Einleitung
Seit 1833 tritt in der europäischen Literatur und auf Europas Bühnen immer wieder eine Gestalt namens Casanova in Erscheinung. Diese literarische Figur hat ein historisches Vorbild: den Abenteurer, Schriftsteller, Juristen, Theologen, Diplomaten und Erfinder der Lotterie Giacomo Giovanni Casanova. Erwiesenermaßen 1725 in Venedig geboren und 1798 auf Schloß Dux in Böhmen gestorben, hinterließ er in Selbstzeugnissen einen umfassenden Bericht über sein Leben. In diesen Aufzeichnungen, die in französischer Sprache unter dem Titel »Histoire de ma vie« verfaßt und erstmalig postum 1822 in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Geschichte meines Lebens“ von F.A. Brockhaus in Leipzig veröffentlicht wurden, hat der Transfer vom historischen Casanova in die literarisierte Figur erstmals stattgefunden. Doch der historische Mensch ist hinter dem stilisierten Charakter nicht mehr wiederzuerkennen, wie in den folgenden Kapiteln deutlich werden wird.
Der historische und der literarische Casanova haben selbstverständlich mehr miteinander gemein als ihren Namen; literarische Verarbeitungen beziehen sich immer wieder auf die Episoden, die aus dem Leben des Venezianers überliefert sind. Die Häufigkeit, mit der Casanova in der Literatur auftaucht und die Wiederholung einer Motivik1 läßt begründet vom ‚Casanova-Stoff‘ sprechen. Aber auch in Verarbeitungen, deren Protagonist den Namen Casanova trägt, deren Handlung darüber hinaus aber frei erfunden ist, ist der Held zweifelsfrei als ‚der‘ Casanova identifizierbar.
Welchem Typus die literarische Figur scheinbar entspricht, ist in einem gewöhnlichen Wörterbuch nachzuschlagen. Dort ist unter dem Stichwort ‚Casanova‘ der Eintrag „Frauenheld, Verführer“2 zu lesen, eine Definition, die sich irritierenderweise ebenso bei ‚Don Juan‘ findet.3 Hier spiegelt sich ein verbreiteter Volksglaube wider, nach dem sowohl Don Juan als auch Casanova identische Prototypen des Verführers sind. Dieser Schluß ist jedoch unzulässig.
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1 Als Motive lassen sich beispielsweise eine große Anzahl Liebschaften, Untreue, ein abenteuerliches Leben, das den Protagonisten weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus treibt, aufführen.
2 Eintrag „Casanova“ in: Brockhaus-Wahrig. Deutsches Wörterbuch in sechs Bänden. Hg. von Gerhard Wahrig, Hildegard Krämer, Harald Zimmermann. Zweiter Band BU – FZ. Wiesbaden, Stuttgart 1981. S.73.
3 Vgl. Eintrag ‚Don Juan‘ in: Ebd., S.263.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DER LITERARISCHE MYTHOS
3. CASANOVAS „GESCHICHTE MEINES LEBENS“
3.1 DIE AUTOBIOGRAPHIE ALS LITERARISCHE GATTUNG
3.2 CASANOVAS SELBSTDARSTELLUNG
3.2.1 ERZÄHLTECHNIKEN
3.2.2 SELBSTSTILISIERUNG ALS EROTISCHER HELD
3.2.3 SELBSTSTILISIERUNG ALS ABENTEURER
4. LITERARISCHE VERARBEITUNGEN DES CASANOVA-STOFFES
4.1 CASANOVA IM KONTEXT DES WIENER UMFELDS
4.2 ARTHUR SCHNITZLERS „CASANOVAS HEIMFAHRT“: UMKEHRUNG EINES MYTHOS
4.2.1 LEGENDE, VERKLÄRUNG UND REALITÄTSFERNE ALS ELEMENTE DES CASANOVA-BILDES
4.2.2 DER CASANOVA DER GEGENWART
4.2.2.1 Kompensatorische Gewalt
4.2.2.2 Omnipotenzstreben
4.2.2.3 Ambivalente Rolle Venedigs
4.2.3 VERHÄLTNIS VON ERZÄHLEN UND ERZÄHLERIDENTITÄT
4.2.4 „CASANOVAS HEIMFAHRT“ ALS ABGRENZUNG ZUM WIENER UMFELD
4.3 ARTHUR SCHNITZLERS „DIE SCHWESTERN ODER CASANOVA IN SPA“: CASANOVA ALS ‚BRUDER LEICHTFUß‘
4.4 FELLINIS CASANOVA
4.4.1 UMDEUTUNG DER AUTOBIOGRAPHISCHEN STILISIERUNG
4.4.2 INFANTILISIERUNG
4.5 DAS MYTHENVERSTÄNDNIS BEI SCHNITZLER UND FELLINI
5. SCHLUßBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Konstruktion und Dekonstruktion von Casanova als literarischem Mythos. Ausgehend von seiner Autobiografie "Geschichte meines Lebens" wird analysiert, wie Casanova durch spezifische Erzähltechniken und Selbststilisierungen den "Mythos Casanova" erschuf, und wie spätere literarische sowie filmische Bearbeitungen – insbesondere von Arthur Schnitzler und Federico Fellini – diesen Mythos kritisch hinterfragen und entlarven.
- Die Selbststilisierung in Casanovas Autobiografie
- Der Mythosbegriff in der Literaturwissenschaft
- Die Entmythisierung bei Arthur Schnitzler ("Casanovas Heimfahrt" und "Die Schwestern oder Casanova in Spa")
- Die radikale Umdeutung in Fellinis Film "Fellinis Casanova"
- Vergleich der Mythenverständnisse in Literatur und Film
Auszug aus dem Buch
3. Casanovas „Geschichte meines Lebens“
Casanova bestreitet in der Vorrede zu seiner Lebensgeschichte, vor seinem Ruhestand jemals das Verfassen seiner Autobiographie geplant zu haben.
„Mag es würdig sein, mag es unwürdig sein: mein Leben ist mein Stoff und mein Stoff ist mein Leben. Ich habe es gelebt, ohne jemals zu glauben, ich könnte eines Tages auf den Gedanken kommen, es niederzuschreiben; aber gerade dadurch kann es vielleicht einen interessanten Charakter gehabt haben, den es gewiß nicht haben würde, wenn ich dabei die Absicht gehabt hätte, in meinen alten Tagen meine Lebensgeschichte niederzuschreiben oder gar zu veröffentlichen.“ (GmL I, 10).
Ob man dieser Aussage Glauben schenken kann, bleibt unbeantwortbar. Zu vermuten ist jedenfalls, daß nur durch Casanovas erzwungene Seßhaftigkeit im Alter, als er, verarmt und vereinsamt auf Schloß Dux aus wahrscheinlich purer Langweile in der böhmischen Einöde sein Leben Revue passieren ließ, die literarische Figur Casanova überhaupt entstehen konnte.
Die Episoden, die der folgenden Analyse zugrunde liegen, sollen exemplarisch vor allem die Selbststilisierung Casanovas als erotischen Helden und als Abenteurer zeigen. Ersteres wird an der Darstellung der Affären mit der Pensionärin C.C. und der Nonne M.M. belegt, zweiteres an der Flucht aus den Bleikammern; der Inhalt beider Episoden soll hier in Kürze skizziert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in das Thema Casanova als literarische Figur und erste Abgrenzung des historischen vom literarisierten Casanova.
2. DER LITERARISCHE MYTHOS: Theoretische Grundlegung des Begriffs "Mythos" in der Literatur und Erläuterung, warum Casanova als Neomythos verstanden wird.
3. CASANOVAS „GESCHICHTE MEINES LEBENS“: Analyse der Autobiografie als primäre Quelle der Selbstmythisierung durch Erzähltechniken und Stilisierung.
4. LITERARISCHE VERARBEITUNGEN DES CASANOVA-STOFFES: Untersuchung der verschiedenen Rezeptionen und Umdeutungen des Stoffs bei Schnitzler und Fellini.
5. SCHLUßBETRACHTUNG: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse über die Mythisierungs- und Entmythisierungsverfahren.
Schlüsselwörter
Casanova, literarischer Mythos, Autobiografie, Arthur Schnitzler, Federico Fellini, Selbststilisierung, Mythisierung, Entmythisierung, Verführer, Abenteurer, Identitätskrise, Erzähltechnik, Wiener Moderne, Fin de siècle, Männlichkeitswahn
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert, wie die Figur des Casanova in der Literatur und im Film von einem historischen Abenteurer zu einem literarischen Mythos konstruiert und durch spätere Autoren und Regisseure wieder dekonstruiert wurde.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Gattung der Autobiografie, die literarische Mythisierung, der psychologische Identitätskonflikt bei Alterung sowie die kritische Auseinandersetzung mit männlichen Rollenbildern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Nachweis, dass Casanova sein eigenes Bild durch eine geschickte, romanhafte Selbstdarstellung maßgeblich selbst erschuf, welches von späteren Künstlern wie Schnitzler und Fellini kritisch hinterfragt wird.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse durchgeführt, die autobiografische Schriften mit belletristischen Werken und Filmen kontrastiert, um Mythisierungsverfahren freizulegen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Autobiografie Casanovas als Fundament, die Einbettung des Stoffs in die Wiener Moderne und die detaillierte Untersuchung der Adaptionen von Schnitzler und Fellini.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Namen Casanova sind Begriffe wie "literarischer Mythos", "Selbststilisierung", "Mythisierung" und "Entmythisierung" entscheidend für das Verständnis der Arbeit.
Wie unterscheidet sich Schnitzlers Casanova-Bild von dem des Originals?
Schnitzler bricht mit der Tradition des unbeschwerten Verführers, indem er seinen Casanova mit Altern, Reue, Identitätsverlust und einer zerstörerischen Wirkung konfrontiert, was ihn als "Don Juan"-ähnliche Figur erscheinen lässt.
Wie radikal ist Fellinis Umdeutung?
Fellini geht noch weiter als Schnitzler: Er entmythologisiert den Charakter fast vollständig, indem er seine Sexualität als seelenlose, mechanische "Gymnastik" und seine intellektuellen Ansprüche als lächerlich darstellt.
- Quote paper
- Julia Dombrowski (Author), 2005, Casanova als literarische Figur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51333