Bismarcks Sozialisation zum Urpreußen und sein politisches Werden im historischen Umfeld


Seminararbeit, 2001

22 Seiten, Note: 2+


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Fragestellung
1.2. Forschungsstand

2. Der konservative Urpreuße
2.1. Herkunft der Bismarcks
2.2. Bismarcks Entwicklung im historischen Umfeld
2.3. Selbstfindung auf den pommerschen Gütern und Hinwendung zum Glauben

3. Die Bedeutung der Herkunft Bismarcks für die deutsche Politik
3.1. Politische Sozialisation
3.2. Der deutsche Nationalismus – das Instrument der Reichsgründung

4. Schluß

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Fragestellung

In der deutschen Geschichte hat kaum eine historische Persönlichkeit so viele Kontroversen ausgelöst wie der Urpreuße und Reichsgründer Otto von Bismarck. Einige Historiker sehen in ihm den genialen Staatsmann, der es gekonnt verstanden hat, die Politik, seinen Zielen entsprechend, zu beeinflußen. Es gibt jedoch eine Vielzahl von Kritikern, die den „Eisernen Kanzler“ als reaktionären Manipulator bezeichnen, der durch die von ihm eingeleitete Reichsgründung den Weg für das „Dritte Reich“ Adolf Hitlers ebnete. Doch wer war dieser Mann wirklich, der neben Friedrich dem Großen auch heute noch als Synonym für das preußische Beamtentum und Militärwesen steht?

Die folgende Ausarbeitung beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Biographie Bismarcks bis zu seinem 33. Lebensjahr. Sie soll einen Blick auf seine Sozialisation in einer traditionell preußischen Umwelt geben, die ihn in seiner Wesensart und seinen Verhaltensweisen entscheidend geprägt hat. Der zweite Teil der Arbeit wird näher auf die Bedeutung der Herkunft Bismarcks in Bezug auf seine zukünftige Politik eingehen. Der letzte Aspekt soll Auskunft darüber geben, ob Bismarck tatsächlich ein deutscher Patriot gewesen ist, für den er sich nach 1866 ausgab. War es innere Überzeugung die ihn antrieb, sich für eine Einigung des deutschen Volkes einzusetzen, oder war der Nationalismus nur ein Instrument für sein preußisches Hegemoniestreben?

Zur Person Otto von Bismarcks sind in den letzten Jahrzehnten unzählige Werke erschienen, die sich mit seinem Leben und seiner Politik auseinandergesetzt haben. Diese Ausarbeitung stützt sich auf folgende grundlegende Biographien Bismarcks:

1.2. Forschungsstand

Ernst Engelberg, Bismarck: Urpreuße und Reichsgründer:

Die überwiegend positive Darstellung des ehemals führenden DDR – Historikers Ernst Engelberg basiert auf zum Teil unveröffentlichtem Quellenmaterial. Schwerpunktmäßig hat sich der Autor mit der Herkunft Otto von Bismarcks, seiner Jugendgeschichte und den Lehrjahren auf seinem Weg in die deutsche Politik auseinandergesetzt. Die politischen Ereignisse des 19. Jahrhunderts kommen auch in dieser Biographie zum Tragen, nehmen jedoch eher einen sekundären Stellenwert ein. Insgesamt ist es Ernst Engelberg hervorragend gelungen, eine lebhafte und umfassende Darstellung der näheren Familiengeschichte Bismarcks zu schaffen.

Otto Pflanze, Bismarck – Der Reichsgründer:

Die umfangreiche Gesamtdarstellung von dem aus Deutschland emigrierten Historiker Otto Pflanze ist ebenfalls auf zwei Bände angelegt. Der für diese Ausarbeitung relevante erste Teil behandelt das Leben Bismarcks bis 1875. Für sein Werk hat der Autor die Methode des Geschichtsphilosophen Wilhelm Dilthey angewendet, der die historische Persönlichkeit im Zusammenwirken mit der geschichtlichen Welt sieht. Deshalb bezieht sich Pflanze nicht nur auf die persönliche Lebensgeschichte Bismarcks. Er hat vielmehr das wirtschaftliche, soziale, politische und geistige Umfeld Bismarcks aufgegriffen, welches ihn prägte und das er in gewissem Maße mitverändert hat. Die Herkunft Bismarcks wird, im Verhältnis zur Biographie Engelbergs, eher komprimiert beschrieben. Eine besondere Gewichtung legt der Autor allerdings auf das gespannte Mutter – Sohn – Verhältnis, das er versucht hat, verhaltenspsychologisch zu interpretieren. Die Biographie von Otto Pflanze ist eine sehr verständlich geschriebene Darstellung, die neben der Lebensgeschichte Bismarcks die sozialen und politischen Geschehnisse des 19. Jahrhunderts aufzeigt.

Lothar Gall, Bismarck – Der weiße Revolutionär

Die Biographie des westdeutschen Bismarck –Experten Lothar Gall gilt als wissenschaftliches Standardwerk der Bismarckforschung. Diese Gesamtdarstellung verbindet schnörkellos die persönliche Lebensgeschichte Bismarcks mit der Zeitgeschichte. Lothar Gall betrachtet die politischen Verhältnisse dieser Ära sehr ausführlich. Die persönliche Entwicklung des Reichskanzlers wird nur in groben Zügen behandelt.

2. Der konservative Urpreuße

2.1. Herkunft der Bismarcks

Am 1. April 1815 wurde Otto von Bismarck als viertes Kind eines traditionsreichen preußischen Adelsgeschlechts der Altmark in Schönhausen geboren. Väterlicherseits ließ sich der Familienzweig der Bismarcks bis in das dreizehnte Jahrhundert zurückverfolgen.

Die zentrale Figur dieses Clans von Ministerialen, die beurkundet waren als führende Mitglieder einer Gewandschneidergilde und des Stadtrats von Stendal, war Klaus von Bismarck, der den Grundstein für das Vermögen der kommenden Generationen legte.[1] Die Schönhausener Linie, der Otto von Bismarck angehörte, wurde im siebzehnten Jahrhundert begründet. Sie tat sich in besonderem Maße durch militärische Erfolge und Königstreue hervor, was ihr weitere materielle Vergünstigungen einbrachte. Bedingt durch eine weite Ausdehnung dieses Adelsgeschlechts kam es in den folgenden Jahren zu mehreren Teilungen des gutsherrlichen Grundbesitzes.[2]

Ferdinand von Bismarck, der Vater des späteren Reichskanzlers, war ein nicht überdurchschnittlich begabter, aber auf seinen Vorteil bedachter Landedelmann, der sich seinen Bauern gegenüber gerne als Patriarch gebärdete. Im märkischen Landadel genoß der handfeste, aber gutmütige Mann kaum Einfluß. Seiner Frau Wilhelmine Louise, die er am 6. Juli 1806 geheiratet hatte, war die junkerliche, provinzielle Welt ihres Gatten ein Greuel. Die Mutter Bismarcks, eine geborene Mencken, stammte aus einer Gelehrtenfamilie und wurde dementsprechend in einer kulturvollen Atmosphäre ganz im Sinne der Aufklärung erzogen. Den preußischen Landadel, in den sie einheiratete, empfand Wilhelmine von Bismarck in ihrer liberalen Weltanschauung, als reaktionär. Trotz der großen Diskrepanz der Eheleute sowohl in ihrer Wesensart als auch in ihrer Bildung, harmonierten sie im alltäglichen Leben. Der „linkische“ Ferdinand überließ seiner intellektuellen Frau größtenteils die Geschäfte sowie die Erziehung der gemeinsamen Kinder. Ernst Engelberg bezeichnete die Vermählung von Ferdinand von Bismarck mit Wilhelmine treffend als Symbiose von adligem Gutsbesitz und königlicher Residenz, da diese Verbindung für ihn einen Prestigegewinn bedeutete und für sie die Sicherheit des Grundbesitzes.[3]

2.2. Bismarcks Entwicklung im historischen Umfeld

Die Kindheit und Jugend sind für einen jungen Menschen die Jahre, in denen er maßgebend in seiner Entwicklung beeinflußt wird und die ihn für sein gesamtes Leben prägen. Für Otto von Bismarck trifft dies mehr im negativen Sinne zu. Noch in seinen letzten Lebensjahren blickte der Reichskanzler mit Bitterkeit auf seine „verpfuschte“ Kindheit zurück. Die Ursache dieser negativen Eindrücke war in seinen Augen die ehrgeizige, lieblose Mutter. So schrieb er 1847 an seine Verlobte, Johanna von Puttkamer: „Meine Mutter war eine schöne Frau, die äußre Pracht liebte, von hellem lebhaften Verstande, aber wenig von dem, was der Berliner Gemüth nennt. Sie wollte, daß ich viel lernen und viel werden sollte, und es schien mir oft, daß sie hart, kalt gegen mich sei. Als kleines Kind haßte ich sie, später hinterging ich sie mit Falschheit und Erfolg“.[4]

Tatsächlich war die spröde Wilhelmine in der Erinnerung ihrer Kinder keine liebevolle Mutter. Die Kusine Ottos, Hedwig von Bismarck, sprach von ihr als einer kalten, unzugänglichen Frau, und ein Bruder Ferdinands charakterisierte seine Schwägerin sogar als „Fischnatur“. Die Mutter Bismarcks machte in ihrer näheren Umgebung den Eindruck einer nervösen, überspannten Person, weshalb sie sich auch häufig auf Kuren begab, die mit längeren Reisen verbunden waren.[5] Als Bismarck 1821 mit sechs Jahren in der humanistischen Erziehungsanstalt von Plamann in Berlin eingeschult wurde, mußte dies für ihn den Eindruck bestätigen, „seiner schöngeistigen Mutter sei Kindererziehung unbequem gewesen, und sie habe sich schon früh davon losgesagt [...]“.[6]

[...]


[1] Engelberg, Ernst: Bismarck. Urpreuße und Reichsgründer, Berlin 1985, S. 16 f.

[2] Ebenda, S. 4 und 11 f. Karl Ludolf von Bismarck, der es im Gegensatz zu seinem Bruder August, zu keinen militärischen Ehrungen brachte, wurde durch seinen nicht standesgemäß geborenen Sohn zum Stammvater der rheinisch- süddeutschen Linie der Bismarcks. Sein Enkel, Friedrich Wilhelm (1783 – 1860), schrieb seinen Namen zur besseren Unterscheidung später mit einfachem k.

[3] Engelberg, S. 27, 37, 59, 61, 63 f. u. Pflanze, Otto: Bismarck. Der Reichsgründer, Bd. 1, München 1997, S. 48.

[4] Pflanze, S. 45.

[5] Ebenda, S. 46 ff.

[6] Ebenda, S. 48. Bismarck beklage sich häufig bei Freunden und Bekannten über seine unglückliche Kindheit, wie bei diesem Abendessen am 30. März 1878, wie Freiherr Lucius von Ballhausen berichtete.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Bismarcks Sozialisation zum Urpreußen und sein politisches Werden im historischen Umfeld
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Veranstaltung
Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler
Note
2+
Autor
Jahr
2001
Seiten
22
Katalognummer
V51440
ISBN (eBook)
9783638474122
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bismarcks, Sozialisation, Urpreußen, Werden, Umfeld, Deutsche, Außenpolitik, Bismarck, Hitler
Arbeit zitieren
Nicole Rösingh (Autor), 2001, Bismarcks Sozialisation zum Urpreußen und sein politisches Werden im historischen Umfeld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51440

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