Ästhetisierung der Körper


Hausarbeit, 2000

23 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

0. Geschichte einer Idee

1. Foucault
1.1. Repression und Hervorbringung
1.2. Das Dispositiv der Sexualität
1.3. Die Strategien

2. Grau, mein Freund, ist alle Theorie
2.1. „Die Seele ist das Gefängnis des Körpers“
2.2. „Männerpanzer“
2.3. Existenzweisen
2.4. „Die Seele ist die Oberfläche, die auf den Körper
eingeschrieben wird“
2.5. Disko

3. Was heisst hier überhaupt Ästhetik
3.1. Männerkörper im Wandel
3.2. Ästhetisierung als Figur
3.3. Appell, Prozeß und Zwang

4. Wo liegt der Weg?
4.1. Einarbeitung in Foucault
4.2. Die Anderen

5. Bunte Bastelwelt

0. Die Geschichte einer Idee

Körper, Männerkörper, Ästhetisierung, Panzerung. Angeregt durch die Lektüre Foucaults „Sexualität und Wahrheit“ kam ich auf die Frage, ob die von Foucault beschriebenen Strategien des Sexualitätsdispositives ausschöpfend oder beispielhaft seien. Was wären mögliche weitere Strategien? Modernere? Diese Frage blieb auf der Ebene einer Gedankenspielerei, bis Maihofer im Rahmen eines Vortrages auf die Ästhetisierung von Männerkörpern zu sprechen kam, auf den im 19. Jhd. postulierten Zusammenhang von Physiognomie und Psychologie. Von hier liefen Gedanken in verschiedene Richtungen, die Lektüre Theweleits fiel mir wieder ein und die Rede vom „soldatischen Mann“ und vom „Männerkörperpanzer“, moderne Zurichtung der Körper durch gleichermaßen rigiden und flexiblen Appell und Zwang an die Körper, sich dem anzunähern, was landläufig „Schönheitsideal“ heißt. Ist dieser Appell für Frauenkörper different zu dem der Männerkörper, verändert sich die Differenz? Brücken schlugen sich zu der Frage der Bedeutung, der Gewichtigkeit von Körperkonstruktionen verschiedener Ansätze zur Geschlechterforschung, Maihofers Kritik an Butler und deren Wertung von Text und Körper. Und letztendlich, ist die Frage nach der Ästhetisierung nicht schon die von Foucault gedachte produktive Seite der Macht, nicht die Repression der Körper, sondern der schöpferische Effekt des Diskurses? Kann - unter der zu prüfenden Voraussetzung, daß die Ästhetisierung der Körper ein bedeutsames Gewicht in der Konstruktion von Geschlecht hat - kann also diese These in Foucault hineingelesen werden, oder ist es möglich, unter Zuhilfenahme eines selbstgebastelten Rahmens zwischen Theweleit, Maihofer und Butler eine weitere Strategie im Sexualitätsdipositiv zu beschreiben?

Diesen Versuch, und nur bei einem Versuch wird es bleiben können, möchte ich in der folgenden Arbeit unternehmen. Dabei werde ich aus persönlichem Interesse mein Hauptaugenmerk auf den Männerkörper, seine Ideale und Entwicklungen legen, diesem Körper, der, gepanzert im Soldaten oder in eine kalte Ästhetik bei Fidus gemeißelt, ein wesentlicher Bestandteil bei der Durchsetzung von männlicher Dominanz und hegemonialer Männlichkeit[1] war und ist.

Diesen Versuch zu strukturieren werde ich folgendermaßen vorgehen: Unter 1 werde ich Foucaults Thesen aus dem ersten Band von „Sexualität und Wahrheit“ zusammenfassen. 2 beschäftigt sich mit verschiedenen theoretischen Blickwinkeln auf die Vorstellung eines Körpers. Unter 3 versuche ich, den Appell und den Zwang zur Ästhetisierung zu beschreiben. 4 versucht, diese als mögliche Lesart Foucaults einzuführen und auf der Grundlage von 3. zu diskutieren, während unter 5 einige abschliesenden Worte geschrieben werden.

1. Foucault

1.1. Repression und Hervorbringung

Ein wesentliches Moment des Buches „Sexualität und Wahrheit“ ist die Verwerfung der sogenannten Repressionshypothese. Diese Verwerfung bezieht sich auf eine These, die behauptet, Sexualität sei unterdrückt und repressiv unterworfen worden. Demgegenüber kehrt Foucault gerade den schöpferischen Charakter der Diskurse über die Sexualität seit dem 18. Jhd heraus. In „Überwachen und Strafen“ entwickelt Foucault ein Körpermodell, das stark auf den Gedanken der Formung durch Repression, z.B. im Gefängnis, abhebt. Foucaults Anliegen ist es, „ die Geschichte des Gefängnisses mit all den politischen Besetzungen des Körpers[2] zu schreiben. In „Sexualität und Wahrheit“ wird dieses Verständnis insofern verändert, als daß der Fokus stärker auf die positive Seite der Macht und auf die Bedeutung des Wissens abzielt und die seit der Aufklärung in stetig zunehmenden Diskursen die Wahrheit der Sexualität hervorbringt. Eine Wahrheit die der Diskurs vorgibt zu suchen und durch die Verkündung der Existenz dieser einen - je veränderlichen - Wahrheit, diesen Begriff erst an die Sexualität binden kann. Gerade durch die enge Verknüpfung von Wahrheit, Wissen, dem vermeintlichen Paradies der Befreiung vom Joch der Repression und von Körpern, die diese Wissenskonfiguration, einmal in Stellung gebracht, verkörpern, verbirgt sich die List der Hervorbringung im Diskurs hinter dem, was sie als Ursprung, als „Ewig-Entscheidendes“ erst erschafft. Gerade durch die Verschleierung, durch die schamhafte Besetzung des Sexes wird er zum dunkelsten Geheimnis, zur Quelle allen Übels und höchster Lüste, zum Kern, der behütet, verborgen, aber gerade deswegen auch kontrolliert und gebeichtet und gestanden werden muß.

Nicht Unterdrückung und Verschwinden, „ sondern im Gegenteil ein(en) Mechanismus zunehmenden Anreizes (...); die auf den Sex einwirkenden Machttechniken nicht einem Prinzip strenger Selektion, sondern einem Prinzip der Ausstreuung und der Einpflanzung polymorpher Sexualitäten gehorcht haben “ und sich „ eine Wissenschaft von der Sexualität[3] entwickelt. Denn es wirkt viel weniger eine Macht der Unterdrückung auf den Sex ein als eher ein Spiel von Gewinnversprechung, von der Schimäre der Befreiung[4] ; ein Spiel der Anreizung.

1.2. Das Dispositiv der Sexualität

Diese Anreize wuchern nun nicht im Irgendwo, sondern werden seit zweihundert Jahren in ein immer engeres, genaueres Netz von Kategorien, Wissensgebieten und -schaften, von Unterscheidungen und Gemeinsamkeiten eingebaut, kurz, das Wissen von der Sexualität, von den Körpern wird modern und wissenschaftlich. Perversionen werden gefunden, Abweichungen, je nachdem, kriminalisiert, psychatrisiert oder pädagogisiert, Wissenschaftlich überprüfbare Norm entsteht.

Es bildet sich das, was Foucault mit dem Begriff des Sexualitätsdispositiv zu fassen versucht. Dispositiv ist dabei nicht einfach die Lokalisierung der Ursache, des Zentrums einer Angelegenheit (so als ob ein Herrscher die einzige Ursache des Gesetzes wäre) und auch nicht nur die Macht, die einem bestimmten Wissensbereich zu eigen ist, (so als wäre juristische Macht das Gesetz und die RichterInnen), sondern Dispositiv ist das Feld der verschiedenen Kraftlinien und strategischen Punkte, die ein Wissensgebiet organisieren und ausfüllen. „ Es funktioniert vermittels mobiler, polymorpher und konjunktureller Machttechniken.“[5] Das Dispositiv verläuft nicht auf diesen Linien, noch wird es durch die lokale Manifestation dargestellt, sondern ist all dieses und der Grund der Existenz dieses Feldes dazu, indem das Dispositiv gleichsam die Anreize zur Produktion von Diskursen ist.

Das bisher herrschende Allianzdizdispositiv wird seit dem 17./18. Jahrhundert vom Sexualitätsdispositiv abgelöst.

Dabei wirkt das Dispositiv der Sexualität gerade verschleiernd, um mit Macht zu verhüllen, was als großes Geheimnis geraunt wird und durch unzählige Wiederholungen ans Licht geholt werden soll, um im alles offenbarenden Augenblick wieder zu verschwinden. Diese Taktik installiert ein Geheimnis um den Sex, der doch kein anderes hat als das Geheimnis seiner diskursiven Natur. Es bezieht seine Existenz dementsprechend auch nicht aus der simplen Reproduktion, sondern daraus, „ daß es die Körper immer detaillierter vermehrt, erneuert, zusammenschließt, erfindet, durchdringt und daß es die Bevölkerungen immer globaler kontrolliert “.[6]

1.3. Die Strategien

Bei den Strategien, die in der Durchsetzung des Dispositivs der Sexualität eine entscheidende Rolle gespielt haben, benennt Foucault vier verschiedene Figuren, die sich zum Teil unabhängig voneinander und aus den unterschiedlichen Wissensgebieten im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts zu dem oben beschriebenen Sexualitätsdispositiv zusammenfügen. Es sind diese vier Figuren die „ Hysterisierung des weiblichen Körpers “, „ die Pädagogisierung des kindlichen Sexes “, „ die Sozialisierung des Fortpflanzungsverhalten “ und die „ Psychatrisierung der perversen Lust “.[7] Anhand dieser verschiedenen Formationen greift und entsteht das Dispositiv und bringt durch Machtbeziehungen und Anreize, durch Normen und Verhalteskodexe, durch Kontrolle und Selbstkontrolle die sexuellen Körper hervor.

Anhand dieser Strategien entstehen nun Vorstellungen, „ die privilegierte Wissensgegenstände sowie Zielscheiben und Verankerungspunkte für die Machtunternehmungen sind: die hysterische Frau, das masturbierende Kind, das familienplanende Paar und der perverse Erwachsene “.[8] Dabei dienen die Strategien in erster Linie der „ Produktion der Sexualität[9] in festgelegten, wissenschaftlich erkennbaren und kategorisierbaren Bahnen. An die Strategien haben sich verschiedene Methoden und Praxen angesiedelt.

Die Hysterisierung des weiblichen Körpers zielt darauf ab, diesen als gänzlich von der Sexualität - allgemeiner: von der niederen Natur - durchdrungen zu konzipieren, darüber brachte man ihn mit dem Gesellschaftskörper zusammen. Die Frau entsteht als Mutter, als das Gegenstück zu der hysterischen Frau. ( Die ideologische Trennung bei Frauen in Heilige/Hure meint zwar nicht dasselbe, bedient aber eine ähnlich gelagerte Binarität.) Das mastubierende Kind stellt eine Gefahr für seine eigene moralische Entwicklung dar, vor der es pädagogisch geschützt werden muß. Die Sozialisation des Fortpflanzungsverhaltens wird über soziale Maßnahmen gesteuert und die Ehe als Keimzelle der Gesellschaft installiert. Am Anfang dieser Installation richtete sich der Diskurs hauptsächlich auf die Formung der monogamen, heterosexuellen Ehe, später, als diese Figur stabil genug erschien, verlagerte er sich mittels Tabus und Moral, mittels Gesetze und Kriminalisierung in die Randbezirke sexueller Gemeinschaften. In der Ehe erhielten die Einzelnen auch die Verantwortung für die Entfaltung ihrer Gesellschaft zugeschrieben. Und der perverse Erwachsene wird seit den 19. Jahrhundert in einem immer vielfältigeren Katalog der Kuriositäten und Monstrositäten gesichtet, geordnet und behandelt.

Diese Strategien sind veränderbar in Zeit und Raum und verschieben sich, da ein Dispositiv keine einheitliche Kraftrichtung, sondern ein umkämpftes Feld ist. Dabei deutet sich hier schon an, daß es nicht nur die Repression gegen Abweichung, Devianz, Abnormalität, sondern auch den großen Bereich der Einschließung in den großen, positiven Wirkungsbereich des Wissens- und Machtbereiches geht.

2. Grau, mein Freund, ist alle Theorie

In diesem Kapitel werden einige, in der späteren Diskussion wichtige Theorien skizziert, die sich mit der Frage des Körpers beschäftigen. Hierbei soll versucht werden, einen Rahmen der Möglichkeiten aufzuspannen, in dem Körper jenseits der Festlegung auf seine vorgebliche Natürlichkeit gedacht werden kann.

2.1. „Die Seele ist das Gefängnis des Körpers“

[...]


[1] Zum Konzept der hegemonialen Männlichkeit hat Robert Lee Connell viel geforscht. Hier ist sicherlich nicht der Ort, um dieses Konzept auszuführen, nur soviel: Connell beschreibt, daß es nicht nur ein starres Männlichkeitsideal gibt, sondern eine Hegemonie innerhalb der Konstruktion von Männlichkeit, die andere unterdrückt, beeinflußt, dominiert. Männlichkeiten sind also vielfältiger zu denken als z.B. als allgemeingültiges Bild des „Chauvis“.

[2] Foucault, 1994, S. 42

[3] Foucault, 1992, S. 23

[4] vgl. ders. 1992, S.46

[5] ders. 1992, S. 128

[6] ders., 1992, S. 129

[7] ders., 1992, S.126 / 127

[8] ders., 1992, S.127

[9] ders., 1992, S. 127

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Ästhetisierung der Körper
Hochschule
Universität Hamburg  (Fachbereich Psychologie)
Veranstaltung
Das Verhältnis von Körper und Psyche in Arbeitsprozessen
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
23
Katalognummer
V51338
ISBN (eBook)
9783638473408
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, welchen Transformationen der Körper - in sozialen Prozessen hergestellt - momentan unterliegt. Dabei wird ausgehend von den Theorien von Foucault und Butler gezeigt, dass es momentan zu eine Aesthetierung von Männer- und Frauenkörpern kommt
Schlagworte
Körper, Verhältnis, Körper, Psyche, Arbeitsprozessen
Arbeit zitieren
Dr. Jürgen Budde (Autor), 2000, Ästhetisierung der Körper, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51338

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