Die Rolle der Identität und der medialen Verbreitung in der Entwicklung der deutschen und spanischen Jugendsprache


Bachelorarbeit, 2016

46 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Migration in Deutschland und Spanien
2.1 Migration in Deutschland
2.2 Migration in Spanien

3 Jugend - Jugendsprache - Jugendsprachforschung
3.1 Jugend
3.2 Jugendsprachforschung
3.3 Jugendsprache
3.3.1 Jugendsprache als Soziolekt
3.3.2 Jugendsprache als Sondersprache
3.3.3 Jugendsprache als Sprechstil
3.3.4 Jugendsprache als Varietät
3.4 Charakteristika der Jugendsprache
3.5 Jugendsprache und Medien

4 Identität und Sprache
4.1 Kiezdeutsch
4.2 Cheli

5 Fazit

Bibliographie

1 Einleitung

Im Kontext der aktuellen Flüchtlingskrise sind Identität und Sprache im Zusammenhang mit Integration, sowohl in Fachkreisen als auch populärwissenschaftlich, viel diskutierte Themen. Die gegenwärtigen Entwicklungen verändern das Bild von Europa, machen es bunter und vielfältiger. Neben finanziellen und organisatorischen Herausforderungen, die bewältigt werden müssen, ist auch die Sprachpolitik gefragt zu handeln, um ein multikulturelles Zusammenleben und interkulturelle Bereicherungen zu ermöglichen. Ein Großteil der Migranten ist im Jugendalter, die meisten von ihnen werden in den Aufnahmeländern die staatlichen Schulen besuchen und kommen so in Kontakt mit der einheimischen Jugend und ihrer Kultur. Diese Vermischung wird in den kommenden Jahren ein interessantes und sehr weitläufiges Forschungsfeld bieten, auch im Kontext der Linguistik. Da Einwanderung kein neues Phänomen ist, lohnt es sich, auf die Vergangenheit zu blicken und zu untersuchen, welchen Einfluss migrationsbedingte Entwicklungen bisher auf die Sprache hatten. Im Zentrum meiner Untersuchungen werden die Jugendsprachen deutscher und spanischer Jugendlicher stehen. Der Vergleich zwischen Deutschland und Spanien bietet sich an, da trotz relativer räumlicher Nähe die Migrationsentwicklungen sehr heterogen sind und sich somit voraussichtlich erkenntnisreiche Kontraste aufzeigen werden. Um den Forschungsgegenstand einzugrenzen, werde ich mich lediglich auf die Jugendsprachen beziehen. Ein Grund für diese Begrenzung ist, dass Jugendsprachen - wie sich im Verlauf der Arbeit zeigen wird - besonders dynamisch sind und Neues und Anderes schnell und gerne adaptieren.

Einen weiteren Schwerpunkt meiner Arbeit werden die (neuen) Medien darstellen. Jugendsprachen und Medien befinden sich in einer komplexen Wechselbeziehung. Zudem stellt die Ausbreitung der Medien eine globale Entwicklung dar, sodass dieselben Inhalte international und -kontinental in der industrialisierten Welt Verbreitung finden. Weiterhin muss die Rolle der (jugendlichen) Identität untersucht werden.

Sprache und Identität sind zwei eng verbundene Konzepte, welche besonders im Zusammenhang mit Jugendsprache zu thematisieren sind, da Identität Sprache konstituiert, aber Sprache auch wiederum Einfluss auf die Identitätsbildung von Individuen und Gruppen ausübt. Dieser Zusammenhang wird in meiner Arbeit anhand der mischsprachlichen Jugendvarietät Kiezdeutsch und dem Hauptstadtspanisch der jugendlichen „Madrileños", dem Cheli deutlich gemacht. Diese Arbeit konzentriert sich auf die Untersuchung der These: Jugendsprachen gleichen sich international zunehmend an. Während meines Auslandaufenthalts im Bachelorstudium in Madrid sind mir in der Kommunikation - besonders in der schriftlichen online-Kommunikation - mit spanischen Kommilitonen einige Überschneidungen in der Kommunikation mit meinem deutschen Bekanntenkreis aufgefallen. Dies weckte mein Interesse und bewegte mich zur Wahl des Themas meiner Bachelorthesis. Bei der Untersuchung stehen deutsche und spanische jugendsprachliche Varietäten im Kontext von Migration, sowie der medialen Globalisierung, im Zentrum der Betrachtung. Um die These zu untersuchen, wird zunächst auf die jüngere Geschichte der Migration in Deutschland und Spanien eingegangen. Anschließend wird das Phänomen Jugendsprache im Zusammenhang mit dem Begriff Jugend und der Jugendsprachforschung thematisiert. Außerdem wird die Jugendsprache im Kontext der neuen Medien thematisiert. Darauf aufbauend wird die Relation von Identität und Sprache untersucht. Zuletzt werden die jugendsprachlichen Varietäten Kiezdeutsch und Cheli einer genaueren Betrachtung unterzogen. Im Fazit soll zusammenfassend eine abschließende Betrachtung der Kernaspekte der Arbeit und der These erfolgen und ein Ausblick auf die Weiterentwicklung der spanischen und der deutschen Jugendsprachen im Kontext von Migration, Medien und Identität vorgenommen werden.

2 Migration in Deutschland und Spanien

Da es sich bei der vorliegenden Thesis um eine linguistische Arbeit handelt, wird in diesem Abschnitt nur ein kurzer Überblick über die Ein- und Auswanderungsgeschichte von Spanien und Deutschland gegeben. Diese Informationen sind notwendig, um die unterschiedlichen Entwicklungen der Jugendsprachen in den beiden Ländern nachvollziehen und letztendlich die dieser Arbeit zugrundeliegenden Fragestellung beantworten zu können.

2.1 Migration in Deutschland

Es ist interessant die Migrationsgeschichte ab der Zeit kurz vor dem ersten Weltkrieg zu betrachten, da zu diesem Zeitpunkt bereits 1,2 Millionen „ausländische Wanderarbeiter" in Deutschland lebten (vgl. Oltmer 2005). Die Industrie expandierte und es wurden Arbeitskräfte benötigt. Mit Integration der Zuwanderer ging diese Entwicklung jedoch keineswegs einher, „[d]ie Migranten wurden stark kontrolliert und eine dauerhafte Einwanderung war nicht erwünscht" (Oltmer 2005). In der Weimarer Republik gingen die Zahlen der Wanderarbeiter zwar zurück, „[gleichzeitig gewannen Zwangswanderungen (Flucht, Umsiedlung, Vertreibung) erheblich an Bedeutung für das Migrationsgeschehen nach 1918" (Oltmer 2005). In der Zeit des Nationalsozialismus fanden die größten Migrationsbewegungen des 20. Jahrhunderts statt. Mehrere Hunderttausende Juden und politisch Verfolgte emigrierten in den Jahren vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Zur gleichen Zeit arbeiteten etwa 10 bis 12 Millionen ausländliche Zwangsarbeiter für die deutsche Rüstungswirtschaft. Das Kriegsende 1945 und die nachfolgende politische und territoriale Neuordnung Europas formten den Hintergrund für millionenfache Wanderungsbewegungen (vgl. Oltmer 2005). Dabei handelte es sich vorwiegend um Zuwanderungsbewegungen. Durch den wirtschaftlichen Aufschwung und den Neuaufbau nach dem Krieg wurden viele Arbeitskräfte benötigt.

„Wachstumsraten von bis zu 12,1% versetzten das Land in einen kollektiven Taumel.

Innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne verringerte sich die Arbeitslosenquote von 11% im Jahre 1950 auf unter 1% im Jahre 1961" (DoMiD 2015).

Somit warb die Bundesrepublik Deutschland zwischen 1955 und 1973 von Unternehmen und Behörden Millionen ausländischer Arbeitskräfte - die so genannten Gastarbeiter - aus verschiedenen Mittelmeerländern an. Zu keinem Zeitpunkt war geplant, dass Deutschland die Heimat der Wanderarbeiter wird, die Zeitspanne des Aufenthalts sollte begrenzt bleiben. Aus diesem Grund wurden zunächst auch weder infrastrukturelle noch sozial- bzw. integrationspolitische Konzepte zugunsten der Gastarbeiter entworfen (vgl. DoMiD 2015). Durch die wirtschaftliche Rezession nahm die Ausländerbeschäftigung ab 1966 ab. Doch entgegen der Planung blieben viele der Gastarbeiter auch nach Ende der Beschäftigung in Deutschland. Zusammen mit den nachgereisten Familien bilden sie mit ihren Nachkommen bis heute die größte Gruppe der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund (vgl. Oltmer 2005). 1973 trat ein Anwerbestopp in Kraft, zu diesem Zeitpunkt waren ca. 2,6 Millionen ausländische Arbeitnehmer in der Bundesrepublik beschäftigt und insgesamt lebten 3,9 Millionen Menschen ohne deutschen Pass in Deutschland (vgl. Butterwegge 2005). Neben Arbeitsmigration „(...) bestanden weitere Formen der Zuwanderung, die besonders seit der Wiedervereinigung und dem Ende des Kalten Krieges zahlenmäßig stark ins Gewicht fielen: Aussiedlerinnen und Aussiedler aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa und der ehemaligen Sowjetunion, sowie Flüchtlinge und Asylsuchende (in den 1990er-Jahren vor allem aus dem zerfallenden Jugoslawien)" (Oltmer 2005).

Nach dem Fall der Berliner Mauer stiegen die Zahlen der Zuwanderer aus der DDR und der ehemaligen Sowjetunion, sowie etwa zeitgleich die Flüchtlingszahlen aufgrund von Bürgerkriegen in Afrika und Jugoslawien, stark an (vgl. Butterwegge 2005). Zu diesem Zeitpunkt bestärkte die Regierung noch die Aussage, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei (vgl. Butterwegge 2005), dementsprechend gering waren auch die politischen Integrationbemühungen. Erst mit den Veröffentlichungen der PISA-Studie (2000) sind Bildungsprozesse junger Menschen mit Migrationshintergrund1 vollends ins Zentrum der Aufmerksamkeit geraten (vgl. Butterwegge 2005) und somit hat auch die Einsicht der Notwendigkeit einer ausgereiften Integrationspolitik Einzug gehalten. „Bildung, Ausbildung und Integration in den Arbeitsmarkt sind wichtige Voraussetzungen, aber auch wichtige Indikatoren für die Integration" (Butterwegge 2005, zit. n. Maria Böhmer, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung).

Erst im Jahr 2005 mit Inkraftsetzung des „(...) neue[n] Zuwanderungsgesetz[es] (Gesetz zur Steuerung und Begrenzung der Zuwanderung und zur Regelung des Aufenthalts und der Integration von Unionsbürgern und Ausländern) (...) erklärte sich Deutschland faktisch zum Einwanderungsland." (DoMiD 2015).

In den vergangenen Jahren stieg der Anteil von Personen mit Migrationshintergrund stark an. Während 2011 19,5% der Gesamtbevölkerung einen Migrationshintergrund sind es 2014 bereits über 20% (vgl. DoMiD 2015). Aktuelle Zahlen von 2015 sind noch nicht veröffentlicht worden. Dem folgenden Diagramm ist die Entwicklung der Zahlen von Asylanträgen zu entnehmen. 1955 lag die Zahl noch unter 2000, während 1993 (mit 438191) und 2015 (467649) die Höchstzahlen erreicht wurden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: in Anlehnung an Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2016: 7)

Der größte Anteil der 16,4 Millionen Personen mit Migrationshintergrund stammt aus der Türkei (17,4 Prozent), gefolgt von Polen (9,9 Prozent), Russland (7,3 Prozent) und Italien (4,7 Prozent), hiervon haben etwa 8,2 Millionen Menschen einen ausländischen Pass (vgl. Statistisches Bundesamt 2015). Betrachtet man die momentanen Flüchtlingsbewegungen, wird deutlich, dass die meisten Menschen aus dem arabischen Raum, aus Syrien, Afghanistan und dem Irak stammen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: in Anlehnung an Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2016: 8)

2.2 Migration in Spanien

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte Spanien keineswegs als Einwanderungsland bezeichnet werden. Von 1905 bis 1913 verließen über 1,5 Millionen Spanier das Land. Einen Großteil zog es nach Südamerika (vgl. Kreienbrink 2008) Nach den Weltkriegen setzte sich diese Entwicklung fort: zwischen 1946 und 1958 verließen ca. 624.000 Menschen das Land. Die Auswanderung nach Südamerika wurde in der Folgezeit zunehmend unattraktiver. Zwischen 1958 und 1975 verließen zwar etwa 300.000 Menschen das Land mit dem Ziel Südamerika, doch zunehmend attraktiver wurden ab den 1960er Jahren im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung die westlichen Länder, die begannen, ausländische Arbeiter abzuwerben, wie es zum Beispiel in Deutschland der Fall war. Spanien wurde zu einem Herkunftsland von Gastarbeitern. „Das Ende der Anwerbungen infolge der Energie- und Wirtschaftskrise 1973/74 führte zu einem drastischen Rückgang der Auswanderung" (Kreienbrink 2008). Von 1960 bis 1975 zogen ca. 2 Millionen Spanier in andere europäische Länder. Viele Auswanderer kehrten im Rentenalter zurück in ihr Heimatland.

Relevanter als die Auswanderung aus Spanien ist für diese Arbeit die Einwanderung. 1975 betrug die Zahl von Ausländern in Spanien lediglich ca. 200.000, am Ende des Jahrhunderts waren es in etwa eine Million (vgl. Kreienbrink 2008). Im Jahr 2014 ist die Zahl auf etwa 4,7 Millionen gestiegen (vgl. Prats 2015). Auf der Basis der kommunalen Melderegister (padrón municipal) ist die Gesamtzahl der ausländischen Wohnbevölkerung deutlich höher anzusetzen (vgl. Kreienbrink 2008). Hiernach lag die Zahl bereits im Januar 2008 bei 5,2 Millionen.

„Die Ursachen für den Wandel Spaniens von einem Auswanderungs- zu einem Einwanderungsland sind vielfältig und liegen sowohl in Spanien selbst, als auch in sozioökonomischen und politischen Entwicklungen außerhalb begründet" (Kreienbrink 2008).

Spanien bot mit seiner Mitgliedschaft in der EG/EU und einem relativ kontinuierlichen Wirtschaftswachstum ein attraktives Ziel.

„Zudem hatte Spanien bis Mitte der 1980er Jahre eine kaum definierte Grenz- und Einwanderungspolitik und bot auch anschließend bis in die 1990er Jahre durch seine Ausrichtung auf den Tourismus wenige Hindernisse" (Kreienbrink 2008).

Zu den äußeren Faktoren, die den Wandel Spaniens zu einem Einwanderungsland begünstigten, gehörten die Restriktionen, die Staaten wie Deutschland, Frankreich und die Schweiz seit Mitte der 1979er Jahre oder die USA seit Mitte der 1980 Jahre bei ihrer Zulassungspolitik einführten und Spanien besonders für Migranten aus Lateinamerika und von den Philippinen attraktiv machten. „Die Machtübernahme durch Diktaturen in fast allen Ländern Lateinamerikas (...) führte immer wieder zu erheblicher Migration, die zuerst meist politisch begründet, später jedoch zunehmend wirtschaftlich motiviert war" (Kreienbrink 2008). Die aktuelle Flüchtlingskrise spielt in der öffentlichen Debatte und Landespolitik in Spanien im Vergleich zu Deutschland eine untergeordnete Rolle (vgl. Caspari 2015). Spanien verfolgt eine resolute Grenzpolitik. Noch vor einigen Jahren war das Land eine von Europas Hauptanlaufstellen für Flüchtlinge aus Afrika, doch auch über die zwei spanischen Enklaven auf dem afrikanischen Kontinent kommen seit etwa zwei Jahren nur noch sehr wenige Flüchtlinge, da die Grenzbefestigungen deutlich verstärkt wurden und die Flüchtenden bereits in Marokko aufgehalten werden (vgl. (Schuster 2015). Doch auch die Zahl der Personen die sich um Asyl bewerben ist sehr gering, „[i]m September waren es laut Eurostat 0,1 Prozent - die niedrigste Quote in der EU, in etwa auf einem Niveau mit Tschechien, Rumänien und der Slowakei" (DWN 2015). Die Zurückhaltung bei der Aufnahme von Flüchtlingen, die momentan vorwiegend aus dem arabischen Raum stammen, rechtfertigt Spaniens Regierung unter anderem damit, dass sich das Land gerade erst langsam von der Wirtschaftskrise erhole, die Arbeitslosigkeit noch sehr hoch sei und für neue soziale Herausforderungen weder Mittel noch Personal zur Verfügung stünden und somit den Flüchtlingen keine würdige Unterstützung durch das Land zukommen könne (vgl. Meier 2015). Die Zahl der Asylanträge ist im Jahr 2014 in Spanien mit 5.615 im Vergleich zu Deutschland mit 202.645 (vgl. Bitoulas 2015) sehr gering, dies liegt neben der Flüchtlingspolitik auch daran, dass Nordeuropa ein beliebteres Ziel für Flüchtlinge ist.

Ein Abbrechen der Flüchtlingsströme ist aufgrund der aktuellen Sicherheitslage in den Herkunftsländern nicht abzusehen, die UNO geht von mindestens 3 Millionen Flüchtlingen bis 2017 aus. Ein Vergleich der Anzahl der Menschen mit nicht deutscher/spanischer Staatsangehörigkeit aus bestimmten Herkunftsländern soll einen Überblick über die Verhältnisse in den beiden Staaten (Stand 07/2015) geben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Tabelle: "Trends in International Migrant Stock”. In Anlehnung an United Nations, Department of Economic and Social Affairs 2015)

Diese Tabelle hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es soll lediglich ein Überblick gegeben werden. Aus Zwecken der Übersichtlichkeit wird deshalb nur eine Auswahl an Nationen präsentiert.

Es wird deutlich, dass in Spanien die Anzahl an Marokkanern und Rumänen am höchsten ist. Außerdem sind Menschen aus spanischsprachigen Herkunftsländern sehr stark vertreten (vgl. Kotschi, Oesterreicher, Zimmermann 1996). Die Zahl der in Deutschland lebenden Menschen mit rumänischer Staatsangehörigkeit ist ähnlich hoch wie in Spanien. Anders verhält es sich bei den nicht-europäischen spanischsprachigen Nationen, hier ist die Anzahl der Zuwanderer in Deutschland im Vergleich zu Spanien relativ gering. In Deutschland sind dagegen die türkischstämmigen Menschen am stärksten vertreten, während die Zahl in Spanien verschwindend niedrig ist. Betrachtet man die Nationen, aus denen momentan die meisten Flüchtlinge nach Europa kommen (Syrien, Afghanistan, Irak, u.a.), fällt auf, dass die Anzahl der Menschen aus diesen arabischen Ländern in Deutschland deutlich höher ist als in Spanien.

In Bezug auf diese Arbeit ist das Alter der Flüchtlinge eine wichtige Variable. Nach einer BAMF-Statistik über die

„im ersten Halbjahr 2015 verzeichneten Antragsteller bestand die größte Gruppe aus Kindern und Jugendlichen (66.601 von 218.221), gefolgt von den 18- bis 24-Jährigen (50.280), den 25- bis 29-Jährigen (33.481) und den 30- bis 34-Jährigen (16.553). Jeder zweite Flüchtling ist also jünger als 25" (Jacobs, Mayntz, Quadbeck 2015).

Die Migranten in Deutschland müssen eine Sprache lernen, die ihnen meist fremd ist. Sie sprechen eine Muttersprache die mit dem deutschen nicht verwandt ist und im Fall des Arabischen sogar ein komplett anderes Schriftzeichensystem hat. Die großen Migrantengruppen in Spanien, vor allem die Südamerikaner, beherrschen die Sprache des Aufnahmelandes bereits, es ist meist ihre Muttersprache (vgl. Otero Roth 2007). Somit ist der Integrationsaufwand geringer. Eine weitere große Migrantengruppe in Spanien sind die Rumänen. Da Rumänisch eine romanische Sprache ist und somit mit dem Spanischen verwandt ist, dürfte das Erlernen des Spanischen vergleichsweise leichtfallen (vgl. Sancho Pascual 2013: 95). Moreno Fernández (2009: 122) beschreibt, dass die „la proporción de conocedores del español en España” bei 98,8% liegt”.

3 Jugend - Jugendsprache - Jugendsprachforschung

Es ist unmöglich Jugendsprache in wenigen Sätzen vollständig zu definieren. Dies liegt einerseits daran, dass Jugendsprache ein interdisziplinärer Gegenstand ist und sich somit aus verschiedenen Perspektiven betrachten lässt. Hinzu kommt, dass Jugendsprache ein dynamisches Phänomen ist, welches jeweils im kulturellen und historischen Kontext zu betrachten ist. Zudem ist es genauso unmöglich, Jugendsprache als ein homogenes Konstrukt zu untersuchen, wie die Jugend als eine klar eingrenzbare, homogene Gruppe zu definieren. Um die Frage „Was ist Jugendsprache?“ zufriedenstellend beantworten zu können, wird im Folgenden zunächst der Begriff Jugend und anschließend die Jugendsprache im Kontext der Entwicklung der europäischen Jugendsprachforschung thematisiert.

3.1 Jugend

Frau Prof. Dr. Doris Bühler-Niederberger nähert sich in ihrem Beitrag „Jugend in soziologischer Perspektive - Annäherung und Besonderung“ in „Jugendsprache - Jugendliteratur - Jugendkultur. Interdisziplinäre Beiträge zu sprachkulturellen Ausdrucksformen Jugendlicher“ (Bühler-Niederberger 2003) folgendermaßen dem Begriff an:

"Soziologisch gesehen ist die Jugend die Periode im Leben eines Menschen, in welcher die Gesellschaft, in der er lebt, ihn [...] nicht mehr als ein Kind ansieht, ihm aber den vollen Status, die Rollen und Funktionen des Erwachsenen noch nicht zuerkennt. Hinsichtlich des Verhaltens ist sie definiert durch die Rollen, die der junge Mensch in Kraft seines Status in der Gesellschaft spielen soll und darf, zu spielen genötigt oder verhindert ist. Sie ist nicht durch einen besonderen Zeitpunkt bestimmt, etwa die körperliche Pubertät, sondern nach Form, Inhalt, Dauer und Abschnitt im Lebenslauf von verschiedenen Kulturen und Gesellschaften verschieden eingegrenzt" (Bühler-Niederberger 2003: 11).

Die zugeschriebene Alterspanne von Jugend hat sich im Laufe der Geschichte stark verändert. Zudem bestehen große kulturelle Unterschiede: In den meisten Kulturen gilt eine Person dann als Erwachsen, wenn sie eine feste Arbeit, einen festen Partner, sowie einen eigenen Wohnort und bestenfalls auch noch Nachwuchs vorweisen kann. In der westlichen Welt, insbesondere in Deutschland existiert die Jugend als eigenständige Lebensphase in seiner heute bekannten Form erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit dem ansteigenden Wohlstand der 1950er Jahre setzte sich die Lebensphase Jugend endgültig durch (vgl. Sander 2000: 3-4). Vor dieser Entwicklung ging die Kindheit im Regelfall unmittelbar in das Arbeitsleben über (vgl. Wieland 2008: 102). In der europäischen Informationsgesellschaft wird der Schritt zum Erwachsenenalter immer später und gleichzeitig der Schritt von der Kindheit zur Jugend immer früher vollzogen. Diese Übergänge sind an körperliche sowie an soziale Veränderungen gebunden. Das Kind tritt in die Phase der Pubertät ein, erlebt enorme physische Entwicklungen und ist gleichzeitig wichtigen Veränderungen im gesellschaftlichen Umfeld ausgesetzt. Heranwachsende beginnen ein steigendes Bedürfnis an Unabhängigkeit, Freiheit und Emanzipation von den Eltern zu verspüren, gleichzeitig benötigen sie aber auch deren Schutz und Sicherheit. Um diesen sich widersprechenden Gefühlen nachgehen zu können, verhalten sich Jugendliche oft rebellisch und ungehorsam (Vgl. Santillán 2009: 15). Dies wiederum führt zu Problemen im gegenseitigen Verständnis zwischen Eltern und Kindern in dieser Lebensphase. Dazu kommt der Bedeutungszuwachs der Peergroup des Kindes. Das ähnliche Alter und die gemeinsamen Interessen bringen Jugendliche dazu, sich in diesem Kreis behaupten zu wollen, um Anerkennung und Respekt zu erhalten und so die eigene Identität zu bilden und zu festigen (Vgl. Santillán 2009: 14).

Selbst bei der Betrachtung vergleichsweise ähnlicher Kulturen wie Deutschland und Spanien werden Unterschiede sichtbar. Wieland untersucht die angelegten Altershöchstgrenzen für Jugend in verschiedenen Studien und kommt zu dem Schluss, dass sie in deutschen Publikationen bei durchschnittlich achtzehn bis zwanzig Jahren liege, in spanischen Abhandlungen mit mitunter fünfunddreißig Jahren demgegenüber deutlich höher angesetzt werden (Wieland 2008: 103). Eine Erklärung für diese Unterschiede bietet Rodríguez González (2002a: 26); er sieht die Gründe in den Abhängigkeitsverhältnissen Jugendlicher innerhalb der Gesellschaft: spanische Jugendliche werden im Gegensatz zu deutschen aufgrund ihrer schwierigeren wirtschaftlichen Situation, zum Beispiel aufgrund hoher Jugendarbeitslosigkeit, im Durschnitt später von ihren Eltern unabhängig. Außerdem verlängert das eigene Recht und der hohe Eigenwert der Jugend diese Lebensphase.

„Die Jugendlichkeit hat sich als universale und normative Sozialkulturvorgabe in Deutschland und allen anderen modernen Gesellschaften durchgesetzt. Waren ehemals die Phasen Kindheit und Jugend untergeordnete "Statuspassagen" ins Erwachsenenleben, so erringt die Jugendzeit im 20. Jahrhundert "eigenes Recht", d.h. einen hohen Eigenwert und eine starke Attraktivität für die Heranwachsenden. Für junge Menschen verliert damit das Erwachsenenalter als Zielwert an Bedeutung; sie wollen möglichst lange Jugendliche bleiben. Und viele Erwachsene, auch wenn sie schon längst nicht mehr als "Postadoleszente" bezeichnet werden können, pflegen weiterhin den Habitus der Jugendlichkeit, indem sie sich modisch jung geben" (Treumann et al. 2007: 28).

Die Medien propagieren das Wunschbild der ewigen Jugend. All das, was die Jugend konserviert, hat Erfolg: Kosmetik, Trendsportarten, Kleidung und auch die Sprache der Jugend. Dafür lassen sich auch in der spanischen Fachliteratur Belege finden.

[...]


1 Das Statistische Bundesamt definiert Personen mit Migrationshintergrund als Personen, die nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugezogen sind, alle in Deutschland geborenen Ausländer/-innen und alle in Deutschland mit deutscher Staatsangehörigkeit Geborene mit zumindest einem zugezogenen oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil (vgl. Statistisches Bundesamt 2015)

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Identität und der medialen Verbreitung in der Entwicklung der deutschen und spanischen Jugendsprache
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
46
Katalognummer
V512864
ISBN (eBook)
9783346090836
ISBN (Buch)
9783346090843
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendsprache, Cheli, Jugendsprachforschung, Medien
Arbeit zitieren
Malene Heil (Autor:in), 2016, Die Rolle der Identität und der medialen Verbreitung in der Entwicklung der deutschen und spanischen Jugendsprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512864

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Rolle der Identität und der medialen Verbreitung in der Entwicklung der deutschen und spanischen Jugendsprache



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden