Hermeneutisches Verstehen von selbstverletzendem Verhalten bei Mädchen und jungen Frauen

Das Phänomen der Depersonalisation und Körperentfremdung


Seminararbeit, 2018

34 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Selbstverletzung Begriffsannäherung und Bedeutung

3. Möglichkeiten zur Entstehung von selbstverletzendem Verhalten bei Mädchen und jungen Frauen
3.1 Neurobiologie des selbstverletzenden Verhaltens

4. Selbstverletzendes Verhalten und Entfremdungserlebnisse
4.1 Körperempfinden in Bezug auf Depersonalisation und Entfremdung
4.2 Auslöser für Entfremdungserleben
4.2.1 Alleinsein
4.2.2 Ausgeliefertsein an vergangene Schrecken
4.2.3 Selbsthass

5. Stadien der Entfremdung
5.1 Das Entfremdungserleben
5.1.1 Entfremdungserleben als Schutz
5.1.2 Entfremdungserleben als Qual
5.1.3 Kälte und Müdigkeit
5.1.4 Sprachlosigkeit
5.1.5 Der Druck

6 Die Rückkehr des Entfremdungserlebens
6.1 Musik
6.2 Körpergrenzen spüren
6.3 Selbstverletzendes Verhalten

7. Verstehen der Elemente von Selbstverletzenden Verhalten
7.1 Blut
7.2 Schmerz
7.3 Narben
7.4 Scham

8. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der Zustand ist furchtbar. Ich habe Angst ich könnte wahnsinnig werden. Ich schlage mich ins Gesicht, bis die Haut ganz rot ist. Aber ich spüre nichts. Ich dusche so heiß, daß ich mich fast verbrenne. Schließlich kommt der starke Drang mir weh zu tun.“ (Schoppmann 2003, S. 28)

Diese Worte einer Patientin machen auf eine Problematik aufmerksam, welcher in vielen Fällen nur wenig Verständnis und Akzeptanz entgegengebracht wird. Selbstverletzung – eine Form, dem eigenen Körper bewusst Schmerzen zuzufügen (vgl. Smith, Cox, Saradjian 2001, S. 9).

Etwa 800.000 Menschen verletzen sich in Deutschland selbst (vgl Welt, https://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article5762100/Immer-mehr-junge-Menschen-verletzen-sich-selbst.html) – die meisten davon sind Mädchen und junge Frauen im Alter von 16-30 Jahren (vgl. Ackermann 2004, S. 11). Auch in der stationären Wohngruppe, in der ich arbeite, verletzen sich 5 der 9 dort wohnenden Mädchen regelmäßig selbst. Dieses Verhalten führt in den meisten Fällen zur Frustration der Betreuerinnen, da sie dafür kein oder kaum Verständnis haben. Sätze wie „Wenn die Mädchen Probleme haben, können sie damit doch zu uns kommen.“ werden geäußert und bewirken, dass die Bewohnerinnen sich nicht verstanden fühlen. Mein Ziel ist es deshalb, das Erleben und die Gefühle von Mädchen und jungen Frauen, die sich selbst verletzen, verstehen und nachvollziehen zu können. Aus diesem Grund werde ich mich mit dem Thema „Hermeneutisches Verstehen von selbstverletzendem Verhalten bei Mädchen und Jungen Frauen – Das Phänomen der Depersonalisation und Körperentfremdung“ auseinandersetzen.

Selbstverletzendes Verhalten wird in zwei Hauptgruppen unterteilt. Zum einen in kulturell sanktionierte Selbstverletzung – darunter zählen Piercingformen und Tattoos und zum andern in deviantes selbstverletzendes Verhalten bei Menschen mit psychischen Erkrankungen, wobei das Phänomen der Depolarisation und Körperentfremdung wirken kann (vgl. Schoppmann 2003, S. 18). In dieser Arbeit werde ich mich auf die letzte Kategorie beschränken. Daraus ergeben sich folgende, für die Studienarbeit relevante, Fragen: „Wie spüren und fühlen Mädchen und junge Frauen in Entfremdungszuständen ihren Körper und wie äußern sie das?“ und „Was beendet den Zustand der Körperentfremdung?“.

Diese Fragestellungen sollen dazu beitragen, das Phänomen der Körperentfremdung und der Depersonalisation aus der Perspektive der Betroffenen – die als Experten ihres Leidens verstanden werden sollten – mit besonderer Beachtung ihres Empfindens zu verstehen und zu erklären. Dafür werde ich zu Beginn erläutern, was Selbstverletzung ist und welche Theorien zur Entstehung dieser bestehen. Da selbstverletzendes Verhalten – wie oben erwähnt einen engen Zusammenhang mit Entfremdungserlebnissen aufweist, werde ich den Schwerpunkt meiner Arbeit darauf legen und die damit verbundenen Theorien, Auslöser, Stadien und Funktionen beleuchten, wie auch die Möglichkeiten der Rückkehr aus solchen Empfindungen beschreiben. Um die Bedeutung der Selbstverletzung für die Betroffenen allumfassend verstehen zu können, möchte ich ein Verständnis für die einzelnen Elemente des Verletzungsprozesses entwickeln und werde im hinteren Teil dieser Arbeit darüber schreiben.

Da ich in dieser Studienarbeit speziell über Selbstverletzung bei Mädchen und jungen Frauen schreibe, werde ich ausschließlich die weibliche Form verwenden, wobei die männliche Form nicht ausgeschlossen ist. Zudem möchte ich mich auf die Verwendung der Begriffe „Selbstverletzung“ (SV) oder „selbstverletzendes Verhalten“ (SVV) beschränken, da „Selbstverstümmelung“ oder ähnliches meiner Meinung nach mit zu vielen „negativen Assoziationen“ (Schoppmann 2003, S. 18) behaftet ist.

Außerdem bezieht sich das Erkenntnisinteresse meiner Studienarbeit auf das persönliche Erleben von Mädchen und jungen Frauen, weshalb ich aus der Perspektive der hermeneutischen Phänomenologie an das Thema herangehe. Dafür verwende ich möglichst viele Zitate von Betroffenen, welche ich versuche mit dem hermeneutischen Zirkel1 zu vertiefen und damit ein Verständnis für das Empfinden zu entwickeln und einen Zugang zu der Perspektive der betroffenen Mädchen und jungen Frauen zu finden – mit dem Gedanken, dass professionelles Handeln Verstehen voraus setzt.

2. Selbstverletzung Begriffsannäherung und Bedeutung

Für das Phänomen der Selbstverletzung des Körpers gibt es zahlreiche Begriffe, wie zum Beispiel „self-injury“, „cutting up“, „Ritzen“ etc. (Schoppmann 2003, S. 30) wobei einige voneinander abgegrenzt werden müssen, da sie verschiedene Bedeutungen bzw. Inhalte und Auswirkungen beinhalten (vgl. Ackermann 2004, S. 15).

Im Jahr 1938 versuchte Menninger in seinem Buch „Men against himself“ zum ersten Mal, selbstverletzendes Verhalten zu definieren. Er verwendete den Begriff „Neurotische Selbstverstümmelung“ für die Beschreibung des damals wie heute auftretenden Verhaltens der Selbstverletzung in Form von Schneiden, Ritzen oder verbrennen der Haut. Menninger verstand solche Verhaltensweisen als eine Art Todestrieb, welcher auch bei suizidalem Verhalten vorausgeht und sich auf vielerlei Weisen – meist jedoch in Form der Selbstverletzung – bemerkbar macht. Bis heute sind sich Wissenschaftler noch uneinig, ob Selbstverletzung ein Krankheitsbild als solches darstellt oder ob es ausschließlich ein Begleitsymptom anderer psychischen Erkrankungen ist (vgl. Kaess 2012, S. 19).

Selbstverletzendes Verhalten findet man auch in religiösen Ritualen und in Stammesrieten wieder. Dort dient dieser Bestandteil dazu, Buße und Kasteiung (Züchtigung) zu inszenieren. Des Weiteren existieren Kulturen, wo die willentliche Verletzung des Körpers auch heute noch durchgeführt wird und als Schönheitsideal (vgl. Ackermann 2004, S. 15), als Ausdruck der Trauer oder als Mutprobe gilt. Bei diesen kulturellen Ritualen steht allerdings nicht der psychische Leidensdruck im Mittelpunkt (vgl. Schulz und Löhr 2015, S. 32-33), aus diesem Grund möchte ich im Weiteren nicht darauf eingehen, da mein Schwerpunkt auf deviante Selbstverletzung und dessen Erleben gelegt ist.

Sebree und Popkess-Vawter definierten 1991 selbstverletzendes Verhalten folgendermaßen:

„self-injury is a deliberale act upon the self, with the intent to injure rather than to kill, which produces immediate tissue damage of the body“ (Schoppmann 2003, S. 31)

[Übersetzung: Selbstverletzung ist ein vorsätzlicher Akt auf das Selbst, welcher unmittelbare Gewebeschäden des Körpers produziert, mit der Absicht zu verletzen, anstatt zu töten.]

Während der Handlung der Selbstverletzung beschreiben die Betroffenen eine Schmerzunempfindlichkeit, welche oft gepaart mit zwanghaften und suchtartigen Zügen auftritt.

Daran wird deutlich, dass selbstverletzendes Verhalten als ein beabsichtigter schädigender Vorgang auf den eigenen Körper beschrieben wird und von suizidalen Handlungen abgegrenzt werden muss (vgl. Schoppmann 2003, S.31). Menningers Aussage verliert dadurch für mich die Relevanz für diese Studienarbeit, da er Selbstverletzung als Form von suizidalem Verhalten versteht. Selbstverletzendes Verhalten stellt genauer betrachtet ein gewisses Paradoxon dar, welches die Widersprüchlichkeit unterstreicht. So ist es zum einen eine aggressive selbstschädigende Handlung gegen den eigenen Körper, auf der anderen Seite ist es hingegen ein Verhalten, welches Selbstschutz ausüben will (vgl. Brunner, Resch 2009, S. 49).

Nitkoski und Petermann beschreiben diesbezüglich Selbstverletzung als eine „funktionell motivierte, direkte und offene Verletzung des eigenen Körpers, die nicht sozial akzeptiert ist und ohne Suizidabsicht vorgenommen wird.“ (Kaess 2012, S. 21)

3. Möglichkeiten zur Entstehung von selbstverletzendem Verhalten bei Mädchen und jungen Frauen

Ursachen für Selbstverletzendes Verhalten können Spannungen zwischen psychologischem und physiologischem Erleben sein, welche durch das Verletzen des eigenen Körpers abgebaut, gemindert oder sogar beendet werden können (vgl. Schoppmann 2003, S. 31).

Aus neurobiologischer und neuropsychologischer Perspektive bestehen bestimmte Entstehungsansätze, welche ich in den folgenden Punkten erläutere.

3.1 Neurobiologie des selbstverletzenden Verhaltens

Auslöser für SVV stellt nicht selten eine Störung der Affektregulation dar, welche sich durch ein erhöhtes Erregungsniveau und eine geringe Reizschwelle für Ereignisse mit hohem Emotionsinhalt verbunden mit einer Verminderung der emotionalen Erregung darstellt. Wahrnehmungen und Emotionen zu differenzieren fällt betroffenen Personen oft schwer und werden als Anspannungs und Stressumstände empfunden. Das Ergebnis von emotionaler Erregung und Anspannung ist in einigen Fällen ein dissoziativer Zustand, in dem die Betroffene gefangen ist. Derartige Zustände sind gezeichnet von Depersonalisations– und Entfremdungserleben, verbunden mit einer bedeutenden Reduktion des Schmerzempfindens. Gründe dafür könnten eine Auslösung oder Hemmung bestimmter Neurotransmitter im Gehirn sein (vgl. Lukas 2003, S. 124).

Selbstverletzendes Verhalten dient an dieser Stelle vor allem dem Spannungsabbau, in selteneren Fällen zur Bestrafung des Selbst. Unter anderem soll das Verletzen des eigenen Körpers zur Unterbindung ungewollter Gefühle oder zum Beenden der Depersonalisation beitragen (vgl. Brunner, Resch 2009, S. 11).

Aktuelle Studien forschen an der Prägung der Mutter auf das Kind im Mutterleib. Genetische Einflüsse spielen bei der Entstehung von selbstverletzendem Verhalten laut neuster Erkenntnisse eine bedeutende Rolle. In der pränatalen Entwicklung des Kindes können somit erste Grundsteine für die Selbstverletzung gelegt werden, indem sich beispielsweise die schwangere Mutter selbst verletzt, keine Liebe für das Kind empfindet oder das Kind ständiger Angst verbunden mit Stress ausgesetzt ist.

Entstehen dadurch Veranlagungen in den Genen des Embryos, können diese in der weiteren Entwicklung des geborenen Kindes ausbrechen, wenn sie dementsprechend durch bestimmte Umweltfaktoren aktiviert werden. Dabei ist die Persönlichkeit und emotionale Stabilität des Menschen entscheidend, ob, wie und in welcher Weise zum Beispiel selbstverletzendes Verhalten auftritt (vgl. Hüther, Weser 2017, S. 51-53,115-122).

Verschiedene Forschungen, zum Beispiel von Herpertz oder Donegan zeigten, dass Betroffene beim Betrachten von emotional anregenden Bildern eine stärkere Aktivierung der linkshermisphärischen Amygdala aufweisen, als gesunde Testpersonen. Dieses Phänomen macht darauf aufmerksam, dass eine Hyperaktivität der Amygdala ein Grund für die intensiven und nur langsam reduzierenden Emotionen von Personen mit selbstverletzendem Verhalten darstellt. (vgl. Brunner, Resch 2009, S. 23) Schlussfolgernd kann die Komplexität der Selbstverletzung bei Mädchen und jungen Frauen als „[...] Kombination von Veränderungen in verschiedenen neurobiologischen Systemen verstanden werden[…]“ (Brunner, Resch 2009, S. 25).

Störungen der Affektregelung werden wahrscheinlich durch Fehlfunktionen in limbischen und frontalen Hirnstrukturen ausgelöst, welche nicht immer auf Spannungen zwischen psychischen Vorgängen und körperlichen Funktionen basieren, sondern vermutlich durch das Erleben von dissoziativen Zuständen gelenkt werden (vgl. Brunner, Resch 2009, S. 25).

Wie oben erwähnt ist der empfundene Schmerz bei der Selbstverletzung geringer, was vermutlich „[…] auf eine Dysfunktion der affektiv-motivationalen Komponente der Schmerzwahrnehmung zurückzuführen […]“ ist (Brunner, Resch 2009, S. 25).

4. Selbstverletzendes Verhalten und Entfremdungserlebnisse

Entfremdungserleben oder Entfremdungszustände werden oft mit dem Synonym „Depersonalisation“ umschrieben und beschreiben eine Veränderung des Selbst. Eine Abgrenzung der Begriffe „Entfremdungserleben“ und „Depersonalisation“ findet in der Mehrzahl der Literatur nicht statt. (vgl. Schoppmann 2003, S. 21) Dennoch gibt es vereinzelt Hinweise auf unterschiedliche Bedeutungen der Begriffe:

Das „Entfremdet sein“ entspricht einer Beziehungsstörung, welche entweder zwischen der Gesellschaft und dem Individuum liegt – dieses meint die Entfremdung. Möglich ist auch eine Störung zwischen Individuum und Bewusstsein, welches der Depersonalisation entsprechen würde. Eine weitere Abgrenzung ist die Bindungsstörung zwischen Individuum und Außenwelt, welche mit Entfremdungserleben gemeint ist (vgl. Habermas 1989, S. 31-34). Depersonalisation und Entfremdung spiegeln einen Zustand wieder, in dem das Ich als fremd empfunden wird und alle Funktionen zu maschinenartigen Ausführungen werden. Die Verbindung zu körpereigenen psychischen (seelischen) Prozessen und körperlichen Bedürfnissen wird unterbrochen und es entsteht ein Unwirklichkeitsgefühl (vgl. Habermas 1989, S. 33), wodurch Angst, Körperschemastörungen, Emotionsverflachungen und Störungen des Zeitgefühls auftreten können. (vgl. Schoppmann 2003, S. 22-23) Eine Betroffene beschreibt das Gefühl der Entfremdung wie folgt:

„Und ähm hab mir dann irgendwie, mehr so in Trance, ich würd noch nich mal sagen, dat ich dat irgendwie bewusst eher so als wenn ich gar nicht selbst, als wenn ich irgendwie weg wär.“ (Schoppmann 2003, S. 82)

Trance ist eine Sammelbezeichnung für enteignete Bewusstseinszustände wie Beispielsweise Benommenheit, Hypnose, Schlafwandeln, Ekstase oder meditative Entrückung in Verbindung mit Erinnerungslosigkeit. (vgl. online Lexikon für Psychologie und Pädagogik, http://lexikon.stangl.eu/5325/trance/) Selbstverletzungen stellen in diesem Moment der Trance für betroffene Mädchen und junge Frauen eine wichtige Fürsorge dar. Im dem Moment, wo die Trance stattfindet, ist die Kommunikation bzw. jede mögliche Art der Kontaktaufnahme zu einem Mitmenschen stark gestört. Die Verletzung des eigenen Körpers, verbunden mit dem lebendigen, warmen Blut auf der Haut, hilft Betroffenen von dem Zustand der Entfremdung (Trance) zurückzukehren und den eigenen Körper wieder bewusst zu spüren.

Es ist ein Gefühl von Aufatmen, befreit zu sein und wieder fühlen zu können (vgl. Eckhardt und Hoffmann 1993, S. 291-292).

Diese Trance setzt ein, wenn sich Betroffene alleine, verlassen und nicht verstanden fühlen, oder wenn die ganze Welt gegen die eigene Person gerichtet scheint und keine Verbindung zu Vertrauenspersonen bestehen. Es ist sozusagen ein Abwehrverhalten gegen das Gefühl von Verlassenheit und Einsamkeit (vgl. Schoppmann 2003, S. 84).

„Diese Abwehr wird als Schutzmechanismus im Erleben von bedrohlichen Situationen verstanden, die Aspekte für Überlebensfunktionen beinhaltet“ (Schoppmann 2003, S. 24)

4.1 Körperempfinden in Bezug auf Depersonalisation und Entfremdung

Wie ich weiter vorne schon erwähnte, fühlen sich die Körperfunktionen – bezogen auf Bewegungen und Reaktionen – in Entfremdungszuständen wie maschinelle Prozesse an (vgl. Eckhardt und Hoffmann 1993, S. 289).

„Der ganze Körper oder Körperteile werden als unwirklich, als nicht mehr zum Körperselbst zugehörig erlebt“ (Schoppmann 2003, S. 25)

Die Wahrnehmung einzelner Körperteile ist gestört und verzerrt. So werden beispielsweise die Arme dicker oder dünner wahrgenommen, fühlen sich taub oder tot an und abgetrennt von dem Körper. Auch die Wahrnehmung der Sinne – Hören, Sehen, Fühlen, Schmecken, Riechen – kann dysfunktional, wie zum Beispiel abgestumpft sein (vgl. Eckhardt und Hoffmann 1993, S. 289, Schoppmann 2003, S. 25). Körperschema und Körperbild spielen hierbei eine bedeutende Rolle. Das Körperschema beinhaltet die Oberflächen und Tiefensensibilität, den Gleichgewichtssinn, die visuelle Wahrnehmung welche alle zu den neurophysiologischen Anteilen der Körpererfahrung gehören. Die Abgrenzung des Körperschemas eines Säuglings von dem der Mutter beginnt schon ab dem 7. Monat, innerhalb der motorischen Entwicklung. Die emotionale und affektive Besetzung des Körpers wiederum, wird zum Körperbild geordnet. Einfluss auf das Körperbild nehmen persönliche Erfahrungen, wie auch gesellschaftliche und kulturelle Werten, Normen und Ideale (z.B. Schönheitsideal) (vgl. Küchenhoff 2003, S. 176-178).

Anhand dieser Erklärungen wird deutlich, dass die persönliche Körperlichkeit im engen Zusammenhang mit dem Ich-Erleben steht.

So prägen kulturelle, gesellschaftliche Faktoren, Schönheitsideale und verschiedene Erkrankungen das Erleben des eigenen Körpers. (vgl. Schoppmann 2003, S. 25-27)

4.2 Auslöser für Entfremdungserleben

Entfremdungserleben wird immer wieder in engen Zusammenhang mit Traumata gebracht. Traumatisierungen sind sehr unterschiedlich und können auf verschiedene Art und Weise verlaufen. Beispiele sind Kindesmisshandlungen, psychisch kranke Eltern, Deprivation in der Säuglingszeit und zahlreiche weitere. Einige Frauen und Mädchen äußern auch, sich am Tod der chronisch suizidalen Mutter schuldig zu fühlen (vgl. Lukas 2003, S. 89). Liest man diese Ereignisse als Außenstehender, kann man sich wahrscheinlich gar nicht erdenken, welches Leid, Schmerz und Demütigung für Betroffene sich dahinter verbirgt (vgl. Eckhardt und Hoffmann 1993, S. 300). Kinder, die von Verwandten zur Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse benutzt werden, obwohl sie eigentlich die Rolle des Schutzbefohlenen einnehmen sollten; Kinder, die für ihre Mütter und Väter Verantwortung übernehmen und besorgt darauf achten, dass die Mutter keine Überdosis an Medikamenten einnimmt oder der Vater betrunken nach Hause findet; Kinder, die von ihrer schizophrenen Mutter tagelang im Kleiderschrank eingesperrt und vergessen werden und trotzdem – zum Schutz der Mutter – in der Schule Ausreden erfinden, wieso sie nicht am Unterricht teilnehmen konnten; Säuglinge, welche statt Liebe und Zuneigung – Gewalt und Vernachlässigung erfahren. Die Aufzählung an konkreten Beispielen könnte seitenlang fortgesetzt werden aber ich werde mich nun auf den Zusammenhang von Depersonalisationserfahrungen konzentrieren. Dafür ist zu erwähnen, dass nicht alle Menschen, welche ein Trauma erlebt haben, selbstverletzendes Verhalten an den Tag legen oder Entfremdungszustände erleben. Meistens sind es junge, attraktive und intelligente Frauen, welche der Mittelschicht angehören, die derartiges durchleben (vgl. Schoppmann 2003, S. 97-98). Von Natur aus sind Menschen an die Dimensionen „Zeit“, „Leib“ und „Raum“ gebunden. Dennoch gibt es Gefühlslagen, wo Störungen auf diesen Ebenen vorzufinden sind (Moldzio & Schmid-Siegel 2002, S. 167-169). „Im Zustand der Entfremdung kann die Bindung an jede dieser Dimensionen, also an die Leiblichkeit, die Zeitlichkeit und die Räumlichkeit, unterbrochen sein.“ (Schoppmann 2003, S.98) Auslöser für Entfremdungserleben können dementsprechend unerträgliche Gefühlslagen sein, welche sich auf Traumata und/oder Störungen des Erlebens von den oben genannten Dimensionen zurückführen lassen.

[...]


1 1. Es besteht ein Vorverständnis für die Thematik, dann wird der Text (das Zitat) gelesen. Dieses wird interpretiert, mit Beeinflussung des Vorverständnisses. Als 3. Schritt findet die Deutung und Auslegung des Gesagten statt und ermöglicht damit eine Kontexteinbindung. Eine weitere Interpretation, aufbauend auf den vorherigen Schritten bildet den nächsten Schritt des hermeneutischen Zirkels. Diese dadurch gewonnenen Erkenntnisse beeinflussen nun das „Vorverständnis“ und eröffnen ein Abbild des Blickwinkels des Autors.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Hermeneutisches Verstehen von selbstverletzendem Verhalten bei Mädchen und jungen Frauen
Untertitel
Das Phänomen der Depersonalisation und Körperentfremdung
Hochschule
Duale Hochschule Gera-Eisenach (ehem. Berufsakademie Thürigen in Gera)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
34
Katalognummer
V514292
ISBN (eBook)
9783346114082
ISBN (Buch)
9783346114099
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hermeneutisches, verstehen, verhalten, mädchen, frauen, phänomen, depersonalisation, körperentfremdung
Arbeit zitieren
Michéle Wohlrab (Autor), 2018, Hermeneutisches Verstehen von selbstverletzendem Verhalten bei Mädchen und jungen Frauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/514292

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