Wie mit Vorurteilen gegen Migranten im Unterricht umgehen?

Prüfungslehrprobe zur zweiten Staatsprüfung für das Lehramt an Beruflichen Schulen im Fach Politik


Examensarbeit, 1989

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungen

1. Einordnung der Stunde in die Unterrichtseinheit

2. Bedingungsanalyse
2.1 Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler
2.2 Fachwissenschaftliche Vorgaben und Problematik der Stunde
2.3 Handlungsspielräume der Lehrkraft

3. Didaktische Strukturierung der Stunde
3.1 Lernziele der Stunde
3.2 Handlungsmöglichkeiten der Schülerinnen und Schüler im Unterricht
3.3 Der Begründungszusammenhang von Ziel-, Inhalts- und Methodenwahl
3.4 Vorüberlegungen zur Auswertung und Ergebnissicherung

4. Geplanter Verlauf der Stunde

5. Anhang: Arbeits- und Informationsblätter

6. Literaturverzeichnis

Klaus-Uwe Gerhardt

Wie mit Vorurteilen gegen Migranten im Unterricht umgehen?

Prüfungslehrprobe zur zweiten Staatsprüfung für das Lehramt an Beruflichen Schulen

- Fach Politik

Klaus-Uwe Gerhardt

Wie mit Vorurteilen gegen Migranten im

Unterricht umgehen?

Prüfungslehrprobe zur zweiten Staatsprüfung für das Lehramt an Beruflichen Schulen - Fach Politik

Studienseminar für das Lehramt an beruflichen Schulen II, Seilerstraße 32, Frankfurt am Main

Entwurf für die Unterrichtseinheit und die Planung der Prüfungslehrprobe gem. § 19 AVO

Fach: Politik

Thema: Wie mit Vorurteilen gegen Migranten im Unterricht umgehen?

Ort: Stauffenbergschule (StS), Frankfurt am Main

Datum: 16. März 1989

Zeit: 9.45 - 10.30 Uhr

Klasse: Pf15 (Dienstleistungsfachkräfte)

Raum: 208

Vorgelegt von: Studienreferendar Klaus-Uwe Gerhardt

GRIN-Verlag

Prüfungslehrprobe zur zweiten Staatsprüfung für das Lehramt an Beruflichen Schulen – Fach Politik

1. Auflage

Alle Rechte vorbehalten

© 2020

Lektorat: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

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Satz: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt

Abbildungen

Abbildung 1: Ergebnisse der Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin 1989

Abbildung 2: Idealtypische Verlaufsstruktur von Fallstudien nach Kaiser

Abbildung 3: Warum wählen viele Menschen rechte Parteien?

Abbildung 4: Sitzordnung für die Arbeitsgruppenphase

Abbildung 5: Titelseite der Bild am Sonntag (BaS) vom 8. Januar 1989

Abbildung 6: Strafstoß hinter Gittern (1)

Abbildung 7: Strafstoß hinter Gittern (2)

1. Einordnung der Stunde in die Unterrichtseinheit

Es geht in dieser Unterrichtsstunde um den Fall eines in Deutschland straffällig gewordenen jugendlichen Migranten, wie man als Lehrkraft im Politikunterricht auf ausländerfeindliche Haltungen von Schülerinnen und Schüler reagiert, welche Resultate zu erwarten sind und welche Empfehlungen sich für den beruflichen Alltag als Lehrkraft daraus ableiten lassen.

Doch zunächst zur Situation. Am vergangenen Sonntag (12. März 1989) wurden in Hessen neue Kommunalparlamente gewählt. Einige Schülerinnen und Schüler der Klasse durften zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Stimme bei einer politischen Wahl abgeben.

Abbildung 1: Ergebnisse der Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin 1989

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg

Ein weiterer Grund, sich im laufenden Schulhalbjahr der Kommunalpolitik zu befassen, ist, dass seit den 1970er Jahren das Interesse an lokalen Themen zunimmt. Vielerorts entstehen Bürgerinitiativen zu Problemen am Wohnort. Bürgerinnen und Bürger mischen sich ein.

Nach der groben inhaltlichen Festlegung des Themas wurde das methodische Vorgehen geplant. Aus dem Set handlungsorientierter Methoden kamen Video-Clips, Wandzeitung, Ton-Dia-Schau in die nähere Auswahl, wobei eine Ton-Dia-Show besonderen Anklang bei den Schülerinnen und Schülern fand. Die Schülerinnen und Schüler beschäftigten sich bereits mehrere Doppelstunden mit dem Thema Kommunalwahlen und zeigten, dass sie auch in ihrer Freizeit für dieses Projekt arbeiteten. Exkursionen wurden im Unterricht vorbereitet, Parteienvertreter von SPD, CDU und DIE GRÜNEN wurden anschließend in Kleingruppen interviewt und die Ergebnisse dann medial und inhaltlich bearbeitet. Eine Gruppe interviewte die NPD, was im Lehrerzimmer eine Diskussion auslöste. Aus dem Textmaterial, aus den Bildern und aus entsprechenden Musikstücken stellten die Gruppen eine Ton-Dia-Schau zusammen. Von zentraler Bedeutung für die Schülerinnen und Schüler war die Ausländerproblematik und sie wurden mit den Standpunkten der jeweiligen Partei konfrontiert.1 In der vergangenen Woche wurde das Produkt der Ton-Dia-Schau im Klassenverband präsentiert. Inwieweit sich die Haltung der Schülerinnen und Schüler dadurch änderte oder beeinflusst wurde, lässt sich für mich als Lehrkraft kaum feststellen. Nachfragen meinerseits blieben vage und ich merkte, dass ein anderer Ansatz konzipiert werden müsse.2

Wie lässt sich der Bildungsauftrag bewusstseins- und verhaltensändert zu wirken umsetzen? Inwieweit lassen sich Vorurteile überhaupt abbauen und ein vorurteilsfreier Umgang mit Minderheiten einüben? Insbesondere war dabei zu überlegen, ob die in dieser Stunde aufgeworfenen Fragen hinreichend geklärt wurden und welche Handlungsmöglichkeiten weiter bestehen. Auch musste ich als Lehrkraft überlegen, wie eine Leistungskontrolle und Bewertung der Schülerleistung ausschauen könnte. Von der Anwendung der Fallmethode versprach ich mir neue Möglichkeiten.

Das kasuistische Vorgehen kommt aus der Managerschulung und fand zu Beginn der 1970er Jahre als Fallstudie vermehrt Eingang in die Wirtschaftsdidaktik. Franz-Josef Kaiser, Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität Paderborn, beschreibt die Fallstudie (engl. case study) als eine Unterrichtsmethode, bei der den Lernenden ein „Fall“ vorgelegt wird, der eine problematische Situation (meist fiktiv oder historisch) schildert. Aufgabe ist es dann, eine Lösung zu erarbeiten. Nachfolgend ist der idealtypische Ablauf einer Fallstudie skizziert, an die ich mich halten möchte (Abb. 2).

Abbildung 2: Idealtypische Verlaufsstruktur von Fallstudien nach Kaiser

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Kaiser 1983, S. 26

Nach Kaiser sind Fallstudien in der Regel so konstituiert, dass sie die Lernenden mit einer Entscheidungssituation konfrontiert, wobei sie eine Identifikation mit dem Inhalt ermöglichen sollen (vgl. Kaiser 1983). Diese Identifikation scheint über einen hohen Grad an Schülerorientierung denkbar.

Rolf Schmiederer, der in den 1960er Jahren mit der dänischen Volkshochschulbewegung in Berührung kam, macht darauf aufmerksam, dass die Identifikation in der politischen Bildung mit dem Unterrichtsstoff dann am stärksten zu sein scheint, wenn die Schülerorientierung stark ist (Schmiederer 1977: 117-128).

Die Fallmethode besagt, dass der Fall nicht allein als Aushänger oder Einstieg in den Unterricht dienen soll (vgl. Bildungsplan 1965: 5). Vielmehr soll das Fallprinzip durchgängig Gegenstand des Unterrichts sein und auf den Sozialerfahrungen der Schüler aufbauen. Er soll die gesellschaftliche Vielfalt in nuce erhalten. In ihm soll sich das gesellschaftliche Ganze widerspiegeln.

Es bot sich exemplarisch ein aktuelles Thema über einen „kriminellen Ausländer“ an, der die Aufmerksamkeit und die Sympathie des in Göppingen am 30. Juli 1964 geborenen jungen deutschen Fußballspielers Jürgen Klinsmann gewonnen hatte.3 Der Bild-Zeitung missfiel das Engagement des Fußballprofis Jürgen Klinsmann (siehe Anhang).

Abbildung 3: Warum wählen viele Menschen rechte Parteien?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Bedingungsanalyse

2.1 Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler

Seit September 1988 unterrichte ich die Klasse Pf15 im Fach Politik. Die Klasse besteht aus 13 Schülerinnen und 7 Schülern im Alten zwischen 16 und 25 Jahren. Die meisten Schülerinnen und Schüler sind 17 und 18 Jahre alt. Sie haben i.d.R. Hauptschulabschluss, manche die Mittlere Reife. Sie werden bei der Post zu Dienstleistungsfachkräften ausgebildet. Manche erwarten eine berufliche Karriere im mittleren Postdienst.

Das Unterrichtsthema „Migranten“ im Fach Politik vereinbarte ich in Absprache mit meinem Mentor und mit den Schülerinnen und Schülern im Anschluss an die Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses und im Vorfeld der Hessischen Kommunalwahl am 12. März 1989. Es wird immer wieder in der Klasse gegen Ausländer gewettert, aber es zeigt sich auch, dass die Klasse unterschiedlicher Meinung ist. Bei einem Drittel der Schülerinnen und Schüler sind erhebliche Vorurteile gegenüber Ausländern erkennbar: „In Berlin wurde gegen die Ausländen gewählt, weil die uns alles wegnehmen“, heißt es aus dieser Gruppe. Dem widersprach das zweite Drittel der Klasse energisch. Aus einem weiteren Drittel gab es keine konkrete Schüleräußerung dazu.

Erwähnenswert im Kontext der Migration halte ich, dass etwa die Hälfte der Klasse nicht aus dem Rhein-Main-Gebiet stammt, sondern aus Mittel- und Nordhessen. Sie sind sozusagen selbst "Gastarbeiter", fanden sich anfangs nun schwer zurecht, sprechen einen anderen Dialekt und wollen so schnell zu möglich wieder „heim“. Die Auszubildenden sind im Postwohnheim „kaserniert“, was wohngemeinschaftsähnliche Zustände nahelegt.

Der Zuspruch für die rechtsnationale Partei der Republikaner in Berlin beförderte in der Klasse eine gewisse Sympathie für rechte, ausländerfeindliche Haltungen, was aber weder hinterfragt, noch rational von den Schülerinnen und Schülern begründbar war. An der Vehemenz der artikulierten Ablehnung wurde mir klar, dass Ausländer als „Sündenböcke“ herhalten müssen (Kriminalität, Drogen, Angst vor Vergewaltigung usw.). Die Ängste gegenüber Ausländern werden z.T. mit persönlichen Erfahrungen belegt („Anmache von Frauen“). Gegen solcherlei persönliche Ängste lässt sich kaum etwas rational erwidern. Der Versuch scheiterte, mit statistisch belegten Fakten eine Gegenposition aufzubauen. Eine Schülerin (Anke) meinte treffend, Pöbeleien brächten auch Deutsche fertig. Mehr als einen Lacher löste Anke aber nicht aus.

2.2 Fachwissenschaftliche Vorgaben und Problematik der Stunde

Wie lassen sich Vorurteile erklären und wie lässt sich ein vorurteilsfreierer Umgang mit Fremden einüben? Inwieweit helfen Informationen und Faktenwissen? Wie lässt sich ein nachhaltig wirkendes Unterrichtsprojekt entwerfen und realisieren? Zunächst zur Genese von Vorurteilen. Aus der Sozialwissenschaft ist bekannt, dass Vorurteile im Sozialisierungsprozess entstehen und bereits im frühen Kindesalter angelegt werden. Niemand ist vorurteils frei und auch keine soziale Schicht ist resistent dagegen.4 Ein Vorurteil bildet sich meist ohne konkrete persönliche Erfahrung mit Objekten des Vorurteils, sondern es existiert bereits vor entsprechenden Erlebnissen, was korrigierende Erfahrungen erschwert. Führende Vertreter der Kritischen Theorie um Adorno und Horkheimer befassten sich vor dem Hintergrund des Faschismus mit dem Phänomen der Vorurteile. Solcherlei vorgefertigte Menschenbilder haben für vorurteilsbehaftete Menschen spezifische psychische und letztlich gesellschaftliche Funktionen (vgl. Horkheimer 1963). Vorurteile dienen

- zur Abwehr von Unsicherheit und Angst. Sie sind bei Menschen besonders häufig anzutreffen, denen es an Liebe mangelt und die streng erzogen wurden;
- zur Stabilisierung des eigenen Selbstwertgefühls bzw. des sozialen Selbstverständnisses und steuern die Wahrnehmungen der Realität;
- der gesellschaftlich gebilligten Aggressionsabfuhr und treten als Vorurteilsbündel bei autoritär fixierten Charaktertypen auf;
- dazu, sich an das eigene Kollektiv umso stärker anzuschließen, Geborgenheit zu finden, sich zu identifizieren und zu orientieren (ingroup-Verhalten);
- dazu, sich abzugrenzen gegenüber gesellschaftlich definierten Minoritäten und als ideologischer Kitt, Herrschaftssystem zu stabilisieren.

In der Erziehungswissenschaft werden diese Befunde bestätigt. Vorurteile und Feindbilder bezeichnen Änne Ostermann und Hans Nicklas als eine hartnäckige negative Einschätzung von Personen und Personengruppen. Die vom Vorurteil Betroffenen können sich kaum gegen die Stereotypen bzw. Klischees wehren und reagieren oftmals selbst mit Vorurteilen.5

Schon aus dem Bildungsplan von 1965 ergeben sich Hinweise darauf, dass Vorurteile einen kognitiven und einen affektiven Aspekt haben können. Es wird daher empfohlen, auf zwei Arten Vorurteilen zu begegnen: durch Informationen über wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Fakten (siehe Bildungsplan, Teil B, Seite 2) und zum anderen durch Initiierung eines Bildungsprozesses, durch den die psychologische, soziologischen und politischen Ursachen abgebaut werden (siehe Bildungsplan, Teil C, Seite 4). Hierbei ist vor allem an den selbsttätigen Aufbau von Gegenpositionen gedacht (ebenda).

Zusammenfassend heißt das, dass es nicht gelingt, vorurteilsbedingte Sperren ausschließlich durch bessere und vollständige Informationen abzubauen. Das Gegenteil ist häufig der Fall: Informationen, welche die eigene Meinung bestärken oder bestätigen, werden aufgenommen (selektive Wahrnehmung). Fakten, die zur Widerlegung beitragen könnten, werden für manipulativ gehalten, nicht wahrgenommen verdrängt oder als „fake“ abgekanzelt. Daher ist es notwendig, die Konstitutionsbedingungen und Folgen von Vorurteilsstrukturen selber in den Reflexionsprozess einzubeziehen. Allein Selbsteinsicht kann die Verteidigungs- und Abwehrstellungen durchbrechen auf die Gefahr hin, dass Antipathien modifiziert und verschoben werden.

2.3 Handlungsspielräume der Lehrkraft

Wenn also kein Zugang auf der rein kognitiven Ebene wirkungsvoll erscheint, fragt es sich, wie auf der affektiven Ebene als Politiklehrer und mit welchen handlungsorientierten Methoden zu agieren ist. Und ich erinnerte mich daran, dass ein Rollenspiel über die Ausländerproblematik in der Klasse zu Anfang des Schuljahres zwar recht interessant, aber eher eingeschränkt erfolgreich verlief. Das führte ich zu diesem Zeitpunkt darauf zurück, dass die Klasse erst neu zusammengesetzt war. Die Schülerinnen und Schüler kannten sich noch nicht und ließen durchblicken, dass sie sich nicht mit den ‚Opfern‘, sprich: „Ausländern“, identifizieren möchten. Welche Folgerungen ich daraus zog, habe ich bereits geschildert und möchte hier nur anmerken, dass ich eine emotionale Konfliktsituation über einen Fall herzustellen beabsichtige.

Eine Woche vor der Examenslehrprobe zeigte ich den Schülerinnen und Schülern als emotionalen Einstieg einen Videofilm aus der SWF-Sendereihe „Sport unter der Lupe“.6 In diesem Film wird über den Fall des jungen Joe Sehic berichtet, der wegen Mordes verurteilt wurde und in der Jugendhaftanstalt Adelsheim einsitzt. Die Hintergründe seiner Tat werden im Film beleuchtet und Sehic kommt selbst persönlich zu Wort. Der Sozialarbeiter der JVA Adelsheim im Odenwald, Werner Nickolai, schildert dessen gute Führung im Knast und begründet das Projekt.7 Der Bundesligaspieler Jürgen Klinsmann wurde auf das Fußballprojekt aufmerksam und erzählt anschaulich, wie er Joe Sehic kennenlernte. Mehrere Vereinsfunktionäre aus dem Fußball-Club, in dem Joe kickt, berichten, dass er ein guter Kumpel sei. Das ist die eine Seite. Die andere Seite beschreibt die Seite der Opfer: Carsten und Michael, die Söhne des erschossenen Tankwarts, können nicht begreifen, warum der abgeurteilte Joe Sehic so viel Unterstützung und die Chance zur Resozilisering erhält.

Meines Erachtens ergeben sich durch diesen Fall die besten Ausgangschancen über Opfer- und Täterrollen, über Vorurteile, Rache, Vergebung und über modernen Strafvollzug reden zu können. Aber wie soll man sich professionell als Lehrkraft in der Klassensituation verhalten, wenn ausländerfeindliche, nazistische Sprüche von Schülerseite kommen? Welche Tipps gibt die Erziehungswissenschaft?

Der Oldenburger Pädagogikprofessor Hilbert Meyer, er veröffentlichte einige Werke über Unterrichtsmethoden, empfiehlt den Lehrkräften, sich sowohl bei der Gruppenarbeit der Schülerinnen und Schüler als auch beim Schülergespräch zurückzunehmen (Meyer 1987: 292). Als Schülergespräch bezeichnet Meyer eine Gesprächsform, „in der die Schüler ihre eigenen Erfahrungen und Phantasien zu einen Sach-, Sinn- oder Problemzusammenhang veröffentlichen, verarbeiten und bewerten.“ (ebenda, S. 291). Er beruft sich dabei auf Ingo Scheller, Meyers Kollege an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Scheller forschte über das Szenische Spiel im Rahmen eines erfahrungsorientierten Deutsch- und Sozialkundeunterrichts bei Migranten (Scheller 1981: 127). Mayer und Scheller unterscheiden zwischen Schülergespräch und Lehrgespräch. Lehrkräfte sollen beim Schülergespräch folgende Aufgaben erfüllen:

a) Organisation der Lernsituation
b) Zurückhaltung bei verbalen und nonverbalen Äußerungen
c) Verzicht auf Bewertung der Schülerposition
d) Achtung, dass die Spielregeln eingehalten werden
e) Ergebnissicherung organisieren

Diese Empfehlungen sind einleuchtend, aber in der konkreten Situation ausländerfeindlicher Meinungsäußerungen nicht immer stringent einzuhalten. Welche Rolle sollte die Lehrkraft hier einnehmen? Die Frankfurter Schule rät, dass Kritik immer angebracht und in der Art der Methode Reductio ad absurdum ohne persönliche Wertungen möglich ist.8 Auch Provokation als pädagogische Methode scheint gerechtfertigt zu sein, um vertraute und lieb gewordene Vorstellungen zu verfremden (Meyer 1987: 122, 142, 209). Wenn ich meine Rolle daher vorrangig als Organisator des Lernprozesses sehe, dann möchte ich nicht darauf verzichten, Position zu beziehen, Impulse für die Diskussion zu geben, steuernd bei der Ergebnissicherung einzuwirken und Fixpunkte zusammenzutragen, damit antidemokratische und fremdenfeindliche Äußerungen nicht obsiegen.

Aus diesen Überlegungen heraus entwickelte ich die didaktische Struktur der Prüfungslehrprobe.

[...]


1 Das Kommunalwahlrecht für EU-Ausländer gab es 1989 noch nicht. In der Europäischen Union dürfen alle EU-Bürger an den Kommunalwahlen ihres Hauptwohnsitzes teilnehmen, unabhängig davon, in welchem Mitgliedstaat er sich befindet. Dieses Recht wurde 1992 im Vertrag von Maastricht eingeführt und ist seither in Art. 22 Abs. 1 AEUV (vormals Art. 19 Abs. 1 EGV) verankert.

2 Ich machte mir Gedanken über den weiteren Unterrichtsverlauf nach den Osterferien bis zu meiner Examenslehrprobe. Ich hatte die „Postlerklasse“ für meine Politiklehrprobe ausgewählt zumal ich selber als Schüler und als Student über neun Jahre lang als Zusteller und im Innendienst am Paketschalter gearbeitet hatte, um etwas Geld zu verdienen. Ich kannte also die Arbeitssituation bei der Post als „Jobber“.

3 Der Darmstädter Pädagoge Martin Wagenschein steht für das Prinzip des repräsentativen oder exemplarischen Lernens, das er später im genetischen Prinzip subsumierte. Er prägte in diesem Zusammenhang die Redewendung „Mut zur Lücke“. Wagenschein charakterisierte seinen Ansatz als sokratisch, genetisch und exemplarisch. Zum Unterrichtskonzept des exemplarischen Lehrens und Lernens (Hartmut von Hentig 1986).

4 Jede soziale Gruppe trägt Vorurteile und Stereotypen in sich (Adorno). Daher ist nur davor zu warnen, wollte man sich selber für vorurteilsfrei erklären. Die Ursachen und Funktionen von Vorurteilen zu kennen, halte ich für unabdingbar, damit man als Lehrkraft rational und selbstbewusst mit Vorurteilen - auch mit seinen eigenen - umgehen kann.

5 Unter dem Begriff Vorurteil verstehe ich ein Urteil, das einer Person, einer Gruppe, einem Sachverhalt oder einer Situation vor einer gründlichen und umfassenden Untersuchung, Abklärung und Abwägung beigemessen wird. Ein näherer Faktencheck ist zu diesem Zeitpunkt nicht erfolgt.

6 „Sport unter der Lupe“ war eine Sportsendung des Südwestfunks sowie ab 1998 des Nachfolgers Südwestrundfunk. Die im September 1968 beim dritten Fernsehprogramm des SWF Südwest 3 von Rudi Michel, seinerzeit „Hauptabteilungsleiter Sport“ beim SWF in Baden-Baden, eingeführte Sendereihe widmete sich der Sportberichterstattung jenseits von tagesaktuellen Themen und konzentrierte sich insbesondere auf Hintergrundberichterstattung. (aus: wikipedia.de)

7 Den Sozialarbeiter Werner Nickolai habe ich über meine Kontakte zur Hessischen Sportjugend kontaktiert, um weitere Details zum Fall Joe Sehic zu bekommen.

8 Die Reductio ad absurdum (von lat. für Zurückführung auf das widrig Klingende, Ungereimte, Unpassende, Sinnlose) ist eine Schlussfigur und Beweistechnik in der Logik. Bei der Reductio ad absurdum wird eine Aussage widerlegt, indem gezeigt wird, dass aus ihr ein logischer Widerspruch oder ein Widerspruch zu einer bereits anerkannten These folgt. Ein Beispiel wäre die Vernichtung von Minderheiten in den Konzentrationslagern. Einige davon kämpften als deutsche Soldaten im 1. Weltkrieg.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Wie mit Vorurteilen gegen Migranten im Unterricht umgehen?
Untertitel
Prüfungslehrprobe zur zweiten Staatsprüfung für das Lehramt an Beruflichen Schulen im Fach Politik
Note
1,0
Autor
Jahr
1989
Seiten
26
Katalognummer
V513486
ISBN (eBook)
9783346162373
ISBN (Buch)
9783346162380
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rechte Parteien, Vorurteile, Dienstleistungsfachkräfte, Kommunalwahl, Wahl, Abschiebung, Resozialisierung, Jugendstrafrecht, Ausländer, Jürgen Klinsmann, Fußball, Fanprojekt, Sport, Kritische Theorie, Kreisgespräch, Medien, Exemplarischer Unterricht, Migranten, Handlungsorientierung, Fallmethode, Unterrichtsprojekt, Sportjugend
Arbeit zitieren
Klaus-Uwe Gerhardt (Autor), 1989, Wie mit Vorurteilen gegen Migranten im Unterricht umgehen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/513486

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