Die Entwicklung der Einkommensungleichheit zwischen Frauen und Männern in Deutschland im Zeitraum von 1991 bis 2017


Bachelorarbeit, 2019

54 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

1 Einführung

Dass Frauen durchschnittlich weniger verdienen als Männer ist ein weit verbreitetes und indessen wohlbekanntes Phänomen (Ridgeway, 2011). In dieser Arbeit wird ein Licht auf die Entwicklung des bereinigten und unbereinigten Gender Pay Gap im Zeitraum von 1991 bis 2017 geworfen (Blau & Kahn 2007). Die Arbeit fokussiert sich auf die Entwicklung der Entgeltlücke zwischen Frauen und Männern in Deutschland, wobei durch Berücksichtigung der Breite der theoretischen und empirischen Literatur zum Thema, ein kurzer Überblick über den europäischen Ländervergleich anhand der Esping-Andersen-Typologie (1990) der Wohlfahrtsstaaten veranschaulicht wird. Kritiker führen an, dass der Ansatz des Ernährermodells von Esping-Andersen einen Teil des Gender Pay Gap erklären kann und gesellschaftliche Modernisierungsprozesse die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung reproduzieren (Lewis & Ostner, 1994; Ostner 1995; Pfau-Effinger, 2001).

Theoretisch wird zudem das zugrundeliegende meritokratische Arbeitsmarktmodell herangezogen und analysiert inwieweit es die Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern erklären kann (Bell, 1974; Turner, 1960; Ullrich, 2005; Krell & Tondorf, 1997).

Zur Erklärung des Gender Pay Gap wird anschließend der soziologische Ansatz zur geschlechtsspezifischen Segregation auf dem Arbeitsmarkt herangezogen. Die Devaluationshypothese postuliert eine allgemeine Entwertung von weiblicher Arbeit, auch innerhalb einer Berufsgruppe. (England, 1992; Auspurg & Hinz, 2017). Es wird davon ausgegangen, dass die berufliche geschlechtsspezifische Segregation einen bedeutenden Teil des Gender Pay Gap erklären kann (England 1982; England et al. 2000; Hinz & Gartner 2005; Beck-Gernsheim 1980).

Datengrundlage zur Entwicklung des unbereinigten und bereinigten Gender Pay Gap in Deutschland ist das Statistische Bundesamt. Während der unbereinigte Gender Pay Gap die Entgeltlücke zwischen allen erwerbstätigen Frauen und Männern untersucht, kann mit der bereinigten Entgeltlücke der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern mit vergleichbaren Eigenschaften analysiert werden. Dieser Teil wird in der Literatur auch als erklärter Teil der Lohnlücke bezeichnet und bezieht geschlechtsspezifische Merkmale, wie unterschiedliche Wochenarbeitszeiten, Branchen oder Erwerbserfahrung in Betracht (Boll & Lagemann, 2018). Der erklärte Teil des Gender Pay Gap ist keineswegs frei von Diskriminierungen, dennoch ist die bereinigte Entgeltlücke nicht mit Diskriminierung gleichzusetzen (Gallego Granados & Geyer 2013), da es in der Praxis kaum möglich ist, alle strukturellen Merkmale, die zur Erklärung der Einkommensungleichheit unabdingbar wären, auch in der Statistik zu berücksichtigen.1 Der Entgeltunterschied ergibt sich als prozentualer Verdienstabstand im Bruttostundenlohn zwischen Frauen und Männern. Umfang und Komponenten der Entgeltlücke verändern sich je nach verwendeten Daten und Methoden. Folglich ist die Frage, welcher Anteil des Lohndifferenzials mithilfe beobachtbarer Merkmale erklärt werden kann, von der untersuchten Stichprobe, den verfügbaren Variablen und der Methode abhängig.

Zur Analyse des Gender Pay Gap werden Daten aus der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) (Bedau & Krause 1998; Becker et al. 2002; Becker & Hauser 2003) herangezogen. Die Berechnungen des Statistischen Bundesamtes zum Gender Pay Gap basieren auf dieser Datengrundlage. Detaillierte Informationen zur Analyse der geschlechtsspezifischen Entgeltlücke auf Basis der EVS liegen nur alle fünf Jahre vor, sodass relevante Daten des Sozioökonomischen Panel (SOEP) (Hans- Böckler-Stiftung 2018; SOEP Welle 09-33) zur Ergänzung der Datenbasis geeignet sind. Zur Veranschaulichung des Gender Pay Gap wird hier die Komponentenzerlegung Oaxaca (1973) und Blinder (1973) verwendet.

Als Erklärungsansatz für den Gender Pay Gap zeigen empirische Befunde demnach, dass der Frauenanteil in Berufen sowie die gleichzeitige kulturelle Entwertung von mehrheitlich von Frauen ausgeübten Tätigkeiten hierbei eine bedeutende Rolle spielen, wobei aktuell Frauen in von Männern dominierten Berufsfeldern keine Seltenheit mehr sind (England, 1992; England et al., 2000; Reskin, 1993).

Die Höhe des Verdienstes ist auf die Zuordnung des Berufs in eine „Männerbranche“ oder „Frauenbranche“ zurückzuführen, wobei typische Frauenberufe, im Vergleich zu Männerberufen, zum Beispiel technische Berufe, durch geringere und mittlere Verdienste charakterisiert sind.

Ein weiterer wichtiger Erklärungsansatz für den unbereinigten Gender Pay Gap ist, dass Frauen noch immer häufiger als ihre männlichen Kollegen teilzeit- oder geringfügig beschäftigt sind (Vogel, 2009; Boll, 2010). In den meisten Fällen gehen Frauen Teilzeitbeschäftigungen nach und reduzieren somit die Arbeitszeit, um Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren zu können. Dieses Phänomen hat erhebliche Auswirkungen auf den Gender Pay Gap. Über den Einfluss der Teilzeitarbeit hinaus, sind hierbei auch die Erwerbsunterbrechungen maßgeblich, da diese noch immer die Lebensläufe von Frauen prägen und nicht die von Männern, auch wenn Frauen heutzutage schneller zum Beruf zurückkehren (Boll & Leppin, 2014; Boll 2010; Frodermann et al., 2018). Die oben genannten Faktoren erklären jedoch nur einen Teil der Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern. Ein weiterer Teil bleibt unerklärt und lässt sich empirisch nicht als Auswirkungen der angesprochenen Faktoren erklären. Für diesen unerklärten Teil der ungleichen geschlechtsabhängigen Entlohnung wird als Ursache Diskriminierung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt herangezogen. Um eine ausgewogene Verteilung der bezahlten und unbezahlten Arbeit zwischen Frauen und Männern zu gewährleisten, sind Veränderungen der sozialen und kulturellen Normen, Denkmuster und Verhaltensweisen unabdingbar. Hierbei kommt der Politik eine entscheidende Aufgabe zu.

Um der Frage nachzugehen, welche Faktoren zu den Entwicklungen des bereinigten und des unbereinigten Gender Pay Gap im Zeitverlauf beigetragen haben, untersucht diese Arbeit die Hypothese, ob die Einführung des Mindestlohnes in Deutschland am ersten Januar 2015 die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern verringert hat, da Frauen durchschnittlich öfter in Branchen und Berufen repräsentiert sind, die von der Mindestlohnregelung profitieren dürften. Dabei wird eine für Deutschland repräsentative Stichprobe des SOEP (Boll et al. 2015) für das Jahr 2012 herangezogen.

Zudem geht die vorliegende Arbeit davon aus, dass sich der Gender Pay Gap in den kommenden Jahren verringern wird. Hintergrund dieser Annahme ist der im Juli 2017 in Kraft getretene Entgelttransparenzgesetz (Haan 2017). Frauen verdienen in Deutschland im Durchschnitt 21 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Auch bei Berücksichtigung von strukturellen und individuellen Faktoren verbleibt immer noch eine Lohnlücke von 6 Prozent. Da sich der Gender Pay Gap in dem oben genannten Zeitraum zwischen 21 und 23 Prozent schwankten soll dieses Gesetz künftig Frauen, anhand der Durchführung betrieblicher Prüfverfahren sowie eine Berichtspflicht zu Gleichstellung und Entgeltgleichheit, dabei unterstützen, ihren Anspruch auf gleiches Entgelt bei vergleichbarer Arbeit zu fordern.2

2 Definitionen

Nun stellt sich die Frage, warum die Einkommensungleichheit in fast allen OECD- Ländern seit den 1970ern kontinuierlich ansteigt (OECD, 2016) und welche Gründe es für die unterschiedliche Entwicklung der Einkommensungleichheit gibt. In der Literatur finden sich mehrere Erklärungsansätze, von denen in dieser Arbeit nun die wichtigsten aufgegriffen werden. In der Soziologie sind verschiedene Definitionen von Ungleichheit zu finden. Die Vorliegende Arbeit orientiert sich größtenteils an der Definition des Lexikons zur Soziologie (2011).

Auch bei der Erhebung und Analyse von Einkommensdaten stellt die Auswahl eines geeigneten Einkommensbegriffs und der darin enthaltenen Einkommensarten ein Problemfeld dar. Um dies zu präzisieren, werden die in dieser Arbeit verwendeten Begriffe und ihre Abgrenzung von anderen Arten und Größen im Folgenden genauer definiert.

2.1 Ungleichheit

Formen von Ungleichheit stehen im Zentrum des sozialpolitischen Interesses, weshalb es unabdingbar ist, diese im Einzelnen zu definieren. Das Lexikon zur Soziologie (Fuchs-Heinritz, 2011) beschreibt soziale Ungleichheit als jede Art der Teilhabe an der Gesellschaft beziehungsweise der Verfügung über gesellschaftlich relevante Ressourcen. Außerdem wird soziale Ungleichheit als die Differenzierung der Gesellschaftsmitglieder nach sozial relevanten Merkmalen (Bildung, Einkommen, Vermögen, Berufsposition, Einfluss, Ansehen, Wohn-, Arbeits-, Freizeitbedingungen, soziale Sicherung), mit denen gleichzeitig hierarchisierende Bewertungen verbunden sind definiert.3 Darüber hinaus ist Ungleichheit auf Basis von drei Kriterien zu definieren. Zum einen wird Ungleichheit empfunden, wenn es sich um die Verteilung von Gütern handelt, die in jener Gesellschaft knapp sind. Neben der Knappheit ist die Attraktivität eines Gutes eine weitere Voraussetzung hierfür. Darüber hinaus wird die Dauer der Ungleichverteilung als Kriterium zur Unterscheidung von Ungleichheit herangezogen. Hierbei wirken systematische und kontinuierliche Ursachen, wie zum Beispiel die ungleiche Entlohnung während temporäre Ungleichheiten in Folge von Lottogewinnen beispielsweise nicht berücksichtigt werden.4

Ungleichheit in Form von Einkommensungleichheit entsteht nach Kaufmann (1978) durch staatliche Eingriffe in die primäre Einkommensverteilung, Preis- oder Lohnerhöhungen, innerhalb des marktwirtschaftlichen Systems.

Die Theorien sozialer Ungleichheit, angefangen bei Marx und seinem Klassenmodell bis hin zu Analysen der Gegenwart zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind mannigfaltig. Bisher wurden diese traditionellen Klassen- beziehungsweise Schichtungsmodelle mit den Kategorien soziale Schicht oder soziale Klasse behandelt. Der neue soziologische Terminus, soziale Ungleichheit beschreibt jedoch weitreichendere Theorien, weshalb in der vorliegenden Arbeit dieser Oberbegriff bevorzugt wird. Neben vertikalen Ungleichheiten, die die sozialen Schichtungs- beziehungsweise Klassenstrukturen thematisieren, umfasst der Begriff der sozialen Ungleichheit weitere Formen nicht- vertikaler Unterschiede. Inbegriffen sind geschlechts- oder altersbedingte Disparitäten sowie Benachteiligungen auf religiöser oder ethnischer Basis.5

Von entscheidender Bedeutung ist deshalb, welche Probleme und Fragestellungen die einzelnen Modelle in den Vordergrund stellen. Im Gegensatz zu klassischen Klassen- und Schichtstrukturen wird die Sozialstruktur in modernen Modellen vielmehr anhand von Aspekten, wie Lebensstilen, Lebensläufen, Milieus oder soziale Lagen thematisiert. Obgleich diese Begriffe heutzutage mit den Ursachen sozialer Ungleichheit gleichgestellt werden, stellt die Erwerbstätigkeit beziehungsweise das damit verbundene Einkommen nach wie vor eine bedeutende Komponente dar. Auch Krais und Maruani (2001) stimmen darin überein, dass die geschlechtsbedingte Ungleichheit eine der zentralen Achsen von sozialer Ungleichheit in modernen Gesellschaften ist. Demnach wird diese Ungleichheit in den modernen Gesellschaften, die von Märkten und Erwerbsarbeit geprägt sind, immer noch über die Arbeitswelt vermittelt.6 In nahezu allen Gesellschaften ist die Definition und Verteilung von Aufgaben, Berufen sowie Professionen nach dem binären Gegensatz von weiblicher und männlicher Domäne vorhanden.7

Überdies ist die Differenz zwischen Ungleichheit und sozialer Ungleichheit maßgeblich. Soziale Ungleichheit liegt vor, wenn vorhandene Ungleichheiten sozial veränderbar sowie sozial bedingt sind. Hierzu gehören Ungleichheiten, die sich aus dem Prozess des gesellschaftlichen Lebens ergeben und auf kollektive Lagen hinweisen. Ungleichheiten in den Bereichen Einkommen, Vermögen, Rechte, Bildung und Wohnen sind hierzu einzuordnen. Zu den nicht sozial bedingten Ungleichheiten zählen Unterschiede bei Merkmalen wie Geschlecht, Alter, Aussehen oder Intelligenz. In der vorliegenden Arbeit werde ich das Zusammenwirken der Unterschiede aus diesen beiden Bereichen berücksichtigen.

2.2 Einkommensbegriffe

Doch obwohl in fast allen OECD-Ländern ein Anstieg in der Einkommensungleichheit zu verzeichnen ist (Bosch & Kalina, 2017; Atkinson, 2003), bestehen im Ausmaß der Einkommensungleichheit erhebliche Unterschiede. Diese Unterschiede sind sowohl zwischen Primär- und Sekundäreinkommen als auch zwischen den verschiedenen Staaten zu beobachten.

Hauser (2003) unterscheidet zwischen den Begriffen Markteinkommen, Haushaltsnettoeinkommen und Äquivalenzeinkommen. Das Markteinkommen oder auch Primäreinkommen oder Bruttoverdienst genannt, auf der einen Seite beschreibt das Erwerbseinkommen, Vermögens- und Unternehmenseinkommen einer Person oder eines Haushalts. Es schließt den nicht am Markt erwirtschafteten Vermögenszuwachs, wie beispielsweise Erbschaften oder Schenkungen, aus.8 Hierbei handelt es sich also unter anderem um unselbstständige beziehungsweise selbstständige Arbeit und/oder unversteuerte Vermögenseinnahmen beziehungsweise Untervermietungseinnahmen oder dem Wert selbst genutzten Wohneigentums. Die am Markt bewertete Leistungsfähigkeit eines Haushalts, bezogen auf Arbeitsangebot und Kapital wird somit widergespiegelt. Staatliche Transferleistungen, Abgaben oder Sachleistungen sind aus diesem Grund im Markteinkommen nicht inbegriffen. Das Markteinkommen hat jedoch wenig Aussagekraft, da es weder die Verhältnisse im Markt wiederspiegelt noch die letztlich verfügbare Menge an Einkommen angibt.

Rechnet man dem Markteinkommen Sozialtransfers, wie Wohngeld, Kindergeld oder Steuer- und Sozialabgaben zu, so spricht man vom Haushaltsnettoeinkommen. Beispiele hierfür sind die Vermögensteuer sowie der ArbeitnehmerInnenbeitrag zur Renten-, Arbeitslosen-, Pflegeversicherung.9

Durch Abzug freiwilliger Krankenversicherungszahlungen und Altersvorsorgeleistungen ist eine Weiterentwicklung des Nettoeinkommens von Selbstständigen zum „verfügbaren Einkommen“ möglich. Allgemein gilt: Je geringer die Ungleichheit beim verfügbaren Einkommen im Vergleich zur Ungleichheit beim Markteinkommen ist, desto größer gilt die durch staatliche Eingriffe erzielte Umverteilungswirkung (Conference of European Statisticians, 2001).

Im Zentrum steht nicht zwangsläufig der individuelle Einkommensempfänger. Vorzugsweise wird aus wohlfahrtstheoretischer Sicht der Bezug auf private Haushalte hergestellt. Hierbei ist die Rede vom Äquivalenzeinkommen. Dieses beschreibt das nach der Größe und Zusammensetzung des Haushalts bedarfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen. Bei der Untersuchung der Einkommenslage geht man von der Grundidee aus, dass Haushalte Wirtschaftsgemeinschaften sind und die Haushaltsmitglieder ihre Einnahmen zusammenlegen und ihren Lebensunterhalt aus einem gemeinsamen Budget bestreiten. Maßgebend ist hierbei, dass jedem Mitglied der gleiche Nutzen aus diesem Einkommen zufließt. Dies ermöglicht zudem die Berücksichtigung der differenzierten Einkommensbedarfe von Erwachsenen und Kindern. Denn aufgrund der Kostenersparnis durch das Zusammenleben in einem Haushalt und wegen des geringeren Bedarfs von Kindern wäre eine einfache Gewichtung nach der Zahl der Haushaltsmitglieder realitätsfremd.10 Für die Umrechnung werden von der OECD entwickelte Äquivalenzskalen verwendet und jedem Haushaltsmitglied wird ein Faktor zugeordnet.11 So wird dem ersten Erwachsenen, der Bezugsperson in Mehrpersonenhaushalten, die 1 zugeordnet. Weitere Haushaltsmitglieder ab 15 Jahren werden mit 0,7 und Kinder unter 15 Jahren mit 0,5 gewichtet.12 Die Berechnungen des Statistischen Bundesamtes erfolgen auf der Basis des Bruttoeinkommens nach Abzug von Sozialtransfers und Steuern (Statistisches Bundesamt, 2018).

3 Ungleichheitskonzepte – Theorien zu den Mechanismen geschlechtsspezifischer Entlohnung

Das von Esping-Andersen angeführte Ernährermodell wird seit Beginn der feministischen Sozialpolitikforschung als Hauptursache der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in modernen Wohlfahrtsstaaten angesehen, obgleich das traditionelle Ernährermodell in der öffentlichen Debatte zunehmend in Frage gestellt wird.13 Gleichzeitig wird die unbezahlte Sorgearbeit Grundlage geschlechtsspezifischer Aspekte der Beschäftigungsentwicklung.

Im Folgenden werden die Einstellungen zu den Geschlechterrollen von Esping- Andersen sowie das Weiterbestehen von traditioneller geschlechtsspezifischer familiärer Arbeitsteilung beleuchtet. Anschließend wird auf die Kritik von Ostner und Pfau-Effinger eingegangen, die die Erfolge einer Angleichung der sozialen Rolle von Frauen und Männern unter dem Staatssozialismus nicht bestreiten, dennoch an starken Transformationsprozessen der Wohlfahrtsstaaten zweifeln. Darüber hinaus kommt dem meritokratischen Gesellschaftsmodell und der Devaluationshypothese eine bedeutende Rolle zu. Am Beispiel der Diskussion dieser Konzepte soll gezeigt werden, dass theoretische Einsichten in den Zusammenhang dieser Grundgedanken und der damit einhergehenden gleichstellungspolitischen Orientierung eine entscheidende Maßnahme für die praktische Umsetzung der Gleichstellung sein können.

3.1 Die Esping-Andersen-Typologie – Auswirkungen des Ernährermodells auf das Einkommen von Frauen

Nun wird die Theorie von Gøsta Esping-Andersen nähergebracht. Esping-Andersens Buch ‚The three Worlds of Welfare Capitalism’ bildete 1990 die Grundlage für eine neue Typologisierung der Wohlfahrtsstaaten und ihrer unterschiedlichen Systeme. Esping-Andersen geht der grundlegenden Frage nach, was genau aus einem Staat einen Wohlfahrtsstaat macht und welche Kriterien dafür maßgeblich sind. Den folgenden drei Ansätzen kam für seine Untersuchungen eine große Bedeutung zu. Hierzu gehören die historischen Veränderungen der Staatsangelegenheiten, die Unterscheidung zwischen Reststaat und institutionalisiertem Wohlfahrtsstaat sowie die Beurteilung der theoretischen Auswahlkriterien für die Bestimmung eines Wohlfahrtsstaats.

Des Weiteren garantiert der Wohlfahrtsstaat seinen Bürgern soziale Rechte (Esping- Andersen, 1990). Sofern die Rechte auf der Basis einer allgemeinen Anerkennung als Bürger zugesprochen werden und nicht auf dem Leistungsvermögen des Individuums basieren, hat dies eine Dekommodifizierung der Individuen gegenüber dem Markt zur Folge, d. h. der Bürger oder die Bürgerin kann in einem Wohlfahrtsstaat, unabhängig von seiner oder ihrer Leistungsfähigkeit, überleben und ist unabhängig vom Markt. Mit dieser Entwicklung geht der Ersatz der Klassenzugehörigkeit einher. Der neugewonnene Status als Bürger stellt das neue Konzept der sozialen Stratifizierung dar. Außerdem betont Esping-Andersen, dass Ressourcen des Marktes ungleich verteilt sind. Laut Esping-Andersen ist die bürgerliche Klasse in diesem Fall die begünstigte Klasse. Die Arbeiterklasse ist hingegen in Bezug auf die Verteilung der politischen Ressourcen begünstigt, da diese im Vergleich die zahlenmäßig größere Klasse darstellt. Diese nutzen die Machtressourcen, um die Ungleichheit in der Verteilung zu beeinflussen und zu beheben. Das grundlegende Interesse ist die Minimierung der Kommodifizierung, also vom Zwang zur Erwerbsarbeit befreit zu werden.

Darüber hinaus unterscheidet Esping-Andersen zwischen drei Produzenten von Wohlfahrt. Hierzu gehören der Markt, die Familie und der Staat. Je nachdem wie diese drei Akteure strukturiert sind, ergeben sich drei verschiedene Typen von Wohlfahrtsstaatsregimen: das liberale, das konservative und das sozialdemokratische Regime. Die Leistungsfähigkeit von Wohlfahrtsstaaten wird anhand des Verhältnisses zwischen dem Staat und dem Markt, der Qualität sozialer Leistungen und des Einflusses der Sozialpolitik auf die Machtverteilung analysiert.

Im liberalen Regime hat der Markt eine hervorgehobene Stellung und ist für die soziale Sicherheit verantwortlich, da auch der Staat private Versicherungen unterstützt. Wohlfahrt wird mittels der Markteinkommen generiert. Der Grad der Dekommodifizierung ist gering und die Bürger und Bürgerinnen sind somit stark vom Markt abhängig. Gleichzeitig existieren staatliche Leistungen des Wohlfahrtsstaats wie beispielsweise Arbeitslosen- oder Krankengeld nur in geringem Umfang. Vertreter für diesen Wohlfahrtsstaat-Typus sind die USA, Kanada sowie Australien.

Das konservative Wohlfahrtsstaatsregime ist typisch für Deutschland.14 Auch hier kommt dem Markt eine große Bedeutung zu, denn soziale Leistungen hängen sehr stark von der Erwerbsarbeit ab. Dennoch ist die Sozialpolitik im Vergleich zur USA umfangreicher und reduziert somit den Einfluss des Marktes. Die Sozialpolitik des Staates hat die Aufrechterhaltung der Statusunterschiede zur Folge. Überdies kommt der Familie, aufgrund des historischen Familienbildes, eine bedeutende Rolle zu. Im Gegensatz zum liberalen Wohlfahrtsstaat-Typus ist die Dekommodifizierung im konservativen Wohlfahrtsstaat höher. Die Bürger und Bürgerinnen sind vor allem durch die Sozialleistungen vor den Risiken des Marktes geschützt.

Zuletzt ist das sozialdemokratische Regime zu nennen, welches einen institutionalisierten Wohlfahrtsstaat darstellt. Ein Dualismus von Markt und Staat kommt hier nicht in Frage und die Sozialpolitik ist hier sehr ausgeprägt. Somit ist er durch einen hohen Grad an Universalismus auf allen Ebenen gekennzeichnet. Dieser Grundtyp der drei Wohlfahrtsstaaten stellt eine für alle gleichermaßen zugängliche Grundsicherung zur Verfügung. Um eine Aufspaltung der Arbeiterklasse zu vermeiden, wird die Bedarfsprüfung so gering wie nötig gehalten. Folglich kommen auf den Staat immense Kosten zu. Frauen haben hier nicht die Rolle der Benachteiligten, sondern stellen das Ergebnis eines institutionalisierten Machtverhältnisses zwischen Geschlechtern dar. Beispiele für diese Form von Wohlfahrtsstaat sind Dänemark, Schweden und Norwegen.15

Der Vergleich dieser Wohlfahrtsstaaten macht deutlich, dass materielle Gleichheit in Form von Einkommens- und Vermögensgleichheit als sozialpolitisches Ziel unterschiedlich stark gewichtet wird und zur sozialdemokratischen Auffassung des Wohlfahrtsstaats zu positionieren ist als zu den übrigen genannten Wohlfahrtsstaatsregimes. Der auch Deutschland zugeordnete konservative Wohlfahrtsstaat akzentuiert die soziale Sicherheit eines Staates.16 Leuze und Strauß (2009) führen an, dass Heirat nur für das Einkommen der Männer positive Folgen hat, während Frauen aufgrund von Kindern weniger verdienen. Zurückzuführen ist dies, auf das oben genannte Ernährermodell, den klassischen Rollenverteilungen in der Gesellschaft. Den verheirateten Männern kommt die Aufgabe des Familienernährers zu. Frauen hingegen müssen hinsichtlich der Übernahme der Sorgearbeit beruflich zurückstecken.17

Eine wiederholte Erhebung (Bauer et al., 2016) zeigt, dass sich nichtsdestotrotz die Gesamtarbeitszeit und die Zeitaufteilung zwischen Erwerbsarbeit und Familienaufgaben von Paaren über die Zeit gewandelt haben. Während Anfang der 90er Jahre Männer durchschnittlich 38 Stunden und Frauen circa 18 Stunden wöchentlich erwerbstätig waren, sinken diese zehn Jahre später für Männer um 6,5 Wochenstunden und für Frauen deutlich ausgeprägter um 1,5 Stunden.18 Zurückzuführen ist diese Entwicklung eventuell auf den allgemeinen Rückgang der Erwerbsarbeitszeit durch das Durchsetzen der Reduktion der Wochenarbeitszeit der Gewerkschaften (WSI Tarifarchiv 2015). Der geringe Rückgang für Frauen erklärt sich möglicherweise durch die zunehmende Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt. Dies stieg von 1991 bis 2002 von 61,5 Prozent auf 64,1 Prozent. Seit 2017 stieg der Anteil der erwerbstätigen Männer Deutschland auf 68,9 und die der Frauen ging auf 56,9 Prozent zurück. Die wöchentliche Familienarbeitszeit prägt noch immer das Leben der Frauen, auch wenn insgesamt im Zeitverlauf eine Angleichung der durchschnittlichen Familienarbeitszeit der Geschlechter zu beobachten ist. (ILO Statistics and Databases, 2015). Hierin liegen also Chancen zur Überwindung traditioneller Strukturen, die einen der bedeutenden Erklärungsfaktoren für den Gender Pay Gap darstellen.

3.1.1 Feministisch-kritische Theorie Ilona Ostners über Esping-Andersens Konzept des Ernährermodells – Wohlfahrtsstaaten und Geschlechterverhältnisse

Esping-Andersens Konzept wurde von feministischen Sozialpolitikforscherinnen kritisiert, da er der Familie und der Geschlechterdimension zu wenig Rechnung trage (Orloff, 1993; Lewis, 1992; Lewis & Ostner, 1994).

Ilona Ostner (1995) kritisiert mehrere Teile an Esping-Andersens Theorie und Dreiweltensystem und stellt alternative Klassifikationskonzepte vor, die ebendiese Dimensionen zu zentralen Themen machen. Auch in diesen Klassifikationskonzepten werden die Wohlfahrtsstaaten Deutschland und Österreich als konservativ bezeichnet, da sie am starken Ernährermodell der Familie ausgerichtet sind.19 Einschätzungen in Bezug auf diese Wohlfahrtsstaaten stimmen also mit denen von Esping-Andersen überein.

Wie bereits erwähnt, geht Ostner zum einen darauf ein, dass Esping-Andersens Begriff des Wohlfahrtsstaates weder der Familie noch der Versorgungsleistung von Familie ein Eigengewicht zugesteht. Esping-Andersen setze seinen Fokus auf die Frauenerwerbsarbeit und somit auf die Markt- und Staatintegration der Frauen (Esping-Andersen, 1990). Dementsprechend beschäftigt er sich in seiner Typologie weitgehend mit erwerbstätigen Frauen oder Frauen, die von ihren Ehepartnern abhängig sind und von deren sozialen Leistungen profitieren.20 Nach Ostners (1995) Auffassung werden Leistungen, die durch Erwerbsarbeit „verdient“ werden, als eine Art System dargestellt, das zur Erhaltung von Statusunterschieden dient. Des Weiteren beklagt Ostner den Aspekt der Dekommodifizierung. Dekommodifizierung stellt ein Problem dar, weil sie von Erwerbsarbeit abhängt. Ostner (1995) ist der Ansicht, dass die Bürger erstmal kommodifiziert sein müssen, um von den dekommodifizierten Wirkungen zu profitieren. Das Problem hierbei ist, dass Frauen „aber die Norm des kontinuierlichen, vollzeitigen Erwerbsverlaufs nicht oder nur unvollständig [erfüllen]“,21 das heißt die meisten Frauen können nicht kommodifiziert werden, da sie selten einer Vollzeittätigkeit nachgehen, und genau diese Frauen vernachlässige Esping-Andersen in seinem Konzept.

[...]


1 Berger 2004, 3.

2 vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2017).

3 Krause 2011, 709.

4 Ullrich 2005, 159.

5 Krause 2011, 764-765.

6 Krais und Maruani 2001, 18.

7 Krais und Maruani 2001, 29.

8 Becker & Hauser 2003, 57.

9 Becker & Hauser 2004 56.

10 Ullrich 2005, 158.

11 Ullrich 2005, 168.

12 Hauser 2003, 59.

13 Leitner 2004, 8.

14 Esping-Andersen 1990, 173.

15 Esping-Andersen, 1990, 45.

16 Ullrich 2005, 158.

17 Leuze & Strauß, 2009, 274.

18 Bauer et al., 2016, 13.

19 Lewis & Ostner 1994, 16; Leitner et al. 2003, 9.

20 Ostner 1995, 6.

21 Ostner 1995, 7.

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der Einkommensungleichheit zwischen Frauen und Männern in Deutschland im Zeitraum von 1991 bis 2017
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
3,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
54
Katalognummer
V514853
ISBN (eBook)
9783346105196
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklung, einkommensungleichheit, frauen, männern, deutschland, zeitraum
Arbeit zitieren
Rukiye Tekin (Autor), 2019, Die Entwicklung der Einkommensungleichheit zwischen Frauen und Männern in Deutschland im Zeitraum von 1991 bis 2017, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/514853

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