Etikettierungsansätze und ihre Relevanz in der Forschung über abweichendes Verhalten bei Jugendlichen


Hausarbeit, 2018
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

1. Aktuelle Zahlen zur Jugendkriminalität

2. Etikettierungsansätze
2.1 Theorien des Labeling Approachs

3. Studie: „Self-Rejection and the Explanation of Deviance”

4. Studie Würzburg

5. Studie Köln/Düsseldorf

6. Fazit

7. Quellen

1. Aktuelle Zahlen zur Jugendkriminalität

In den Medien und im politischen Diskurs wird immer wieder über aktuelle Kriminalitätsraten und damit zusammenhängende Felder wie etwa allgemein abweichendes Verhalten, der von der Bevölkerung empfundenen Kriminalitätsfurcht oder auch der begangenen Straftaten durch Migranten diskutiert. Über die polizeiliche Kriminalstatistik werden jedes Jahr die Zahlen zu verschiedenen Delikten veröffentlicht. Demnach wurden im Jahr 2017 insgesamt 184.713 Straftaten von Jugendlichen begangen.1 In der Statistik sind als Jugendliche alle Personen im Alter von 14 bis unter 18 Jahren aufgeführt. Ältere Personen im Alter von 18 bis unter 21 Jahren werden getrennt als Heranwachsende unterschieden. Die Anzahl der begangenen Straftaten von dieser Gruppe liegt bei 189.607. In Zusammenhang mit den Jugendlichen bzw. Heranwachsenden treten also durchaus einige Delikte auf, die durch das strafmündige Alter auch entsprechend geahndet werden. Jedoch sehen sich die Jugendlichen durch ihre Lebensumstände, wie etwa eine schwierige Familiensituation oder Veränderungen im Freundeskreis, aber auch die Veränderung der eigenen Person, sowohl physisch als auch charakterlich, unterschiedlichen Herausforderungen ausgesetzt. Im Rahmen dieser Arbeit kann und soll nicht auf jeden Faktor, der abweichendes Verhalten beeinflusst, grundlegend eingegangen werden. Dennoch soll auf eine bestimmte Theorie aus der soziologischen Forschung Bezug genommen werden, die durchaus einen erheblichen Einfluss auf die Bedingungen der Jugendlichen haben kann. Die Rede ist von den Etikettierungsansätzen bzw. allgemein gegriffen den Theorien des Labeling. Im Rahmen dieser Arbeit sollen diese theoretischen Ansätze auf ihre Relevanz in der empirischen Forschung hin untersucht werden. Dazu werden drei Studien genauer beleuchtet und ihre Ergebnisse im Zusammenhang mit der Theorie herausgestellt.

2. Etikettierungsansätze

Zunächst einmal soll geklärt werden, wie sich die Ansätze der Etikettierung definieren lassen. Allgemein lassen sie sich als soziologische Erklärungsversuche zu den Theorien des Labeling Approachs zuordnen, welchen Lamnek in seinem Werk über die klassischen Theorien des abweichenden Verhaltens ein Kapitel widmet. Im Folgenden sollen in Bezug auf dieses einige grundlegende Fakten über den Labeling Approach dargestellt werden.

2.1 Theorien des Labeling Approachs

Zunächst stellt Lamnek einige Gemeinsamkeiten der verschiedenen Theorien des Labeling Approachs heraus. Unter anderem sind diese nicht ätiologisch orientiert, was bedeutet, dass sie nicht nach Ursachen suchen, die vor dem Auftreten des abweichenden Verhaltens liegen, sondern die Abweichung wird als Zuschreibungsprozess des Attributes der Devianz zu bestimmten Verhaltensweisen im Rahmen von Interaktionen verstanden.2 Außerdem werden einige Thesen herausgestellt, die mehr oder weniger für alle Theorien geltend gemacht werden können. An dieser Stelle sollen nur die auf den ersten Blick bedeutendsten Thesen aufgegriffen werden. So beschäftigt sich der Labeling Approach nach Lamnek zum einen mit der sozial determinierten Normsetzung; das heißt, jene, die durch die vorherrschende hierarchische Organisierung der Sozialstruktur Macht innehaben, können die Normen durchsetzen, die in ihrem Interesse liegen.3 Eine erste Bedingung für die Klassifikation als abweichendes Verhalten ist demnach die Normsetzung selbst.4 Die Normsetzung selbst konstituiert noch nicht abweichendes Verhalten, sondern erst durch die Anwendung der Normen wird Verhalten zu konformem oder zu abweichendem Verhalten.5 Aus diesen beiden Thesen resultiert, dass die Klassifikation als abweichendes Verhalten durch gesellschaftliche Definitions- und Zuschreibungsprozesse entsteht.6 Es werden weitere Thesen von Lamnek angeführt, jedoch soll es hier bei den drei genannten belassen werden und auf verschiedene Auffassungen des Labeling Approachs durch einige Theoretiker eingegangen werden.

Auf den Forscher Tannenbaum geht die Begründung des Labeling Approachs durch den Etikettierungs- oder Reaktionsansatz zurück. Als Ursache für das Auftreten abweichenden Verhaltens sah er die sozialen Reaktionen der Umwelt auf dieses an.7 Erst die Reaktionen der Umwelt machen der Person, die abweichendes Verhalten zeigt, ihren besonderen Status bewusst und provozieren damit eben diese Verhaltensweisen.8 Denn die Beurteilung der Interaktionspartner wird akzeptiert und verändert das Selbstkonzept der Person, die die entsprechenden Erwartungen der Gesellschaft wahrnimmt und demnach, also abweichend, handelt.9 Bei Tannenbaum treten die Reaktionen auf abweichendes Verhalten also in den Mittelpunkt des Interesses und nicht dessen Ursachen.10 Zudem erfolgen diese Reaktionen als Zuschreibungen der Eigenschaft „abweichend“.11

Bei Becker besteht abweichendes Verhalten im Verstoß gegen von der Gesellschaft geschaffene Regeln, wobei in der Regelsetzung der Aspekt der Macht und soziale Ungleichheiten betont werden.12 Ähnlich wie Tannenbaum sieht er die Tatsache, dass sich der als abweichend Bezeichnete in der Folge auch abweichend verhalten wird.13 Die Festlegung der Regeln, also die Normsetzung, hängt von der politischen und ökonomischen Macht ab.14 Für den Faktor der Abweichung von der Norm ist aber auch die Normanwendung durch die Gesellschaft von Bedeutung, erst dadurch werden aus Normverletzern Abweicher.15 Es lässt sich nach Becker zudem eine Matrix erstellen, nach deren Feldern verschiedene Möglichkeiten der Etikettierung definiert werden. Zum Beispiel verstößt ein Verhalten nicht gegen die Regeln und wird auch nicht als abweichend empfunden, dann besteht Konformität. Ein Verhalten kann jedoch auch gegen die Regeln verstoßen und wird folglich als abweichend empfunden. Oder es verstößt gegen die Regeln und wird trotzdem nicht als abweichend empfunden. Zuletzt gibt es die Möglichkeit eines Verhaltens, das nicht gegen die Regeln verstößt, aber als abweichend empfunden wird.16

Bei den beiden Wissenschaftlern Erikson und Kitsuse kommen Makro- und mikrosoziologische Aspekte zur Sprache. Erikson geht davon aus, dass die Etikettierungsprozesse zunächst im informellen, mikrosozialen Bereich einsetzen, um dann auf den makrosozialen Reaktionsbereich zu wechseln.17 Kitsuse begreift Abweichung als einen Prozess, in dem einzelne Personen oder eine Gemeinschaft Verhaltensmuster und Personen als Abweicher definieren und sie aufgrund dieser Definition dann auch entsprechend behandeln.18 Das Fazit von Lamnek zu dem Mikro- und Makrolabeling der genannten Theoretiker beinhaltet, dass formelle und informelle Sanktionen beide Etikettierungen darstellen und unabhängig voneinander auftreten, sich aber auch gegenseitig beeinflussen können.19

Abschließend werden verschiedene Variationen im Labeling Approach betrachtet und kurz vorgestellt. Je nach Betonung und Schwerpunktsetzung können die Ansätze unterschiedlich bezeichnet werden. So betrachtet Rüther das „Selektions“-Labeling, welches sich auf das Selektionsphänomen der differentiellen Reaktion auf bestimmte Verhaltensweisen bezieht und damit gemeint ist, dass in die offiziell registrierten Kriminalitätsraten nur ein Teil der realen Kriminalität eingeht, da die Reaktionen der Umwelt auf abweichende Verhaltensweisen selektiv erfolgen.20 Außerdem besteht das „Definitions“-Labeling. Bei diesem werden in Interaktionen auf der Grundlage von Situationsdefinitionen Normen gesetzt und angewandt.21 Das heißt, in einem interaktiven Prozess können Verhaltensweisen als abweichend bezeichnet werden.22 Beim „Zuschreibungs“-Labeling handelt es sich, wie der Name schon vermuten lässt, um die Tatsache, dass einer Person, etwa auf der Basis primärer Devianz oder bestimmter Merkmale, die Rolle des Abweichlers zugeschrieben wird.23 Mit primärer Devianz ist hier nach Lemert die Abweichung aufgrund verschiedener Ursachen, z.B. Sozialisationsdefizite, Zugehörigkeit zu einer Subkultur etc., und nicht aufgrund gesellschaftlicher Reaktionen gemeint.24 Demgegenüber steht die sekundäre Devianz, die die Abweichung als Ursache von gesellschaftlichen Reaktionen und Rollenzuschreibungen aufgreift. Die Grundlage der Zuschreibung ist die Person, welche als abweichend etikettiert wird und sich folglich daraus entsprechende Beurteilungen ihrer jeweiligen Verhaltensweisen ergeben.25 Des Weiteren existiert das „Verursachungs“-Labeling. Hierbei können die Umweltreaktionen, die erst abweichende Verhaltensweisen hervorrufen, als Ursache für die Devianz herangezogen werden.26 Lemert definierte das „Forcierungs“-Labeling, das sich durch ein - möglicherweise auch verstärktes - wiederholtes Auftreten von abweichendem Verhalten in der Folge von primärer Devianz durch Etikettierungsprozesse auszeichnet.27 In Zusammenhang mit dem Labeling Approach können noch viele weitere Ansätze und Theorien behandelt werden, jedoch sollen die Genannten im Rahmen dieser Arbeit genügen.

3. Studie: „Self-Rejection and the Explanation of Deviance”

Im Folgenden soll eine Untersuchung genauer vorgestellt werden, welche dem Thema der Etikettierungsansätze zuzuordnen ist und die Relevanz in der amerikanischen Forschung aufzeigen soll. Sie dient zudem als Betrachtungsbeispiel, inwiefern die Ansätze des Labelings in der empirischen Forschung Verwendung finden. Die Studie, auf die Bezug genommen wird, trägt den Originaltitel: „Self-Rejection and the Explanation of Deviance: Specification of the Structure Among Latent Constructs”. Das Thema ist also der Übersetzung nach Selbst-Ablehnung und die Erklärung von Devianz, wobei eine Spezifikation der Struktur bei latenten Konstrukten vorgenommen wird. Die Autoren sind Howard B. Kaplan, Steven S. Martin und Robert J. Johnson. Die Originalquelle ist das „American Journal of Sociology“ aus dem Jahr 1986, welches von „The University of Chicago Press“ veröffentlicht wurde. Die Arbeit schätzt ein Modell der Beziehung zwischen Selbst-Ablehnung und Devianz, vermittelt durch die Neigung zu Devianz, um die linearen Strukturgleichungen in den Daten zu untersuchen, die von einer Panel Studie geliefert wurden.28 Dabei gibt es drei latente Konstrukte, die eine Rolle spielen. Zum einen „self-rejection“, was in dieser Arbeit mit Selbst-Ablehnung übersetzt wird. Dieser Faktor wurde über die globale Selbstbeschränkung, das Fehlen von wünschenswerten Attributen und über die Erfahrungen von Ablehnung und Versagen im Familien- und Schulumfeld ermittelt. Das Konstrukt „disposition to deviance“ wurde über Unzufriedenheit mit Familien-, Schul,- und Gemeinschaftsmustern und die Bereitschaft, abweichende Alternativen zu herkömmlichen Verhaltensmustern anzunehmen, ermittelt. Das Konstrukt „deviance“ spiegelt schließlich die Gemeinsamkeit wider, die der Annahme einer Reihe von abweichenden Verhaltensweisen in drei verschiedenen Gruppierungen zugrunde liegt, basierend auf der Wahrscheinlichkeit des jeweiligen Auftretens.29 Die der Studie zugrunde liegende Theorie wurde von Kaplan entwickelt und stellt eine der umfangreicheren Spezifikationen der Beziehung zwischen Selbst-Ablehnung und deviantem Verhalten dar. Zentral für diese ist die Voraussetzung des Selbstachtungs-Motivs, nach dem sich Menschen üblicherweise verhalten, sodass Erfahrungen von negativen Selbsteinstellungen minimiert und Erfahrungen von positiven Selbsteinstellungen maximiert werden. Die Selbsteinstellungen beziehen sich auf die negativen und positiven emotionalen Erfahrungen der Person, nachdem sie ihre eigenen Eigenschaften und Verhaltensweisen wahrgenommen und bewertet haben. Einstellungen der Selbstabweisung sind das Endergebnis einer Reihe von Erfahrungen mit der Mitgliedschaft in einer Gruppe, in der die Person nicht in der Lage ist, sich gegen Umstände mit selbstentwertenden Auswirkungen zu wehren, sich daran anzupassen oder damit umzugehen. Als Folge besteht die Tatsache, dass selbstentwertende Erfahrungen in Gruppen einen Einfluss auf die Entwicklung belastender negativer Selbsteinstellungen haben, was wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass das Individuum diese Erfahrungen mit dem Versagen assoziiert, selbstakzeptierende Einstellungen zu erreichen oder beizubehalten.30 Folglich verliert die Person die Motivation, sich an die normativen Muster zu halten, welche es in der Vergangenheit nicht geschafft haben, geschätzte Attribute und Verhaltensweisen zu erreichen und die resultierende Erfahrung von selbst-abweisenden Attributen zu mildern. Außerdem werden diese und andere verwandte normative Muster mit der Entstehung emotional belastender, selbst-ablehnender Einstellungen in Verbindung gebracht und dadurch die Muster an sich als sehr belastend empfunden.31 Das Individuum ist nun motiviert, von diesen belastenden Mustern abzuweichen und gleichzeitig stellen abweichende Muster alternative Verhaltensweisen dar. Aufgrund der Motivation, von den normativen Erwartungen der einzelnen Gruppen abzuweichen und der Notwendigkeit, alternative Muster zu finden, die das Selbstwertgefühl steigern, wird die Person zunehmend dazu neigen, sich einer Reihe von abweichenden Mustern bewusst zu werden und diese zu übernehmen.32

Das latente Konstrukt der Selbst-Ablehnung reflektiert in der Umfrage den Zusammenfluss von negativen Gefühlen gegenüber sich selbst und die Wahrnehmung der selbstentwertenden Umstände im Laufe der Erfahrungen mit Gruppen.33 Sie wird anhand von vier Faktoren modelliert:

(1) eine sieben-Item Messung, die umfassende Gefühle der Selbst-Ablehnung wiederspiegelt (z.B. At times I think I am no good at all; All in all, I am inclined to feel that I am a failure)
(2) eine vier-Item Messung der Ablehnung durch Lehrer (z.B. My teachers are not usually interested in what I say or do; By my teachers´ standards I am a failure)
(3) eine drei-Item Messung von Ablehnung durch die Eltern (z.B. As long as I can remember, my parents have put me down; My parents do not like me very much)
(4) eine vier-Item Messung des Fehlens von sozial erwünschten Attributen (z.B. Are you usually kind to ohters?; Do you usually have good manners?)

Die Neigung zu Devianz wurde in Form von zwei Faktoren modelliert. Die beiden Messungen reflektieren auf unterschiedliche Weise die Unzufriedenheit gegenüber Familie und Schule und die Unzufriedenheit gegenüber der konventionellen Gemeinschaft. Die erste Messung, Unzufriedenheit gegenüber Familie und Schule, besteht aus elf Items, welche die Entfremdung von diesen wahrgenommenen Quellen selbstentwertender Erfahrung widerspiegelt und die Bereitschaft, alternative, also deviante, adaptive Antworten zu übernehmen, vermutlich, um selbst-ablehnende Gefühle zu lindern (z.B. Would you like to quit school as soon as possible?; I would like to leave home).34 Die zweite Messung, Unzufriedenheit gegenüber der konventionellen Gemeinschaft, spiegelt gleichermaßen den Verlust der Motivation wider, sich an die Normen der Gemeinschaft anzupassen oder die Motivation, von den Normen der Gemeinschaft abzuweichen und die Bereitschaft, alternative, abweichende Antworten zu wählen, die selbst-verstärkende Auswirkungen zu haben scheinen (z.B. If you stick with law and order you will never fix what is wrong with this country; I don´t care much about other people´s feelings).35 Den beiden Messungen gemeinsam ist der Ausdruck negativer Einstellungen gegenüber der wahrgenommenen konventionellen Quelle selbstentwertender Umstände und die Bereitschaft, sich in alternativen abweichenden Verhaltensweisen zu engagieren, die selbstverstärkenden Zwecken dienen könnten.36

Im Rahmen der Analyse wurde das Konstrukt Devianz durch Messungen ermittelt, die das Engagement in einer oder mehreren abweichenden Antworten widerspiegeln. Die Gruppe von am wenigsten vorherrschenden Mustern hatte Prävalenzraten von 5 bis 9 Prozent, hierbei gab es sieben Selbstbericht Items (z.B. Breaking and entering; Participating in Gang fights; vandalism). Die Gruppe von mäßig vorherrschenden Mustern hatte Raten von 12 bis 17 Prozent, wobei sechs Items bestanden (z.B. Carried a weapon; used drugs; Started a fistfight). Zuletzt hatte die Gruppe der am meisten vorherrschenden Mustern Raten von 24 bis 28 Prozent, hier gab es sechs Items (z.B. Skipped school without an excuse; smoked marijuana).37

Die Stichprobe der Studie repräsentiert eine 50 Prozent Stichprobe von „junior high students“ aus den 36 Schulen des „Houston Independent School District“. Die Umfrage wurde als drei Wellen Panel Studie gestaltet; sie begann 1971 und wurde in den Jahren 1972 und 1973 wiederholt. Die Fragebögen, die letztendlich verwendbar waren, wurden von 82 Prozent der Schüler zum ersten Erhebungszeitpunkt zurückgegeben. Insgesamt waren 3148 Schüler für alle der drei Erhebungen anwesend. Die Befragten, die zum Zeitpunkt 1 anwesend waren, aber zum Zeitpunkt 2 und 3 fehlten, wurden mit den Befragten, die zu allen drei Zeitpunkten anwesend waren, verglichen. Dabei wurde festgestellt, dass die fehlenden Schüler ein geringeres Selbstwertgefühl haben und sich mehr von Familie und Schule zurückgewiesen fühlten als Schüler, die dreimal anwesend waren.38

Abschließend kann als ein Ergebnis der Studie herausgestellt werden, dass der Effekt des Geschlechts auf die Neigung zu Devianz nicht signifikant war, jedoch wurde festgestellt, dass männliche Teilnehmer eher selbst-ablehnende und deviante Verhaltensweisen zeigen.39 Zudem hat das latente Konstrukt Selbst-Ablehnung einen starken direkten Einfluss auf die Neigung zu Devianz, was sich wiederum stark auf die Devianz selbst auswirkt.40

4. Studie Würzburg

Eine deutsche Studie beschäftigte sich mit der Bedeutung des Schulversagens bzw. des beruflichen Scheiterns als Ursache der Jugendkriminalität. Zunächst wird von der Autorin Annette Beck in ihrem Bericht der Begriff der Jugendkriminalität definiert, wobei unter den Begriff „Jugend“ alle Personen zwischen 14 und 21 Jahren gefasst werden. Ferner wird mit „Jugendkriminalität“ die Verletzung von deutschen Strafgesetzen durch Jugendliche und Heranwachsende bezeichnet.41 Als Grundlage der statistischen Untersuchung dienen die Ergebnisse der Polizeilichen Kriminalstatistik für die Jahre 1972 bis 1985.42 Den Gegenstand der Untersuchung stellen 324 Akten der Jugendgerichtshilfe der Stadt Würzburg aus dem Jahr 1984 dar.43 In diesem Zeitraum wurden insgesamt 808 Jugendliche und Heranwachsende bei der Jugendgerichtshilfe Würzburg registriert, gegen die ein Strafverfahren eingeleitet worden war.44 Aufgrund verschiedener Fehlerquellen bleibt eine Zahl von 324 auswertbaren Akten übrig. Im Rahmen der Untersuchung der Akten wurde jeder Proband einzeln anonym erfasst und auf einem Karteikartensystem nach einem speziellen Raster angelegt, wobei unter anderem Geschlecht, Alter, Ausbildungssituation und Delikt festgehalten wurden.45 Bei der Betrachtung der Altersverteilung zur Zeit der Tat fällt auf, dass die Gruppe der 15- und 16-Jährigen stärker an der Kriminalität beteiligt sind als es ihrem Bevölkerungsdurchschnitt entspricht. Anders ist es bei den 19- und 20-Jährigen, denn bei diesen liegt die Kriminalitätsbelastung unter dem Prozentsatz des Bevölkerungsanteiles.46 Als Ursache für eine starke kriminelle Gefährdung der Gruppe der 15- und 16-Jährigen sieht Beck, dass die Jugendlichen in diesem Alter einem starken Umbruch ausgesetzt sind. Sie sind verschiedenen Einflüssen ausgesetzt, unter anderem der Pubertät, der Schwelle von der Kindheit zum Erwachsenwerden und auch Freundeskreise, welche einen starken Gruppendruck ausüben können. Es wird vermehrt die Anerkennung über Gleichaltrige gesucht, die manchmal nur auf illegalem Weg erreicht werden kann. Beck sieht die Hauptursache für Kriminalität bei dieser Altersgruppe in der mangelnden Stabilität der Persönlichkeit.47 Die 18 bis 21-Jährigen sind dahingehend bereits sicherer in ihrem Leben situiert, sie haben zumeist die Schule oder eine Lehre beendet und u.a. am Arbeitsplatz gelernt, mehr Verantwortung zu tragen.48 Somit spielt eine erfolgreich abgeschlossene Schullaufbahn bzw. eine Lehre eine große Rolle. Ein Jugendlicher, der in Schule und Beruf scheitert, ist nach Beck häufig frustriert und fühlt sich von der Gesellschaft nicht anerkannt. Er steigert sich womöglich immer mehr in seine desolate Rolle hinein und ist dadurch stärker kriminell gefährdet als andere Jugendliche.49

[...]


1 PKS, Bundeskriminalamt, 2017.

2 Lamnek, Siegfried: Theorien abweichenden Verhaltens 1. „Klassische Ansätze“. Wilhelm Fink Verlag 1979, S.223.

3 Lamnek: Theorien 1, S.224.

4 Lamnek: Theorien 1, S.224.

5 Lamnek: Theorien 1, S.224.

6 Lamnek: Theorien 1, S.224.

7 Lamnek: Theorien 1, S.225.

8 Lamnek: Theorien 1, S.226.

9 Lamnek: Theorien 1, S.226.

10 Lamnek: Theorien 1, S.226.

11 Lamnek: Theorien 1, S.226.

12 Lamnek: Theorien 1, S.230.

13 Lamnek: Theorien 1, S.230.

14 Lamnek: Theorien 1, S.231.

15 Lamnek: Theorien 1, S.231.

16 Becker in Lamnek: Theorien 1, S.231-232.

17 Erikson in Lamnek: Theorien 1, S.234-235.

18 Kitsuse in Lamnek: Theorien 1, S.236.

19 Lamnek: Theorien 1, S.237.

20 Lamnek: Theorien 1, S.241.

21 Lamnek: Theorien 1, S.241.

22 Lamnek: Theorien 1, S.241.

23 Lamnek: Theorien 1, S.241.

24 Lamnek: Theorien 1, S.312.

25 Lamnek: Theorien 1, S.241.

26 Lamnek: Theorien 1, S.242.

27 Lamnek: Theorien 1, S.242.

28 Kaplan; Martin; Johnson: Self-Rejection and the Explanation of Deviance: Specification of the Structure Among Latent Constructs. American Journal of Sociology, Vol. 92, Nr. 2 (Sep. 1986), S.384.

29 Kaplan; Martin; Johnson: Self-Rejection and the Explanation of Deviance, S.384.

30 Kaplan; Martin; Johnson: Self-Rejection and the Explanation of Deviance, S.385.

31 Kaplan; Martin; Johnson: Self-Rejection and the Explanation of Deviance, S.384.

32 Kaplan; Martin; Johnson: Self-Rejection and the Explanation of Deviance, S.385.

33 Kaplan; Martin; Johnson: Self-Rejection and the Explanation of Deviance, S.388.

34 Kaplan; Martin; Johnson: Self-Rejection and the Explanation of Deviance, S.392.

35 Kaplan; Martin; Johnson: Self-Rejection and the Explanation of Deviance, S.392-393.

36 Kaplan; Martin; Johnson: Self-Rejection and the Explanation of Deviance, S.393.

37 Kaplan; Martin; Johnson: Self-Rejection and the Explanation of Deviance, S.394-395.

38 Kaplan; Martin; Johnson: Self-Rejection and the Explanation of Deviance, S.395-396.

39 Kaplan; Martin; Johnson: Self-Rejection and the Explanation of Deviance, S.402.

40 Kaplan; Martin; Johnson: Self-Rejection and the Explanation of Deviance, S.408.

41 Beck, Annette: Die Bedeutung des Schulversagens bzw. des beruflichen Scheiterns als Ursache der Jugendkriminalität – Eine empirische Untersuchung im Bezirk des Stadtjugendamtes Würzburg. Würzburg 1986, S.5.

42 Beck: Die Bedeutung des Schulversagens als Ursache der Jugendkriminalität, S.14.

43 Beck: Die Bedeutung des Schulversagens als Ursache der Jugendkriminalität, S.101.

44 Beck: Die Bedeutung des Schulversagens als Ursache der Jugendkriminalität, S.102.

45 Beck: Die Bedeutung des Schulversagens als Ursache der Jugendkriminalität, S.107.

46 Beck: Die Bedeutung des Schulversagens als Ursache der Jugendkriminalität, S.110.

47 Beck: Die Bedeutung des Schulversagens als Ursache der Jugendkriminalität, S.111.

48 Beck: Die Bedeutung des Schulversagens als Ursache der Jugendkriminalität, S.112.

49 Beck: Die Bedeutung des Schulversagens als Ursache der Jugendkriminalität, S.112.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Etikettierungsansätze und ihre Relevanz in der Forschung über abweichendes Verhalten bei Jugendlichen
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
Empirische Soziologie. Theorien abweichenden Verhaltens und ihre empirische Überprüfung
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V514954
ISBN (eBook)
9783346101631
ISBN (Buch)
9783346101648
Sprache
Deutsch
Schlagworte
etikettierungsansätze, relevanz, forschung, verhalten, jugendlichen
Arbeit zitieren
Laura Feldmeyer (Autor), 2018, Etikettierungsansätze und ihre Relevanz in der Forschung über abweichendes Verhalten bei Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/514954

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