Leibniz' System der prästabilierten Harmonie. Eine Lösung des Leib-Seele-Problems?


Seminararbeit, 2019

16 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Leib Seele Problem
2.1 Der cartesianische Dualismus
2.2 Die Probleme des cartesianischen Dualismus
2.3 Der Okkasionalismus

3. Die Monadenlehre
3.1 Die Eigenschaften der Monaden
3.2 Die prästabilierte Harmonie
3.3 Die Probleme der Leibniz’schen Monadenlehre
3.3.1 Kritik am Substanzbegriff
3.3.2 Bayles Kritik am System der prästabilierten Harmonie
3.3.3 Weitere Probleme der Monadenlehre

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Protestant Gottfried Wilhelm Leibniz wurde am 1. Juli 1646 während des Dreißigjährigen Kriegs in Leipzig geboren. Zwar fand der Krieg bereits ein Ende als Leibniz zwei Jahre alt war, dennoch determinierte der Konflikt zwischen den Konfessionen die gesellschaftspolitischen Strukturen seinerzeit und prägte sein intellektuelles Wirken. Ein wichtiges Anliegen von Leibniz bestand in der Reunion zwischen dem Protestantismus und dem Katholizismus, wofür er sich zwischen 1679 und 1702 erfolglos engagierte.1 Er versuchte nicht nur eine Einigung zwischen den zwei genannten Konfessionen, sondern auch unter den verschiedenen philosophischen Strömungen, wie dem Okkasionalismus, dem Calvinismus und Materialismus zu erzielen.

Uneinigkeit unter den Philosophen herrschte auch in der Debatte über das Leib-Seele- Problem, welches vor allem durch den cartesianischen Dualismus im 17. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung gewann. In seiner Monadenlehre greift Leibniz den Dualismus Descartes auf und entwickelt diesen mit dem System der prästabilierten Harmonie weiter. Ziel seiner Lehre ist es die Schwierigkeiten der cartesianischen Lehre, derer sich der Okkasionalismus bereits erfolglos annahm, zu eliminieren.2

In dieser Hausarbeit befasse ich mich mit dem von Gottfried Wilhelm Leibniz entwickelten System der prästabilierten Harmonie in Hinblick auf das Leib-Seele-Problem. Die Fragestellung der Hausarbeit beschäftigt sich damit, inwieweit die prästabilierte Harmonie eine zufriedenstellende Lösung für das Leib-Seele-Problem darbietet und die Schwierigkeiten des cartesianischen Dualismus, sowie des Okkasionalismus eliminiert. Außerdem werde ich die Monadenlehre, bzw. das System der prästabilierten Harmonie auf ihre Schwierigkeiten hin untersuchen und insbesondere Bayles Kritik an Leibniz sowie Leibniz Apologie darlegen. Ein grober Einblick in die Lehre Descartes und die Problematiken des cartesianischen Dualismus ist für das Verständnis des Leib-Seele-Problems unerlässlich.

2 Das Leib-Seele-Problem

Bereits in der Antike haben sich Philosophen wie Aristoteles und Platon mit der Frage beschäftigt, wie sich Körper und Geist zueinander verhalten. Handelt es sich um verschiedene Substanzen? Beeinflussen sie sich gegenseitig? Der Dualismus beschäftigt sich mit den Fragen des Leib-Seele-Problems, auch Körper-Geist-Problem genannt und versucht eine Antwort darauf zu geben.

2.1 Der Cartesianische Dualismus

Mit Rene Descartes erhält der klassische, interaktionistische Dualismus Einzug in die Philosophiegeschichte. Ihm zufolge handelt es sich bei Materie und Geist um eigenständige Substanzen, die voneinander verschieden sind und aufeinander einwirken.

Während bei Descartes der Geist eine reine, unveränderliche Substanz darstellt, die weder eine Ausdehnung besitzt noch aus Teilen zusammengesetzt ist und demnach unsterblich ist, betrachtet er den Körper, den er als res extensa (Materie) bezeichnet, als eine zusammengesetzte, ausgedehnte und folglich vergängliche Substanz.3 Den Geist benennt er als res cogitans, da er die wesentliche Eigenschaft des Geistes im Denken sieht.4 Für Descartes benötigt der Geist zum Denken keine res extensa und kann unabhängig von einer ausgedehnten Substanz existieren. Augenscheinlich stellt sich die Frage danach, wie diese Körper und Geist trotz ihrer Verschiedenheit miteinander verbunden sein können. Descartes zufolge zeigen uns unsere Lebenserfahrungen, dass eine Wechselwirkung beider Substanzen besteht.5

Zu Zeiten Descartes war bereits bekannt, dass die Steuerung des Körpers vom Gehirn ausgeht. Er ging davon aus, dass sich im Körper kleinste Teilchen, sogenannte Lebensgeister befinden, die für die Bewegung der Glieder verantwortlich sind, indem sie vom Gehirn in die jeweilige Körperregion ausströmen und die Muskeln kontrahieren. Sofern eine Korrespondenz zwischen Körper und Seele besteht, handelt es sich nicht ausschließlich um unwillkürliche Bewegungen, wie bei Tieren, die essen oder atmen, sondern um bewusste Bewegungen, die durch die Wirkung des immateriellen Geistes auf das Gehirn hervorgebracht werden. Der Geist wirkt, indem er für eine Richtungsänderung der Bewegung der Lebensgeister sorgt und umgekehrt wird der Geist von materiellen Lebensgeistern beeinflusst. Descartes nimmt an, dass es einen Ort im Gehirn gibt, in dem die Seele vorzugsweise existiert, die Zirbeldrüse. Die Zirbeldrüse ist im Gegensatz zu Augen, Gliedern und anderen Organen nicht paarweise vorhanden. In ihr läuft alles zusammen, sodass sich doppelte Bilder und Töne zu einer einzigen Vorstellung summieren, ehe sie zur Seele gelangen.6

2.2 Die Probleme des Cartesianischen Dualismus

Descartes hatte mit heftigem Gegenwind zu kämpfen, denn argumentativ war seine begründete Hypothese schwach. Es wurde kritisiert, dass er ausgehend von einer epistemischen Tatsache auf eine metaphysische. Tatsache schloss. Außerdem war es der Neurologie nicht möglich die Zirbeldrüse als Sitz des Geistes ausfindig zu machen, was viele nicht verwunderte, da es fraglich war, wie etwas ohne Ausdehnung in etwas mit Ausdehnung verortet sein kann.

Der cartesianische Dualismus brachte jedoch noch weitere Schwierigkeiten mit sich. Das Interaktionsproblem, was an dieser Stelle näher durchleuchtet werden soll. Sofern es sich bei der res extensa und der res cogitans um Substanzen mit unterschiedlichen Attributen, die den Menschen konstituieren, handelt, folgt daraus die Konsequenz, dass eine Wechselwirkung zwischen den beiden Substanzen bedeutet, dass sie in einer besonderer Relation zueinanderstehen müssen.7 Zum einen stellt sich die Frage danach, warum und wie diese Kausalrelation zwischen zwei wesensverschiedenen Substanzen zustande kommt und zum anderen wie sich die Substanzen zueinander verhalten. Des Weiteren ist nicht geklärt, weshalb der Geist eines komplexen sowie funktionsfähigen Gehirns bedarf und wieso er auf nur einen Körper beschränkt ist. Die Problemlösung dieser Fragen beschäftigte die Philosophen derart, dass sich unter anderem der Okkasionalismus aus dem cartesianischen Dualismus entwickelte. Neben den ungeklärten Fragen gab es einen weiteren Einwand gegen den interaktionistischen Dualismus, der aus der Physik stammt. Ihm zufolge würde die Kausalrelation zwischen Körper und Geist die Energieerhaltung verletzen. Dessen war sich Descartes bewusst. Daher argumentierte er, dass der Geist lediglich die Richtung, nicht aber die Geschwindigkeit, welche ein Maß für die Energie darstellt, verändere.8 Doch Leibniz zeigte später, dass eine Richtungsänderung eine Impulsänderung verursacht, die wiederum die Geschwindigkeit verändert, wodurch eine Wechselwirkung zwischen res cogitans und res extensa eine Änderung des Energiezustandes des Systems verursachen würde.9

2.3 Der Okkasionalismus

An dieser Stelle möchte ich nur einen kurzen Einblick in die Lehre des Okkasionalismus geben und nur eine der Problematiken skizzenhaft darstellen. Wie bereits erwähnt beschäftigt sich der Okkasionalismus (lat. occasio = Gelegenheit)10 mit der Frage, wie Körper und Geist kausal miteinander verbunden sind. Die Verschiedenheit der Substanzen, die den Kerngedanken des cartesianischen Dualismus darstellt, wird im Okkasionalismus beibehalten.

Im Gegensatz zu den Cartesianern gehen die Okkasionalisten allerdings davon aus, dass die Wechselwirkung zwischen Körper und Geist einzig auf Gott als Gelegenheitsursache zurückzuführen ist. Demnach bestehe keine direkte Verbindung zwischen den zwei wesensverschiedenen Substanzen, es würde keine Lokalisierung der Seele im Körper benötigt und der Energieerhaltungssatz wurde nicht verletzt werden. Außerdem existiert die Interaktion zwischen Körper und Geist nur noch scheinbar, da jegliche Bewegung durch Gott verursacht werde. Indem der Geist zum Beispiel die Lust verspürt einen Leibniz-Keks zu essen, wird der Körper durch Gott dazu veranlasst, die nötige Handlung auszuüben, die zur Befriedigung des Verlangens führt.

Obwohl einige Probleme durch den okkasionalistischen Ansatz eliminiert wurden, eröffnet er auch neue Schwierigkeiten. Die Problematik besteht darin, dass für jede noch so kleine Bewegungsänderung der Wille Gottes notwendig ist. Ein Wunder wird durch den außerordentlichen Willen Gottes bzw. seines Eingreifens charakterisiert sodass den Okkasionalisten vorgeworfen wurde, dass ihre Lehre eine fortwährende Abfolge von Wundern erfordert, wodurch Gott die von ihm geschaffene Ordnung ständig verändern müsste.11 Leibniz bezeichnet einen solchen Gott später als Deus ex machina.12

Der Okkasionalismus gab den Anstoß für die kritische Auseinandersetzung Leibniz mit der Problematik und der Entwicklung seiner Monadenlehre als Versuch der Problemlösung.13

3 Die Monadenlehre

Für das Verständnis der Leibniz’schen Theorie werde ich zunächst die Eigenschaften der Monade beleuchten, denn die Monadenlehre stellt das Fundament des Systems der prästabilierten Harmonie dar.

3.1 Die Eigenschaften der Monade

Monaden sind bei Leibniz einfache, unteilbare Substanzen, die infinitesimal klein sind, sodass sie als einzelnes betrachtet keine Ausdehnung besitzen. Sie werden als wahrhafte Atome der Natur bezeichnet, da alles aus ihnen zusammengesetzt ist. Da das Zusammengesetzte durch eine neue Anordnung der Monaden entsteht und vergeht, ist die unteilbare Monade unvergänglich, sofern sie nicht durch den Willen Gottes zerstört wird.14

Obwohl allen Monaden die beschriebenen Attribute zukommen, sind sie voneinander gänzlich verschieden, denn jede einzelne Monade konstituiert sich aus der individuellen Idee, die Gott von ihr hat. Jede scheinbare Veränderung der Monade ist bereits bei der Schöpfung durch Gott festgelegt und in der Natur ihrer selbst enthalten.15 Dies bezeichnet man als Entelechie. Leibniz beschreibt die Monade als fensterlos16, da weder etwas von außen in sie eindringen und auf sie wirken kann noch etwas von ihr selbst ausgehen kann, wenngleich es so scheint, dass sich die Monaden gegenseitig beeinflussen, indem sie untereinander interagieren. Die Frage nach der Interaktion beantwortet Leibniz mit Hilfe der Perzeptionen. Zwischen den Welten der Substanzen gibt es Überschneidungen. Doch mit der Schöpfung einer Substanz ist bereits alles in ihr enthalten, einschließlich der sich überschneidenden Teilwelten anderer Substanzen. Folglich ist alles, was einer Substanz widerfährt bereits in ihrem eigenen Sein begründet. Da die Welten der Substanzen sich überscheiden und im Substanzbegriff inbegriffen sind, verfügen sie über einander entsprechenden Perzeptionsverläufen, die es ihnen ermöglichen miteinander zu korrespondieren.17

[...]


1 Vgl. SCHMITT-MAAß: Fénelons "Télémaque" in der deutschsprachigen Aufklärung (1700-1832), S.90.

2 Vgl. CASSIRER: Leibniz‘ System in seinen Wissenschaftlichen Grundlagen, S.61.

3 Vgl. PERLER: René Descartes, S.180.

4 Vgl. BECKERMANN: Descartes’ metaphysischer Beweis für den Dualismus, S.25.

5 Vgl. HOFFMANN: René Descartes, S.177.

6 Vgl. HOFFMANN: René Descartes, S.179f.

7 Vgl. PERLER: René Descartes, S.180.

8 Vgl. BECKERMANN: Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes, S.51f.

9 Vgl. BECKERMANN: Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes, S.52.

10 Vgl. STOWASSER; PETSCHENIG; SKUTSCH: STOWASSER Lateinisch – deutsches Schulwörterbuch, S.347.

11 Vgl. THEIS; AICHELE: Handbuch Christian Wolff, S.169.

12 Vgl. CASSIRER, Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie, S.273.

13 Vgl. CASSIRER, Leibniz System in seinen wissenschaftlichen Grundlagen, S.371.

14 Vgl. LEIBNIZ: Monadologie §1-5, S.112.

15 Vgl. LEIBNIZ: Metaphysische Abhandlung, S.21.

16 Vgl. LEIBNIZ: Monadologie §7, S.113.

17 Vgl. LEIBNIZ: Metaphysische Abhandlung, S.37f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Leibniz' System der prästabilierten Harmonie. Eine Lösung des Leib-Seele-Problems?
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1.3
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V514265
ISBN (eBook)
9783346100498
ISBN (Buch)
9783346100504
Sprache
Deutsch
Schlagworte
leibniz, system, harmonie, eine, lösung, leib-seele-problems
Arbeit zitieren
Teresa Graf (Autor), 2019, Leibniz' System der prästabilierten Harmonie. Eine Lösung des Leib-Seele-Problems?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/514265

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