Analyse und kritische Betrachtung Edward Saids Buch "Orientalism"


Hausarbeit, 2000

18 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Einleitung

„When I use a word,“ Humpty Dumpty said in rather a scornful tone,
„it means just what I choose it to mean – neither more or less.“
„The question is, „ said Alice,“ wheather you can
make words mean different things.“
„The question is,“ said Humpty Dumpty,
„which is to be the master – that’s all.“
(Alice in Wonderland)

Die folgende Arbeit soll sich mit ‚dem Orient‘ beschäftigen. Nicht im Sinne der Vermehrung des Wissens über das, was wir – die europäische Wissenschaft, die europäische Erzählung - für den Orient halten, sondern genau mit den Diskursen, die in einer bestimmten Tradition westlichen Denkens[1] den Orient erst hervorbringen. Orient wir hier also nicht verstanden als ein lokalisierbarer Ort, als ein kohärentes Set an religiösen Praktiken, kulturellen, medizinischen, philosophischen oder sprachlichen Eindeutigkeiten, als eine authentische Identität, die es wissenschaftlich zu entdecken gilt. Orient ist hier zuallererst der Diskurs über ihn, der ihn hervorbringt, codiert und recodiert, inszeniert, kurz: konstruiert. Die Hausarbeit möchte zweierlei. In dem ersten Abschnitt geht um die Nachzeichnung der Gedankengänge Saids. Um einen umfassenderen Überblick über die theoretischen Wurzeln des Werkes zu geben, werde ich zuerst Foucaults Diskursbegriff und Gramscis Hegemoniebegriff darstellen, da diese beiden maßgeblich für das Verständnis Saids sind. Nach der Ausführung der wesentlichen Gedanken des Buches Orientalism werde ich verschiedene Stränge in der darauffolgenden Diskussion nachzeichnen. Dabei stelle ich lediglich eine Auswahl an RezipientInnen vor. Neben allgemeinen Kritiken werde ich ein Augenmerk auf die feministische Kritik werfen, da diese gerade viele der theoretischen Annahmen Saids teilt. Darüber hinaus werde ich mich insbesondere dem Verhältnis Orient-Okzident zuwenden. Zu Abschluß werde ich eine eigene Einschätzung vornehmen.

Diskurse bei Foucault

Said verwendet in seinem Buch Orientalism den Begriff des Diskurses, um die Redeweisen des Westens über den Orient zu charakterisieren. Angelehnt ist dieser Begriff an Foucault. Gerade in den frühen Arbeiten Foucaults kommt dem Diskursbegriff bei ihm ein erheblicher Stellenwert zu. Diskurse sind in seiner Vorstellung im weitesten Sinne sprachliche Anordnungen, in denen festgelegt wird, was im Bereich eines bestimmten Gegenstandes sagbar und somit ‚wahr‘ ist. Gleichzeitig wird dadurch der Bereich des Nichtsagbaren als Leerstelle beschrieben. Diskurse werden in jeder Gesellschaft kontrolliert, selektiert und verworfen. Dieses geschieht allerdings nicht ungeleitet oder regellos, die Diskurse folgen verschiedenen Praktiken, die zu ihrer Regulierung dienen. Dabei gibt es, neben dem Verbot, des offensichtlichsten Beispiels für Diskursregulierung weitere, Faktoren, nämlich die Ausgrenzung des Wahnsinns; dessen, was kein Recht zum sprechen hat und auf der anderen Seite der Wille zum Wissen, zur Wahrheit. Gerade dieser Punkt gewinnt dabei, nach Foucault im Laufe der Zeit immer stärkere Bedeutung. Denn der Wille zur Wahrheit erscheint produktiv und erschaffend als “Reichtum und Fruchtbarkeit[2] und verschleiert damit gerade seine “gewaltige Ausschließungsmaschinerie”.[3]

Als sozusagen innere Prinzipien der Diskursregulierung betrachtet Foucault zum Ersten den Kommentar, der den Diskurs nicht durch seine eigenen Gedanken, sondern gerade durch die Wiederholung des ursprünglichen Textes, bannt. Zum Zweiten nennt er den Autor, der Diskurse durch die Einführung der Individualität reguliert. Beide Figuren setzten Identität in Szene, um der Zufälligkeit, dem Ungeleiteten in den Diskursen entgegenzutreten.[4] Darüber hinaus wird der Diskurs in verschiedene Disziplinen unterteilt.

Als letzte Gruppe von Praktiken zur Diskursregulierung beschreibt Foucault die Verknappung, die Steuerung derjenigen, die in diesem Diskurs zum Sprechen autorisiert sind. Dabei werden gewisse, veränderbaren Qualifikationen bestimmt, die die Subjekte benötigen.

Dabei sind Diskurse nicht ohne Verbindung zu den Individuen zu denken. “Durch die gemeinsame Verbindlichkeit eines Diskursensembles definieren Individuen, wie zahlreich man sie sich auch vorstellen mag, ihre Zusammengehörigkeit. Anscheinend ist die einzige erforderliche Bedingung die Anerkennung derselben Wahrheiten und die Akzeptierung einer (...) Regel der Übereinstimmung mit den für gültig erklärten Diskursen”.[5] Diese Art der Betrachtung von Diskursen ist nun entgegen gesetzt zu der traditionellen aufklärerischen Vorstellung von selbstauthentischen Subjekten, die durch ihre Erkenntnis den Dingen Sinn verleihen. Durch die Prinzipien der Umkehrung, der Diskontinuität, der Spezifizität und der Äußerlichkeit tritt Foucault der Vorstellung von Bedeutung, Ursprünglichkeit, Einheit und Schöpfung entgegen, da er nicht nur das Subjekt von seinem angestammten Platz vertreibt, sondern auch quasi den privilegierten Platz überhaupt verwirft. In diesem Sinne funktioniert der Diskurs eher nach dem Gesetz der Serie, d.h. sie markieren keine Höhepunkte, sondern resultieren aus der Wiederholung.

Gramscis Hegemoniebegriff

Neben dem Diskurs ist der Begriff der Hegemonie ein zentraler in der Arbeit Saids. Er beruft sich dabei auf Gramsci, der Hegemonie in Diskursen, also sprachlich vermittelt verstanden hat.[6] So werden beispielsweise nationale Hegemonien zuallererst durch die Privilegierung einer einheitlichen Sprache vermittelt und eingesetzt.

Hegemonie stellt durch die Bereitstellung einer Ideologie einen ” spontanen Konsens[7] her, der allerdings einigen Brechungen unterliegt. “Der Begriff der Hegemonie indiziert damit eine geistig-ideologische Dominanz und Attraktionswirkung[8]. Dadurch entsteht die Diskursführerschaft einer gesellschaftlichen Gruppe, welche die Macht hat, ‚Wirklichkeit‘ einzusetzen. Die Gruppen besitzen die Macht nicht, sie verfügen lediglich über sie in dem Masse, in dem sie den Diskurs kontrollieren können. Hegemonie ist hier nicht vorstellbar als eine Bewegung in eine Richtung, sie ist zentrumslos. Die Macht wirkt in alle Bereiche des Lebens hinein . “Die Macht wird nicht besessen (...), sie ist nie voll und ganz auf einer Seite(...). In jedem Augenblick spielt die Macht in kleinen singularen Teilen”.[9] Aus dem Zusammenspiel der vielen unterschiedlichen Teile ergibt sich die hegemoniale Konstellation.

Durch die Frage: „Zu wievielen Gesellschaften gehört das Individuum ?“[10] skizziert Gramsci seine Vorstellung, dass die Subjekte gesellschaftlich situiert sind und darüber hinaus eine komplexe Position besetzen. Die Subjekte sind nicht etwas feststehendes, sondern je kontextbezogen unterschiedlich.

Said: Orientalism

Seitdem 1979 Saids Orientalism erschienen ist, hat das Buch für viele Auseinandersetzungen gesorgt. In diesem Buch beschäftigt sich Said mit der Frage, wie die Vorstellung des Orients durch den Diskurs des Westens erschaffen wurde und wird und untersucht zur Untermauerung seiner These verschiedenste Textarten. In dem Buch behauptet Said, dass der Gegenstand des Orientalismus abhängig vom Betreiber/ von der Betreiberin dieser Wissenschaft ist. Er definiert ‚Orientalisten‘ als “anyone, who teaches, writes about or researches the Orient[11]. So wird in den USA unter Orient in erster Linie der aus europäischer Sicht ‘Ferne Osten’ bezeichnet. Aufgrund der langen intensiven kolonialen Geschichte ist in Großbritannien Indien die Chiffre für den Orient, während im übrigen Europa – mit regionalen Schwankungen - hauptsächlich der Einflussbereich des Islams, insbesondere der ‚Nahe Osten‘ als Orient verstanden wird.

Said unterscheidet drei Formen, in denen er Orientalismus versteht. Erstens wird die klassische Forschung, die Aussagen über den Orient trifft als Orientalismus verstanden. Neben dieser sehr klassischen Sichtweise existiert eine Vorstellung, die Orientalismus immer in der Binarität mit dem Okzidentalismus betrachtet, wobei diese Binarität unterschiedlich, aber letztendlich als unüberbrückbar betrachtet wird. Die dritte Vorstellung betrachtet Orientalismus als den westlichen Diskurs über den Orient, der der Beherrschung dient, indem der Orient der eigenen Hegemonie unterworfen wird. Orientalism ist zum einen der Wille oder das Interesse zum Verstehen und zum anderen das Wissen, um zu kontrollieren und zu manipulieren.

Dabei unterstreicht Said, dass dieser Diskurs sich in verschiedensten Bereichen manifestiert, in der Vorstellung von Handel, im kolonialen Wissen, Religion, Literatur, politische Theorie, Wissenschaft, Philosophie. Die oben erwähnte Hegemonie resultiert aus dem Wahrheitsanspruch des Wissens über den Orient und aus der Dauerhaftigkeit, in der sich zwar das Wissen, nicht aber der privilegierte Standpunkt ändert, von dem aus gesprochen wird. Hegemonie ist die Dominanz, die Vorherrschaft einer Gruppe, welche die Macht ausübt, ihre Ideen über den Orient durchzusetzen. Der Orient wird konstruiert entlang der Begriffe Sensualität, Irrationalität, Dekadenz, Feminität, Korruption, Brutalität.[12]

Durch die Anlehnung an Foucaults Diskursbegriff werden die Berichte und Annahmen über den Orient als sprachlich vermittelte Symbole verstanden, z.B. durch Flauberts Beschreibungen der orientalischen Frau... oder - als persönlicher Verweis des Autors dieser Hausarbeit die Bücher von Karl May - die gerade aufgrund ihres symbolischen Charakters diesen Diskurs als sprachliche Kommunikation erst kreieren. Durch die Verwertung und Erzeugung von Symbolen als Sprache wird der Diskurs da situiert, wo er entsteht, im Reich der Sprache, der Kommunikation und damit als kulturelles Phänomen entworfen. Sprache ist die Re-präsentation der Gegenstände über die sie spricht und in diesem Sinne ihnen immer vorgängig.

[...]


[1] Wie ‘der Orient’ so wird auch ‘der Westen’ oder westliche Denktraditionen zuallererst als Diskursphänomen betrachtet. Wenn in dieser Arbeit ‘der Westen’ benutzt wird, so bezieht sich diese diskursive Sichtweise mit Said auf die Länder Europas, die USA und Japan. Dabei ist diese Eingrenzung nicht exklusiv, sondern in erster Linie anhand globaler ‘Diskursführerschaft’ orientiert.

[2] Foucault 1993, S. 17.

[3] Ebd.

[4] Vgl., ebd., S. 22.

[5] Foucault 1993, S. 28 f..

[6] vgl. Jablonka 1998, S. 29 ff..

[7] Gramsci: Quardderni del carcere, zit. nach Jablonka 1998.

[8] Jablonka 1998, S. 30.

[9] Foucault 1976, S. 114.

[10] Gramsci, zit. nach: Barfuss 1998, S. 34.

[11] Said 1978, S. 2.

[12] Vgl. ebd., S. 271.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Analyse und kritische Betrachtung Edward Saids Buch "Orientalism"
Hochschule
Universität Hamburg  (Fachbereich Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Politik, Kultur und Kommunikation
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
18
Katalognummer
V51335
ISBN (eBook)
9783638473378
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beschäftigt sich mit der hochaktuellen Frage des Blick des Okizends auf den Orient.
Schlagworte
Orientalism, Edward, Said, Kritik, Politik, Kultur, Kommunikation
Arbeit zitieren
Dr. Jürgen Budde (Autor), 2000, Analyse und kritische Betrachtung Edward Saids Buch "Orientalism", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51335

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