Mies van der Rohe. Die Wohnbauten für die Familien Esters und Lange

Stellenwert der Miesbauten in Krefeld


Bachelorarbeit, 2016

45 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Erkenntnisinteresse und Fragestellung
1.1 Forschungsstand

2. Wohnbauten Mies van der Rohes
2.1 Die Häuser Esters und Lange
2.1.1 Exkurs: Backstein
2.1.2 Baubeschreibung
2.2 Villa Tugendhat
2.2.1 Baubeschreibung

3. „Villa“ vs. „Haus“

4. Vergleich von Haus Esters und Lange mit Villa Tugendhat

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

1. Erkenntnisinteresse und Fragestellung

Ausgangspunkt der vorliegenden Studie, über die Wohnbauten Mies van der Rohes für die Familien Esters und Lange, war die Beobachtung, dass die Nutzung der Häuser in Krefeld heute, im starken Kontrast zur Wertschätzung der Villa Tugendhat in Brünn steht.

Die Villa Tugendhat befindet sich sowohl von innen als auch von außen in einem tadellosen Zustand. Dank einer umfassenden Restauration im Jahre 2012, ist von den schwerwiegenden Folgen des Zweiten Weltkriegs nichts mehr zu erkennen. Die Inneneinrichtung ist bis auf das kleinste Detail, anhand von zeitgenössischen Fotos und Plänen, vollständig rekonstruiert worden. So lässt sich bei einem Besuch in Brünn, nicht nur das Familienleben der Tugendhats mühelos nachvollziehen, son­dern zusätzlich das architektonische Talent Mies van der Rohes bewundern. Dem Architekten wurde in Brünn regelrecht ein Denkmal gesetzt.

In Krefeld hingegen wurden die Häuser Esters und Lange zu Museen umfunk­tioniert. Die Gebäude müssen Platz für ständig wechselnde Kunstausstellungen, der verschiedensten Art, bieten. Am bescheidenen Zustand der Bauwerke wird ersicht­lich, dass sie lediglich als Ausstellungsräume fungieren, dessen Architektur zweit­rangig ist. Zwar wurden auch hier jedwede Kriegsschäden beseitigt und eine komplette Sanierung vorgenommen, die allerdings schon um 15 Jahre zurück liegt und witterungsbedingte Mängel nicht zu übersehen sind.

Hieran knüpfte sich die Frage, aus welchen Gründen, ein so gravierender Unter­schied in der heutigen Nutzung und Wertschätzung auf der einen Seite und Miss­achtung auf der anderen, entstanden ist. Haus Esters und Lange sind mit einer rotbraunen Klinkerfassade verkleidet, die den Bauten einen industriellen und kräftigen Charakter verleiht. Während die Villa Tugendhat weiß verputzt ist und einen reinen, klaren, ganz den Vorstellungen der Moderne entsprechenden Anschein hat. Auffällig ist außerdem, dass es in Krefeld das „Haus“ Esters und Lange ist. In Brünn trägt das Gebäude den Titel „Villa“ Tugendhat.

Diese Aspekte sollen als mögliche Gründe im Folgenden eingehend untersucht werden. Auch die ursprüngliche Nutzung und Bauaufgabe, werden bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage nach dem Grund, des jeweiligen heutigen Stellen­werts der Bauwerke, eine nicht unerhebliche Rolle spielen.

Vor diesem Hintergrund werden zu Anfang, die Baugeschichte sowie eine Bau­beschreibung der genannten Gebäude stehen, um die architektonische Qualität der Häuser zu verdeutlichen. Zusätzlich wird ein kurzer Exkurs über den Backstein, das Material in seiner Bedeutung im Schaffensprozess Mies van der Rohes, thematisieren. Zu prüfen wäre beispielsweise, ob es sich bei Mies um eine ganze Backsteinserie handelt oder die Häuser Ausnahmen darstellen. Weiterhin gilt zu hinterfragen, ob er der einzige moderne Architekt war, der das besagte Material verwendete. Einen Anstoß dazu gibt Philip C. Johnson in seiner Monographie.1 Eine Klärung der Begriffe „Villa“ und „Haus“ gibt Aufschluss darüber, ob die Häuser Esters und Lange zu Unrecht durch diese Benennung herabgewürdigt werden. Allein ihr komplexes Raumprogramm und die architektonischen Besonderheiten, sollten sie, wie auch die Villa Tugendhat, als „Villa“ Esters und Lange titulieren. Miteinzubeziehen wäre an dieser Stelle, Reinhard Bentmann und Michael Müllers kunst- und sozialgeschichtliche Analyse der Villa als Herrschaftsarchitektur.2 Darauf folgt ein kurzer Ausblick am Ende des Kapitels, über die möglichen Gründe, der Bezeichnung der beiden Bauten als „Haus“ anstelle von „Villa“. Eine ausgiebige Begründung hierfür, kann in der vorliegenden Bearbeitung allerdings nicht genauer thematisiert werden.

Eine ausführliche und abschließende Gegenüberstellung der Häuser Esters und Lange mit der Villa Tugendhat, wird die vielen Gemeinsamkeiten noch einmal zusammenfassend deutlich machen. Ferner wird offenbar, welchen Stellenwert die Bauwerke in Krefeld in Mies‘ Schaffen besitzen. Besonders in ihrer Einzigartigkeit als Ensemble, können sie durchaus zusammen mit der Villa Tugendhat und dem Barcelona Pavillon genannt werden.

Demnach liegt dieser Arbeit das Thema zugrunde, dass die Häuser Esters und Lange nicht die Wertschätzung besitzen, die Miesbauten eigentlich genießen. Deshalb ist das Ziel der vorliegenden Studie, eine Antwort auf die Frage nach dem Grund dafür zu finden. Zugleich ist es ein Anliegen dieser Bearbeitung, das kunst­geschichtliche Bewusstsein, für zu Unrecht zweitrangig behandelte Bauwerke, zu schärfen und die Gründe dafür zu hinterfragen.

1.1 Forschungsstand

In der Forschung zählt Mies van der Rohe inzwischen zu den meist publizierten Architekten. Zu seinen prominentesten Bauwerken, dem Barcelona Pavillon und der Villa Tugendhat, sind bereits zahlreiche Publikationen erschienen.3 Weniger intensiv wurde sich bisher mit den Backsteinbauten Haus Esters und Lange in Krefeld auseinandergesetzt, die retrospektiv betrachtet einen wichtigen Markstein für sein architektonisches Schaffen bedeuteten. Welchen Stellenwert die Häuser für Mies selbst einnahmen, erkannte er zu jener Zeit nicht und verzichtete auf eine Publikation derselben. So wurde vermutlich lange angenommen, er wäre nicht zufrieden mit den Bauten und es bedürfe keiner ausgiebigen Beschäftigung mit ihnen, da sie als unwichtig betrachtet wurden.

Die so oft erwähnte und berühmte Monographie von Philipp Johnson4, gibt einen umfassenden Überblick über Mies architektonische Entwicklung bis 1947. Er behandelt zwar die Mies‘schen Backsteinbauten und seine Vorliebe zu diesem Material. Jedoch wird sich diesem Thema nur kurz gewidmet. Das Lange Haus wird mit einem Satz abgehandelt5 und über Haus Esters kein Wort verloren. Außer Frage steht, dass seine Veröffentlichung Mies‘ Prominenz entscheidend angeregt hat, da es die erste veröffentlichte Monographie ist, die seine Projekte als Ganzes betrach­tet. Jedoch leistet sie keinen maßgebenden Beitrag zu den Backsteinbauten an sich. Auch die nachfolgenden Monographien von Drexler und Schulze behandeln die beiden Krefelder Gebäude nur flüchtig.6

Erst Wolf Tegethoff untersucht die Häuser Esters und Lange gründlicher und macht auf ihre einzigartige Stellung als Ensemble in der deutschen Wohnhausarchitektur der Moderne aufmerksam.7 Er gibt den Anstoß beide Gebäude als Gesamtkomplex zu betrachten und betont, dass die Häuser Zeugen wichtiger Entwicklungsschritte in Mies‘ Laufbahn seien. Besonders seine Dissertation ist, neben zwei seiner weiteren Publikationen, besonders relevant für einen Vergleich mit der Villa Tugendhat in Brünn.8 Mit Hochman, Mahrun und Neumeyer folgen weitere Forschungsbeiträge, die sich auf Aspekte der Auftragsserie in Krefeld beziehen.9

In einem Vorwort von Kenneth Frampton10 in Spaeths Veröffentlichung,11 werden wichtige Aspekte über die Backsteinvillen zusammengetragen und ihr besonderer Wert betont. Spaeth schreibt von einem Verblassen der Häuser bei dem Vergleich mit den beiden Meisterwerken, in Brünn und Barcelona12, anstatt sich dem Vorwort Framptons anzuschließen und anhand seiner Monographie den Ruf der beiden Backsteinbauten zu korrigieren.

Arnold Schink hingegen erkennt die Qualität und Bedeutung der Häuser. Er spricht von den „wichtigsten Bauten seiner europäischen Schaffenszeit.“13 Neben der Villa Tugendhat analysiert Schink die Gestalt der Häuser Esters und Lange und beschäftigt sich eingehend mit deren Baugeschichte, wobei er die beiden Krefelder Gebäude nicht als Gesamtkomplex seinen Überlegungen zugrunde legt. Erst Julian Heynen nimmt die Bauten in Krefeld erstmals als Ensemble in den Blick, indem er unter anderem ihre frühere Funktion und ihren heutigen Nutzen analysiert.14 In der zweisprachigen Ausgabe, thematisiert er den baugeschichtlichen Hintergrund, beschreibt beide Häuser und gibt Einblicke in bereits vergangene Ausstellungen mit ihrer Wirkung auf die Architektur.

Christiane Lange lenkt 15 Jahre danach, wieder die Aufmerksamkeit nach Krefeld. Geleitet von einer Aussage Dietrich Neumanns, man müsse Mies‘ Bauten unter Berücksichtigung des Umfeldes untersuchen und nicht länger monographisch isoliert,15 schreibt sie ein Buch über alle ausgeführten und geplanten Projekte in Krefeld in ihrem Gesamtkontext.16 Mit ihrem Wissen als Urenkelin Hermann Langes kommen wichtige neue Aspekte über Mies‘ Wirken in Krefeld und die Intentionen der beiden Bauherren zum Vorschein.

Die neueste Publikation über die Häuser Esters und Lange legte Birgit Hammers jüngst vor.17 Im Stil von Heynen werden auf rund 30 Seiten die Baugeschichte und Architektur thematisiert und bereits stattgefundene Ausstellungen erwähnt. All diese Veröffentlichungen geben den Anschein, die Häuser in Krefeld seien bereits gut erforscht, jedoch werden sie größtenteils nur flüchtig behandelt und lediglich in der Dissertation Tegethoffs 1981, als Gesamtkunstwerk betrachtet und gewürdigt.

Weiterhin gab die Untersuchung der Villa als Herrschaftsarchitektur von Reinhard Bentmann und Michael Müller18, der vorliegenden Arbeit einen entscheidenden Denkanstoß, inwieweit sich der Begriff „Villa“ definiert.

Zusätzlich zu erwähnen sind unzählige Ausstellungskataloge, die seit der Nutzung der Häuser Esters und Lange als Museum Mitte der 1950er Jahre erschienen sind,19 die sich allerdings ausschließlich auf die Kunst beziehen.

2. Wohnbauten Mies van der Rohes

2.1 Die Häuser Esters und Lange

Die guten Freunde und Direktoren der Vereinigten Seidenwebereien, Hermann Lange und Dr. Josef Esters, erwarben Anfang der 1920er Jahre zwei benachbarte Grundstücke im Osten der Stadt Krefeld, die etwas außerhalb der Stadt gelegen und von großen Grünflachen und Feldern umgeben sind, Schon damals gab es bereits Pläne für eine ausladende Wohnbebauung für das gehobene Bürgertum.20 Die beiden Familien wollten einen Architekten mit dem Bau von zwei Villen für ihre Familien beauftragen.

Es gibt verschiedene Theorien, wie letztendlich der Kontakt zu Mies van der Rohe geknüpft wurde. Wolf Tegethoff vermutet, dass durch den damaligen Leiter des Duisburger Museumsvereins, August Hoff, eine mögliche Verbindung zwischen Lange und Mies hergestellt wurde.21 Weiterhin lässt ein Zitat von Sandra Honey vermuten, dass sich die Fabrikanten über Lilly Reichs Schneidersalon in Frankfurt kennengelernt hätten.22 Auch ist der Galerist Karl Nierendorf, der Anfang 1927 Arbeiten von Mies ausstellte und bei dem Lange ein guter Kunde war, als Kontaktperson denkbar.23 Christiane Lange betont, dass beide Möglichkeiten nicht auszuschließen seien, da der Bauherr als führender Sammler avantgardistischer Kunst, sowie Mies als Avantgardearchitekt, in den gleichen künstlerischen Kreisen der 1920er Jahre verkehrten.24 Letztlich muss der Kontakt bereits 1927 bestanden haben, da erste Vorzeichnungen zu Haus Esters auf dieses Jahr datiert sind.25 Ebenfalls sind im gleichen Jahr wohl erste größere Zahlungen von Esters an Mies ergangen.26 Um eine bessere Vorstellung von Mies Vorentwürfen zu bekommen, besichtigten die Bauherren zusammen mit einem seiner Mitarbeiter im August 1927 das Haus Wolf in Guben. Der Überzeugungsversuch, sie für die neuartige Raumkomposition zu gewinnen, scheiterte und so schrieb Hermann John in einem Brief an Mies, dass die Herren nicht von dem Vorsatz abzubringen seien, dass Räume durch Türen getrennt sein müssten.27 Der Baubeginn beider Häuser war im Oktober 1928. Die Arbeiten wurden bereits im folgenden Jahr zum Abschluss gebracht, so dass die Familien 1930 einziehen konnten. Familie Lange zog nur zu dritt in ihr neues Wohnhaus ein, da zwei ihrer drei Kinder bereits älter waren und nicht mehr bei den Eltern wohnten. Bei Familie Esters waren es noch deutlich mehr Kinder, die mit im Haus lebten.28

Beide Bauten wurden als Wohnhäuser geplant, wobei Haus Lange eine weitere Aufgabe erfüllen musste: Es sollte Lager- und Ausstellungsraum für die umfang­reiche Kunstsammlung Langes sein. Die Gemälde und Zeichnungen fanden im großen Bilderlager im Keller ihren Platz und konnten, durch einen 30 x 300 cm großen Schlitz im Fußboden29, einfach in den Wohnraum hinauf- oder hinunter gereicht werden um ausgetauscht zu werden. Jeder Raum erhielt von Mies eigens angefertigte Bilderleisten, um eine mühelose Hängung der Gemälde zu ermög­lichen. Für die Präsentation der Plastiken und Skulpturen wurden von Mies schlichte Travertinsockel entworfen. So erhielt unter anderem die sechsteilige Arbeit „Sich Umwendende“ von Wilhelm Lehmbruck ihren Standort im Wohnraum (Abb. 1).30 Haus Lange sollte als Ort sowohl zum Wohnen wie auch als Raum für Kunst fungieren.

Bei der Inneneinrichtung für beide Häuser entwarf Mies nur Stühle und Tische für die Esszimmer. In Haus Lange richtete er noch zusätzlich das Zimmer der Dame ein.31 Zusammen mit Lily Reich entwarf er zudem eine Sitzgruppe mit zwei Sesseln, die zeitgleich für den Barcelona Pavillon und Haus Tugendhat hergestellt wurden und später mit den Namen Esters und Lange betitelt wurden. Allerdings wurde dieser Möbilierungsvorschlag weder in Haus Lange noch in Haus Esters umgesetzt.32

Die Gebäude der wohlhabenden Direktorenfamilien erfüllen, mit einem ausladenden Garten und genügend Wirtschaftsräumen für das Personal, ihre repräsentative Funktion. Ohne jedoch zu verleugnen, woher ihr Wohlstand erwuchs, denn der rot­braune Backstein in Form einer Klinkerfassade verleiht den Häusern einen entschie­den industriellen und robusten Charakter. Die materialästhetische Wirkung des Backsteins und seine semantische Bedeutung für den Krefelder Auftrag sind für die Wahrnehmung der Bauten von entscheidender Bedeutung. Ein kurzer Exkurs zum Thema Backstein ist für die Kontextualisierung folglich unabdingbar.33

2.1.1 Exkurs: Backstein

Backstein ist ein künstlich hergestellter Stein aus luftgetrocknetem oder gebranntem Lehm beziehungsweise Ton. Man unterscheidet zwischen dem luftgetrockneten Zie­gel, dem gebrannten Backstein und Klinker. Bei der Klinkerherstellung wird durch starkes Erhitzen des Materials die Schmelzung bestimmter Bestandteile im Ton er­zeugt bis eine Sinterung einsetzt und die kennzeichnende dunkelrot bis blauviolett glänzende Färbung auf der Oberfläche entsteht. Ein gänzlich durchgesinterter Stein ist solider und haltbarer als seine beiden Brüder, weil über die versiegelte Ober­fläche kein Wasser in den Stein eindringen kann und eine verklinkerte Fassade folglich den Baukörper vor Witterung schützt. Grundsätzlich ist jeder Backstein ein Ziegel und Klinker, aber nicht jeder Ziegel oder Klinker ein Backstein.34 Bereits vor 15 000 Jahren wurden in Mesopotamien und im Nildelta getrocknete Lehmziegel verwendet, während erst seit ungefähr 6 000 Jahren die Technik des Brennens gebräuchlich ist. Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Backsteine per Hand hergestellt und erst allmählich von der Maschinenpresse abgelöst. Backsteingebäude wurden zu verschiedensten Zwecken erbaut. Hauptsächlich erhielten zuerst Kirchen, Bildungsstätten, Wehranlagen und politisch bedeutende Bauten das rotbraune Kleid.35 Im Zuge der Industrialisierung wurden auch Fabriken in Backstein errichtet36, da sie äußerlich auch ihrem inneren Zweck entsprechen sollten.37

Das gewählte Material Backstein in Form von Klinkern, ist eine bewusste und geplante Entscheidung von Mies, denn als Sohn eines Steinmetzen und Maurers war er seit frühester Jugend mit diesem Handwerk wohl vertraut. Die erste Lektion des Bauens, das Platzieren von Stein auf Stein, lernte er von seinem Vater.38 Während der Schulzeit half der fünfzehnjährige Mies in der Steinmetzwerkstatt seines Vaters und begann dort seine Maurerlehre. Nach einer weiteren Lehre als Zeichner in zwei Aachener Architekturbüros, übersiedelte er 1905 nach Berlin.

Seinen ersten Bauauftrag, das Haus Riehl, erhielt er, als er im Büro Bruno Pauls tätig war. 1908 folgte eine dreijährige Tätigkeit bei Peter Behrens (auch Walter Gropius arbeitete bei Behrens), dessen Stil sich am abgeleiteten Neoklassizismus Karl Friedrich Schinkels orientierte, was Mies besonders ansprach. Die klaren, schinkelschen Formen beeinflussten in besonderem Maße seine frühen Bauprojekte (1911-1919) und blieben darüber hinaus für sein gesamtes Schaffen von zentraler Bedeutung.39

Im Jahre 1912 wurde Mies in die Niederlande eingeladen, um Entwürfe für das Haus von Helene Kröller zu planen. Zeitgleich reichte auch Behrens einen Entwurf ein, der jedoch abgelehnt wurde. Als Mies mit dem Bau betraut wurde, kam es zur Trennung der beiden. In den Niederlanden machte er Bekanntschaft mit Hendrik Berlage und dessen Backsteinbauten.40 Vor dem Hintergrund Mies‘ Herkunft ist nicht auszuschließen, dass er derart geprägt von Behrens‘, Berlages und Frank Lloyd Wrights Gebäuden war, sodass er bei seinen späteren Häusern das gleiche Material verwendete.

Neben den Häusern in Krefeld, entwarf Mies dementsprechend, eine ganze Reihe weiterer Projekte aus Backstein. Darunter das nicht verwirklichte Landhaus in Backstein (1923-24), Haus Mosler in Potsdam-Neubabelsberg (1924-26), das Haus Wolf in Guben (1924-26) und das Revolutionsdenkmal für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin (1924-26). Johnsons These jedoch, Mies sei der einzige Architekt der Moderne gewesen, der in den 1920er Jahren Backstein als Material in seinen Bauwerken verwendete,41 kann mit Verweis auf die Bauten von Peter Behrens, Wilhelm Kreis, Fritz Höger, dem bereits genannten Hendrik Berlage und Frank Lloyd Wright wiederlegt werden: Die GESOLEI Bauten (um 1926) sowie das Wilhelm-Marx-Haus (1922-24) in Düsseldorf, das Chilehaus (1923) in Hamburg, die

Amsterdamer Börse (1903) und das Robie House (1908) in Chicago - um nur einige wenige zu nennen - sind allesamt Backsteinbauten. Auch mehrere Stilrichtungen verwendeten den roten Stein seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Darunter die Schule von Amsterdam, der europäische Expressionismus und die Prairie-School in den Vereinigten Staaten.42 Die Verwendung von Klinkern stieg in den 1920er Jahren stark an. Besonders in anwachsenden Großstädten wie Berlin wurden Backsteine bei zahlreichen Bauten verwendet.43 Mies van der Rohe ist demnach also nicht der einzige moderne Architekt, der Backstein verwendete, aber einer der ersten, der das Material in Form von Klinkern, zur Zeit der „weißen Moderne“44, bei Villenbauten in Deutschland einsetzte.

Vor dem Ersten Weltkrieg wurden Klinker vornehmlich für Nutz- und Industriebauten verarbeitet und nur in einzelnen Fällen für repräsentative Gebäude wie der Friedrichwerderschen Kirche (1824-31) oder dem Märkischen Museum in Berlin (1901) verwendet. Der Klinker ist bekanntlich ein Material zum Verblenden, das demnach keine baustatische Funktion hat. So wurden zwar auch Wohnhäuser aus Backstein errichtet, die aber nicht verklinkert werden mussten, sondern einfach ver­putzt. In der Nachkriegszeit erfreute sich Klinker - gleichsam bei Architekten wie Bauherren - immenser Beliebtheit und das Material wurde geradezu zur Mode- erscheinung.45 Im Verwendungszusammenhang des Wohnanlagen- und Industriebaus folgte eine semantische Aufladung des Materials, so dass dem Backstein „Modernität“, „technische Innovation“, „Fortschritt“ und „Aufbau“ zugeschrieben wurden.46 Doch durch die Weltwirtschaftskrise, die im Börsencrash 1929 gipfelte, fand auch die ,Klinkermode' ein jähes Ende.47

Mies van der Rohe schätze den gebrannten Stein für seinen regelmäßigen Rhythmus, der beim Verbauen einer Wiederholung von Einheiten folgt. Das dahinter steckende Handwerk, immer einer Richtung folgend, jeden Stein mit Bedacht auf die richtige Bindung setzend, war für ihn die wahre Kunst der Architektur: „Architektur beginnt, wenn zwei Backsteine sorgfältig zusammen gesetzt werden.“48 Überzeugt war der Architekt von der Tatsache, dass das strukturierende Material Backstein nicht versteckt oder verblendet werden sollte. Mies ging sogar so weit, dass er alle Maße der Bauten in Backsteinlänge berechnete, um eine absolute Ebenheit im Abschluss der Ecken zu gewährleisten.49 Die Klinker für Haus Lange und Esters sortierte er als Perfektionist gar selbst nach Farbe und Form.50 Welche Bedeutung Mies dem Backstein in seinem architektonischen Schaffen beigemessen hat, unterstreicht seine kurze Hommage an dieses vielseitige Material in seiner Antrittsrede vom 20.11.1930, als Direktor der Architekturabteilung am Armour Institute of Technology in Chicago:

Der Backstein ist ein anderer Lehrmeister. Wie geistvoll ist schon das kleine, handliche, für jeden Zweck brauchbare Format. Welche Logik zeigt sein Verbandsgefüge. Welche Lebendigkeit sein Fugenspiel. Welchen Reichtum besitzt noch die einfachste Wandfläche. Aber welche Zucht verlangt dieses Material. So besitzt jedes Material seine besonderen Eigenschaften, die man kennenlernen muß, um mit ihm arbeiten zu können.51

Der Backstein ist für Mies zweifelsohne ein ,Material seiner Zeit‘, denn er sagt, „daß jede Baukunst an ihre Zeit gebunden ist und sich nur an lebendigen Aufgaben und durch die Mittel ihrer Zeit manifestieren läßt.“52 Wie die entworfene Serie der Klin­kerbauten um 1925 belegt, ist deutlich von einer Backsteinphase bei Mies zu sprechen, die er bei der Villa Tugendhat fortgeführt hätte, wäre das benötigte Material in der damaligen Tschechoslowakei vorhanden gewesen. Das Häuser­ensemble in Krefeld war damals ein Paradebeispiel für diese Vorliebe des Architekten und es ist noch heute eine Ikone der ,Klinker'- bzw. ,Backsteinmoderne' der Architektur der 1920er Jahre.

2.1.2 Baubeschreibung

Der Ensemblecharakter der Häuser Esters und Lange soll bei der Baubeschreibung auch als solches berücksichtigt werden. Haus Esters wird, aufgrund seiner früheren Planungs- und Entstehungszeit, zuerst betrachtet. Dabei werden die Gemein­samkeiten und die feinen Unterschiede zu Haus Lange thematisiert.

Die Grundstücke der beiden Familien sind jeweils durch eine Öffnung in einer niedrigen, die Anwesen zur Straße hin abgrenzenden Backsteinmauer zu betreten. Man nähert sich den Gebäuden auf einem breiten, offensichtlich für Autos ausgelegten, geschwungenen Weg. Diese Auffahrt führt den Besucher nicht gerade­wegs frontal auf die Fassade zu, sondern in einem Bogen schräg an die Backstein­bauten heran. Auf diese Weise wird der Eindruck eines massiven und körperhaften Baus verstärkt. Betrachtet man die Fassade allerdings genauer und wirft einen Blick auf die Fensteröffnungen, fällt auf, dass dort die Rollschicht fehlt, die den Fenster­sturz bilden würde. Die Bauten werden von zahlreichen Eisenträgern gehalten, was Mies ermöglichte, Massivität durch die nur vorgeblendete Klinkerwand bloß vorzutäuschen.

Die zweigeschossigen Straßenfassaden zeigen sich mit rotbrauner Verklinkerung im angedeuteten Läuferverband, der die Gebäude optisch in die Länge zieht. In einem im Osten vorspringenden Block, befinden sich, durch auskragende Vordächer betonte Eingänge. Jedes Haus besitzt zwei, einen Haupteingang und eine Tür für das Personal. Bei Haus Esters ist die, zur Straße gerichtete Tür für die Bediensteten bestimmt und der Haupteingang befindet sich in der Blickachse zu Haus Lange. Ein Unterschied zwischen den beiden Türen ist mit bloßem Auge, auch bei Haus Lange, kaum auszumachen. Bei dem Material handelt es sich, beim Haupteingang sowie beim Personaleingang, um Makassar Ebenholz. Nimmt man den Grundriss zur Hilfe, lässt sich erkennen, dass die linke Türe um wenige Zentimeter schmaler ist, als die rechte und direkt zu den Wirtschaftsräumen führt. Die weit auskragenden Vordächer machen nicht nur ein, bei Regen, trockenes Betreten der Häuser mög­lich. Sie betonen, in ihrer auffallend weißen Farbe, nochmals die Eingänge, gliedern die Fassade in ihrer Länge und verstärken die Abgrenzung der beiden Geschosse. Gleichzeitig verschwimmen durch das Vordach die Verhältnisse von innen und außen. Der Besucher steht nicht mehr nur vor dem Gebäude, sondern befindet sich bereits schon halb in seinem Schutz, ohne das Haus auch nur betreten zu haben. Im Zusammenspiel mit dem Treppenpodest gleichen die Eingänge einem modern interpretierten Vestibül.

Die strenge Fassade von Haus Esters ist nur zur Hälfte von Fensteröffnungen auf­gelockert. Vor allem im Obergeschoss unterstützen die Bänder optisch die, in die Länge gezogenen, Bauten. Die sich westlich an den vorspringenden Kubus, bei Haus Esters, anschließende Fassade, wird durch zwei dieser Fensterbänder und ein senkrechtes Regenfallrohr gegliedert. Dieses Fallrohr begrenzt den, an ihrem Ende anknüpfenden, scheinbar massiven Wandblock. Nichts an dieser Stelle lädt das betrachtende Auge zum Verweilen ein, sodass der Betrachter unwillkürlich seinen Blick, ein paar Meter weiter, zu Haus Lange schweifen lässt. Hier findet sich die zuvor fehlende Auflockerung der Fassade.

Das Auge ruht nun auf dem, wie schon bei Haus Esters beschrieben, hervor­springenden, zweigeschossigen Eingangsblock. Diesmal liegen die beiden Makassar Ebenholz Türen nebeneinander, ebenfalls überdacht, jedoch ohne Trep­penpodest und nur mit einer niedrigen Stufe versehen. Über dem Vordach öffnet sich die Wandfläche für ein linksbündiges Fensterband mit vier Einheiten, welches an der Achse der Haupteingangstür endet. Bei Haus Esters orientiert sich das drei­teilige Fensterband über dem Eingang nach rechts, zu Haus Lange hin. Westlich erstreckt sich die langgezogene Fassade, mit deutlich mehr Fensteröffnungen und einer stärker kubischen Gliederung, als bei seinem Gegenstück nebenan. Trotz des auffallenden Blocks im Osten, liegt die Betonung auf der Mitte des Baukörpers.

[...]


1 JOHNSON 1947.

2 BENTMANN; MÜLLER 1970.

3 Darunter exemplarisch Solä-Morales 1993; Tegethoff 1998; Vitäskovä 2009.

4 JOHNSON 1947.

5 Ebd., S. 35.

6 DREXLER 1960; SCHULZE 1986.

7 TEGETHOFF 1981.

8 TEGETHOFF 1998; HAMMER-TUGENDHAT; TEGETHOFF 2015.

9 HOCHMAN 1989; MAHRUN 1996; CAJA; GÄRTNER; KAHLFELDT; NEUMEYER 2007.

10 FRAMPTON in: SPAETH 1986, S. 7-10.

11 SPAETH 1986.

12 Ebd., S. 55.

13 SCHINK 1990, S. 8.

14 HEYNEN 1995.

15 NEUMANN 2006.

16 LANGE 2011.

17 HAMMERS 2015.

18 BENTMANN; MÜLLER 1970.

19 Exemplarisch: PRINCE, Richard Prince. Zeichnungen, Bilder, 1997; HENTSCHEL, Robert Longo. The Freud drawings, 2003; Martin, Vibrierende Bilder Lärmende Skulpturen 1958 - 1963. Eine Hommage an Paul Wember, 2013.

20 HEYNEN 1995, S. 10.

21 TEGETHOFF 1981, S. 61.

22 LANGE 2011, S. 13 Anm. 2 hält dies allerdings für wenig wahrscheinlich.

23 LANGE 2011, S. 13. In Anm. 4 zitiert sie Carl Nierendorf in einem Brief an Mies vom 07.11.1938, der hier selbst von sich behauptet, die ausschlaggebende Verbindung zwischen den beiden Herren hergestellt zu haben.

24 Ebd.

25 TEGETHOFF 1981, S. 61.

26 Ebd.

27 Vgl. LANGE 2011, S.99 Anm. 3.

28 Vgl. LANGE 2011, S. 99.

29 Ebd., S. 109.

30 Interessant an dieser Stelle zu erwähnen, dass sich im Haus Tugendhat ein weiterer Teil des gleichen Werkes, ebenfalls auf einem Sockel im Wohnbereich, befand (Siehe Abb. 2). Immer wieder sind auf alten Fotos von Innenräumen bei Bauten von Mies, Arbeiten von Lehmbruck zu sehen. Deutlich wird Mies‘ Wertschätzung gegenüber dem Künstler.

31 Laut LANGE 2011, S. 105, sollen sich diese Einrichtungsgegenstände erhalten haben. Eine Angabe über den Ort des Verbleibes dieser Gruppe bleibt sie allerdings schuldig.

32 LANGE 2011, S. 109.

33 Die folgenden Angaben sind, sofern nicht anders vermerkt, FUHRMEISTER 2001 entnommen.

34 Backstein ist ein Oberbegriff. Ein Backstein wird erst durch die jeweilige Herstellung zum Klinker oder Ziegel.

35 Exemplarisch: Das Gebäude der Prudential Assurance in London, das Keble College in Oxford oder das Rijksmuseum in Amsterdam.

36 Exemplarisch: Die Gute-Hoffnungs-Hütte in Oberhausen oder Zeche Zollverein in Essen.

37 CAMPBELL; PRYCE 2003.

38 JOHNSON 1947, S. 9.

39 OLBRICH, Harald (Hrsg.), Lexikon der Kunst, 8. Bd., Leipzig 1992, S. 724ff.

40 Ebd.

41 JOHNSON 1947, S. 35.

42 Vgl. PLUMRIDGE; MEULENKAMP 1996, S. 56.

43 Vgl. FUHRMEISTER 2001, S. 157.

44 Exemplarisch: Walter Gropius: Meisterhäuser in Dessau (1925); Le Corbusier: Doppelhaus der Stuttgarter Weißenhofsiedlung (1927), Villa Savoye (1928). Auch Mies selbst war beteiligt: Stuttgarter Weißenhofsiedlung (1927), Barcelona Pavillon (1929), Villa Tugendhat (1929).

45 Vgl. FUHRMEISTER 2001, S. 159.

46 FUHRMEISTER 2001, S. 182.

47 Vgl. ebd., S. 162.

48 Mies van der Rohe, in: Architectural Record, September 1969, zitiert nach FRAMPTON 1986, S. 7.

49 All diese detaillierten Informationen zu Mies sind JOHNSON entnommen.

50 Vgl. FORD 1994, S. 149.

51 Mies van der Rohe in seiner Antrittsrede vom 20.11.1930, als Direktor der Architekturabteilung am Armour Institute of Technology in Chicago. Zitiert nach: BAUHAUS-ARCHIV 1986, S. 183.

52 Mies van der Rohe zitiert nach: FUHRMEISTER 2001, S. 153.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Mies van der Rohe. Die Wohnbauten für die Familien Esters und Lange
Untertitel
Stellenwert der Miesbauten in Krefeld
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Kunstgeschichte)
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
45
Katalognummer
V513663
ISBN (eBook)
9783346153258
ISBN (Buch)
9783346153265
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Architektur, Mies van der Rohe, Haus Esters und Lange, Backstein, Krefeld, Backsteinbau, Ikone, Villa Tugendhat, Villa, Bauhaus, Moderne
Arbeit zitieren
Kyra Schnurbusch (Autor), 2016, Mies van der Rohe. Die Wohnbauten für die Familien Esters und Lange, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/513663

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