Die Rezeption Berthold Ottos in der pädagogischen Presse von 1900 bis 1914


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Zum Inhalt
1.1. Erkenntnisgrundlagen
1.2. Beurteilung der Theorie/Einschätzung der Machbarkeit

2. Die Sprache
2.1. Der Stil
2.2. Das Kinderdeutsch

3. Vergleiche
3.1. Das Übliche
3.2. Ähnlichkeiten

4. Politik

5. Fazit

Literatur

Einleitung

Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts: es herrschte Aufbruchstimmung in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Die Menschen wähnten sich bereits mitten im technisierten Zeitalter, das Bild vom neuen Menschen entwickelte sich noch frei in vielfältigen Varianten. In der Kunst, in den Naturwissenschaften, in der Philosophie, in der Politik war man eingestellt auf revolutionäre Thesen. Nietzsche gehörte bereits der Vergangenheit an, die Sozialdemokratie wie auch die Idee des Sozialismus sind nicht aus der öffentlichen Debatte wegzudenken. Trotzdem befand sich der Großteil der Deutschen noch im Dornröschenschlaf des Kaiserreiches: es war normal, an die Güte und Weisheit des deutschen Übervaters zu glauben. Ideen präsentierten sich noch nicht dermaßen polarisiert, wie sie es einige Jahrzehnte später taten. Wer sich beispielsweise als Bodenreformer bezeichnete, musste nicht gegen die Monarchie sein. Wer einen „nationalen Sozialismus“ wollte, konnte sich diesen im Geist der Menschheitsliebe ausmalen.

Die pädagogische Presse war es gewohnt, sich mit reformpädagogischen Ansätzen auseinanderzusetzen. Die Theorien der vielen pädagogischen Vordenker wurden dort kritisch bis sehr wohlwollend behandelt. Das Zeitphänomen Reformpädagogik war den Rezensenten neuer Bücher geläufig und sie versuchten – falls nicht im Bann persönlicher Zu- oder Abneigung – die Spreu vom Weizen zu trennen und die besprochenen Bücher auf die Machbarkeit der beschriebenen Theorien hin zu durchleuchten.

Ein recht häufig besprochener Pädagoge war der aus Schlesien stammende Berthold Otto, der es mit seinen Schriften und seinen Reform-Schulen in Berlin-Lichterfelde und Magdeburg zu einiger Berühmtheit gebracht hatte.

Berthold Otto, 1859 in Bienowitz im Kreise Guhrau geboren, beginnt seine aufsehenerregende schriftstellerische Tätigkeit 1901 mit Beginn der Herausgabe seiner ZeitschriftHauslehrer, in der er für Schüler aufgearbeitete Texte aller Art veröffentlicht. 1902 wird er aufgrund dieser Betätigung vom damaligen Ministerialdirektor des preußischen Kultusministeriums nach Berlin berufen, wo er ab 1906 seine eigene Schule betreibt.

Aus heutiger Sicht erscheint Otto als auffällig, weil er seine progressiven Ideen in Kombination mit aufrechter Kaisertreue vorträgt. Besonders lässt uns sein Begriff des „Volksorganischen“ aufmerken, steht er doch im Verdacht einer Verwandschaft mit dem völkischen Denken, wie wir es von den Nationalsozialisten kennen.

In der vorliegenden Arbeit werde ich die Wirkung der pädagogischen Schriften Berthold Ottos in der Fachwelt des beginnenden 20. Jahrhunderts erörtern. Als Grundlage dienen 34 von mir recherchierte, hauptsächlich aus pädagogischen Fachzeitschriften stammende Rezensionen seiner Bücher. Die Zeitspanne vom beginnenden 20. Jahrhundert bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges wird der zeitliche Rahmen für diese Untersuchung sein. Diesen Rahmen begründe ich mit der Einzigartigkeit dieses Zeitabschnitts gerade in bezug auf die Bewertung von Neuerungen im nationalen Kontext. Der Begriff des Nationalen ist noch recht neu und zeigt in den Idealen, die mit ihm verbunden sind wohl eher Ähnlichkeit mit der heutigen europäischen Identität. Wir haben es weder mit einem extrem kämpferischen Geist der Kriegs- , noch mit einem gekränkten nationalen Gemüt der Nachkriegszeit zu tun, in denen Ottos Gedanken leicht Verwendung fanden zur Untermauerung eines deutschtümelnden Übermutes. Trotzdem sind Gefühle und Gedanken bereits vorhanden und gemocht, die als Grundlage für diese späteren Auswüchse zu sehen sein müssen. Nationalsozialistische und volksorganische Vorstellungswelten bewegen sich noch in einer Jungfräulichkeit, in der sie kaum Anlass zur Furcht zu geben scheinen.

Ich verzichte an dieser Stelle auf eine eingehende Beschreibung Ottos Ideenwelt. Im Idealfall hat sich der Leser im Vorfeld in Grundzügen über diese informiert. Eine Ahnung wird aber durchaus auch aufgrund der Lektüre der vorliegenden Arbeit möglich sein, da die besprochenen Artikel sich eingehend mit der Materie beschäftigen. Es wird jedoch empfohlen, sich einen Überblick in der einschlägigen Literatur zu verschaffen. Angeraten seien an dieser Stelle dieAusgewählten Pädagogischen Schriften(erschienen:Paderborn: Schöningh, 1963).

Unumgänglich wird der Leser auch eine Idee des Zeitklimas im pädagogischen Sektor gewinnen. Da sich in den Sätzen der Rezensenten immer auch der Vergleich mit dem der Norm entsprechenden findet, war die Recherche in den alten Zeitschriftensammlungen auch für mich eine Quelle der Ansichten der damaligen pädagogischen Fachwelt.

Ich werde in dieser Arbeit unter verschiedenen Gesichtspunkten den Fragen nachgehen, inwieweit Berthold Ottos Werk in der vorgegebenen Epoche die Zustimmung bzw. Ablehnung der Rezensenten fand, ob er mit seinen Forderungen allein dastand und inwieweit er mit anderen Reformern verglichen wurde. Außerdem soll geklärt werden, welche Wichtigkeit Otto von seinen Zeitgenossen zugesprochen bekam. Um die Ideenwelt Ottos eingangs zu vergegenwärtigen, wird sich das erste Kapitel mit der Kritik der Rezensenten am Inhalt und der Praxistauglichkeit seiner Theorien befassen.

Im zweiten Kapitel soll die Bewertung Ottos Stils behandelt werden. Die Verständlichkeit seiner Sprache – das sei bereits erwähnt – erfreute sich auch bei seinen Kritikern oftmals regen Zuspruchs.

Im dritten Kapitel werde ich dann auf Vergleiche mit anderen Reformern seiner Zeit und vergangener Epochen eingehen. Außerdem soll die gängige Praxis anhand von vergleichenden Äußerungen beleuchtet werden.

Auf die Bewertung Ottos politischer Stellung werde ich in Kapitel vier eingehen.

Bei Zitaten ohne Nennung des Autors war die Autorenschaft aus den Zeitschriften nicht ersichtlich.

1. Zum Inhalt

Was nach all der Lektüre von Rezensionen aus verschiedenen Fachblättern auffällt, ist das relativ durchgehende Wohlwollen, mit dem Berthold Otto von seinen Rezensenten bedacht wird. Kaum ein Autor – sieht er Ottos Gedanken auch noch so skeptisch – verwährt sich im Schlusswort, das jeweilige „Büchlein“ der Lehrerschaft und den pädagogisch interessierten Menschen ans Herz zu legen. Da schreibt beispielsweise Friedrich Rommel aus Berlin-Halensee imDeutschen Philologenblatt(1912, Seite 166-168) am Schluss seiner Rezension über OttosDie Reformation der Schule: „Ich (...) bemerke aber ausdrücklich, (...) daß (Otto) Einseitigkeit und Übertreibung durchaus nicht fern liegen. (...) Trotzdem habe ich das Buch mit großer Freude gelesen und werde noch öfters nach ihm greifen. Daß dies auch der eine oder andere Kollege tun möchte (...), dazu tragen hoffentlich diese Zeilen ein wenig bei.“ Diese moderat kritische Sichtweise findet sich des öfteren. Neben den sehr kritischen und den moderat kritischen fiel mir jedoch auch eine große Anzahl zustimmender, ja schwärmerischer Aufsätze in die Hände.

1.1. Erkenntnisgrundlagen

Die Validität Ottos pädagogischer Thesen wird von vielen Rezensenten damit begründet, dass „der Verfasser seine pädagogische Theorie entwickelt, wie sie sich ihm aus seiner Praxis als Hauslehrer und als Erzieher seiner eigenen Kinder ergeben hat.“ So beispielsweise zu lesen in einer Rezension über OttosBeiträge zur Psychologie des Unterrichtsin der ZeitschriftDie Deutsche Schule(1901, Seite 446-447, Verfasser unbekannt). Einige Jahre später betont man im selben Blatt aufs neue Ottos selbsterarbeitetes Wissen: „Der Verfasser (...) hat aus der Erziehung seiner eigenen Kinder auf Grund einer selbsterarbeiteten, eigenartigen Pädagogik, sowie aus dem weiteren Ausbau und der Verbreitung dieser Pädagogik seinen Lebensberuf gemacht.“ (Die Deutsche Schule,1905, Seite 112-116). ImBlaubuch(1909, 1. Quartal, Seite 29) liest man über OttosKindesmundart: „(...) und da es sich dabei um Erlebnisse handelt, die jeder Vater, jede Mutter, jeder Lehrer ebenso hat, so sieht sich fast jeder Lehrer in die Lage gesetzt, aus seiner Erfahrung heraus das vom Verfasser gesagte nachzuprüfen.“ In derDeutschen Kultur(1906/07, Seite 689) wird das BuchVom königlichen Amt der Elternden Lesern – besonders Eltern – ans Herz gelegt: „Der Verfasser gibt eine Menge von dem, was er selber im Verkehr mit Kindern beobachtet hat, knüpft treffende Bemerkungen daran, erteilt für manchen Spezialfall praktische Anweisungen.“ Auch einige Kritiker halten Otto diese auf eigene Erfahrung gegründete Argumentation zugute. Ein gewisser F. Baumann schreibt imPädagogischen Archiv(1912, Seite 523-524.): „Wir müssen die ehrliche, auf persönliche Erfahrung und gesunder Überlegung gestützte Überzeugung anerkennen, auch wenn wir uns in vielem mit dem Verfasser nicht einverstanden erklären können.“

Sehr große Zustimmung bekundet G. Amsel in derMonatsschrift für höhere Schulen[1](1905, Seiten 195-97) in seiner Rezension derBeiträge zur Psychologie des Unterrichts: „ Otto hat (...), was er lehrt, ausprobiert, er hat, was vielleicht ohne Beispiel ist und unbedingt Bewunderung abnötigt, seine fünf Kinder im Alter von 15-10 Jahren neben mindestens siebenstündiger Berufsarbeit ganz allein und in allen Fächern unterrichtet, und zwar ohne regelmäßige Lehrstunden, sozusagen durch gelegentliche Belehrung.“ In derPädagogischen Wartevon 1905 sieht man die Brauchbarkeit Ottos psychologischer Erkenntnisse äußerst skeptisch. In einer Rezension zur selben Publikation meint man, Otto stelle sich „auf sich selbst und biete deshalb wenig von dem, was man bei den Fachpsychologen findet. (...) Seine ganzen Ausführungen sind in ihrer Allgemeinheit und Verschwommenheit der beste Beweis dafür, daß ein Menschenleben zu kurz ist, irgend einen Wissenszweig aus sich selbst heraus zu entwickeln.“ (Pädagogische Warte1905, Seite 684-685)

Die von den einen als Untermauerung Ottos Theorie benutzten Argumente werden also von seinen Kritikern gegen ihn ausgelegt. So auch imLiterarischen Centralblatt, wo zu lesen ist, der Inhalt OttosLehrgang der Zukunftsschule„entsprang privaten Versuchen. Das merkt man dem Buche auf Schritt und Tritt an; denn im Dienste der öffentlichen Schule hätte sich der Verf. kaum zu solcher Eigenheit, im guten wie im schlimmen Sinne, entwickeln können.“ (Literarisches Centralblatt1903, Seite 1258). In derPädagogischen Wartevon 1907 (Seite 411) ist bezüglich demKöniglichen Amt der Elternvon „gefährlichen Halbwahrheiten“ die Rede. Da heißt es, dass Otto „in den Köpfen gutgläubiger Eltern die größte Verwirrung und in der Kindererziehung unberechenbaren Schaden anrichtet.“

1.2. Beurteilung der Theorie / Einschätzung der Machbarkeit

Ein zentrales Interesse, das mich während der Recherche leitete, war die Beurteilung der Machbarkeit, der Praxistauglichkeit der von Otto vorgetragenen Ideen. Man findet diese in unerwartet vielfältiger Form. Sprechen die einen davon, dass Ottos Forderungen längst Realität seien und er wohl zu wenig Kontakt habe zu dieser, liest man andernorts die Einordnung derselben Ideen als utopisch und realitätsfern. Vielerorts findet sich das Argument, in kleinen privaten Schulen sei das möglich, in den öffentlichen Anstalten aber nicht zuletzt wegen der immer knapper werdenden finanziellen Mittel undenkbar. Es überwiegen insgesamt die Meinungen, die Ottos Schriften als sehr lehrreich bezeichnen, ihnen ihre vollkommene Unterstützung jedoch entziehen.

Max Bäcker schreibt in seiner Rezension überDie Reformation der Schule (Zeitschrift für Philosophie und Pädagogik, 1914, Seite 350-351): „Daß der Ottosche Gesamtunterricht überall durchzuführen ist, ist zweifellos durch Versuche in recht verschiedenen Milieus erwiesen.“

ImPädagogischen Archiv(1912, Seite 523-524) sieht der Rezensent Friedrich Rommel die Machbarkeit der in derReformation der Schulegeforderten Neuerungen als unrealistisch. Die Durchführung dieses Planes scheitere „(...) - von sachlichen Anstößen einmal ganz abgesehen – an der Geldfrage. (...) An Internaten oder an kleinen Privatschulen für Söhne wohlhabender Eltern mag manches erprobt und durchführbar sein, was der Staat für die Gesamtheit niemals leisten kann.“ ImPädagogischen Archiv des Jahrgangs 1904 (Seiten 356-370) wurde hingegen auf einer 14-seitigen Rezension über OttosLehrgang der Zunkunftsschuleauf jede Kritik verzichtet und abgeschlossen mit einem herzlichen Dank an den Verfasser für die „mannigfache Anregung“.

Oftmals ist es auch nur die Kritik Ottos, die gutgeheißen wird, wohingegen seine Lösungsansätze als übertrieben dargestellt werden. So schreibt E. Linde in derDeutschen Schule(1905, Seiten 112-116) über das Prinzip derIsolierung von Schwierigkeiten, mit dem Otto meint, dem Kinde eine Erklärung komplexer Sachverhalte zu ermöglichen: „Hierin liegt ja nun freilich eine arge Übertreibung, aber zweifellos ist die von Otto beschriebene Lage sehr oft der wahre Grund derDummheitunserer Schüler. Wir machen es uns leider nur selten klar, welch starke Zumutungen wir an den Geist des Kindes stellen;“ Es sei angemerkt, dass die Zeitschrift, die diese Worte druckt, herausgegeben wurde „im Auftrage des Deutschen Lehrervereins“.

Im selben Artikel wird Otto vorgeworfen, Kinder lediglich mit dem „naturwissenschaftlichen Auge“ zu sehen, indem er behauptet, sie „durch Disziplinarmaßnahmen für den Unterricht empfänglicher zu machen, sei eben so unsinnig, wie wenn ein Chemiker seine Stoffe prügeln und schelten wollte, wenn sie anders reagierten, als er bei mangelhafter Kenntnis vorausgesetzt hat.“ (ebd.)

Der Rezensent bemängelt, Otto übersehe, dass im Geistigen andere Gesetzmäßigkeiten herrschten als in der Natur. Es fehle „die Schule des Willens, die rechte Erziehung des Pflichtgefühls, das ja nur im Kampfe mit der eigenen Neigung erstarken kann.“ (ebd.) Hier kommt die für die Zeitverhältnisse wohl noch sehr gängige Meinung durch, man könne in der Kindererziehung nicht auf Zucht verzichten. An selber Stelle kommt ein meiner Meinung nach sehr interessanter Vorwurf gegen Otto zur Sprache: Ihm wird ein „ganz auffälliger Intellektualismus“ vorgehalten. Ihm gehe es immer nur um verstandesgemäßes Verstehen. „Daß es auch ein bloß ahnendes, rein gefühlsmäßiges Verstehen gibt, daß sich auf diesem Gebiete die tiefsten innerlich bildenden Wirkungen vollziehen, und daß uns hierbei das Kunstschöne die willkommensten und weittragendsten Dienste zu leisten vermag – von der Erkenntnis dieser pädagogischen Wahrheit scheint Otto noch weit entfernt zu sein.“ (ebd.) Ähnliche Kritik äußert ein Rezensent in derselben Zeitschrift einige Jahre früher (Die deutsche Schule1901, Seite 446-447): „Wir stimmen mit dem Verfasser im grossen und ganzen nicht überein; am allerwenigsten können wir uns überzeugen, dass seiner Methode die „Zukunft“ gehöre. Dazu geht er viel zu sehr auf blosse Zucht des Denkens hinaus, unterschätzt er viel zu sehr die elementaren Kräfte der Seele: Gemüt, Phantasie, Sinnlichkeit (und) Instinkt (...)“ Jedoch zeigt der Autor am Ende dieser Rezension über denLehrgang der ZukunftsschuleAnerkennung für Ottos Ansätze: „Sein Prinzip der Isolierung der Schwierigkeiten z.B. ist ein höchst fruchtbarer Gedanke und ein wirklicher pädagogischer Fund.“ (ebd.) Dass Berthold Otto einseitig von der Psychologie beeinflusst sei und seine Reformvorschläge einen durchweg intellektualistischen Charakter tragen, zu dieser Einschätzung kommt man auch in der ZeitschriftDie Hilfe(Nr. 18 1901. Seite 13), wo es weiter heißt: „Unser Geschlecht dürstet aber nicht nach noch mehr Wissenschaft. Es friert uns mit unserer Verstandesausbildung. Wir sehnen uns nach Wärme und Innerlichkeit. Die Seelentiefen hungern wieder einmal nach Kunst und Religion.“

ImDeutschen Schulmannvon 1902 (Seite 287-290) pflichtet man der Meinung vollkommen bei, „dass das schulpflichtige Aufmerken eines sechsjährigen Kindes im Einzelunterricht nicht über eine Stunde ohne Unterbrechung, nicht über zwei Stunden am Tage erzielt werden kann.“ Man fügt ergänzend hinzu, „Dass für den Lehrgang der Volksschule zwei, höchstens drei Stunden täglich vollkommen ausreichen würden; - aber da kämen wir mit den Eltern in Widerspruch, die nicht wissen, was sie mit ihren Kindern den ganzen lieben Tag anfangen sollen und die wahrlich oft nur deshalb ihre Kleinen in die dumpfe Schulstube senden, weil sie dort am besten aufgehoben sind.“

Ich denke, diese Zitate sprechen für sich und verraten ohne Ergänzung sehr viel über die damalige Offenheit der Pädagogen für produktive Neuerungen.

„Jedenfalls wird Otto soweit recht haben, daß wir entschieden versuchen müssen, der allzugroßen Schablonenhaftigkeit im Schulwesen zu entgehen und tüchtigen Schulmännern eine reichliche Bewegungsfreiheit zu lassen.“ schreibt Moritz Scheinert in derZeitschrift für Pädagogische Psychologie(1913, Seite 424).

In Bezug auf Ottos außerschulische pädagogische Ratschläge findet sich eine ungewöhnliche Rezension überDas königliche Amt der Elternin der reformerischen ZeitschriftDer Säemann. Ungewöhnlich schon deshalb, weil von einer Frau geschrieben. Annemarie Pallat-Hartleben bekundet auf Seite 97 des Jahrganges 1907 zunächst ihre Zustimmung zum Vergleich von König und Familienvater, und fährt Otto zitierend fort: „Die Regierungskunst des Königs besteht nicht darin, daß er sich in alle Einzelheiten hineinmischt, sondern darin, daß er alle Kräfte sich so frei wie möglich entfalten läßt und nur eingreift, wenn es unvermeidlich ist, sagt Berthold Otto, und wenn jeder Vater sich nur diesen einen Satz aus dem Buche zur Richtschnur machen wollte, so würden wir schon ein gutes Stück weiter kommen, denn so oft die Väter durch unüberlegtes Dreinschlagen in einer Minute wieder vernichten, was die Mutter in mühevoller Kleinarbeit langsam aufgebaut hat, das kann sich ein so vernünftiger Vater wie Herr Berthold Otto wahrscheinlich kaum vorstellen.“

[...]


[1] Die Monatsschrift für höhere Schulen war ein dem preußischen Kultusministerium nahestehendes Blatt (laut: Blätter für deutsche Erziehung, 1911, Seite 57)

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Rezeption Berthold Ottos in der pädagogischen Presse von 1900 bis 1914
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Pädagogik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V51348
ISBN (eBook)
9783638473477
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rezeption, Berthold, Ottos, Presse
Arbeit zitieren
Steffen Lasch (Autor), 2005, Die Rezeption Berthold Ottos in der pädagogischen Presse von 1900 bis 1914, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51348

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