Narrationsanalyse und Biographieforschung. Das narrative Interview


Ausarbeitung, 2019

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

1.Einleitung

2. Begriffserklärung
2.1. Biographie
2.2. Biographieforschung und Narrationsanalyse

3.Entstehungshintergrund des Verfahrens

4.Das narrative Interview

5. Auswertungsverfahrens der Narrationsanalyse
5.1. Erzähltheoretische Grundlagen
5.2. Biographische Handlungsschemata
5.2.1. Institutionelles Ablaufmuster
5.2.2. Biographisches Handlungsmuster
5.2.3. Verlaufskurven
5.2.4. Biographischer Wandlungsprozess
5.3. Analyseschritte
5.3.1. Formale Textanalyse
5.3.2. Die strukturelle inhaltliche Beschreibung
5.3.3. Analytische Abstraktion
5.3.4. Wissensanalyse
5.3.5. Kontrastiver Fallvergleich

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Die Biographieforschung stellt ein breites Forschungsfeld dar, welches von unterschiedlichen Disziplinen aufgegriffen wird. Im Bereich der Erziehungswissenschaften „nimmt die Biographieforschung derzeit einen zentralen Platz ein“, da „zwischen den beiden Ansätzen eine hohe Affinität auf Grund des gemeinsamen Arbeitsfeldes“ besteht (Krüger & Marotzki, 2006, S. 7-8). Neben unterschiedlichen Forschungsmethoden in diesem Bereich bildet das narrative Interview eine wichtige und vielfältig einsetzbare Methode zur qualitativen Datenerhebung. Einen Vorteil bei der Verwendung dieser Datenerhebungs-methode bei erziehungswissenschaftlichen Fragestellung benennt Gisela Jakob (2010), in dem sie darauf verweist, dass „lebensgeschichtliche Erzählungen, wie sie mit dem narrativen Interview gewonnen werden, [..] den Blick auf individuelle und kollektive Lern- und Bildungsprozesse [eröffnen]“ (S. 220).

Im Rahmen des Seminars „Forschungsmethoden und Forschungsdesign II: Qualitative Forschungsmethoden“ wurden theoretische Grundlagen und Konzepte der qualitativen Forschungsmethoden vermittelt. Die oben genannte Narrationsanalyse ist eine der Erhebungsmethoden der qualitativen Forschung und wird in dieser Ausarbeitung behandelt. Für diese qualitativ ausgerichtete Forschungsanalyse wurde insbesondere mit dem Konzept von Fritz Schütze der „Interpretativen Sozialforschung“ konzentriert. Hierfür wurde sich mit der Überschrift „Narrationsanalyse“, aus dem Buch „Eine praxisorientierte Einführung“ von Frank Kleeman auseinandergesetzt.

Diese Hausarbeit zielt darauf ab, einen Überblick über die Biographieanalyse zu geben und gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil werden erst verschiedene Begrifflichkeiten zum Thema geklärt, die einen Einstieg in die Thematik schaffen sollen. Dazu wird Entstehungshintergrund des Verfahrens erwähnt. Im zweiten Teil wird „das Narrative Interview“ als Methode der Datenerhebung dargestellt. Nach der theoretischen Einführung in die Thematik, erfolgt im dritten Teil dieser Hausarbeit eine strukturelle Beschreibung anhand eines Beispiels aus dem narrativen Interview. Die Arbeit schließt mit einem kurzen Fazit zur Forschungsmethode.

2. Begriffserklärung

2.1. Biographie

Aus dem Griechischen kommend, wird der Begriff 'Biographie' ganz allgemein mit 'Lebensbeschreibung' übersetzt. Sie beschreibt also inhaltlich das Leben, bzw. die Lebensgeschichte einer Person (vgl. Schulze 2006: 36). Was nach Meulemann auch als „Reflexion des Leben“ bezeichnet wird (1999, S.306).

„Eine Biographie blickt auf das bis zum Augenblick geführte Leben, also auch den Lebenslauf zurück. Sie repräsentiert das Leben, für die Person in einer für sie besonderen, persönlichen Form; sie umfasst die Deutungen der Motive und Ursachen einzelner Entscheidungen und die Bewertung des Lebenslaufs in Abschnitten oder Bereichen oder insgesamt“ (ebd.).

Biographien sind zwar „immer subjektive Konstruktionen“, das heißt aber nicht, dass sie völlig willkürlich ausgewählt und zusammengesetzt werden, sondern dass sie „immer auch eine Auswahl real erlebter Ereignisse darstellen“ (Miethe 2011, S. 17).

2.2. Biographieforschung und Narrationsanalyse

Biographieforschung bezieht sich auf einen qualitativen Ansatz der Forschungsmethodik und umfasst ein Arbeitsbereich in verschiedenen Wissenschaften. Sie ist also keine fest etablierte Teildisziplin mit gemeinsam verwendeten Grundbegriffen, Grenzziehungen oder Verfahrensschritten (vgl. Fuchs-Heinritz 2000, S. 9). Dementsprechend versteht man nach dem Soziologen Fuchs-Heinritz unter Biographieforschung alle Forschungsansätze und - Wege der Sozialwissenschaften, „die als Datengrundlage (oder als Daten neben anderen) Lebensgeschichten haben, also Darstellungen der Lebensführung und der Lebenserfahrung aus dem Blickwinkel desjenigen, der sein Leben lebt“ (ebd.).

Die Narrationsanalyse hingegen ist eine Methode innerhalb der Biographieforschung und wurde von Fritz Schütze entwickelt, um narrative Interviews auswerten zu können. Diese ist ein methodisches „(...) Verfahren, um spontane Erzählungen (,Narrationen') von Personen über selbst erlebte Ereignisse oder Prozesse zu interpretieren“ (Kleemann et al. 2009, S.64). Schütze selbst sprach jedoch nicht von „Narrationsanalyse“, sondern von Biographieanalyse oder Interaktionsanalyse.

Ziel der Narrationsanalyse ist es, Verlaufsstrukturen der Biografie aus dem Verlauf der Erzählung zu rekonstruieren. Diese Rekonstruktion und Analyse geschehen nach einem bestimmten Muster. Schütze gliedert dieses Verfahrensmuster in sechs Analyseschritte: formale Textanalyse, strukturelle inhaltliche Beschreibung, analytische Abstraktion, Wissensanalyse, fallvergleichende Analyse.

In den folgenden Teilen werden die Schritte der Narrationsanalyse von Schütze ausführlich dargestellt.

3. Entstehungshintergrund des Verfahrens

Fritz Schütze entwickelte das narrative Interview und ein darauf bezogenes Auswertungsverfahren „Narrationsanalyse“ Mitte der 1970er Jahre. Der konkrete Kontext, in dem das narrative Interview und die Narrationsanalyse als Auswertungsverfahren entstanden sind, war zunächst nicht Biographie analytisch, da die Verfahren im Rahmen einer Interaktionsfeldstudie, genauer: einer empirischen Untersuchung zu Machtstrukturen in der Lokalpolitik entwickelt wurde“, (vgl. Kleemann 2009. S.64). Es wurden damals Politiker interviewt, die in den Prozess einer Gemeindezusammenlegung involviert waren.

„Es zeigte sich, dass die befragten Lokalpolitiker mittels pauschaler Beschreibungen eine offizielle Fassade des Geschehens präsentierten, die den Blick auf die eigentlich interessierenden Hintergründe und politischen Interessen verstellte. Wurden dagegen die Lokalpolitiker gebeten, beispielhafte einzelne Ereignisse bzw. Abläufe detailliert zu erzählen, so gerieten sie - ob sie wollten oder nicht - in Redefluss und verstrickten sich allmählich in ihre Erzählungen. Um die eigene Darstellung für dem Interviewer verständlicher zu machen, mussten sie nun auch unangenehme Details schildern. Diese Informationen über das tatsächliche Geschehen eröffneten den Forschenden einen Blick hinter die Kulissen, der verallgemeinernde Aussagen über lokale Machtstrukturen ermöglichte“, (Kleemann 2009. S.64).

4. Das narrative Interview

„Das Narrative Interview ist eine Interviewform, in der ein Befragter auf eine Eingangsfrage bzw. Erzählaufforderung ohne Unterbrechungen, ohne Vorgaben und in großer Ausführlichkeit antworten kann“, (Küsters 2014, S. 575). Diese Form der Interviewführung wurde von Schütze in den 1970er Jahren entwickelt (vgl. Kleemann 2009, S. 64) und wurde von ihm folgende beschrieben:

Im narrativen Interview wird die Person aufgefordert, spontan über selbst erlebte Ereignisse zu berichten (vgl. Lamnek, 2010, S.329). Das zielt aber nicht nur auf die lebensgeschichtlichen Vorgänge. Allerdings eignet sich das narrative Interview auch für sonstige Ereignisabläufe mit Prozesscharakter, in die der Befragte selbst handelnd oder erleidend eingebunden war“ (ebd.). Dementsprechend können Entwicklungen, Karrieren oder Reifungsprozesse geeignete Beispiele sein (vgl. ebd.).

Im narrativen Interview wird der Interviewte veranlasst, spontane Stegreiferzählungen zu erzeugen. Dem Befragten wird die Möglichkeit eingeräumt auf die Erzählaufforderung „ohne Unterbrechungen, ohne Vorgaben und in großer Ausführlichkeit“ einzugehen (Küsters 2014: 575). Dementsprechend formuliert Lamnek zusammenfassend: „Das narrative Interview zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es den Erzählenden einem starken Zwang zur realitätsgetreuen Rekonstruktion vergangener Ereignisse aussetzt, ohne dass der Druck vom Interviewer auszugehen scheint oder gar das situative Klima das Interview gefährden könnte (2010. S. 329).

Das narrative Interview basiert auf soziale Wirklichkeit, wie sie sich von Befragten darstellt. Kommunikativen Interaktionen d.h. des spontanen, unvorbereiteten Erzählens, ohne weitere Interventionen von Geschichten in Face-to-Face-Situationen. Von diesen Mechanismen wird die Anwendung des Verfahrens resultiert sobald der Anspruch, mit seiner Hilfe besonders die Geschehnisse, die tatsächlich stattgefunden haben über die Orientierungsstrukturen von Personen in ihrem vergangenen faktischen Handeln und Erfahrungen profitieren. Die Lehre dieser erzähltheoretischen Möglichkeit ist für den Nachvollzug der Geltungsbegründung des narrativen Interviews wesentlich; wichtig ist sie lediglich für die Praxis, also für die Erhebung und Auswertung von narrativen Interviews, (vgl. Küsters 2009, 17).

5. Auswertungsverfahrens der Narrationsanalyse

5.1.Erzähltheoretische Grundlagen

Fritz Schütze unterscheidet in seiner Erzähltheorie drei sprachliche Darstellungsformen: Erzählung, Beschreibung und Argumentation:

Erzählung: „Differenzierte Darstellung eines konkreten (selbst erlebten) Ereignisses oder Prozesses in seinem zeitlichen Ablauf; Meist präzise Angaben über Ort, Zeit, Beteiligte und weiteren Kontext; Hoher Detaillierungsgrad.

Beschreibung:Zusammenfassende bzw. resümierende Darstellung wiederkehrender, gleichartiger Sachverhalte; Oft sprachliche Hinweise auf den generalisierenden Charakter der Darstellung oder verallgemeinernde Zeitangaben

Argumentation:Fokus auf generelle kausale Zusammenhänge mit dem Ziel der Begründung bzw. der Rechtfertigung einer bestimmten Einstellung oder Verhaltensweise“, (Kleemann, 2009: 66).

Obwohl die drei Darstellungsformen - Erzählung, Beschreibung, Argumentation -während analytische Kategorien deutlich voneinander unterscheidbar sind, erscheinen sie in Gesprächen wenig in Reinform. Derart umfasst eine alltagssprachliche Erzählung vorwiegend auch beschreibende oder argumentative Elemente, um das zuletzt Erzählte dem Zuhörer offensichtlich zu machen. Anderseits behalten auch Beschreibungen und Argumentationen jeweils Elemente der beiden anderen Darstellungsformen, (vgl. Kleemann 2009, S. 65) Wie schon erwähnt handelt es sichbei der Narrationsanalyse nach Schütze,um die Auswertung „autobiographischer Stehgreiferzählungen“, welche anhand von narrativen Interviews empirisch gewonnen werden. Diese Art des Interviews gliedert sich bei Schütze, in drei Teile: die autobiographische Erzählaufforderung, die autobiographische Anfangserzählung, welche mit einer Erzählkoda endet, und den anschließenden Nachfragen des Interviewers. Die Erzählaufforderung kann entweder offen zur gesamten Lebensgeschichte oder zu im Sinne der Forschungsfrage speziellen Abschnitten der Lebensgeschichte gestellt werden. Während der Anfangserzählung wird der Erzählende nicht vom Interviewer unterbrochen, Verständnisfragen werden erst im Anschluss an die Erzählkoda gestellt.

5.2. Biographische Handlungsschemata

In dieser Theorie von Schütze geht es um elementare Formen von Prozessstrukturen, die in allen Lebensläufen anzutreffen sind, da die Lebensgeschichte „eine sequentiell geordnete Aufschichtung größerer und kleinerer, in sich sequentiell geordneter Prozessstrukturen ist“ (Schütze, 1981, S. 67). Schütze versteht somit unter dem Begriff Prozessstrukturen eine Verbindung zwischen den Deutungen und Interpretationen des Biographie Trägersmit der von ihm rekonstruierten Lebensgeschichte. Sie verbinden die Objektivität der Lebensgeschichte mit der Subjektivität der Verarbeitung und der Darstellungsform (vgl. Nohl, 2005). Schütze unterscheidet zwischen „vier Prozessstrukturen“ gegenüber lebensgeschichtlichen Erlebnissen:

5.2.1. Institutionelles Ablaufmuster

Davon versteht Schütze als gesellschaftlich angelegte „Institutionalisierungsmuster des Lebenslaufs“, (Schütze, 1981. S.67.). Es geht hier um die Lebensphasen, die sich an gesellschaftlichen Vorgaben ausrichten. Der Betroffene orientiert sich an einem gesellschaftlichen Fahrplan für eine „ordnungsgemäße“ Biographie und richtet die Bewältigung seines Lebens daran aus. Dazu gehören Schul- und Ausbildungslaufbahn, Eheschließung und Familiengründung, zu denen sich das Individuum in Distanz oder Anpassung zu verhalten hat (vgl. ebd. S.68).

5.2.2. Biographisches Handlungsmuster

Der Typ folgt dem „intentionalen Prinzip“ des Lebenslaufs (Schütze 1983, S. 288) und steht für eine „selbst initiierte und gesteuerte Entwicklung“ (Kleemann u.a. 2009: S.70). Das Individuum agiert hier relativ stark losgelöst von institutionalisierten Strukturen und stellt die „Suche nach Selbstverwirklichung“ (Kleemann).

5.2.3. Verlaufskurven

Verlaufskurven sind laut Schütze durch das, Prinzip des Getriebenwerdens durch „sozialstrukturelle und äußerlich-schicksalhafte Bedingungen“ der Existent gekennzeichnet (Schütze, 1983. S.288). Eine Verlaufskurve kann sowohl von außen aus der sozialen Welt des Individuums als auch aus der Innenperspektive des Betroffenen ausgelöst werden. Die „sozialstrukturellen und äußerlich-schicksalhaften Bedingungen“ in Verlaufskurven lassen sich nach negativer und positiver Verlaufskurve kategorisieren. Diese Verlaufskurven schränken entweder die Möglichkeiten des Biografieträgers ein „Prozess des Erleidens“ (ebd., S. 288), oder erweitern die Möglichkeiten der „Handlungsaktivitäten und Identitätsentfaltungen (ebd.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Narrationsanalyse und Biographieforschung. Das narrative Interview
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
19
Katalognummer
V513540
ISBN (eBook)
9783346105325
ISBN (Buch)
9783346105332
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Ausarbeitung bietet ausführliche Information für Interessenten.
Schlagworte
narrationsanalyse, biographieforschung, interview
Arbeit zitieren
Ayse Ertas (Autor), 2019, Narrationsanalyse und Biographieforschung. Das narrative Interview, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/513540

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Narrationsanalyse und Biographieforschung. Das narrative Interview



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden