Kollokationen und Musterhaftigkeit in der politischen Sprache. Am Beispiel des Schweizer Waffenrechts in deutschsprachigen Zeitungsartikeln


Seminararbeit, 2018

33 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Merkmale der politischen Sprache

3. Politische Sprache in der Schweiz

4. Textwahl für die Korpusanalyse

5. Analyse nach Rekurrenz

6. Kollokationen und lexikale Musterhaftigkeit
6.1. Schweiz
6.2. EU
6.3. Pro Tell

7. Analyse zweier gegensätzlicher Zeitungsartikel
7.1 Schweizer Beispiel
7.2 Deutsches Beispiel
7.3 Resultat

8. Vergleich mit den USA und diskursanalytische Bewertung

9. Fazit

Literaturverzeichnis

Liste der für die Korpusanalyse verwendeten Zeitungsartikel

Redlichkeitserklärung

1. Einleitung

Die aktuelle Debatte um eine Verschärfung des Schweizer Waffenrechts im Rahmen des multilateralen Schengen-Abkommens birgt ein nicht zu unterschätzendes politisches Konfliktpotenzial und wird aus diesem Grund regelmässig in den Tages- und Wochenzeitungen behandelt. Dabei geht es vorrangig nicht um das Waffenrecht per se, sondern vielmehr um das politische Selbstbestimmungsrecht der Schweiz, welches von vielen Beobachtern zunehmend in Gefahr gesehen wird. Diverse Institutionen und Abkommen nehmen in diesem politischen Kontext eine zentrale Rolle eine, welche für ihre sprachliche Kommunikation wiederum eigene Terminologien und Wortcluster erzeugen, die es zu erfassen und analysieren gilt.

Sprechen und Handeln sind in der Politik unzertrennlich mit einander verwoben, weshalb eine Analyse der politischen Sprache nicht nur dem linguistischen Interesse dient, sondern darüber hinaus auch einen sozial-politischen Erkenntniswert mit sich bringt. Schon der sozialdemokratische Politiker Erhard Eppler hat zu Recht festgestellt, dass es in der Politik faktisch unmöglich sei, eine klare Grenze zwischen Rede und Handlung zu ziehen, „weil das Reden sehr wohl Handeln bedeutet“ (Eppler 1992: 7, zit. nach Girnth 2014: 1).

Insofern ist es wichtig, die linguistischen Merkmale und Besonderheiten in der politischen Kommunikation zu erörtern, was in dieser Seminararbeit unter anderem anhand des Schweizer Waffenrechts in Zeitungstexten als konkrete Beispielanalysen veranschaulicht werden soll. Hierzu wurde ein Textkorpus aus Artikeln diverser deutschsprachiger Tages- und Wochenzeitungen zusammengestellt, welches zunächst quantitativ auf seine politisch relevanten Lexeme und rekurrent erscheinende Kollokationen hin untersucht wird. Jene herauskristallisierten Kollokationen sind anschliessend Gegenstand der qualitativen Analyse, bei der anhand von Sprachbeispielen und diversen syntaktischen Konstellationen die Semantik und Funktion jener Kollokationen innerhalb der politischen Sprache näher zu beleuchten sind. Nach einer abschliessenden Konklusion der jeweils gewonnenen Ergebnisse aus der Korpusanalyse wird der Versuch einer Bewertung im Sinne der Diskursanalyse nach Foucault unternommen, um die linguistischen Erkenntnisse in einen übergeordneten Kontext zu übertragen und dadurch ihre Bedeutung für die politische Kommunikation via Zeitungsmedien besser zu verstehen.

2. Merkmale der politischen Sprache

Der methodische Zugang zur politischen Sprache kann sowohl über die Linguistik, als auch über die Rhetorik erfolgen. Die wissenschaftliche Disziplin der politischen Rhetorik findet seine Ursprünge bereits in der antiken Philosophie und wurde in erster Linie als Kunst der argumentativen Rede verstanden, durch welche der Redner seine Zuhörerschaft am besten überzeugen und die Aufmerksamkeit auf sich lenken kann. Die Lehre der klassischen Rhetorik verfolgt somit ein eher zweckorientiertes Interesse an der politischen Sprache, was insbesondere in Hinblick auf moderne Medien wie die Zeitung, das Fernsehen und das Internet zu kurz kommt, da es in diesen Medien um weit mehr geht, als lediglich den Rezipienten von seinem eigenen politischen Standpunkt zu überzeugen. Besonders in den Zeitungstexten der allgemeinen Berichterstattung liegt der Anspruch vielmehr in der reinen Informationsverbreitung mit einer im Idealfall möglichst neutralen und unvoreingenommenen Perspektive auf die zu berichtenden Geschehnisse, die je nach Kontext unterschiedlich stark von den fachlichen Termini aus der politischen Sprache Gebrauch machen kann. Bei Reportagen und Kommentaren in Zeitungstexten rückt die politische Sprache sogar noch deutlicher in den Vordergrund, weshalb eine linguistische statt rhetorische Sichtweise auf jenes Sprachverhalten weitaus sinnvoller wäre.

Doch was genau ist unter Sprache im politischen Kontext zu verstehen? Der amerikanische Dichter Ezra Pound (zit. nach Eisner/Fux 1992: 2) beantwortet diese Frage auf eine überaus eindrucksvolle Art und Weise:

Die Sprache ist keine blosse Nippsache, ein Museumsstück. Sie hat vom primitiven Zustand an, eine wirkliche Funktion in allem menschlichen Leben. Ohne sie kann man nicht regieren, ohne sie keine Gesetze machen. Wie die Sprache auch zum mächtigsten Werkzeug des Betruges wird, so kann allein die Sprache die Maschen entwirren und durchhauen, die die moderne Zivilisation über uns geworfen hat.

An dieser Schilderung wird der bipolare Charakter von politischer Sprache erkennbar. Mithilfe der Sprache kann man nämlich einerseits die Gesellschaft spalten, Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen und Milieus erzeugen beziehungsweise bereits vorhandene soziale Spannungen verstärken, oder aber auch durch gegenseitige Beratung sowie gemeinsame Diskussion Lösungsansätze und Kompromisse für innergesellschaftliche Probleme formulieren. Politische Sprache steht also stellvertretend für die Argumentation und Verteidigung der Interessen bestimmter sozialer Identitäten, die sich in Form von politischen Gruppen oder Interessengemeinschaften voneinander abgrenzen und den inneren Zusammenhalt stärken können. Durch die wechselseitigen Beziehungen zwischen jenen Gruppen sind somit sowohl Auseinandersetzungen als auch Übereinstimmungen möglich, weshalb sich die politische Sprache stets im Spannungsfeld von Konflikt und Konsens bewegt (vgl. Eisner/Fux 1992: 2).

Politische Sprache ist jedoch nicht nur als intellektueller Vorgang oder Mittel zur ideologischen Auseinandersetzung zu betrachten. Sie stellt zugleich ein reales „Handeln von Individuen und Gruppen“ (Dieckman 2005: 13, zit. nach Girnth 2014: 2) dar, welches stets einen Bezug zum Staat oder zu ihren Institutionen aufweist. Kennzeichnend für das politische Sprachhandeln ist dabei zumeist der Wille zur Partizipation an wichtigen Entscheidungsprozessen oder aber auch schlicht und ergreifend Macht respektive Souveränität sowohl im juristischen als auch ökonomischen Sinne.

3. Politische Sprache in der Schweiz

Bezüglich der politischen Sprache in der Schweiz kommt die Besonderheit hinzu, dass die Schweiz im Gegensatz zu anderen deutschsprachigen Ländern wie Deutschland oder Österreich mehrsprachig ist und den sprachlichen Varietäten sowie vielfältigen Dialekten in den jeweiligen Kantonen eine wesentlich höhere Bedeutung zugemessen wird. Dies mag damit zusammenhängen, dass die unterschiedlichen Kantone eine weitgehende politische Unabhängigkeit von der eidgenössischen Zentralregierung geniessen, weshalb der mehrheitlich gesprochene Dialekt als identitätsstiftend für den jeweiligen Kanton gilt.

Roland Ries kam in seiner Untersuchung über die Funktion des Dialekts in der politische Sprache der Schweiz zu dem Ergebnis, dass das politische Leben mit ihrer Hochsprache, dem Standard-Deutsch, einen offensichtlichen Kontrast und deshalb auch eine gewisse Ferne zur alltäglichen Lebenssituation des Dialekt sprechenden Bürgers darstellt (vgl. Eisner/Fux 1992: 9), was zu einer Kluft zwischen politischer Elite und allgemeiner Wählerschaft führen kann. Um jene gesellschaftliche Kluft zu überbrücken, bedienen sich gleichermassen sowohl links ausgerichtete als auch konservative Politiker öfters der dialektalen Sprache, wodurch „eine besondere ‚Volksnähe‘ zum Ausdruck gebracht werden soll“ (Eisner/Fux 1992: 9). Ein weiteres Mittel zum Erreichen und Ansprechen der gewünschten Wählerschaft ist die Verwendung von sogenannten Soziolekten, die je nach gesellschaftlichem Milieu variieren können und über bestimmte Schlagwörter sowie gegebenenfalls spezielle Idiome verfügen, welche allerdings in den folgenden Kapiteln bezüglich der Debatten über das Schweizer Waffenrecht eine eher untergeordnete Rolle spielen.

4. Textwahl für die Korpusanalyse

Für die Korpusanalyse wurden insgesamt 28 Zeitungsartikel aus deutschsprachigen Tages- sowie Wochenzeitungen zusammengestellt, die aus dem Zeitraum von April 2017 bis August 2018 stammen, um ein möglichst aktuelles und repräsentatives Bild von der gegenwärtigen Debatte über das Schweizer Waffenrecht zu erhalten. Davon stammen zwölf aus der Luzerner Zeitung, neun aus dem St. Galler Tagblatt, je zwei aus Die ZEIT und Neue Zürcher Zeitung sowie jeweils einer aus BLICK, Bote der Urschweiz und 20 Minuten. Es wurden für die Korpusanalyse sowohl reine Berichterstattungstexte als auch journalistische Kommentare und Reportagen herangezogen, wobei letztere vor allem für die qualitative Analyse von Bedeutung sein werden.

5. Analyse nach Rekurrenz

Im ersten Schritt wurde mithilfe des Textanalyse-Programms AntConc eine Liste der am häufigsten auftretenden Lexeme erstellt, wobei für das Untersuchungsvorhaben irrelevante und wenig aussagekräftige Wortarten wie Artikel, Konjunktionen und gängige Präpositionen nicht in Betracht kommen konnten, da sie in jedem beliebigen Zeitungstext unabhängig des jeweiligen Kontexts in etwa gleichermassen vorkommen. Stattdessen beschränkt sich die Liste auf redundante Substantive, Vollverben und Attribute, um die kennzeichnenden Schlagwörter und Fachtermini herauszustreichen, die dem gesamten Diskurs inhärieren und ihn massgeblich beherrschen. Aus der Analyse mit AntConc nach dem Raster Word List unter Abzug der zuvor erwähnten Wortarten ergab sich folgende Auflistung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es fällt hierbei besonders auf, dass die Wörter EU mit 141 und Schweiz mit 121 Wiederholungen ganz oben auf der Rangliste stehen, obwohl es in den Zeitungsartikeln eigentlich als Hauptthema um Waffenbesitz geht und man hier daher eher Begriffe aus dem Waffenbereich erwarten würde. Mit dem Kompositum Waffenrecht taucht ein waffenbezogenes Lexem erst nach dem Wort Schengen auf Rang 4 der meist verwendeten Wörter auf, wofür es vor allem politische Gründe gibt. Das Thema Waffenrecht in der Schweiz beinhaltet in erster Linie eine internationale Dimension, was die Debatte darüber umso heikler und emotionaler gestaltet. Es geht in diesem Fall darum, dass die Schweiz als eigenständiger Staat nicht aus eigener Initiative respektive Überzeugung eine juristische Veränderung vornimmt, sondern sie stattdessen von anderen Ländern und Staatengemeinschaften zu einer bestimmten Handlung regelrecht aufgefordert wird, was viele Schweizer als ein Aufzwingen fremder Gesetze wahrnehmen und die allgemeine Sorge vor zunehmender Fremdbestimmung in der Bevölkerung zunehmen lässt. So ist die Verschärfung des Waffenrechts — diese beiden Ausdrücke sind ebenfalls unter den Top 20 der Rangliste zu finden — eine sehr ernst genommene Angelegenheit, da sie sinnbildlich für die politische Beeinflussung und Kontrolle der Schweiz durch die Europäische Union als mächtige Staatengemeinschaft steht, was sich im sogenannten Schengen -Abkommen aussenpolitisch manifestiert.

[...]

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Kollokationen und Musterhaftigkeit in der politischen Sprache. Am Beispiel des Schweizer Waffenrechts in deutschsprachigen Zeitungsartikeln
Hochschule
Universität Basel  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Diskurs- und genre-spezifische Formulierungsmuster
Note
2,5
Autor
Jahr
2018
Seiten
33
Katalognummer
V512609
ISBN (eBook)
9783346109071
ISBN (Buch)
9783346109088
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kollokation, Musterhaftigkeit, Wortgruppen, Politik und Sprache, Politische Sprache, Zeitungsartikel, Waffenrecht, Debatte, Diskussion, USA, Schweiz, Amoklauf, Gewalt, Waffengesetze, Diskurse, Diskurstheorie, Foucault, Macht des Diskurses
Arbeit zitieren
Ugur Koc (Autor), 2018, Kollokationen und Musterhaftigkeit in der politischen Sprache. Am Beispiel des Schweizer Waffenrechts in deutschsprachigen Zeitungsartikeln, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512609

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