ausnahmen, uneingeschränkt empfohlen. So schreibt der Arzt-Pädagoge Johann Heinrich von Sternberg im Jahr 1802 über das Stillen, in Analogie zum Tierreich:

„Dass diejenige Nahrung, welche die Natur dem Kinde für die Erste Lebenszeit bestimmt habe, nichts als die Milch der eignen Mutter sey (!), ist offenbar genug. Dazu nur schuf sie Brüste und Euter, und gebot, dass sie sich zu ihrer Zeit mit dem feinsten Nahrungssafte anfüllen, einem Nahrungssafte, ganz aus demselben Körper gezogen, woraus schon, so lange es noch im Mutterschooße (!) verborgen lag, das Kind oder Thier (!) seine Nahrung zog. Entschieden kann also nur die Muttermilch allein die Richtschnur liefern, wonach die übrigen ersten Nahrungsmittel des Kindes ausgewählt werden dürfen“

[...]


1 Die gesammelten pädagogischen Aufsätze „Education, Intellectual, Moral and Physical“ wurden 1861 erstmals veröffentlicht. Hierbei handelt es sich jedoch nur um den ersten Teil der „Essays on Education and kindred Subjects“. Ob der „Part 2“ ebenfalls aus diesem Jahr stammt oder später verfasst wurde, konnte nicht herausgefunden werden.

2 Die Quellenangabe erfolgt hier mittels Paragraphen anstelle einer Seitenzahl, gemäß dem Originalwerk.

Ende der Leseprobe aus 96 Seiten

Details

Titel
Die richtige Ernährung für Säuglinge und Kleinkinder. Aktuelle Empfehlungen und Interventionsmöglichkeiten für die Soziale Arbeit
Autor
Jahr
2020
Seiten
96
Katalognummer
V512536
ISBN (eBook)
9783963550447
ISBN (Buch)
9783963550454
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stillen, Kleinkind, Säugling, Säuglingsernährung, Kleinkindernährung, Ernährung, Pädagogik, Selbstregulation, Beikosteinführung, Muttermilch, Esskultur
Arbeit zitieren
Nancy Grünert (Autor:in), 2020, Die richtige Ernährung für Säuglinge und Kleinkinder. Aktuelle Empfehlungen und Interventionsmöglichkeiten für die Soziale Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512536

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