Nationalsozialismus und Sexualität


Seminararbeit, 1998
47 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort
1.1. Warum dieses Thema?
1.2. Frauen als Opfer / Frauen als (Mit-)Täterinnen

2. Intentionen, Widersprüche und praktische Auswirkungen
2.1. Intentionen
2.2. Antisemitismus
2.3. Widersprüche
2.4. Rechtfertigung des Frauenbildes

3. Erwünscht
3.1. „Pro-natalistische“ Maßnahmen:
3.1.1. Aufwertung der Mutter
3.1.2. Finanzielle Anreize
3.1.3. Aufrufe zur Zeugung
3.1.4. Organisationen
3.1.5. Ehe
3.1.6. Ergebnis
3.1.7. Die Rolle der SS
3.1.8. Lebensborn

4. Verboten
4.1. Einschränkungen:
4.1.1. Bekämpfung von „Sittenverfall“?
4.1.2. Mode
4.1.3. Rauchen
4.1.4. Tanzen
4.2. Jugend:
4.2.1. Erziehungsmaßnahmen
4.2.2. Realität
4.2.3. Kriminalisierung
4.3. Kriminalisierung:
4.3.1. „Nicht-Wertvolle“
4.3.2. Homosexualität
4.3.3. Abtreibung
4.4. Vernichtung:
4.4.1. „Anti-natalistische“ Maßnahmen

5. Erlaubt
5.1. Sonderfall Prostitution
5.2. „Artbewußte Lüsternheit“

6. Im Vergleich
6.1. Vorher
6.2. Anderswo
6.3. Nachher

7. Anhang
7.1. Gesetze

8. Literatur

1. Vorwort

1.1. Warum dieses Thema?

Diese Arbeit wurde nicht geschrieben, um Sensationsgier zu befriedigen oder um sich an den immer wieder kolportierten „Abartigkeiten“ des Dritten Reiches zu delektieren. Es geht nicht darum, Einzelschicksale auszuschlachten sondern darum, strukturelle Bedingungen zu beleuchten. Die Politik beeinflußt immer auch das Privatleben der Menschen. Nicht umsonst heißt es, das Private ist politisch!

Gerade der Nationalsozialismus war ein System, das vehement versuchte, alle Lebensbereiche der Menschen zu kontrollieren. Beim Unterfangen, Bevölkerungspolitik im nationalsozialistischen Sinn zu machen, wurde massiv versucht, auf den „Bereich Reproduktion“ und somit auf die Sexualität der (Groß-)Deutschen Einfluß zu nehmen. Den thematischen Zusammenhang zum Titel des Seminars (Sexismen und Rassismen) verdeutlicht ein Zitat aus dem Buch „Gender Killer“:

„Daß die alltägliche und generative Reproduktion einer fiktiven Ethnizität untergeordnet ist, die jeder Bevölkerungspolitik immanent ist, markiert (...) eine Schnittstelle, an der sich Sexismus und Rassismus unmittelbar verknüpfen.“[1] Der Nationalsozialismus hat zwar Rassismus und Sexismus nicht erfunden, aber die extremen Ausprägungen, die er hervorgebracht hat, eignen sich besonders gut dazu, die verschiedenen Unterdrückungsformen und deren Verknüpfung aufzuzeigen.

In den letzten Jahren verlagerte sich das Interesse der Geschichtsforschung teilweise von einer Beschreibung der Ereignisse als „Geschichte großer Männer“ hin zu einer Art Alltagsgeschichtsschreibung. Auch in der Frauenforschung gab es einen ähnlichen Paradigmenwechsel. Beiden soll hier Rechnung getragen werden.

1.2. Frauen als Opfer / Frauen als (Mit-)Täterinnen

„Die Frauenforschung konzentrierte ihre Arbeit (...) viele Jahre lang auf die Opfer, die weiblichen Opfer, und klammerte die Auseinandersetzung mit Menschen, die vom NS-Regime profitierten, aus. (..) Eine Debatte über den Begriff der Mit täterschaft setzte ein, in der es um die weibliche Mit verantwortung und Mit -Beteiligung am NS-System ging.“[2]

Ich möchte Frauen, die den Nationalsozialismus erlebt haben weder auf ihre Rolle als Opfer reduzieren, noch ihre (Mit-)Täterinnenschaft überbetonen. Sie waren möglicherweise durchaus beides: Opfer und Täterinnen. „Opfer einer patriarchalen „Rassen-Ideologie“ und gleichzeitig (...) PropagandistInnen eben dieses „Rassen-Ideals“, (...) Nutznießerinnen von Privilegien für „arische“ Frauen und gleichzeitig (...) Objekte eines „Ausleseprozesses“.“[3] Eine differenzierte Sichtweise scheint hier von größter Wichtigkeit, scheint jedoch nur selten gelungen zu sein. Auch Claudia Koonz bemängelt in ihrem Buch „Mütter im Vaterland“ die Darstellungen von Frauen, die sie in diverse Schubladen pressen: „passiv/Opfer, aktiv/Täterin oder unpolitisch/politisch - die Rolle der Frauen wird mit einem polaren, moralischen Kategorienraster zu erklären versucht, das für das Bedürfnis nach einfachen Erklärungen herhalten muß.“[4]

In dieser Arbeit wird also der Versuch unternommen, nicht zu pauschalisieren und nicht zu moralisieren. Männer und Frauen sollen jenseits von Schubladendenken als Individuen betrachtet werden. Dennoch wurde das Thema aus einer feministischen Sichtweise bearbeitet. Ich gehe nicht naiv – „unvoreingenommen“ davon aus, daß es für Frauen und Männer im Nationalsozialismus die gleichen Bedingungen gab, um Opfer oder TäterIn zu werden. Strukturell gilt: „Die Machtergreifung von 1933 ist eine Machtergreifung des Frauenkörpers. (...) Die NS-Politik zielte auf die Verwirklichung des neuen Volkskörpers durch das freiwillige oder erzwungene Opfer des Frauenkörpers.“[5]

2. Nationalsozialismus und Sexualität - Intentionen, Widersprüche und praktische Auswirkungen

2.1. Intentionen

Die vom Rassepolitischen Amt der NSDAP veröffentlichten (für Männer und Frauen geltenden) „10 Leitsätze für die Gattenwahl“ lauteten:

„1. Bedenke, daß Du ein Deutscher bist!
2. Du sollst Geist und Seele reinerhalten!
3. Halte Deinen Körper rein!
4. Du sollst, wenn Du erbgesund bist, nicht ehelos bleiben!
5. Heirate nur aus Liebe!
6. Wähle als Deutscher nur einen Gatten gleichen oder artverwandten Blutes!
7. Bei der Wahl Deines Gatten frage nach seinen Vorfahren!
8. Gesundheit ist Voraussetzung auch für äußere Schönheit!
9. Suche Dir für Deine Ehe nicht einen Gespielen, sondern einen Gefährten!
10. Du sollst Dir möglichst viele Kinder wünschen!“[6]

Verhaltensregeln in Form von 10 Geboten waren scheinbar sehr beliebt. Auch der Reichsarzt der Hitlerjugend hatte zehn Stück davon im „Jahr der Gesundheitspflicht“ 1939 bereit. Darunter Nummer 1: „Dein Körper gehört deiner Nation, denn ihr verdankst du dein Dasein, du bist für deinen Körper verantwortlich.“ und als krönender Abschluß das 10. Gebot: „Über all deinem Handeln steht das Wort: Du hast die Pflicht, gesund zu sein!“[7]

Das Geschlechtsleben der (Groß-)Deutschen war nicht privat. Adolf Hitler drückte seine Erwartungen in „Mein Kampf“ so aus: „Das Recht der persönlichen Freiheit tritt zurück gegenüber der Pflicht der Erhaltung der Rasse.“[8] „Familiengründung und Fortpflanzung sind im völkischen Staat keine Privatsache, sondern oberste Pflicht an der Gemeinschaft,“[9] hieß es.

Nicht privat, nicht öffentlich, sondern heilig war Sexualität im Nationalsozialismus. „Heilig soll uns sein jede Mutter guten Blutes“, so steht es in den Statuten des SS-Vereins Lebensborn.[10]

Die geschlechtsspezifische heilige Pflichterfüllung gestaltete sich folgendermaßen:

Männer sollten fleißige Soldaten und Kämpfer sein, Frauen war die Rolle der fleißigen Mutter und/oder des bedingungslosen Liebesobjektes zugedacht. „Die Geschlechtsentwicklung und die Geschlechterbeziehung wurden in nationalsozialistischer Auffassung zu einer völlig problemfreien, rein biologischen Angelegenheit. Ihre Bestimmung war die möglichst frühzeitige Paarung von kräftigen Männchen mit gesunden Weibchen, ihre Aufgabe die zahlreiche Fortpflanzung der Art.“[11] Was dabei für die Frauen übrigblieb war Sexualität als Pflichterfüllung, Geschlechtsverkehr als „Führerdienst“ - am besten ohne Lust und Leidenschaft dabei zu empfinden. „Für die Nazi-Biologen waren eheliche Liebe und körperliche Erfüllung dieser Liebe nichts anderes als eine jüdisch-christliche Erfindung, die darauf abzielte, den Menschen zum Sklaven seiner Sinne zu machen.[12]

Mit euphemistischen, mythisch angehauchten Begriffen wie Hingabe, Ehrfurcht oder Versenken wurde vornehm formuliert, was von der Frau erwartet wurde: Gehorsam in allem Lebenslagen. „Das Mädchen hatte werktätig dem Volke zu dienen, die Frau gehorsam dem Mann, die Mutter fürsorglich den Kindern.“[13] Ideologische Treue und bedingungslose Unterordnung waren gefragt. „Als der Krieg vor der Tür stand, propagierte die Parteiführung das Idealbild der aktiv-passiven Frau: Aktiv sollte sie den „Rassenkampf“ vorantreiben und passiv sich im „Geschlechterkampf“ dem Mann unterwerfen.“[14]

Aus einem Fragebogen des Erziehungsministeriums von 1934 geht hervor, wie die LehrerInnen die jungen Frauen damals haben wollten: „gesund, rassisch stolz, artrein, leistungswillig und -fähig, zum Dienst am Ganzen bereit, sittlich, tüchtig, fromm, kraftvoll, opferwillig und doch froh.“[15] Bei soviel Opfer- und Entbehrungswilligkeit noch froh zu bleiben, scheint tatsächlich schwierig zu sein. Einfacher hatten es da freilich trotz strenger Erziehung die Burschen. Ihnen gewährte man(n) (auf Kosten der Frauen) die Möglichkeit, sich ab und zu abzureagieren. „Eine harte Erziehung war nur möglich, wenn man dazu das Ventil „gesunde Lebensfreude“ schuf. Er (Hitler) erklärte seinen Gesprächspartnern: Nur der sei bereit, bedingungslos zu sterben, dem es auch erlaubt sei, bedingungslos zu lieben. „Kampf und Liebe gehörten nun einmal zusammen“[16] „Unser Aufbruch hat nichts mit bürgerlichen Tugenden zu tun. Wir sind der Aufbruch der Kraft unserer Nation. Meinetwegen auch der Kraft ihrer Lenden. Ich werde keinem meiner Leute ihren Spaß verderben. Wenn ich von ihnen das Äußerste verlange, so muß ich ihnen auch freigeben, sich auszutoben, wie sie wollen, nicht wie es alten Betschwestern paßt.“, polterte Hitler, wenn er sich privat fühlte.[17] Von dem Geschlechtswesen Frau blieb dabei nur die Geschlechtsfunktion übrig. Die weibliche Erziehung sah entsprechend aus: Handarbeit, Biologie, Turnen, Körperkunde, Körperpflege und Hygiene, Samariterdienst, Vererbungslehre, Rassen- und Familienkunde.[18] Das waren die Prioritäten.

Frauen sollten jedoch nicht einfach nur möglichst dumm und gebärfähig sein. Nein! Dumme Frauen könnten ja dumme Söhne gebären. So argumentierte zumindest Elisabeth Lenz, Referentin in der Reichsfachschaft für Volksschulen: „ (...) Jeder Mann wird stolz darauf sein, in seiner Frau eine verständige Ehegattin, eine vernünftige Mutter seiner Kinder und kluge Verwalterin seines Hauses zu haben, also eine Frau, bei der Intellekt und Intelligenz durch eine gesunde Geisteserziehung in der deutschen Schule eine denkbar mögliche Höhe erreichten. Wie sollten sonst auch Männer höchster Geisteseigenschaften geboren werden!“[19]

Die Politik der Nazis war voller Gegensätze. Einerseits bemühte man(n) sich um gesteuerte Fortpflanzung (Idealerweise sollte jede Frau dem Führer möglichst einmal im Jahr ein Kind schenken. Aus ideologischen Gründen mußten die „Geschenke“ übrigens ohne Schmerzmittel geboren werden[20] ), andererseits wurde gleichzeitig die totale Vernichtung praktiziert. Rassisch wertvolle potentielle Mütter galten als höchst schützenswert, während Millionen andere als „minderwertig“ bezeichnet und quasi im Vorübergehen sterilisiert, eingesperrt oder getötet wurden. Sogenannte pro-natalistische stehen hier sogenannten anti-natalistischen Maßnahmen gegenüber.

2.2. Antisemitismus

Nach altbewährtem Erklärungsmuster waren für die NS-Ideolog(Innen) Juden und Jüdinnen schuld an sämtlichen realen und fiktiven Problemen der Zeit. Jüdische Psychologen würden Frauen mit ihren Sexualtheorien entwürdigen, war zum Beispiel eine gängige Meinung in der NS-Frauenschaft.[21] Antisemitische Wahnvorstellungen mußten auch als Ursache für die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten herhalten: „Unter „gesundheitlicher Vergiftung“ verstand er (Hitler, Anm.) die Syphilis, die nach seiner Darstellung ganze Großstädte verseuchte.“ Als Ursachen wurden festgemacht: Prostitution der Liebe, „Verjudung“ des Seelenlebens und „Mammonisierung“ des Paarungstriebes, finanzielle Zweckehen. „Die Syphilis wurde in Hitlers monomaner Darstellungsweise zu einem typisch jüdischen Attribut, ein Wert- oder Unwert - des Judentums gewissermaßen. (...) Die Juden waren der infame Feind, der es auf die Schwächung des deutschen Volkes abgesehen hatte, und darum war die Vermischung mit jüdischem Blut „die Erbsünde der Welt“.“[22]

2.3. Widersprüche

„Die Verlautbarungen an der Parteispitze waren recht unklar gehalten. Es fielen allgemeine Äußerungen über die Würde der deutschen Frau, ihr schlichtes Auftreten und Betragen, ihren Abscheu vor Tand und Flitter, über die natürliche Anmut mütterlichen Wesens. Doch es gab keine präzisen Verhaltensregeln, man vermied eindeutige Festlegungen. Es entstand dennoch ein Verhaltensmuster. Die Interpreten aus der zweiten und dritten Garnitur der Partei häkelten eifrig daran.“[23] Es gab deshalb so wenig eindeutige Aussagen und so viele Widersprüche, weil hier verschiedene Interessen und verschiedene Moralvorstellungen aufeinanderprallten. Immer wieder zeigte sich die Heterogenität der nationalsozialistischen Bewegung. Auf eine einheitliche, klare Linie konnten sich die am Machtkampf beteiligten nie wirklich einigen. „(Hitler) hielt sich an seine bewährte Taktik, alle gegeneinander auszuspielen und nichts zu entscheiden. Dabei bewältigte er das Kunststück, dem einen seine puritanischen Ideale als wünschenswert, dem anderen seine totalitären Artgesetzlichkeiten als Endziel und dem dritten seine nachgiebige Haltung als vernünftig zu bestätigen.“[24]

Die Widersprüche ergaben sich aber auch aus der Unsinnigkeit der Vorgaben und deren praktischen Auswirkungen. Man(n) malte sich etwa aus, wie die deutsch-arische Frau proportioniert sein sollte: „Schön rund in der Brust, in der Mitte nicht so dick und dann ein langes Bein mit schlanken Unter- und vollen Oberschenkeln.“ Die Schultern eher breit, das Becken schmal. „Das war zwar nicht sehr gebärgeeignet, doch optisch attraktiver.“[25] Der Gegensatz könnte nicht größer sein zwischen dem propagierten Frauenbild und der Art, wie sich die Nazibonzen Frauen „für den eigenen Gebrauch“ wünschten: charmant, mondän, „Frauen von Welt“ eben. Auch in der Reichsjugendführung gab man(n) sich nicht mit dem selbst entworfenen Bild vom braven Blondchen zufrieden: „Die geschmäcklerischen HJ-Führer ergänzten die Gesellschaft festfroher BdM-Maiden zur besseren Unterhaltung durch zweifellos attraktivere Starlets vom Film.“[26]

Himmler schien sich fieberhaft Gedanken darüber zu machen, warum die Männer sich von „nicht-nordischen“ Mädchen mit „stärker ausgeprägtem Sexualtrieb“ eher angezogen fühlten als von „artreinen“, sittlichen, frommen deutschen Mädchen. In einer Rede Himmlers vor der Hitler-Jugend am 22. Mai 1936 gab er seiner Hoffnung auf Besserung dieses „Zustandes“ Ausdruck: „So wie es in der Vergangenheit umgekehrt war, daß, sagen wir einmal bei der Heirat, und Sie konnten es noch viel einfacher sehen, im Tanzsaal, daß im Tanzsaal das rassisch weniger wertvolle Mädchen, weil es, sagen wir einmal, ansprechend war, getanzt hat, und das rassisch wertvolle Mädchen war immer das Mauerblümchen, weil das Schönheitsideal unseres Volkes sich restlos gewandelt hatte. Es ist ganz klar, daß rassisch nicht so wertvolle Blutsteile unseres Volkes immer früher reif sind als unsere eigentliche Art. Sie sind sexuell immer ansprechender und gefügiger wie unsere Art, und danach wurde dann oft oder in sehr vielen Fällen geheiratet. Nun kommt die Wandlung. Ich glaube, daß wir ein Zeitalter vor uns haben, in dem das nordische Mädchen geheiratet wird und das andere sitzenbleibt.“[27]

Die „Sexualitäts-Politik“ des Nationalsozialismus war also so widersprüchlich wie das Frauenbild selbst. Von vornherein gab es verschiedene Vorstellungen davon, wie und in welchem Ausmaß Reproduktion und Sexualität reguliert werden sollten. Notwendige Zugeständnisse an reale Gegebenheiten führten zusätzlich zu Veränderungen und Widersprüchen.

2.4. Rechtfertigung des Frauenbildes

Die Frau als Gattin, Mutter, Sexualobjekt und Gebärmaschine - all das ließ die NS-Ideologie ganz „normal“ erscheinen. Sexuelle Unterdrückung und Ausbeutung wurde durch die Postulierung „natürlicher Gegebenheiten“ gerechtfertigt. Besonders beliebt waren dabei Vergleiche aus dem Tierreich. So philosophierte etwa Joseph Goebbels:

„Die Frau hat die Aufgabe, schön zu sein und Kinder zur Welt zu bringen. Das ist gar nicht so roh und unmodern, wie sich das anhört. Die Vogelfrau putzt sich für den Mann und brütet für ihn Eier aus. Dafür sorgt der Mann für die Nahrung. Sonst steht er auf der Wacht und wehrt den Feind ab.“[28] Bei Kollege Heinrich Himmler hörte sich die Rechtfertigung von Männerherrschaft so an: „Der Mann zeugt, die Frau empfängt das Leben. Die Männer haben deshalb größere Freiheiten, können sich in manchem mehr erlauben, was die Frau nicht kann, das ist aber der naturgegebene Unterschied.“[29]

Mit keinerlei „natürlichen“ Gegebenheiten zu vereinbaren war demnach die Emanzipationsbewegung, die von den Nazis immer wieder angegriffen wurde. Hitler charakterisierte als erster die Emanzipation der Frau als „widernatürliches Symptom, vergleichbar der parlamentarischen Demokratie.“[30] Grund dafür, daß Frauen sich emanzipieren wollen sei eine Unterfunktion der Geschlechtsdrüsen. Diese führe zu Frustrationserscheinungen. Für Hitler war die Frauenbewegung außerdem schlicht unnötig. Er meinte: „Die Gleichberechtigung der Frau besteht darin, daß sie in den ihr von der Natur bestimmten Lebensgebieten jene Hochschätzung erfährt, die ihr zukommt.“[31] Und der Nationalsozialismus bot den Frauen genau diese Hochschätzung - in den „Lebensgebieten“ Mutterschaft und Unterwerfung.

3. Erwünscht

3.1. „Pro-natalistische“ Maßnahmen

Der „Volksmund“ kommentierte die bevölkerungspolitischen Maßnahmen der damaligen Zeit ohne Beschönigung: „Räder müssen rollen für den Sieg, Kinderwägen für den nächsten Krieg.“[32] Nach dem ersten Weltkrieg herrschte ein Männer-Defizit vor und es mußte also dafür gesorgt werden, daß wieder genügend „Kanonenfutter“ geboren wurde.

„Die seit Ende des 18. Jahrhunderts verstärkte Tendenz zur Verstaatlichung dieser als „Biomasse“ gedachter Bevölkerung zeigt sich in den staatlichen Eingriffen zur Regulierung der generativen Reproduktion der Bevölkerung. Somit (...) wurde Sexualität - als Schnittstelle zwischen Körper und Bevölkerung - im 19. Jahrhundert zu einem Feld von besonderer strategischer Bedeutung, war sie doch durch ihre Zeugungseffekte Schlüssel zur demographischen Entwicklung.“[33] Richard Walther Darre, Blut-und-Boden-Ideologe, unterstrich die Wichtigkeit von geburtenfördernden Maßnahmen (und somit die Bedeutung der Frauen) in seinen „Merksätzen und Leitsprüchen über Zucht und Sitte“: „Der Schoß der Frau, aber auch ihre Denkart und Gesinnung haben am Auf und Ab der Geschlechter, am Auf und Ab des Staates mehr Anteil als die Fähigkeiten und Unfähigkeiten der Männer.“[34] Erst als Gattin und Mutter möglichst vieler Kinder wurde eine Frau zur vollwertigen Bürgerin des NS-Staates. Somit gab es neben der Rassenreinheit nur mehr ein Kriterium, das zur Bewertung einer Frau zählte: Fruchtbarkeit. Um ihr Ziel, die Steigerung der Geburtenrate, zu erreichen, mußten die Nazis die Erwerbsarbeit der Frau eindämmen. Das wurde mit direkter und indirekter Propaganda versucht. Die Familie behielt - trotz gegenläufiger Tendenzen - kultischen Status, Frühehen (vor allem des Mannes, die Frau wurde hier ohnehin als passiver Teil gesehen) wurden besonders gefördert.

3.1.1. Aufwertung der Mutter

Die Bewerbung von „Familie“ ging Hand in Hand mit einer ideologischen Aufwertung der Mutter. Vor allem das Mutterkreuz sollte diesem Zweck dienen. Bei der Vergabe wurde sowohl auf Quantität als auch auf Qualität geachtet. Mutterkreuzträgerinnen mußten erst einige wichtige Voraussetzungen erfüllen: Die Eltern hatten „deutschblütig“, „erbtüchtig“ und „würdig“ zu sein. Die Kinder mußten lebend geboren werden. Dann erst gab es Bronze für 4-5 Kinder, Silber für 6-7, Gold erst ab 8 Nachkommen. Die Existenz und Vergabe des Mutterkreuzes führte auch zuweilen zu Problemen, wenn eine Frau zwar die entsprechende Anzahl an Kindern vorweisen konnte, aber kein Mutterkreuz. Vor allem in ländlichen Gegenden war so etwas nicht zu verbergen und frau war dem Tratsch und der gesellschaftlichen Ächtung ausgesetzt. Aber die Auszeichnung wurde auch nicht immer ohne Spott betrachtet, wie schon die Bezeichnung „Kaninchenorden“ beweist. Die Polizei sammelte Meldungen über abfällige Bemerkungen wie z.B. die von ein paar Jungen, die auf der Straße vor drei „goldenen“ Müttern stehenblieben und bewundernd witzelten: „Guckt euch die mal an, die sind aber gute Häsinnen gewesen!“[35]

3.1.2. Finanzielle Anreize

Die Zeugung von Nachwuchs sollte jedoch nicht nur mit Prestige belohnt werden. Es wurden auch finanzielle Belohnungen geboten. Zum einen gab es Kindergeld, und zwar 1936 nur für das fünfte und jedes weitere Kind einer Arbeiter- und Angestelltenfamilie. Ab 1937 wurde auch für Selbständige, ab 1938 generell ab dem dritten Kind Geld ausbezahlt. Eine andere Maßnahme, die sicherlich einigen Einfluß hatte, war die Vergabe von sogenannten Ehestandsdarlehen. Nach einer wirtschaftlichen, politischen und eugenischen Eignungsprüfung wurde dieses Darlehen bei Eheschließung gewährt. Der Rückzahlungsbetrag verringerte sich pro Kind um 25%, ab dem vierten Kind galt der Kredit als abgegolten.

3.1.3. Aufrufe zur Zeugung

Vor allem an Männer, und im speziellen an SS-Männer, wurde immer wieder appelliert, sich schleunigst zu vermehren.

[...]


[1] Rebentisch, Juliane: Zurück in die Zukunft. §218, Nationalstaat und Biopolitik. In: Eichhorn, Cornelia / Grimm, Sabine: Gender Killer. Berlin 1994, S.29

[2] Schmitz-Köster, Dorothee: „Deutsche Mutter, bist du bereit...“ Alltag im Lebensborn. Berlin 1997, S.20 f

[3] ebd., S.20 f

[4] Koonz, Claudia: Mütter im Vaterland. Frauen im Dritten Reich. Freiburg (im Breisgau) 1991, S. 19

[5] Wlecklik, Petra: Frauen und Rechtsextremismus. Göttingen 1995, S.16f

[6] Bleuel, Hans Peter: Das saubere Reich. Theorie und Praxis des sittlichen Lebens im Dritten Reich. Bern / München / Wien 1972, S.228

[7] ebd., S.162

[8] Zit. n. ebd., S.41

[9] ebd., S.177

[10] Hillel, Marc / Henry, Clarissa: Lebensborn e.V. Im Namen der Rasse. Wien / Hamburg 1975, S.126

[11] Bleuel, S.176

[12] Hillel, S.120

[13] Bleuel, S.143

[14] Koonz, S.429

[15] ebd., S.252

[16] Bleuel, S.143

[17] Hermann Rauschning: Gespräche mit Hitler. Zürich / Wien / New York 1945, S.94f. Zit. n. ebd., S.10f

[18] Vgl. ebd., S.143

[19] ebd., S.144

[20] Schmitz-Köster, S.145

[21] Koonz, S.260

[22] Bleuel, S.39

[23] ebd., S.97

[24] ebd., S.94

[25] ebd., S.221

[26] ebd., S.140

[27] Heinrich Himmler, Geheimreden 1933-1945. Berlin 1974, S.55. Zit. n.: Hillel, S.61

[28] Bleuel, S.84 f

[29] Schmitz-Köster, S.182

[30] Hillel, S.40

[31] Bleuel, S.73

[32] ebd., S.198

[33] Vgl. Foucault, Michel: Sexualität und Entwicklung, Bd.1: Der Wille zum Wissen. Frankfurt/M. 1977, S.161 ff; ders.: Leben machen und sterben lassen: Die Geburt des Rassismus. In: diskurs, Nr.1, 1992. Zit. n. Eichhorn, S.28

[34] Bleuel, S.70

[35] SD-Meldungen aus dem Reich: IfZ, MA441/7-BL-8365. Zit.n. ebd., S.182

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Nationalsozialismus und Sexualität
Hochschule
Universität Wien  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar aus Vergleichender Politikwissenschaft: Historische Aspekte von Nationalismus, Rechtsextremismus und Sexismus: Nationalsozialismus und Geschlecht
Note
1
Autor
Jahr
1998
Seiten
47
Katalognummer
V51387
ISBN (eBook)
9783638473828
ISBN (Buch)
9783638693035
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalsozialismus, Sexualität, Seminar, Vergleichender, Politikwissenschaft, Historische, Aspekte, Nationalismus, Rechtsextremismus, Sexismus, Geschlecht
Arbeit zitieren
Karin Lederer (Autor), 1998, Nationalsozialismus und Sexualität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51387

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