Afghanische Frauen in Deutschland. Afghanische Geflüchtete zwischen tradierten und emanzipierten Identitätskonstruktionen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

16 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Problemstellung und Zusammenfassung
1.2 ZentraleFragestellung
1.3 Hypothesen
1.4 TheoretischerRahmen
1.5 Forschungsgegenstand
1.6 Methoden
1.7 Rahmen
1.8 ReflexionzubesonderenProblemstellungen

2. Quellen-undLiteraturverzeichnis

I. Einführung

Bis in die Gegenwart hinein dominierte das Bild von der „primitiven“ und unmündigen außereuropäischen Frau, das in den tradierten Wertevorstellungen des europäischen Kolonialismus und Rassismus verwurzelt liegt. So galt die fremde Frau aus der anderen Kultur als das minderwertige, subjektlose Objekt, das den eigenen ökonomischen, sexuellen und politischen Interessen angeeignet und untergeordnet werden musste (Arbeitsgruppe Ethnologie Wien 1989: 9).

Auch heute haften muslimischen Frauen auch oder gerade heute eine Vielzahl negativer stereotyper Vorstellungen an, die je nach Zeitgeist und Kontext, zwischen der orientalischen Schönheit aus „Tausend und einer Nacht“, der fanatischen Islamistin oder der unterdrückten Hausfrau changieren. So scheint die Diversität zwischen eigener Kultur und fremder Kultur im öffentlichen Diskurs meist besonders groß und schwer zu überwinden. Das Bild des Fremden wird als Opponent zum Eigenen dargestellt und dient damit der Legitimation und Konstitution des eigenen Selbst in Abgrenzung zu dem Anderen. Doch wie groß scheinen die Unterschiede im Vergleich zu den Gemeinsamkeiten zwischen Orient und Okzident wirklich? Und was ist mit denen die zwischen den Kulturen stehen, wo und wie verorten sie sich in diesem Spannungsfeld?

1.1 Problemstellung und Zusammenfassung

Die Inspiration für dieses Thema erhielt ich im Rahmen persönlicher Diskurse über die Selbstbestimmung muslimischer Frauen, die bedingt durch meine persönliche Biographie, als Tochter eines iranischen Flüchtlings in Deutschland, stets ein präsentes und daher auch reizvolles Thema darstellte. So ereignet es sich, dass sich der XX e.V., einem Verein zur Förderung der Rechte afghanischer Frauen, als ein geeignetes Untersuchungsfeld für meine ethnologischen Studien zu den vielfältigen Lebenswelten und Rollenverständnisse muslimischer Frauen, anbot.

Das Forschungsinteresse richtet sich dabei auf die emazipatorischen Herausforderungen und Chance die, die derzeit 24 afghanischen Schülerinnen des Vereins erwarten. Ich möchte überprüfen, ob durch die temporäre Herauslösung der Frauen aus dem häuslichen Umfeld in Kombination mit weiteren integrativen und emanzipativen Maßnahmen und Aktivitäten Einfluss auf das Selbst- und das Rollenverständnis der Frauen haben kann. Im Zuge dieser breitgefächerten Kontextualisierung soll der Mittelpunkt der Diskussion bei den Chancen und Herausforderungen einer Umstrukturierung des eigenen Rollenverständnisses liegen.

Das übergeordnete Ziel ist, unter Anwendung ethnologischer Methoden, den Zugang zu lokalem Wissen der Teilnehmerinnen und somit auch zum Verständnis der spezifischen kulturellen Deutungsmuster und Handlungspraktiken anzunähern, um Einblicke in die emischen Perspektiven der einzelnen Akteure zu ermöglichen. Neben der ethnologischen Erkenntnisgewinnung und den ersten Praxiserfahrungen erhoffe ich mir außerdem weitreichende Einblicke in die Strukturen der Vereins- und Projektarbeit sowie der Arbeit mit Geflüchteten. Der zugewinnende Mehrwert für meinen weiteren beruflichen Werdegang liegt in den interkulturellen, sprachlichen und regionalspezifischen Kompetenzen, welche unter richtiger Verwendung ethnologischer Methoden erlangt werden können. So ist mein Vorhaben gleichermaßen auch von Neugier und Interesse für Kultur und Land motiviert, wie von den wissenschaftlichen und praktischen Aspekten.

Aufgrund meiner bisherigen ehrenamtlichen Arbeit in diesem Verein, als auch durch meine Tätigkeit als Exkursionsleiterin sowie meiner Funktion als EDV Lehrerin bei XX e. V. bietet sich mir hier ein idealer Einstieg für ein ethnographisches Praktikum. Während des zwei monatigem Praktikums werde ich die Schülerinnen von Montag bis Freitag bei verschiedenen Aktivitäten begleiten und diese durch die Methoden der Teilnehmenden Beobachtung dokumentieren. Besonders das Kopftuch, als das Symbol schlechthin für die Materialisierung von geistigen und kulturellen Konzepten des Islams dient, bietet sich daher als Einstieg für eine Debatte um Rollen- und Selbstbestimmung an. Die Projektidee weist thematische Überschneidungen zwischen den Arbeitsfeldern der Migrationsforschung, der interkulturellen Arbeit, als auch mit denen der Frauen und Geschlechterforschung auf.

1.2 Zentrale Fragestellung

Ziel des Projektes ist zu untersuchen, ob und wie sich durch die temporäre Herauslösung der Frauen aus dem familiären Umfeld das Verständnis von Freiheit und Selbstbestimmung beeinflusst wird. Ich möchte dabei das Zusammenspiel zwischen der tatsächlichen Auslebung des lokalen muslimischen Glaubens mit seinen restriktiven Vorstellungen und den Anforderungen, einer demokratisch-freiheitlichen Gesellschaft, genauer betrachten, wobei eine Unterscheidung zwischen lokalen und universalen Formen islamischer Glaubensausübung vorzunehmen ist. So steht auch die Konfrontation, der meist aus traditionell muslimisch geprägten Familien stammenden Schülerinnen, mit dem ungewohnten „westlichen“ Lebensstil von Frauen in Deutschland im Zentrum des Interesses. Wird das neue Umfeld mit all seinen sozialen und kulturellen Unterschieden und Herausforderungen als Bedrohung des eigenen muslimisch geprägten Weltbilds wahrgenommen oder wird es als emanzipatorische Chance gesehen?

So habe ich vor die essenziellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Verständnis des Frauseins der unterschiedlichen Kulturkreise zu untersuchen und herauszufinden wie die soziale Rolle der Frau in traditionell afghanische Gemeinschaften verortet ist und welche Faktoren die Prozesse der spezifischen Rollenstruktur (soziale, religiöse, ökonomische) beeinflussen. Ich werde einen Perspektivwechsel vollziehen, indem ich das Bild der „westlichen Frau“ in den Köpfen ihrer muslimischen Schwestern beleuchte. Welche Assoziationen haben sie, wenn Ihnen eine junge Frau in bauchfreiem Top und Shorts begegnen? Wie wird diese Form der Mode und des Körperbewusstseins bewertet und welche Rückschlüsse werden auf das Moralverständnis dieser Frauen gezogen? Findet Ablehnung oder Adaption gegenüber dem Neuen statt und welche Kriterien sind dafür ausschlaggebend? Gibt es eine strukturelle Relation, zwischen der öffentlichen Sphäre des Mannes und der privaten der Frauen, die als kulturelle Parameter einer religiösen Zweigeteiltheit fungieren? Für ein leichteres Verständnis und für den späteren interpretativen Prozess ist zunächstjedoch eine theoretische Annäherung sinnvoll.

1.3 Hypothesen

Die traditionelle afghanische Frau ist durch ihre Rollenzuweisung auch in Deutschland oft gezwungen ihr Leben ganz und gar auf die Familie und den Haushalt auszulegen, wodurch es nicht verwunderlich scheint, dass sie generell nur wenig mit ihrer Umwelt und der lokalen Bevölkerung in Kontakt kommen. Daher möchte ich untersuchen, ob durch eine temporäre Herauslösung der Frauen aus dem häuslichen Umfeld in Kombination mit integrativen und emanzipativen Maßnahmen und Aktivitäten, Einfluss auf das Selbst- und das Rollenverständnis der Frauen haben kann. Im Zuge dieser breitgefächerten Kontextualisierung soll der Mittelpunkt der Diskussion bei den Chancen und Herausforderungen einer Umstrukturierung des eigenen Rollenverständnisses liegen.

So besagt unter anderem die Kontakthypothese, dass unmittelbare Kontakterfahrungen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen das Maß der Ablehnung und Adaption der jeweiligen anderen Gruppen beeinflusst (vgl. Pettigrew 2000).

Dies würde meine Annahme untermauern, dass durch eine intensive Auseinandersetzung mit der fremden deutschen Gesellschaft und dem Aufzeigen andere Identitäts- und Rollenkonstrukte gepaart mit integrativen Maßnahmen, keine Rückbesinnung auf tradierte Ordnungssysteme, sondern ein Aufbrechen der restriktiven Rollenkonstrukte stattfindet, was sich in der Annahme von alternativen Lebenskonzept realisiert. Es ist davon auszugehen, dass einige der Schülerinnen des XX Vereins, die alle in einem muslimischen Umfeld sozialisiert wurden, gerade den ungewohnten „westlich-freiheitlichen“ Lebensstil und die gesellschaftliche Rolle der Frau in Deutschland zunächst als ungewohnt und fremd, manchen sogar als Provokation wahrnehmen. So ist es nicht zu erwarten, dass diese Frauen ihre traditionellen und kulturellen Wertvorstellungen generell in Frage stellen, doch denke ich, dass durch Selbstreflexion und intensive Auseinandersetzung mit der, doch so fremden deutschen Gesellschaft neue Perspektiven eröffnet werden können, die nicht unvereinbar mit lokalen und universalen religiösen Vorstellungen des Islams sind. Es scheint dabei sinnvoll die soziokulturelle Relevanz der Rollenzuschreibung der Frau in dem traditionellen Kontext zu untersuchen. Im Prozess der Ausdifferenzierung meiner Hypothesen erschließen sich weitere Ansätze und Fragen, die nach der Geschlechterbeziehung und der Sexualität fragen. Als Basis für die Analyse gilt es sich zunächst der Wahrnehmung des sozialen Milieus der Heimat dieser Frauen, sowie über deren derzeitigen sozialen Situationen Beachtung zu schenken.

1.4 TheoretischerRahmen

Im Mittelpunkt der Debatte befindet sich die Theorie des Soziologen, Georg Eiwert, welche besagt, dass sich Rollen- und Identitätskonstruktionen in Abhängigkeit zu ihren äußeren Faktoren als wandelbar und flexibel erweisen. So stellt die Konfrontation mit fremden Werte- und Moralvorstellungen ein besonderes Verhandlungsfeld dar, wobei die Schaffung, Strukturierung und Gestaltung von sozialen Beziehungen sich stets im Wandel befinden. Fragen nach Identität, Hierarchie, Körper- und Geschlechterbild, sowie deren Repräsentation sind dabei essenziell. Gerade die Analyse traditioneller Erscheinungsformen und den damit verbundenen Handlungsweisen, in Bezug zu ihren historischen wie gegenwartsbezogenen Kontexten, ermöglicht Einblicke auf Symbole des Ausdrucks von individueller und kollektiver Identität. Solchen Prozessen gehe dabei immer auch ein Umbau und ideologischer Neuaufbau von sozialen Beziehungen voraus, welcher von verschiedenen sozio-kulturellen Einflüssen abhängig sei (Eiwert 1989: 42).

Das Selbstbild entspricht dabei nicht nur einer individuellen Subjektivität, sondern spiegelt auch immer die von außen wirkenden Faktoren wider. Dieses Selbstbild kann konstant bleiben, kann dabei aber auch Veränderungen unterliegen, wohingegen der Begriff der „Identität“ eine permanente Kontinuität suggeriert. Das Selbstverständnis bezieht sich demnach nur auf das temporäre subjektive Empfinden eines Individuums. So gibt es eine unendliche Anzahl an Eigenschaften, durch die sich Menschen in Unterschied zu anderen setzen scheint in Anbetracht ihrer Vielfalt beinahe unmöglich. So sind deskriptive Merkmale wie das Alter, Geschlecht und Schulbildung dabei durch soziale Konventionen meist relativ leicht zu identifizierende Merkmale. Dennoch sind meist weniger offensichtliche Einflüsse eine Rolle für die eigene Positionierung. Sie werden durch Faktoren wie individuelle Erfahrungen, den persönlichen Charakter und das soziale Milieu definiert. Diese verschiedenen Faktoren stehen wiederum nicht in einem festen und konstanten Verhältnis zueinander, sondern bilden ein sich ständig wandelndes Konstrukt. Die Abgrenzung anderer als Fremde um eine imaginierte Gemeinschaft zu errichten hat als inhaltliches Element die Forderung, eines Wiederauflebens der traditionellen sozialen Strukturen. So wird meist verschwiegen, dass die dabei postulierten Traditionen häufig strukturelle Neuerung mit alten Namen sind. Soziale Prozesse wir etwas Reaktion auf zunehmende ökonomische Unsicherheit, Verlust individuelle Identität können dabei in gleicher Weise auch religiöse Bestrebungen nach imaginierten Gemeinschaft tragen (Eiwert 1989: 38).

1.5 Forschungsgegenstand

Aufgrund der vielschichtigen Überschneidungen verschiedener Disziplinen und Teilbereiche der Ethnologie und Soziologie (Migrationsforschung, Genderstudies, Religionsethnologie) habe ich meine Literaturrecherche in drei thematische Blöcke gegliedert. Zum einen Literatur zu muslimischen Frau- und Weiblichkeitskonstruktionen und deren westlicher Rezeption und zum anderen mit Literatur, welche sich mit der Identitätsbildung auseinandersetzt. Der dritte Block, stellt das thematische Feld, Flucht und Migration dar. An empirischen Studien und Untersuchungen zu den Handlungsfeldem Flucht und Asyl besteht kein Mangel in der derzeitigen Fachliteratur, doch zeigt sich dabei eine selektive Auseinandersetzung die sich auch heute noch vornehmlich auf die männlichen Lebenswelten konzentrieren.

[...]

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Details

Titel
Afghanische Frauen in Deutschland. Afghanische Geflüchtete zwischen tradierten und emanzipierten Identitätskonstruktionen
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Ethnologie)
Note
1,4
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V512985
ISBN (eBook)
9783346103055
ISBN (Buch)
9783346103062
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identität, Afghanistan, Migrantin, Verein
Arbeit zitieren
Tatjana Mayroth (Autor:in), 2018, Afghanische Frauen in Deutschland. Afghanische Geflüchtete zwischen tradierten und emanzipierten Identitätskonstruktionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512985

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