Über die Bedeutung der Realisierung der Mariensäule vor der Basilika Santa Maria Maggiore (1613-1614) in Rom

Eine Analyse


Bachelorarbeit, 2019

34 Seiten, Note: 2

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Maria wird immer wichtiger in der Heilsgeschichte

3. Die älteste Marienkirche Roms: Basilika Santa Maria Maggiore

4. Das Christentum auf Abwegen und das Trienter Konzil
4.1 Das Stadtbild von Rom verändert sich
4.2 Die Tradition der Säulenmonumente

5. Die Aufstellung der Mariensäule
5.1 Die Bedeutung der antiken Säule und ihre Herkunft
5.2 Die Beschreibung der Marienfigur
5.3 Die Bedeutung der Inschriften und die Betonung auf den Frieden

6. Die Bedeutung der Mariensäule: Ein Monument des Friedens?

7. Conclusio

8. Literaturverzeichnis

9. Abbildungsnachweis

10. Abbildungen

1. Einleitung

Rom, die ewige Stadt, war ein Imperium , das im Laufe der Jahrhunderte einen ausgeprägten Wandel in der Ausgestaltung seiner Kultur und Religionen durchlebte und noch immer eine magische Anziehungskraft für die Christenheit ausstrahlt. Zu einem zentralen religiösen Markstein manifestiert sich dabei auch im Anfang des 17. Jahrhunderts eine Mariensäule (Abb. 1) vor der Basilika Santa Maria Maggiore. Sie gehört zu den bekanntesten, der Heiligen Jungfrau gewidmeten Monumenten in der Nach- Trienter-Zeit.1 Das christliche Monument steht für eine Idee, für päpstliches Gedankengut, das eine lange Vorgeschichte bis hin zu ihrer Realisierung geprägt hat. Sie beinhaltet nicht nur eine antike, pagane Säule als Träger der Marienfigur, sondern bildet auch auch eine aus der Antike stammende Tradition ab, nämlich die des Säulenmonumentes. Die vorliegende Arbeit fokussiert sich auf die entscheidendsten Punkte, die für die Realisierung der Mariensäule prägend waren und möchte auf die Bedeutungsebenen hinleiten, welche das christliche Monument in sich vereinen. Um die Bedeutsamkeit der Mariensäule begreifen zu können, werde ich mich zuerst auf einen der fundamentalsten Punkte innerhalb der Entwicklung der Marienverehrung konzentrieren, der den Weg für den Höhepunkt der Marienverehrung in Rom geebnet hat und damit in dem Marienmonument einen Fokus für die Christenverehrung herauskristallisiert. Nicht nur der Aufstellungsort der Säule wird in der Arbeit näher betrachtet werden, vielmehr auch die Schwierigkeiten innerhalb der katholischen Kirche werden partiell durchleuchtet und sollen aufzeigen, wie diese dazu beigetragen haben, das Projekt als Antwort auf eine bedrohliche Ausgangslage zu realisieren. Zwei Päpsten soll hierbei eine größere Bestimmung zukommen. Nicht nur die Frage soll beantwortet werden, weshalb ein „Baustein“ aus dem Paganismus für das christliche Monument herangezogen wurde, sondern auch die Transposition dieser kolossalen Säule wird in einem weiteren Kapitel über das Unterfangen Auskunft geben und soll verdeutlichen, wie bedeutend es für Papst Paul V. zu seiner Zeit war, die Figur der Maria Immaculata auf die Spitze der Säule zu platzieren. Doch bevor eine Transposition überhaupt eingeleitet werden konnte, sollte Rom in seinem Stadtbild eine äußerliche Umstrukturierung erfahren und Vergangenes, wie heidnische Monumente, in seinem neuen Sinne anpassen. Welches veränderte Gedankengut Rom durch das Trienter Konzil erfährt und wie die Mariensäule als Bündelung der christlichen Welt dem Ausdruck verleiht, wird nicht nur durch die Inschriften auf dem Sockel des Monuments näher beschrieben, sondern findet auch Gestaltung in ihrer zahlreichen Nachkommenschaft an Neubauten. Über ihre Bedeutung soll das letzte Kapitel Antwort geben. Das christliche Monument vor der Basilika Santa Maria Maggiore ist nicht nur ein ikonographisch ausdrucksstarkes Kunstdenkmal, sondern es verdeutlicht auch eine lange geschichtliche Entwicklung. Und diese soll nun im ersten Kapitel ihren Anfang nehmen.

2. Maria wird immer wichtiger in der Heilsgeschichte

Um verstehen zu können, wie es zu der Verwirklichung eines eigenen Säulenmonuments für Maria kommen konnte, soll dieses Kapitel die wichtigsten Punkte in der Entwicklung innerhalb der Bedeutung von Maria beleuchten. Die Anbetung der Mutter Gottes ist an sich so alt wie die Kirche selbst. Nicht umsonst wird auch Maria als das Urbild der Kirche bezeichnet.2 Diese Verehrung hat jedoch in ihren äußeren Formen eine geschichtliche Heranbildung.3 Maria war das Ideal der Renaissancezeit und dieses blieb auch im Zeitalter der Reformation und Gegenreformation bestehen. Innerhalb der Heiligenverehrung nahm sie in dieser Zeit eine vordere Position ein, welche auch von den Gegnern der katholischen Kirche anerkannt wurde. Die Marienverehrung gewann unter den unterschiedlichen Pontifikaten der Päpste an Aufwind und sorgte dafür, dass sich in den Jahrhunderten Monumente in ihren Namen entwickeln konnten.4

Darstellungen in der christlichen Kunst, die über Maria als Mutter Christi handeln, sind eines der ältesten zu Bild gewordenen Themen und es gibt sie frühestens seit dem dritten Jahrhundert. Die älteste erhaltene Abbildung ist das farbige Fresko in der Priscilla- Katakombe in Rom, das allerdings Maria noch in einer historischen Szene aus dem Alten und Neuen Testament darstellt und nicht den sakralen Charakter der Madonna thematisiert. Wichtig ist vor allem das Jahr 431 nach Christus für die Bedeutung Marias. Zu dieser Zeit haben sich alle wichtigen Würdenträger, wie Erzbischöfe, Patriarchen und Bischöfe versammelt, um gemeinsam in einem Konzil darüber zu entscheiden, welche Rolle Maria nun endgültig in der Heilsgeschichte zugesprochen bekäme. Stattgefunden hat dieses bedeutsame Treffen in Ephesos, in einer Kleinstadt Anatoliens.5 Da sich die Konflikte gegen die junge Kirche im Äußeren gemäßigt haben, konnte man sich nun den inneren Unstimmigkeiten zuwenden und diese aufarbeiten. Nestorius, der Patriarch von Konstantinopel, hatte zuvor die Lehrmeinung aufgestellt, Maria wäre nicht von göttlicher Natur, sondern nur die menschliche Mutter Jesus Christus und daher nicht Gottesgebärerin, Theotokos. Dieser Lehrmeinung stellte sich der Patriarch von Alexandrien in Übereinstimmung mit dem Papst Cölestin I. Beide vertraten und förderten die Ansicht, dass Maria der zu Mensch gewordene Logos sei, und damit menschlicher sowie auch göttliche Natur umfasse, sprich sehr wohl auch Theotokos sei. Diese tatkräftige Entscheidung war wichtig, um sich von den Irrlehrern abzugrenzen zu können und für innere Stabilität im Glauben zu sorgen. Die erlangte Einigung über das Dogma der Gottesmutterschaft im Konzil von Ephesos sorgte nicht nur für große Freude im Volk, sondern bildete die Basis der Mariologie, die den Weg für die Darstellung der Maria als göttliche Mutter Gottes in der sakralen Kunst ebnete. Als eine der wichtigsten Reaktionen auf diese Entscheidung entstand die Basilika Santa Maria Maggiore in Rom (432-440), deren Inneres nicht nur Mosaiken mit Marienszenen schmücken, sondern vor deren Fassade die Mariensäule anfangs des 17. Jahrhunderts errichtet wurde. Jedes Gnadenbild verlangt einen Standort.6 Und daher wird der Aufstellungsort, die älteste christliche Marienkirche Roms, im nächsten Kapitel näher behandelt.7

3. Die älteste Marienkirche Roms: Basilika Santa Maria Maggiore

Die Basilika Santa Maria Maggiore ist die größte von rund 80 Marienkirchen Roms8 und wird auch Basilica Liberiana, Basilica Sistina oder Basilica Domnae genannt.9 Sie gehört zu einer der vier Patriarchalbasiliken und sieben Pilgerkirchen in Rom10 und beherbergt wertvolle Reliquien wie die Krippe von Bethlehem und die Ikone Salus populi Romani.11 Es handelt sich um eine umgebaute, früher an Maria geweihte Basilica Liberiana. Mit der Gründung dieser Basilika verband sich im Mittelalter eine aus nördlich der Alpen vorkommende Legende.12 In dieser Erzählung soll Maria dem Patrizier Johannes und dem Papst Liberius gleichzeitig mit der Bitte im Traum erschienen sein, genau dort eine in ihren Namen gestiftete Kirche zu errichten, wo in dieser Nacht Schnee gefallen sei.13 Aus diesem Ereignis wurde das noch heute gefeierte kirchliche Fest „Mariä Schnee“.14 Die an die Jungfrau geweihte Kirche, Santa Maria Maggiore, wird als Neubau des Papstes Sixtus III. angerechnet, der als Inspiration für die Erbauung das Konzil von Ephesos verwendete. Durch die Rangerhöhung der Mutter Christi, Maria, jetzt als „Gottesgebärerin“, sah der Papst darin die Chance, den Katholizismus mit einem großen Kirchenbau hervorzuheben und den noch immer an bestimmten Orten vorzufindenden heidnischen Kult zu übertrumpfen, da für Isis oder Kybele ebenfalls der Titel „Gottesmutter“ zugehörig war.15 Die Krönung des Gnadenbildes der Maria stellt die Erhebung einer Kirche zur Basilika dar und bildet Stationen, die das Bild der Maria immer stärker in eine Sakralordnung eingliedern. So wurde auch das im Volksbewusstsein tief verankerte Bild von einem Kultort, das eines Berges, bei der Verehrung der marianischen Gnadenstätte angewendet.16 Die Basilika steht auf der 55m hohen Kuppe des Cispius, einen nördlichen Ausläufers des heiligen Berges Esquilin und beherrscht dadurch das Stadtbild.17 Bereits in der Spätantike hatte die lokalrömische Tradition den höchstgelegenen Hügel der Ewigen Stadt, den Esquilin, mit dem heiligen Berg Zion gleichgesetzt und ihm damit einem sakralen Charakter verliehen.18 Zum Zentrum wurde die Basilika unter dem Papst Sixtus V., der nach den Plänen von Domenico Fontana die Kirche in den trassierten Straßenstern eingliederte.19 Doch bevor es zu dieser gravierenden Umstrukturierung innerhalb der Mauern Roms kam, ist es wichtig, sich die Umstände dieser Entwicklung anzusehen, da das Christentum in seiner Stellung in den Jahrhunderten mit verschiedenen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und dieses erst eine innere Erneuerung benötigte. Weshalb sich das Stadtbild von Rom so deutlich im 16. Jahrhundert veränderte, und welches Konzil dazu beigetragen hatte, wird im nächsten Kapitel veranschaulicht.

4. Das Christentum auf Abwegen und das Trienter Konzil

Seit dem Trienter Konzil war erkennbar, dass die Kirche während des Renaissancepapsttum an ehemaliger Stärke einbüßen musste und dies der Grund dafür war, weshalb Rom 1527 von seinen Feinden geplündert und erobert wurde.20 Bei dem ökonomischen Konzil in der damaligen deutschen Stadt handelt es sich um eines der größten Ereignisse der Kirchengeschichte.21 Nun wuchs die Forderung nach einer moralischen Erneuerung der Kirche, um Rom wieder zu seiner alten Stärke führen zu können. Eine neue katholische Reform sollte her.22 Aus der Übersetzung der Bulle von Papst Paul III. von Eduard Stakemeier erfahren wir, dass die christliche Welt der Gefahr ausgesetzt steht, durch Spaltungen, Streitigkeiten, Irrlehren und an fehlender Einheit im Glauben zu Grunde zu gehen. Der Wunsch nach einer festen und gesicherten christlichen Neuregelung wurde laut und die Angst, durch die Türkengefahr gänzlich ausgelöscht zu werden, stieg. Durch die Streitigkeiten zwischen den Fürsten nahm bei den christlichen Amtsinhabern die Friedenssehnsucht zu, die so dringend benötigt wurde, um für Klarheit im Inneren der katholischen Kirche zu sorgen. Am 1. November 1542 wurden nach monatelanger Strapazen alle wichtigen Personen zum Konzil in Trient einberufen, um sich u.a. gegen die Angriffe der Heiden und Ungläubigen wehren zu können, die der Christenheit zu schaffen machen.23 Für kein früheres Konzil sind so zahlreiche Teilnehmerverzeichnisse bekannt, welches die Bedeutsamkeit dieses Ereignisses verdeutlicht.24 Kein anderes Konzil hat zeitlich so lange gedauert und musste mit dieser Härte an Schwierigkeiten arbeiten. Das Ergebnis war ein neuer Glanz für den katholischen Glauben, der Klerus und das Volk erfuhr Reinigung und Festigung, und eine neue Epoche in der Hingabe an den Dienst der Kirche brach für die katholische Kirche an. Das Konzil ist einer der Faktoren, weshalb es innerhalb der katholischen Kirche zu einer Erneuerung kam und zugleich eine protestantische Gegenbewegung einsetzte. Eine Folge für die Kunst durch das Konzil war es, dass sich die religiösen und geistigen Voraussetzungen der kirchlichen Kunst gewandelt haben25 und auch die Mariologie durch das Konzil an entscheidender Bedeutung gewann.26 Die Marienverehrung trat nun „gereinigter und dogmenklarer“ auf, pointiert wurde vor allem die von der Erbsünde freie Reinheit und Jungfräulichkeit der Gottesmutter.27 Nicht nur das Trienter Konzil galt ausschlaggebend für Umstrukturierungen, sondern auch weitere Handlungsanweisungen innerhalb der Pontifikate der Päpste sollten dafür sorgen, das Christentum zu einer neuen Stärke zu führen. Klar voraus stand hierbei die Verhinderung des Vordringens von protestantischen Ideen. Immer mehr Gefangene füllten die Inquisitionsbehörden unter Pius V. (1566-1572), darauf bedacht die katholische Religion zu vermehren und die Anhänger der Häretiker zu beseitigen. Bücher, die von der religiösen Lehre ablenkten oder diese in Frage stellten, wurden von Paul V. sogar auf den Index der verbotenen Schriften gesetzt. Bei diesem Konflikt zwischen Glaube und Wissen sahen die Organe der Römischen Kurie die Autorität des päpstlichen Lehramtes gefährdet. Der Verlust ihres Ansehens wurde durch schlüssige Beweise in der Forschung der Heliozentrik gefürchtet, die ihrem Glaubensbild den Boden unter den Füßen entziehen könnten. Folglich wurden der wissenschaftlichen Forschung enge Grenzen gezogen, deren Überschreitung schlimme Konsequenzen für einen Gelehrten haben konnte.28

Um wieder an Glaubhaftigkeit und Macht anknüpfen zu können, mussten starke christliche Symbole her, die das Papsttum und die Christenheit wieder in einen neuen Glanz setzen sollten. Die neue Idee des Pax Romana, Frieden, Sicherheit und Stabilität, sollte ihre äußere Erscheinungsform bekommen.29 Besonders das Pontifikat von Sixtus V. sollte dazu beitragen, das Christentum und auch die Realisierung der Mariensäule zu fördern. Im nächsten Kapitel werden die wichtigsten Umstrukturierungen innerhalb der Mauern Roms aufgezeigt und es soll ersichtlich werden, wie es zu der Entwicklung der Mariensäule kommen konnte.

4.1 Das Stadtbild von Rom verändert sich

Papst Sixtus V. (1585-1590) war einer der entscheidenden Beweggründe, weswegen sich Rom in seinem Stadtbild veränderte. Sein Pontifikat wird oft als eine Wendezeit in der städtischen Entwicklung Roms aufgenommen.30 Um zu verstehen, wie die Entscheidung, die Marienstatue vor der Kirche aufstellen zu lassen, getroffen werden konnte, wird ein Blick auf die Umgestaltung Roms innerhalb seines Pontifikats geworfen. In den kurzen fünf Jahren seines Amtes kommt es zu grundlegenden Änderungen. Der Oberhaupt der katholischen Kirche sah sich dafür verantwortlich, aus Rom eine Stadt zu machen, die für die Ausbreitung des Christentums zuständig war, um wieder eine Einheit im Glauben zu erlangen. Er selbst identifizierte sich nicht als Rechtsnachfolger des römischen Kaisers, sondern wandelte als Nachfolger der biblischen Gottesknechte auf Erden, dem göttlichen Willen gehorsam folgend.31 Seine Hauptmission war eine Art Transformation des Paganen in ein christliches Rom, in dessen zahlreiche Monumente „christianisiert“ wurden. Mithilfe seines Architekten Domenico Fontana wurden die Straßen begradigt, antike Ruinen wurden beseitigt, Berge abgetragen und Obelisken ins Stadtbild (Abb. 2) eingegliedert.32 Die Trajanssäule und die des Mark Aurel wurden 1589 mit Apostelfiguren bekrönt.33 Anhand der letzten Aufzählung wird bereits erkennbar, wie ehemalige Monumente, die ehedem einem Kaiser gewidmet waren, nun ganz eine christliche Uminterpretation erfahren mussten. Antike Architektur galt dem Papst als Ausdruck heidnischer Überheblichkeit, da sie einst oft einem einzelnen Herrscher gewidmet war und so der Ausbreitung der Gottesherrschaft im Wege stand. Aus Monumenten, die früher für Ruhm standen, wurden Monumente der Demut. In der Heilsgeschichte galt die ehemals glorreiche Antike nur noch als Baustein im Gefüge der Gottesherrschaft, der für ihn im dienlichsten Sinne angepasst werden sollte. Für die Pilgerströme, die im Heiligen Jahr 1600 erwartet wurden, sollte die Infrastruktur verbessert werden. Neue, gerade Prozessionswege sollten von diesem Zeitpunkt an die Stadt durchqueren. Denn ein gerader Weg, den der fromme Christ begehen konnte, stand sinnbildlich für den „richtigen Weg" und damit für den richtigen Lebenswandel, sich für Jesus Christus der katholischen Kirche angeschlossen zu haben. Die für Maria geweihte Basilika Santa Maria Maggiore auf dem Heiligen Berg Esquilin rückte erstrecht in das Zentrum der Umgestaltung, als Papst Sixtus V. die Heilswege bei ihr zusammenlaufen ließ, wo die erwarteten Pilgerströme im Heiligen Jahr aufeinandertreffen sollten. Santa Maria Maggiore wurde in seinen Plänen zum Mittelpunkt seines Sternen-Planes, der dafür sorgte, dass die Kirche mit allen wichtigen Arealen über Wege miteinander verbunden war. Vervollständigt wurde die Dramaturgie, aus dem Stadtraum Roms eine Nacherzählung mit den einzelnen Stationen aus der Heilsgeschichte zu machen, indem sein Nachfolger Papst Paul V. (r. 1605-21) die letzte Säule aus der Maxentiusbasilika entwendete, diese zur Santa Maria Maggiore Basilika auf den Esquilin hinaufführte und sie dort mit der Immaculata, verfolgt von einem staunenden Publikum, bekrönen ließ.34 Doch weshalb die Päpste sich ausgerechnet für ein Säulenmonument entschieden haben, soll im nächsten Kapitel anhand eines kurzen Exkurses über die Tradition der Säulenmonumente beleuchtet werden und Aufschluss darüber geben, welchen Zweck diese Monumente erfüllen. Des weiteren soll die Eingliederung der Mariensäule in dieser Tradition veranschaulicht werden.

4.2 Die Tradition der Säulenmonumente

Papst Paul V. knüpfte nicht nur an die Realisierung der Pläne von Sixtus V. an, sondern gliedert auch das Monument in eine lange Tradition der Säulenmonumente ein. Um besser verstehen zu können, welche Bedeutung das neu errichtete Monument vor der Basilika Santa Maria Maggiore hat, ist es sinnvoll, einen Blick auf die Geschichte der Säulenmonumente zu werfen. Monumente dieser Art dienen als Bildvermittlung und Bilderinnerung.35 Das Säulenmonument bildet eine der ausgeprägtesten Formen des großen öffentlichen Ehrenmals der Antike. Abgeleitet hat sich ihre Entwicklung aus der griechischen Welt. Anstelle der alten Kultsymbole wie Baum, Stein, Pfahl tritt nun als neues Kultmotiv die Säule als monumental geformter Ersatz hervor.36 Die Wahl einer Säule steht metaphorisch für Dauer, Stärke und Beständigkeit, mit der das Ziel verfolgt wurde, eine Sache über eine andere zu erhöhen.37 Ab dem 13. Jahrhundert wurden mit den Ehrensäulen alle möglichen Ideen repräsentiert. Sie konnten Ausdruck einer bürgerlichen Bewegung oder eines politischen Ideals sein, sowie religiöse Motive verfolgen. Sie wurden dazu verwendet, die Rechte oder Identität einer Stadt auszudrücken, Triumphe des Christentums zu veranschaulichen oder Tugenden eines Herrschers widerzuspiegeln. Säulenmonumente sind antike Motive, die als freistehende Säulen als Grenzbezeichnungen dienen können, die einen Besitz monumental kennzeichnen. Seit der Antike können solche Bauten auch als Stadtwahrzeichen aufgefasst werden, die in einem öffentlich-symbolischen Sinne unter einer profanen Bedeutung stehen können.38 In Rom entwickelt sich das römische Säulenmonument zum reinen Ehrendenkmal. Ehrensäulen erleben die Tradition, dass sie, wie es der Name bereits andeutet, zum Ehren einer Person, meist eines Kaisers, in ein Stadtbild zu Präsentationszwecken eingegliedert werden. Die Glorifizierung von militärische Erfolgen wurden oft als Themen für Ehrensäulen gewählt. Bereits in der Antike war es Tradition, militärische Siege mit Ritualen zu verbinden. Erbeutete Waffenteile wurden meistens an der Stelle, an der sich der Feind zur Flucht gewandt hatte, auf einen Baumstamm gesetzt. Diese unmittelbarsten Siegesmonumente waren eines der ersten Symbole von militärischem Erfolg.39 Ein frühes Beispiel für Triumphsäulen ist die Trajanssäule, dessen Denkmalform Apollodor von Damaskus geschaffen hat. Ihr Zweck ist es, als Siegesdenkmal zu agieren und einen Fix -und Angelpunkt im Stadtbild des kaiserlichen Rom zu kennzeichnen.40 Einen Nachahmer fand sich auch bei der Mark- Aurel-Säule, die zur Glorifizierung des Einzelnen über seine Siege dienen sollte. Profane Säulenmonumente der Antike waren Triumphmale, die Taten und Menschen verherrlichten.41 Anders verhält es sich bei den Säulen von Konstantin oder Justinian. Sie zelebrierten nicht nur ihren Kaiser, sondern standen auch für den Triumph der Christenheit. Diese Säulen verbanden also nicht mehr nur noch einen rein politischen Erfolg, sondern wurden mit einer religiösen Bedeutung ergänzt. Sie hielten den antiken Gedanken des Freimonumentes fest, kleideten sich aber in christlicher Absicht. Dies war der Anfang der christlichen Ehrensäulen, wie auch die Mariensäule eine ist, die das heidnische Gedankengut zu überwinden hatte und ebenso an die Antike erinnerte. Um ein Monument über den Sieg der katholischen Kirche im Stadtbild zu manifestieren, wurde bereits vor der Aufstellung der Mariensäule am anderen Ende von Santa Maria Maggiore 1595, fast 20 Jahre vor der Errichtung des Säulenmonuments durch Papst Paul V., zu Ehren an Clemens VIII. eine Säule errichtet, die u.a. die erfolgreiche Abwendung des Protestantismus zelebriert.42 An diesen Gedanken sollte auch bei der Realisierung der Mariensäule angeknüpft werden und diese sollte sich in die Tradition der öffentlichen Säulenmonumente eingliedern, mit dem neuen Fokus auf die Verehrung der Himmelskönigin. Ab 1613 wurden die Pläne zur Wirklichkeit. Die Transposition wird eingeleitet und die Aufstellung der Säule vor der Basilika unternommen. Das nächstes Kapitel soll Einblick in dieses umfangreiche Unterfangen geben.

5. Die Aufstellung der Mariensäule

Wie im vorherigen Kapitel über die Stadtentwicklung Roms bereits erwähnt wurde, diente die Aufstellung der einzigen verbliebenen Säule aus der Maxentiusbasilika vor der Hauptfassade von Santa Maria Maggiore als einer der finalen Triumphe der Christenheit innerhalb der päpstlichen Umgestaltung der ewigen Stadt. Die Beschreibung der Aufstellung resultiert gänzlich aus dem Aufsatz von Steven Ostrow.43 Papst Sixtus V. war ein passionierter Marienverehrer, der seine Grablege in der wichtigsten Marienkirche auswählen ließ. Daher kann die Wahl, eine Marienfigur auf die antike Säule zu setzen, als logische Fortführung seiner Mission betrachtet werden. Nach seinem Tod (1590) knüpfte Papst Paul V., der ebenfalls als Marienverehrer galt, an den Plänen an und ließ die pagane Säule unter gewaltigen Anstrengungen auf den Esquilin überführen, um auch diese, wie zahlreiche Monumente vor ihr, in einen neuen christlichen Kontext einzubetten. Dabei wählte der Nachfolger von Papst Sixtus V. die Hauptfassade vor Santa Maria Maggiore als Aufstellungsort aus, da die Basilika die wichtigste Marienkirche im päpstlichen Rom war.44 Die Realisierung des Projektes wurde Carlo Maderno, dem Neffen des Architekten von Domenico Fontana, anvertraut, der ehemals bei der Umstrukturierung der Stadt beteiligt war. Aus einer Notiz vom 03. August 1613 erfahren wir von Papst Paul V., dass er die Verschiebung der Säule plante, und ungefähr nach zweimonatiger Ausarbeitung wird am 23. Oktober mit der Transposition der Säule begonnen. Das waghalsige Projekt, das als spektakuläres Event in Rom wahrgenommen wurde, umfasste eine große Anzahl an Arbeitskräften, Tieren, Holz, Winden und Seilen und trachtete danach, als Triumph der Technik angesehen zu werden. Bis zu 60 Pferde waren notwendig, um die Säule umzulegen.45 Ein für die Säule extra angefertigtes Holzgehäuse wurde zum Schutz für die Transposition gezimmert. Zusätzlich wurde auch eine Holzstraße für die Verschiebung erbaut. Der Transportweg der Säule umfasste ca. 1,5km und etwa sechs Monate später wurde die Säule im April 1614 auf den Platz von Santa Maria Maggiore aufgestellt. Ein Bericht vom 16. April 1614 beschreibt, unter welcher Ansammlung an Arbeitern und Schaulustigen die Aufrichtung der Säule unternommen und verfolgt wurde. Die Arbeiten an der monolithischen Säule wurden nach erfolgreicher Errichtung in Angriff genommen. Der Sockel wurde bearbeitet, das Kapitell sollte restauriert werden und eine annähernd vier Meter hohe Bronzestatue der Heiligen Jungfrau mit ihrem Kind sollte als Krönung auf die Spitze gesetzt werden. Im Juni, noch bevor die Marienfigur gesetzt wurde, fing der Graveur Fabritio Baldelli an, die Inschriften in den Sockel zu übertragen. Für die Erstellung der Marienfigur wuren zwei Künstler beauftragt. Zum einen modellierte der Franzose Guillaume Berthelot die Madonnenfigur, woraufhin bei Fertigstellung als nächster Schritt ein Abguss der Figur von Domenico Ferreri unternommen wurde. Am 18. Juli wurde die Figur auf die Spitze der Säule gesetzt. Anschließend folgte eine aufwendige Zeremonie, um die Säule einzuweihen und von den „bösen“ heidnischen Kräften zu befreien. Ein Exorzismus, wie es auch bei der Aufstellung der Obelisken vor ihr üblich war, sollte dazu dienen, die Säule erfolgreich zu christianisieren. Am 23. Juli erfuhr die Madonnenfigur eine zusätzliche Vergoldung. Spät im Jahre 1614 wurden die Wappentiere der Borghese, das Zeichen für Papst Paul V., Adler und Drache, als skulpturale Erweiterung an die Säule ergänzt und damit das Säulen-Projekt unter dieser letzten Ausführung vervollständigt.

[...]


1 Ostrow 2010, S. 353.

2 Guldan 1966, S. 33.

3 Gebhard 1954, S. 94.

4 Delius 1963, S. 191-206.

5 Die Ortschaft Ephesos spielt auch in der Geschichte des Marienlebens eine herausragende Rolle, da sie mit dem Apostel Johannes dort hin aufbrach und u.a. hier ihre letzten Lebensjahre verbracht haben soll. Vgl. Becker 1965, S. 7.

6 Gebhard 1954, S. 93.

7 Becker 1965, S. 7-8.

8 Fischer 2001; S. 295

9 Buchowiecki 1967, S. 237.

10 Fischer 2001, S. 295.

11 Stephan 2014, S. 87.

12 Aurenhammer 1956, S. 91

13 Buchowiecki 1967, S. 238.

14 Fischer 2001, S. 295.

15 Buchowiecki 1967, S. 239.

16 Gebhard 1954, S. 95.

17 Buchowiecki 1967, S. 245.

18 Stephan 2014, S. 86.

19 Buchowiecki 1967, S. 245.

20 Stephan 2014, S. 89.

21 Grabmann 1951, S. 33.

22 Jedin 1951, S. 21.

23 Stakemeier 1951, S. 1-9.

24 Jedin 1951, S. 18.

25 Grabmann 1951, S. 33-37.

26 Delius 1963, S. 238.

27 Becker 1965, S. 163.

28 Denzler 1997, S. 85-90.

29 Vitale 2018, S. 182.

30 Ostrow 2010, S. 353.

31 Stephan 2014, S. 93.

32 Ostrow 2010, S. 353.

33 Fischer 2001, S. 211.

34 Stephan 2014, S. 89-94.

35 Haftmann 1939, S. 111.

36 Haftmann 1939, S. 153.

37 Ostrow 2010, S. 358.

38 Haftmann 1939, S. 111-126.

39 Lichtenberger/ Nieswandt/ Salzmann 2018, S. 234.

40 Gauer 1981, S. 179-180.

41 Haftmann 1939, S. 112.

42 Ostrow 2010, S. 359-360.

43 Ostrow 2010.

44 Die Kirche Santa Maria Maggiore spielt außerdem für Paul V. eine besondere Rolle, da er als junger Kleriker für diese Kirche als Pfarrer gedient hatte. Vgl. Ostrow 2010, S. 354.

45 Caflisch 1934, S. 116.

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Details

Titel
Über die Bedeutung der Realisierung der Mariensäule vor der Basilika Santa Maria Maggiore (1613-1614) in Rom
Untertitel
Eine Analyse
Hochschule
Universität Wien
Note
2
Jahr
2019
Seiten
34
Katalognummer
V513850
ISBN (eBook)
9783346107534
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunstgeschichte, Kunst, Päpste, Säule, Säulenheilige, Maria, Heilige Jungfrau, Ikonographie, Christentum, Papsttum, Antike, Inschrift, Aufstellung, Transformation, Rom, Strukturierung, Erneuerung, Stadt, Planung, Monolith, Santa Maria Maggiore, Basilika, Platz, Exorzismus, pagan
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Über die Bedeutung der Realisierung der Mariensäule vor der Basilika Santa Maria Maggiore (1613-1614) in Rom, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/513850

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