FOUCAULT und die Begriffe Macht und Widerstand


Seminararbeit, 2000
19 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und strukturalistisches Erbe

2. Macht und Disziplin
2.1. Der Machtbegriff in ”Überwachen und Strafen” und ”Der Wille zum Wissen”
2.2. Die Disziplinen und die Disziplinarmacht
2.2.1. „Direkte” Disziplinartechniken
2.2.2. „Begleitende” Disziplinartechniken

3. Vom Wissen und der Norm
3.1. Macht/Wissen-Komplex, das Individuum und die Wissenschaften
3.2. Das Sexualitäts-Dispositiv
3.3. Die spezifische Form der Normierungsmacht
3.4. Die Modifizierung des Machtbegriffs

4. Gegenmacht?
4.1. Die Möglichkeit des Widerstands
4.2. Was tun?

5. Literaturliste

1. Einleitung und strukturalistisches Erbe

Eine Untersuchung des Machtbegriffes und der Möglichkeiten von Widerstände und Handlungsfähigkeit ist nicht möglich, ohne einen Bezugsrahmen innerhalb des Werkes von Foucault zu skizzieren. Der Machtbegriff bei Foucaults ist eng verknüpft mit seiner Theorie bzw. Analytik von Diskursen und der Produktion von Wissen in spezifischen Arten und Weisen, die er in den 70er Jahren entworfen hat. Da das auf sechs Bücher ausgelegte Projekt „Sexualität und Wahrheit” mit seinem programmatischen Einleitungsband „Der Wille zum Wissen“ (WzW) ein Fragment blieb, wird das zuvor erschienene Werk „Überwachen und Strafen” (ÜuS) als wesentliche Grundlage dienen.

Beiden Arbeiten liegt derselbe Machtbegriff zugrunde, der somit anhand beider Texte expliziert werden kann. (2.) Dabei sind gerade auch in kleineren Veröffentlichungen und Interviews oft dienliche Klarstellungen zu finden.

In „Überwachen und Strafen‘ wird der Körper mit seinen Tätigkeiten, Gesten usw. thematisiert, die von einem komplexen Zusammen­wirken von Macht und Wissen diszipliniert werden. Aus Wissen und Macht sind die Normierungsnetze geknüpft, die die moderne Gesellschaft durchziehen und den Machtbegriff tendentiell verschieben. (3.)

Daraus läßt sich eine Diskussion über die Möglichkeit von Handlungsmöglichkeit im Werke Foucaults ableiten. (4.)

Unbedingte Voraussetzung dafür ist eine theoretische Einordnung seiner Philosophie. Vom französischen Strukturalismus nimmt Foucault den Diskursbegriff auf, der alle sprachlichen Äußerungsformen, wissenschaftliche wie alltagssprachliche umfaßt. Von diesen „ ( zumindest zeitweise) mit einem Wahrheitsgehalt aufgeladenen Diskursen” (WzW 8) zieht er Rückschlüsse auf die mit diesen korrelierenden Macht- und Wissenskonfigurationen. Wie im Strukturalismus ist auch bei Foucault das Individuum weder ein Produkt der Aufklärung noch das Subjekt autonomen Wirtschaftshandelns. Das Subjekt ist in der Theorie Foucaults in Wirklichkeit Objekt und Produkt einer Wissen/Macht- Beziehung. Der Mensch ist bereits „ in sich das Resultat einer Unterwerfung”. (ÜuS 42)

Schließlich leugnet Foucault ebenfalls eine Zielgerichtetheit sozialer Prozesse, untersucht jedoch statt strukturaler Gleichförmigkeiten hauptsächlich Diskontinuitäten und Brüche. Statt einheitlicher Strukturen sind dezentralisierte und instabile Netzwerke von Machtbeziehungen Kennzeichen seiner Gesellschaftstheorie, insofern geht er also über den Strukturalismus hinaus. Außerdem untersucht er neben den diskursiven gerade auch die nicht-diskursiven Praktiken der Macht, die jenen erst Bedeutung verleihen.

2. Macht und Disziplin

2.1. Der Machtbegriff in „Überwachen und Strafen” und „Der Wille zum Wissen”

In ÜuS steht der Machtbegriff an zentraler Stelle. Hatte Foucault in früheren Werken seine Gesellschaftstheorie noch um den Dualis­mus Macht-Wissen gruppiert, löst er diesen nun auf zugunsten einer stärkeren Betonung des Machtaspektes auf.[1] Unter Macht versteht er ganz allgemein ” die Vielfältigkeit von Kräfteverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren; das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen diese Kraftverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt; die Stützen, die diese Kraftverhältnisse aneinander finden, indem sie sich zu Systemen verketten” und ihre Institutionalisierung (WzW 113)

Macht ist demnach die Bezeichnung für eine ” komplexe strategische Situation”, die allgegenwärtig ist, ob in der Ökonomie, in Verbindung mit Wissen, oder in der Sexualität. (WzW 114f.)

Die Subjektlosigkeit dieser Machttheorie bedeutet nicht, daß Machtstrategien keinen Intentionen folgten, gerade deshalb er­scheinen sie ja bisweilen als gewollte Politik, sondern nur, daß ihre Absichten anonym bleiben. (WzW 116)

Foucaults Begriff von Macht kennt kein (repressives) Zentrum, etwa an der Spitze einer Hierarchie. Ihre Wirkungsweise ist in Termini der Unterdrückung nicht befriedigenderweise zu erklären. (WzW 22) Macht wird nicht innegehabt, sondern ausgeübt, und zwar in einem strategischen Spiel vielfältiger Kräfteverhältnisse, d.h. Machtpositionen werden eingenommen von den in diesem Spiel Erfolgreichen. Foucault spricht auch von einer ” Mikrophysik der Macht “ (ÜuS 38). Selbst noch so stark vereinseitigte (”geronnene”) Machtbeziehungen, noch so globalisierte Herrschaftsbeziehungen müssen sich ihrer Machtbasis immer wieder neu vergewissern.[2]

Foucaults Machtbegriff ist stark auf den Körper bezogen, doch in ÜuS zunächst nur auf den Bereich, der durch die Eigenschaften des Körpers als ‘Maschine‘, also die Tätigkeiten, Gesten. usw., bestimmt ist. In WzW stehen Reproduktionsfähigkeit und Sexualität, also gewissermaßen die andere Seite der Besetzung des Körpers durch die Macht im Mittelpunkt.

Trotz der stärkeren Betonung der Macht, sind Wissen und Macht eng miteinander verkoppelt: Wissen und Macht schließen einander ein und nicht aus. Foucault geht davon aus, „ daß es keine Machtbeziehung gibt, ohne daß sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konsti­tuiert.” (ÜuS 39). In den Diskursen verbinden sich Macht und Wissen miteinander und stehen zueinander in einer Beziehung, in der die Macht Wissen ermöglicht und das Wissen die Macht erneuert, verstärkt, effektiviert.

Von diesen Macht/Wissen-Beziehungen, die von Foucault des öfteren auch als Macht/Wissen-Komplex bezeichnet werden, werden die menschlichen Körper besetzt und unterworfen, „ indem sie aus ihnen Wissensobjekte machen.” (ÜuS 40)

Alles, was Menschen können und tun, sind in Foucaults Theorie Äußerungen ihres Machtwillens. Folglich ist auch, ganz im Sinne Nietzsches, „ der Wille zum Wissen der Wille zur Macht”.[3]

Vordergründig geht es Foucault in „Überwachen und Strafen” darum, die Transformationen der Strafmethoden zu untersuchen. Aus metho­dischen, nicht theoretischen Gründen zeichnet er am Beispiel Frankreichs, die Entwicklung der ”Mikrophysik der Macht” nach, die sich besonders gut anhand der Strafsysteme analysieren läßt. Dabei versucht er, den im Zuge der Aufklärung stattfindenden Wandel in den Techniken der Macht als einen Prozeß offenzulegen, der weniger von humanistischen Motiven als von Effektivitätskriterien bestimmt ist.

Dazu stellt Foucault die absolutistische Monarchie und die an der Wende zum 19. Jahrhundert entstehende ”moderne” Gesellschaft mit den ihnen eigenen Strafformen einander gegenüber. Zwischen beiden steht eine Art administrativer Lernprozeß von wenig mehr als achtzig Jahren.[4] Am Ende des 18. Jahrhunderts sind Marter und Folter in Frankreich als Machttechniken nicht länger funktional. Zur Ablösung stehen zwei gegensätzliche Straftechniken bereit, von denen sich das Gefängnis durchsetzt und trotz breiter Reformbestrebungen rasch zur allgemeinen Strafform wird.

Für Foucault läßt sich dieses weder durch einen Zuwachs an Menschlichkeit noch durch ökonomische Gründe vollständig erklä­ren. Vielmehr muß zur Klärung der Herkunft dieser Strafmethode das Aufkommen der Disziplinen und der sich damit entwickelnden neuen „Technologie des Körpers” herangezogen werden. Da sich diese schon lange vor dem Gefängnis im Gesellschaftskörper auszubreiten begonnen hat, ist die Entwicklung des Gefängnisses zur wesentlichen Strafform nur in diesem Kontext verständlich.

Vor allem an der modernen Gesellschaft untersucht Foucault anhand einer Analyse der Diskurse, wie bestimmte Machtformen mit der Formierung von Wissen verknüpft sind und behauptet eine „ gemeinsame Geschichte der Machtverhältnisse und Erkenntnisbeziehungen” (ÜuS 34). Die Frage nach dem „allgemeinen Ursprung” stellt sich für Foucault nicht, da sein Versuch einer Genealogie nach der Herkunft sozialer Gebilde, in ihrer „Vielfalt kontingenter Herkunftsbereiche und ihrer, sich kreuzenden Entwicklungslinien”, hier der Strafmethoden fragt.[5]

2.2. Die Disziplinen und die Disziplinargesellschaft

Wie oben gesehen ist Foucault zufolge die Gerierung von Wissen immer in einen Machtkontext eingebunden, während umgekehrt Wissen der Macht Sicherheiten gibt und im gleichen Zuge neue Wege und Zugangschancen eröffnet. Diese Konstruktion verknüpft er nun mit der Art und Weise der Besetzung und Unterwerfung des Körpers. Demnach wird am Körper durch Überwachen, Zwingen, Erziehen, Züchtigen, Bestrafen und Belohnen etwas „unkörperliches” produziert. Dieses etwas, das Foucault „Seele” nennt, „ ist das Element, in welchem sich die Wirkungen einer bestimmten Macht und der Gegenstandsbezug eines bestimmten Wissens miteinander verschränken; sie ist das Zahnradgetriebe, mittels dessen die Machtbeziehungen ein Wissen ermöglichen und das Wissen die Machtwirkungen erneuert und verstärkt.”(ÜuS 42) Die „Seele” ist die den Körper unmittelbar unterwerfende Instanz, das „ Korrelat einer Machttechnik “ (ÜuS 129), ” das Gefängnis des Körpers” (ÜuS 42).

Um eine Herkunftsgeschichte der „Mikrophysik“ der Strafgewalt zu schreiben, bedarf es also auch einer Genealogie der modernen „Seele” (ÜuS 41).

In der modernen Gesellschaft wird die „Seele” ganz wesentlich von den sich entwickelnden und ausbreitenden „Disziplinen” geschaf­fen, von Machttechniken zur Kontrolle und Nutzbarmachung menschlicher Körper. Diese setzen einmal am Körper direkt an, an seinen Tätigkeiten und Gesten, produzieren dadurch aber auch ein Wissen über ihn, daß ihre ständige Verfeinerung und Effektivierung begünstigt. Foucault untersucht die Entstehung und Ausbreitung der Disziplinen hauptsächlich anhand der Institutionen Militär, Schule, Gefängnis und Fabrik, und zeigt unter diesen verschiedene Parallelen auf.[6]

Die Entstehung dieser Institutionen ist eng mit der technologischen und demographischen Entwicklung und dem komplexer werdenden und von steigender Arbeitsteilung geprägten Produktionsapparat verknüpft. (ÜuS 280f.)[7] Was nun hier am Übergang zur Moderne entsteht, ist eine völlig neue „Technologie des Körpers”, deren Zweck zum einen seine möglichst effiziente und ökonomische Ausschöpfung, zum anderen seine Gefügigmachung ist (ÜuS 177) Die Disziplinen haben im einzelnen eine jeweils eigene Entstehungsgeschichte und teilweise weit zurückliegende Wurzeln. Was ihnen im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts jedoch eine neue Qualität verleiht ist, daß sie immer mehr zur allgemeinen Herrschaftsform werden (ÜuS 176) . Nun sind es zunehmend die reinen Tätigkeiten, die gegenüber der Bedeutung eines Verhaltens oder dem Ergebnis eines Tuns an Wichtigkeit gewinnen und zum Gegenstand permanenter Kontrolle werden. Dabei lassen sich zwei Typen unterscheiden.

2.2.1. „Direkte” Disziplinartechniken

Der Raum, die Zeit und die Bewegung an sich werden bis ins kleinste Detail codiert.

Durch die Verteilung im Raum wird ein unübersichtliches Chaos von Menschen in ein analytisches Raster, ein „Tableau” gebracht. Der Disziplinarraum wird in „Parzellen” unterteilt. „ Jedem Individuum seinen Platz und auf jeden Platz ein Individuum” (ÜuS 183). Die einzelnen Körper werden je nach Leistungsniveau und Eignung auf Funktionsstellen und Posten verteilt und je nach Platz und Abstand zu den anderen mit einem bestimmten Rang versehen. (ÜuS 187).

Desweiteren wird die Tätigkeit einem bestimmten Zeitablauf unterworfen. Statt dem Prinzip des Nicht-Müßiggangs geht es nun um die perfekte und effektivste Nutzung der Zeit. Dazu wird die Dauer in verschiedene Abschnitte zerlegt, die nach einem festge­legten Schema aufeinanderfolgen. Die Tätigkeit wird zeitlich durchgearbeitet, ihre Elementarteilchen genauestens aufeinander abgestimmt.

[...]


[1] Fink-Eitel spricht gar von einem „Monismus der Macht” (Fink-Eitel 1989, 78)

[2] vgl. Foucault in Becker u.a. 1993, S. 19 ff. ( i. F. zit. als FuS)

[3] vgl. Fink-Eitel 1989, 70 f.

[4] Dieser fand demnach statt zwischen dem Martertod des Vatermörders Damien vom 2.3.1757 und dem Reglement für das ‘Haus der jungen Gefangenen‘ in Paris aus dem Jahre 1838

[5] Fink-Eitel, 1989, S. 66 f.

[6] Etwa militärische Elemente in Schule, Kloster und Fabrik (ÜuS 209, 211), hierarchische Befehl-Gehorsam-Systeme, die Architektur etc.

[7] Diese Textstelle ist als deutlicher Bezug auf Marx und den zu Foucaults Zeiten bei Intellektuellen stark verbreiteten Marxismus zu lesen. (283)

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Details

Titel
FOUCAULT und die Begriffe Macht und Widerstand
Hochschule
Universität Hamburg  (Fachbereich Soziologie)
Veranstaltung
Foucault Lektüreseminar
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
19
Katalognummer
V51336
ISBN (eBook)
9783638473385
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hausarbeit diskutiertt das komplexe Verständnis von Macht bei Foucault unter Berücksichtigung vielfältiger Quellen. Gleichzeitig wird die Möglichkeit von Widerstand ausgelotet.
Schlagworte
FOUCAULT, Begriffe, Macht, Widerstand, Foucault, Lektüreseminar
Arbeit zitieren
Dr. Jürgen Budde (Autor), 2000, FOUCAULT und die Begriffe Macht und Widerstand, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51336

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