„In der Strafkolonie“ entsteht im Jahr 1914, als Kafka einen Arbeitsurlaub antritt, den er eigentlich nutzen will, um an seinem Roman-Fragment „Der Prozeß“ zu arbeiten. Zwischen den Werken ist daher eine gewisse Nähe auf inhaltlicher unbestreitbar, jedoch kritisch zu betrachten, da die Texte bei näherer Betrachtung deutliche Unterschiede aufweisen. Die Erzählung findet in einer entfernten Strafkolonie in den Tropen statt, und beschäftigt sich mit der geplanten Exekution eines Bewohners dieser Kolonie, der der/dem LeserIn nur als „Verurteilter“ vorgestellt wird. Ein „Reisender“ ist Gast in der Kolonie und soll der Exekution beiwohnen, die durch den „Apparat“ vollzogen werden soll, eine technisch fortschrittliche Maschine, die der „Offizier“, als einziges Rechtsorgan der Strafkolonie, verwaltet. Mündlich wird zudem ein Konflikt zwischen dem Rechtssystem des „alten Kommandanten“, dem der Offizier anhängt, und dem „neuen Kommandanten“ ausgetragen, der ein neues, milderes System einführen will. Dem Reisenden fällt schließlich das abschließende Urteil in dieser Diskussion zu. Aufgrund dieser Entscheidung begeht der Offizier am Ende Selbstmord durch den Apparat, der sich dabei selbst zerstört.
Diese Proseminar-Arbeit beschäftigt sich mit der Manifestation eines Begriffs der Rechtsphilosophie durch die literarische Ästhetik des Grotesken in dieser Erzählung. Zu diesem Zweck werden zunächst mögliche außerliterarische Referenzpunkte zu jenen Rechtskonzepten umrissen, die Kafka in der Strafkolonie darstellt. Des Weiteren werden mit der Erzählperspektive, der Distanz und der Verfremdung die literarischen Mittel analysiert, die Kafka im Sinne des Grotesken zur Gestaltung des Textes nutzt. Als Grundlage der Analyse von Distanz und Perspektive dient dabei Gérard Genettes Erzähltheorie, da sie durch ihre Praktikabilität und ihre Differenziertheit geeignet ist, die komplexe stilistische Struktur dieser Erzählung zu erfassen. Die Untersuchung der Verfremdung orientiert sich hingegen an einem Modell von Werner Mittenzwei, das die Wirksamkeit der Verfremdung an drei Momenten festmacht. Im Anschluss werden die rechtlichen Konzepte mit der literarischen
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Grundzüge eines Rechtsystems
2.1 Allgemeine Grundsätze und grundsätzliche Züge eines modernen europäischen Strafrechts am Beginn des 20. Jahrhunderts verglichen mit einem Inquisitionsgericht der Vormoderne und in den Kolonien der Neuzeit
2.1.1 Das vormoderne Strafrecht: Vergeltungsstrafrecht
2.1.2 Das moderne Strafrecht am Beginn des 20. Jh.
2.2 Inhaltliche Analogien zwischen den außerliterarischen Rechtskonzepten und Kafkas literarischer Verarbeitung von Rechtsbegriffen in der Erzählung
3 Die literarische Ästhetik des Grotesken angewendet auf die Rechts- und Verfahrenselemente in „In der Strafkolonie“
3.1 Die Konstitution von Distanz
3.2 Das Problem der Perspektivität
3.3 Das Mittel der Verfremdung
4 Konklusion: Herausbildung einer Rechtsphilosophie
4.1 Verdeutlichung und Deutung des Ist-Zustands anhand literarischer Mittel und alternative Modelle
4.2 Konklusion: Ableitung eines Rechtsphilosophie-Begriffs in seinen Grundzügen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Manifestation rechtsphilosophischer Konzepte in Franz Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“ unter Anwendung der literarischen Ästhetik des Grotesken. Dabei wird analysiert, wie Kafka durch gezielte erzähltheoretische Mittel und Verfremdungseffekte die Grenze zwischen traditionellen und modernen Rechtsverständnissen auflöst und den Leser in ein moralisches Dilemma bezüglich der Objektivität und Legitimität rechtlicher Urteilsfindung versetzt.
- Analyse der historischen Spannungsfelder zwischen vormodernem Vergeltungsstrafrecht und moderner Rechtsordnung.
- Einsatz erzähltheoretischer Modelle (Gérard Genette) zur Untersuchung von Distanz und Perspektivität.
- Anwendung des Verfremdungsbegriffs nach Werner Mittenzwei zur Demontage des Eindrucks von Natürlichkeit rechtlicher Institutionen.
- Untersuchung der moralischen Implikationen des „grotesken“ Rechtsapparats in Kafkas Werk.
- Ableitung einer Rechtsphilosophie aus der literarischen Darstellung auswegloser Konfliktsituationen.
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Konstitution von Distanz
Nach Gérard Genettes Erzähltheorie ist der Modus der Grad an Mittelbarkeit und Perspektivierung des Geschehens innerhalb der Erzählung. Die Distanz stellt in diesem Rahmen einen Grad der Mittelbarkeit dar. Bei „In der Strafkolonie“ liegt eine mittelbare Darstellung vor, da es einen Erzähler gibt, der das Geschehen der/m LeserIn anhand der Narration vermittelt. Da jedoch auch zahlreiche wörtliche Reden vorkommen, ist auch der dramatische Modus in der Erzählung vertreten. Genette unterscheidet außerdem die Erzählung von Ereignissen von der Erzählung von Worten. Während die erste Kategorie immer die Umsetzung von Außersprachlichem in Sprachliches bedeutet, ist mit der Erzählung von Worten die wörtliche Rede innerhalb eines Textes gemeint. Kafka nutzt in „In der Strafkolonie“ also beide Erzählgegenstände und -modi, um ein dynamisches Spiel zwischen Distanz und Distanzlosigkeit zu kreieren.
Einerseits erzeugt der Autor durch die Nennung zahlreicher Details, die in der Erzählung selbst keine handlungstreibende Funktion innehaben, wie zum Beispiel die Leiter des Offiziers oder die Rohrstühle neben dem Apparat, eine Distanzlosigkeit, die Roland Barthes den „Wirklichkeitseffekt“ nennt. Die Beschreibung dieser Details erweckt bei/m der LeserIn das Gefühl im Raum dieses Geschehens anwesend zu sein. Gleichzeitig unterlässt Kafka jegliche Orientierungsmöglichkeit auf der Makroebene. Alles was die/der LeserIn über den Schauplatz des Geschehens erfährt, ist, dass es sich um eine Strafkolonie handelt, die irgendwo auf einer Insel in den Tropen existiert und ein Teehaus in ärmlicher Hafengegend sowie ein prächtiges Kommandaturhaus besitzt. Der größte Teil der Handlung findet in einer sandigen Einöde irgendwo abseits von der Kolonie selbst statt. Daraus wird die/der LeserIn in eine eigenartige Position versetzt, in der er/sie zwar die kleinsten Details kennt, während das große ganze des Raums unscharf bleibt. In diesem Aspekt der Erzähler wird Distanz der/dem LeserIn also verweigert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den bisher unzureichend untersuchten juristischen Aspekt in Kafkas Werk und führt in die Fragestellung zur Verbindung von Rechtsdiskurs und literarischer Ästhetik ein.
2 Grundzüge eines Rechtsystems: Dieses Kapitel stellt vormoderne Vergeltungsstrafrechtskonzepte modernen europäischen Systemen gegenüber und analysiert deren inhaltliche Entsprechungen in der Erzählung.
3 Die literarische Ästhetik des Grotesken angewendet auf die Rechts- und Verfahrenselemente in „In der Strafkolonie“: Hier werden mittels der Theorien von Genette und Mittenzwei die erzählerischen Mittel der Distanz, Perspektivität und Verfremdung als Werkzeuge zur Erzeugung einer grotesken Wirkung untersucht.
4 Konklusion: Herausbildung einer Rechtsphilosophie: Das Fazit führt die Analysen zusammen und leitet aus der literarischen Darstellung eine tiefere rechtsphilosophische Erkenntnis über die Unmöglichkeit objektiver Urteilsfindung ab.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, In der Strafkolonie, Rechtsphilosophie, Groteske, Vergeltungsstrafrecht, Verfremdung, Erzähltheorie, Gérard Genette, Recht, Gerechtigkeit, Urteilsfindung, moderne Rechtsordnung, Literaturanalyse, Strafverfahren, Schuld.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Franz Kafka in seiner Erzählung „In der Strafkolonie“ rechtliche Konzepte und rechtsphilosophische Grundfragen verarbeitet und durch literarische Mittel der Groteske in einen neuen, kritischen Kontext stellt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Gegenüberstellung von vormodernem Vergeltungsstrafrecht und moderner Rechtsordnung sowie die Anwendung der Ästhetik des Grotesken auf diese juristischen Strukturen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Begriff der Rechtsphilosophie, der der Erzählung innewohnt, durch die Analyse literarischer Gestaltungsmittel wie der Verfremdung und der Erzählperspektive zu extrahieren und zu deuten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die sich primär auf die Erzähltheorie von Gérard Genette und das Verfremdungsmodell von Werner Mittenzwei stützt, um die Wirkung der Erzählung auf den Leser zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Rechtskonzepte im Vergleich zur Erzählung, untersucht die strukturelle Distanz und Perspektivität des Textes und wendet das Mittel der Verfremdung auf die Akteure und das Verfahren der Strafkolonie an.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Rechtsphilosophie, Kafka, die Erzählung „In der Strafkolonie“, Verfremdungseffekte, das Vergeltungsstrafrecht sowie die Analyse der erzählerischen Distanz.
Warum wird der Apparat als „Objekt der Verfremdung“ bezeichnet?
Der Apparat wird als Verfremdungsobjekt eingestuft, da seine hohe technische Komplexität nicht mit dem archaischen, vormodernen Rechtssystem harmoniert, welches er eigentlich exekutieren soll, was beim Leser Irritation und Reflexion auslöst.
Wie bewertet der Autor Kafkas Sicht auf die Urteilsfindung?
Die Autorin arbeitet heraus, dass Kafka die Möglichkeit eines objektiven Urteils als prinzipiell unpraktikabel ansieht, weshalb ein Gericht laut Kafka letztlich immer ein subjektives Urteil fällt, dessen Legitimität fragwürdig bleibt.
- Citar trabajo
- Marina Molnar (Autor), 2016, "In der Strafkolonie" von Franz Kafka. Wie sich der Begriff einer Rechtsphilosophie in der literarischen Ästhetik des Grotesken manifestiert, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/514897