Essay zum politischen Protest in der DDR


Essay, 2015

5 Seiten


Leseprobe

Essay zum politischen Protest in der DDR

Dieser Aufsatz beschäftigt sich mit dem politischen Protest in der DDR. Hierbei soll zunächst Bezug auf Vaclav Havel genommen werden. Insbesondere der Ductus „Versuch in der Wahrheit zu leben“ wird dabei von Relevanz sein. Danach wird der politische Protest in der DDR, unter Berücksichtigung der dazugehörigen Protestformen, beleuchtet.

Havel beantwortet in seinem Text wie man im posttotalitären System in „Wahrheit leben“ kann. Dabei schildert er zunächst die Merkmale des Systems. Er kommt zu dem Entschluss, dass das System das Ziel hat den Aktionsradius auszuweiten und die Ideologie zum System wird. Anhand eines Gemüseladenbesitzers, welcher das Banner anbringt „Proletarier aller Länder vereinigt euch“ verdeutlicht er, wie das System den Menschen entfremdet und wie der entfremdete Mensch das System stützt. Diese Darstellung kann mit einer Art Hamsterrad verglichen werden, denn der Hamster muss rennen, weil das Rad sich dreht und gleichzeitig dreht sich das Rad, weil der Hamster rennt.

Hierbei stellt sich die Frage, wie soll man dieses Problem dann lösen? Dies schildert Havel mit seinen Gedanken zum „Leben in Wahrheit“. Havel meint aber nicht zwangsläufig Begriffe wie „Opposition“ oder „Dissidenten“, denn diese Begriffe seien negativ behaftet und spiegeln nicht immer die Intentionen wieder. Eine komplette Konfrontation mit dem System würde als komplette Negierung aufgefasst werden und Repressionen ließen nicht lange auf sich warten. Dieser Aspekt wird durch das System noch geschürt, indem es präventiv Misstrauen gegenüber anderen Bewegungen schürt. Zum „Leben in Wahrheit“ gehören nach Havel alle freien Lebensentscheidungen. D.h. diese Auffassung geht weit über den Begriff der „Opposition“ hinaus. Jede Form, die nicht systemkonform ist, gehört dabei dazu. Somit ist auch eine einzelne freie Tat oder sogar ein Ausdruck eine Form des „Lebens in Wahrheit“, da dadurch eine Reflexion des politischen Systems bzw. der politischen Ideologie vorgenommen wurde. Zum „Leben in Wahrheit“ bedarf es nicht zwangsläufig eines alternativen Programmes.

Havel bietet mit seiner Auslegung einen großen Spielraum, um etwas gegen das System zu unternehmen, denn auf diese Weise wird jede Person, die nur in einem Bereich nicht angepasst ist, zu einer Person, die in „Wahrheit lebt“. Die Frage, die sich insgesamt stellt, was ist Wahrheit? Es lässt sich nicht seriös behaupten, dass man die absolute Wahrheit besitze bzw. kenne. Wenn Havel das zum Ausdruck bringen wollte, dann wäre er auf der gleichen Stufe wie das geschilderte System, denn in dem Moment hat er ebenfalls eine eigene Ideologie geschaffen. Das kann nicht das Interesse von Havel gewesen sein.

Es muss dementsprechend hinterfragt werden, was Havel mit seinen Ausführungen erreichen wollte. Havel verzichtet auf gängige Begriffe, wie beispielsweise „Opposition“. Es lässt sich damit vermuten, dass Havel von einem Denken in Blöcken abrücken wollte. Er wollte zum Ausdruck bringen, dass es nicht nur die Guten und die Bösen gibt. Es ist sehr gängig den entsprechenden Gruppierungen Eigenschaften beizumessen, aber das sind meist Verallgemeinerungen. Man geht immer davon aus, dass die Opposition das System stürzen wollte und dass das System dies mit aller Macht verhindern wollte. Aber gibt es in der Geschichte nicht genügend Diskontinuitäten, die verdeutlichen, dass die Einteilung nicht ganz so einfach ist? War der ausgebürgerte und überzeugte Sozialist Wolf Biermann wirklich ein kompletter Gegner des Systems? Hat Gorbatschow mit seiner Glasnost und Perestroika nicht auch das System erodiert und damit zur Abschaffung beigetragen? Es kann also in diesem Falle nicht immer nur in schwarz oder weiß unterschieden werden, denn es gibt sehr viele Graustufen, die dazwischen liegen.

Havel wollte genau diesen Umstand ausdrücken, denn auch eine Person, die in Kleinigkeiten abweicht, „lebt in Wahrheit“, somit steigt die Zahl derjenigen, die nicht systemkonform sind, im Verhältnis zur herkömmlichen Definition des „Oppositionellen“. Es lässt sich auch die Frage aufwerfen, ob Havel damit die eigene Bewegung stärken wollte. Dies bleibt allerdings spekulativ. Insgesamt lässt sich jedoch festhalten, dass Havel den Mut, auch in Kleinigkeiten abzuweichen, würdigt.

Nach der Untersuchung von Havels Werk soll nun die Protestbewegung der DDR analysiert werden. Dabei stellt sich sofort die Frage, ob es eine einheitliche Protestbewegung gab, welche sich historisch entwickelte. Diese Frage ist zu negieren. Im Laufe der Geschichte der DDR gab es zwar immer wieder unterschiedliche Formen des Protests, aber die Motive waren zumeist heterogen. Einen bedeutenden Aufstand gab es am 17.Juni 1953, als die Arbeiter in der Stalinallee gegen Normerhöhungen aufbegehrten und ein landesweiter Aufstand entbrannte, welcher militärisch unterbunden wurde. Es lässt sich somit vermuten, dass damit eine erste Aktion für nachfolgende Proteste geschaffen wurde. Dies ist allerdings nur in wenigen Fällen der Fall gewesen, da viele Beteiligte die DDR verließen, sodass nicht von einer Tradition des Protestes gesprochen werden kann.

Der Protest wurde vor allem durch alternative Gruppen getragen. Diesen standen sowohl das System, als auch die systemkonformen Bürger kritisch gegenüber. Es kann dementsprechend in den 1970ern und 1980ern zunächst nicht von einem Massenprotest die Rede sein. Prinzipiell gab es vier wesentliche Gruppen. Zuerst sind dabei die Wehrdienstsoldaten und Wehrdienstverweigerer zu nennen. Weiterhin muss die Kulturszene genannt werden, welche in der künstlerischen Freiheit vom System eingeschränkt wurde. Dann gab es konspirative linke Zirkel, die den Sozialismus verändern wollten. Als vierte Gruppe sind alternative Gruppen zu nennen. Bei genauerer Betrachtung fällt dabei auf, dass keine der genannten Gruppierungen primär die DDR stürzen wollte. Allein die Anzahl der jeweiligen Mitglieder hätte dies nur schwerlich zugelassen.

In den 1970ern und 1980ern verschmelzen diese Gruppen zur Friedensbewegung, wobei auch hier von keinem Massenprotest gesprochen werden kann. Der Frieden war hierbei das zentrale Motiv. Die DDR sollte ein friedlicher und demokratischer Staat werden. Es lässt sich damit auch an dieser Stelle zeigen, dass es nicht das Interesse war den Staat zu beseitigen. Diese Bewegung wurde vor allem durch die Kirche unterstützt. Wobei angemerkt werden muss, dass es schwierig ist, in diesem Kontext von einer Bewegung zu sprechen, da die Ziele und auch die Formen der Organisationen sehr heterogen waren.

In den 1980ern wandelt sich dies. Der fehlende Reformwille der Partei und fehlende Perspektiven der Jugend traten immer offener zu Tage. Verstärkt wurde dies vor allem durch die Glasnost und Perestroika von Gorbatschow. Dadurch kam es zu Veränderungen innerhalb der politischen Protestbewegungen in der DDR. Die Zahl der Oppositionellen stieg etwas an. Entscheidender ist aber die Verjüngung. Durch diese wurden die Formen des Andersseins kompromissloser und die Repressionsmaßnahmen des Staates wurden nicht mehr so einschüchternd wahrgenommen. Der Themenschwerpunkt verlagerte sich ebenfalls. Während in den 1970ern globale Themen wie der Weltfrieden auf der Agenda standen, war nun die DDR in den Fokus gerückt. Insbesondere Freiheiten, wie beispielweise die Reisefreiheit, die Würde der Menschen und die freien Wahlen, waren nun von Relevanz.

Das System entgegnete diesen politischen Protesten mit Repressalien, welche die Bewegungen für sich nutzten und stärkten. Hierbei hat das System die Macht verloren, denn ein Element von Terror ist immer die Angst. In dem Moment, wo die Angst nicht mehr gewährleistet ist, funktioniert ein Terrorapparat nicht mehr. Dies lässt sich anhand eines profanen Beispiels verdeutlichen. Eine Mutter droht ihrem Kind: „Mach deine Hausaufgaben, sonst hast du Hausarrest!“ Diese Drohung funktioniert sehr gut, solange das Kind die Konsequenzen fürchtet. In dem Moment, wo das Kind diesbezüglich gleichgültig auftritt, werden die Drohungen der Mutter keinerlei Wirkung haben. So verhielt sich das auch bei der Protestbewegung in der DDR Das lässt sich anhand der Kirchen verdeutlichen, denn auch 1989 fanden die Protestformen im Schutzraum der Kirche statt. Erst als die Maßnahmen des Systems nicht mehr fruchteten und dieses erodierte, verließen die Gruppierungen den Schutzraum der Kirche. Somit lässt sich noch im Jahr 1989 eine gewisse Form der Anpassung erkennen.

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Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Essay zum politischen Protest in der DDR
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Autor
Jahr
2015
Seiten
5
Katalognummer
V512710
ISBN (eBook)
9783346099907
Sprache
Deutsch
Schlagworte
essay, protest
Arbeit zitieren
Christian Schwambach (Autor), 2015, Essay zum politischen Protest in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512710

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