Iwein und Wigalois. Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Artusroman, Identität und Identitäts-Krise im Mittelalter


Bachelorarbeit, 2017

40 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Iwein und Wigalois - Die Werke und ihre Autoren

3. Der Artusroman in „Klassik“ und „Nachklassik“ - Zum Gattungsbegriff

4. Identität und Identitäts-Krise
4.1. Die erste Aventiuresequenz in ihrer identitätsrelevanten Funktion
4.2. Identitätsverlust - Ursachen und Auslöser der Heldenkrisen
4.3. troum und wan - Der Prozess der Identitäts-Rückfindung
4.4. Die Funktion der Krisen und ihre Bedeutung im jeweiligen Romankontext

5. Fazit. Seite

6. Primär-Literaturverzeichnis

7. Sekundär-Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit einigen Jahrzehnten ist die Frage nach Identität und Individualität im Mittelalter zunehmend in den Fokus der Forschung von Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft und weiteren Forschungsgebieten gerückt worden.1 In der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters wird der Diskurs um die Identität auf eine fiktive, personale Ebene gehoben. So lässt sich an der Figur des Iwein Hartmanns von Aue eine Entwicklung ablesen, welche die Forschung unter dem Begriff der Identitätsbildung diskutiert, wobei fraglich ist, ob moderne Konzepte von Individuum und Identität der mittelalterlichen Dichtung gerecht werden können. Es geht in der höfischen Literatur eher um ein literarisch idealisiertes Beispiel für den Typus eines höfischen Ritters und somit - aus der Perspektive des Publikums - um die Ausbildung einer rezeptionellen „Wir-Identität“ der höfischen Adelsgesellschaft.2 Der Ausbildung und Krise der Identität einer erzählten Figur - welche diese Arbeit anhand zweier Beispiele diskutieren will - kommt dabei also keineswegs eine Entsprechung der personalen Identität eines Individuums gleich. In der Literatur diskutiert und beschreibt ein Autor vielmehr Identitätsmodelle, die im Wechselspiel von Erfahrung und Imagination bzw. Funktion entstehen.3 Die Fragestellung dieser Arbeit wird daher auf den Autoren perspektiviert. In der Textreihe der hoch-mittelalterlichen Artusromane kommt dem Wigalois Wirnts von Grafenberg in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung zu. Literatur­geschichtlich kennzeichnet ihn vor allem die offenkundige Absage an die in der Forschung oft als sinntragend bezeichnete Struktur des doppelten Weges, die er bei seinen unmittelbaren Vorgängern vorfand. Als offenkundig kann die Absage nicht nur deshalb bezeichnet werden, weil Wirnt einerseits überaus deutlich seine Kenntnis des Iwein und Erec offenlegt, sondern auch, weil Wirnt die entscheidende Situation aus der Erzählstruktur Hartmanns, nämlich die zäsurierende Krise des Protagonisten als Vorgang seelischer Zerrüttung im Iwein. konzeptuell auf den Protagonisten seines eigenen Artusromans überträgt und umarbeitet.4 Intertextuelle Verknüpfungen waren bei Autoren des Mittelalters ein übliches Verfahren, mit denen sie ihren Wunsch signalisieren konnten, dass entsprechende Kenntnisse über die erwähnten Texte bei den Rezipienten im voraus vorhanden waren, damit das besondere ihrer eigenen Werke deutlich wird.5 Obwohl die intertextuellen Bezüge Wirnts überdurchschnittlich zahlreich vorhanden sind, vermeidet er es in der Regel, Autoren und Werke namentlich zu nennen. Lediglich Wolfram von Eschenbach und Hartmann von Aue werden namentlich herbeizitiert.6 Diese Uneindeutigkeit kann als typisches Vorgehen für das intertextuelle Verfahren im Wigalois genannt werden. An vielen Stellen nimmt er literarische Traditionen und Motive, besonders aus den Werken Hartmanns und Wolframs, auf und integriert sie oftmals spielerisch in sein eigene Werk.7 Ob man Wirnt von Grafenberg deshalb einen Gattungs- oder zumindest traditions­bewussten Umgang mit seinen Vorgängern unterstellen mag, oder den Wigalois deshalb - in der Argumentation älterer Forschungsansätze - als uneigenständiges Epigon klassifizieren möchte, versucht diese Arbeit in einer gegenüberstellenden Textanalyse der intertextuell eindeutig von Hartmann von Aue inspirierten Situation der Heldenkrise im Wigalois, sowie Meinungen und Anregungen aus der Forschung, zu klären. Zunächst werden dabei die beiden Autoren der zu analysierenden Werke gegenübergestellt. Neben biographischen Angaben zu den Autoren, ist hierbei in rezeptionstheoretischer Hinsicht vor allem der Veröffentlichungszeitraum, sowie die Überlieferung der beiden Werke interessant. Da die Forschung die Werke Iwein und Wigalois bis heute der „klassischen“ und „nachklassischen“ Artusepik zuordnet, soll die dahinter stehende Konzeption im anschließenden Kapitel erläutert und diskutiert werden. In diesem Kontext wird außerdem das Strukturprinzip des Doppelwegschemas erläutert und kritisch hinterfragt, da die Krise des Protagonisten nachjenem Schema als Mittelzäsur von essentieller Bedeutung ist. Daran schließt sich dann die ausführliche, analytische Gegenüberstellung beider Protagonistenkrisen in ihrenjeweiligen Werken an. Auf die Untersuchung der identitätsanalytisch bedeutsamen Aspekte im Verlauf der ersten Aventiuresequenzen, folgt eine detaillierte Gegenüberstellung von Entstehung und Auflösung der Krisen, sowie die Diskussion um ihre Funktion und Bedeutung im jeweiligen Romankontext. Die Ergebnisse werden abschließend in Form eines Fazits zusammengefasst.

2.Iwein und Wigalois - Die Werke und ihre Autoren

Hartmann von Aue gilt als einer der wichtigsten Vertreter der mittelhochdeutschen Literatur um die 12. Jahrhundertwende. Seine hohe literaturgeschichtliche Bedeutung beruht nicht zuletzt auf der Vielfalt seiner verfassten Werke, auf der Vermittlung der französisch-höfischen Literatur für deutschsprachige Adels­rezipienten, auf der Ausprägung eigener Texttypen und auf seinem neuartigen Literaturverständnis.8 Ungefähre literarische Schaffensdaten lassen sich außerhalb der Angaben seiner Werke für die Zeit zwischen 1180 und 1200 lediglich durch Nennungen und Widmungen anderer Autoren, wie etwa die durch Gottfrieds von Straßburg Tristan, erschließen, da Hartmann urkundlich nicht erfasst wurde.9 Seine Urheberschaft markiert er in seinen eigenen Texten beispielsweise durch kurze Vorstellungen im Prolog. Aus den selbstreferenziellen Angaben zum gesellschaftlichen Stand des Dichters, klassifizieren ihn im Prolog des Iwein. als gelehrten und literaturkundigen Angehörigen des Ministerialstandes:

Ein riter der gelert was

unde ez an den bouchen las, swenner sine stunde niht baz bewenden chunde, daz er ouch tihtens pflac, daz man gerne hären mac, da chert er sinenfliz an. Er was genant Hartman und was eine Ouwxre, der tihte diz mcere. (V. 2O-3O)10

Deutlich problematischer ist die Identifizierung seines genauen Ortes, sowie die damit korrelierende Bestimmung der Funktion seines vollen Namens, da sie einerseits als Herkunftsangabe Hartmanns und andererseits als Zuordnung zu einem bestimmten Dienstherrn ausgelegt werden kann. Jene Problematik wurde in der Forschung durchaus kontrovers diskutiert, sodass heute lediglich Hartmanns Lokalisierung in den alemannisch-oberrheinischen Raum und die Voraussetzung eines bedeutenden Adelsgeschlechts zur Förderung seiner umfangreichen literarischen Tätigkeit als erwiesen gilt.11 Eher als die Staufer und Welfen kommen die Zähringer als Hartmanns Auftraggeber in Frage,12 zu denen auch ein nach Au bei Freiburg im Breisgau genanntes Ministerialengeschlecht gehörte.13 Diese Zähringer hatten nachweislich Verbindungen nach Frankreich und Gönnern Crétiens, was Hartmann insbesondere seine adaptation courtoise, also die Übertragung bzw. literarisch angepasste Vermittlung der Artusliteratur aus Frankreich an die deutschen Fürstenhöfe ermöglicht haben könnte.14 Injedem Fall wurde der Artusroman im deutschen Sprachraum zunächst durch Hartmanns Erec etabliert. Hartmann hat Chrétiens de Troyes Erec et Enide übertragen, um etwa die Hälfte verlängert und mit wesentlichen, eigenen Akzenten versehen.15

Im Gegensatz zum Erec, welcher nur in einer vollständigen Handschrift und drei Fragmenten überliefert ist, wurde der Iwein sehr viel umfangreicher überliefert. Fünfzehn vollständige Handschriften und siebzehn fragmentarische Überlieferungen sind bis heute erhalten geblieben.16 Volker Mertens datiert die Veröffentlichung des Iwein in die spätere Schaffenszeit Hartmanns in Richtung 1200.17 Im Iwein lässt sich inhaltlich eine deutlich größere Nähe und Entsprechung mit Chrétien als im Erec feststellen. Obwohl der etwa zwanzig Prozent längere Umfang der Geschichte sich zum Teil aus der Übersetzung ergibt, setzt Hartmann auch hier neue Akzente, wie etwa bei der Darstellung der Figuren Lunete und Laudine, dem Erzählmittel (direkte statt indirekte Rede, innerer Monolog anstatt direkter Figurenrede), sowie Eingriffe, die Akzente für das Verständnis des zentralen Konflikts setzen.18 Wegen der stilistischen Souveränität im Iwein im direkten Vergleich zum Erec, der geringen Notwendigkeit, dem Publikum den neuen kulturellen Anspruch durch Kommentare zu verdeutlichen, sowie inhaltlichen Verweisen auf frühere Werke im Iwein, gilt die bereits in der früheren Forschung konstatierte Publikationsreihung der Erzähltexte Hartmanns (Erec - Gregorius - ArmerHeinrich - Iwein) bis heute als erwiesen.19

Geht man von dieser Reihung aus, so liegen mindestens gut zwanzig Jahre zwischen den Publikationen von Iwein und Wigalois.20 Obwohl die genaue Datierung des Wigalois problematisch ist,21 datiert die Forschung die Veröffentlichung des Werkes auf um 1220-1230.22 Auch Wirnt von Grafenberg ist urkundlich nicht bezeugt und man kann, neben den Erkenntnissen, die man aus dem Wigalois selbst gewinnt, lediglich durch die Erwähnungen anderer Autoren, wie Rudolf von Ems und Heinrich von dem Türlin, auf seine Lebensdaten und literarische Schaffenszeit schließen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit stammte er aus dem oberfränkischen Ort Gräfenberg, was nah an der Heimat von Wolframs Eschenbach liegt.23 Im Wigalois selbst finden sich jedoch, neben den zahlreichen, intertextuellen Verweisen, die Rückschlüsse über den möglichen Entstehungs­zeitraum des Werkes und Wirnts Gelehrsamkeit zulassen, auch Angaben des Autors, die seine Urheberschaft klar kennzeichnen. Bereits in den ersten neunzehn Versen appelliert das Werk selbst an den Rezipienten: „michn verlsche lihte ein valscher man,; wan sich niemen vor in kan; behüeten wol, swie rehte er tuot.“ (V. llff.)24 Nachdem das Werk also in fremde Hände gegeben wurde, verwahrt es sich gegen Eingriffe beim Transfer von der Mündlichkeit in Schriftlichkeit sowie gegen eine im Mittelalter nicht ungewöhnliche Zersetzung des Textbestandes im nachfolgenden Prozess der schriftlichen Überlieferung.25 Christoph Fasbender weist darauf hin, dass Wirnt sich nicht nur durch die Mahnung im Prolog untrennbar mit dem Werk verband: Die Selbstnennungen bringe der Autor in seinem werc (V. 137) ziemlich genau im Abstand von 5000 Versen insgesamt drei mal ein (V. 141, V. 5755 und V. 10576).26 Der Autor betont zudem eine besondere Vorgehensweise bei der Verfassung des Wigalois-. Der Stoff des Wigalois basiert, eigenen Angaben zufolge, nicht auf einer schriftlich abgefassten Quelle, sondern von sinem munde enpfie er die aventiure durch einen knappe[ri\, der ihn die Geschichte wizzenlie. (V. 11686-11690).

Tatsächlich kennt die Forschung heute keine zusammenhängende, französische Vorlage des Wigalois, doch die Erzählforschung hat in diesem Zusammenhang konstatiert, dass Renauts de Beaujeu Le bei Inconnu, sowie das anonyme, lediglich in einer Handschrift des 15. Jahrhunderts überlieferte Le Chevalier du papegau, in einem unleugbaren Zusammenhang zum Wigalois stehen.27

Der Wigalois selbst wurde sogar noch besser als Hartmanns Iwein überliefert. Die Überlieferung von insgesamt 13 vollständigen Handschriften und den mindestens 27 weiteren Fragmenten des Textes, von denen beinahe die Hälfte noch im 13. Jahrhundert entstanden sind, geben Aufschluss über die zeitnahe, hohe Rezeption des Werkes.28 Anders als Hartmann, markiert Wirnt nicht explizit seine Herkunft durch Angabe seiner Zugehörigkeit zu einem höheren gesellschaftlichen Stand.29 Stattdessen scheint er vielmehr darauf bedacht gewesen zu sein, ein bestimmtes Bild als Verfasser zu evozieren: Indem er einerseits seinen Prolog durch das Novum eines Sprecherwechsels zweiteilt, und sich dadurch nicht nur der Verfasser, sondern auch das Buch selbst an den Rezipienten wendet, und indem er andererseits durch eine Sentenz-Übertragung aus dem Iwein,30 sowie der routinierte Befolgung aller rhetorischen Regeln der höfischen Versromane,31 deutlich macht, dass er über umfangreiche Kenntnisse der deutschsprachigen Prolog-Tradition verfügt,32 schafft er einen spielerischen Kontrast zu seiner bescheidenen Selbstdarstellung als vz7 Hhte ein tumber man (V. 90), welcher sin erstez werc (V. 140) präsentiert und sich demütig den gruoz (V. 144) des Publikums verdienen möchte. Auch wenn der genaue Umfang der Textkenntnis Wirnts von Grafenberg offenkundig über die Grenzen der Artusromane hinausreichte, so kann dieser retrospektiv in seiner Gesamtheit nicht erschlossen werden.33 In jedem Fall gilt jedoch als erwiesen, dass Wirnt von Grafenberg Kenntnis über die beiden Artusromane Hartmanns, sowie Wolframs Parzival hatte und seinen eigenen Artusroman im Hinblick auf seine Vorgänger konzeptuell veränderte und erweiterte,34 wie diese Arbeit anhand des konzeptuellen Vergleiches der Heldenkrise zum Iwein deutlich machen wird.

3. Der Artusroman in „Klassik“ und „Nachklassik“-Zum Gattungsbegriff

Nicht ohne Grund ordnet die Forschung den Iwein und den Wigalois bis heute gattungsspezifisch zwei unterschiedlichen „Kategorien“ der Artusdichtung („klassisch“ und „nachklassisch“) zu. Bis in die siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts beurteilte man die Artusepik des fortgeschrittenen 13. Jahrhunderts im Vergleich zu den Werken der sogenannten „klassischen“, deutschsprachigen Artusromane als epigonal und polemisch als qualitativ minderwertig.35 Dies änderte sich erst, als die Unterschiede zu den Dichtungen Hartmanns und Wolframs nicht mehr als mangelndes Ausdrucksvermögen, sondern als bewusste Weiterentwicklung und Öffnung vorhandener literarischer Konzepte, angesehen wurden. Immer wieder wurde seitdem der Umgang eines Artusroman-Autoren mit der vorhandenen Gattungstradition untersucht. Christoph Cormeau entwickelte zu diesem Zweck ein schematisches Instrumentarium der gattungstypologischen Kennzeichen des „klassischen“ Artusromans: Der „klassische“ Artusroman sei nach dem Strukturprinzip der sogenannten Gerüstepik aufgebaut: Diese bestehe aus einer Handlungskette von Einzelepisoden, die so miteinander verknüpft sind, dass die „Isolierbarkeit der Motivbausteine“ durchgängig ihrer „Integrierung in einen Gesamtablauf‘ überwiegen.36 Cormeau gibt viele weitere Kategorien in einer Art „Katalog“ von „Typkonstanten“ vor, der auch für die gegenwärtige Forschung hinsichtlich des Erkennens von „Konturen der Gattung auf der Basis ihrer frühesten Vertreter“ noch von entscheidender Bedeutung sind.37

Zum Zweck der typgerechten Abgrenzung zu den „nachklassischen“ Artusromanen hat Wolfgang Achnitz jene typologischen Phänomene für die gegenwärtige Forschung (in insgesamt zehn Kategorien) umgruppiert, zusammengefasst und ergänzt. Er weist jedoch explizit darauf hin, dass trotz der erkennbaren Vergleichbarkeit der beiden Werke Hartmanns mit den fünf Artusromanen Cretiens, die eine Beschreibung von Kriterien, mit denen sich die deutschsprachigen Artusromane von anderen höfischen Versromanen abheben und zu einer Gattung zusammenfassen lassen, zulassen, lediglich das arthurische Personal als einiges obligatorisches Merkmal der Gattung zu nennen ist. Darüber hinaus müsse nichtjeder Gattungsvertreter alle Merkmale aufweisen, nur weil sie als „typisch“ für die Artusepik gelten.38 Neben der strukturrahmenden Gerüstepik (1), kennzeichne die „klassische“ Artusepik eine Begrenzung der Episodenvariabilität (2), sodass der Schauplatz einem der zwei möglichen Klassen (dem Artushof mit seiner höfischer Umgebung, oder den typischen Aventiure- Schauplätze, wie Wald, Wildnis oder fremdes Land) zugewiesen werden könne, wobei ersterer stets der zentrale Orientierungs- und Repräsentationspunkt (3) der Geschichte bleibe. Bei den Akteuren der Handlung seien drei Kategorien zu unterscheiden (4): Der ritterliche Titelheld, dem seine höfischer Dame zugehöre; die Artusgesellschaft, die neben dem König selbst aus weiteren figurale Konstanten mit festen Rollen bestehe; sowie die ritterlichen Gegner. Die Reihung der Episoden erfolge dabei stets mit einer Ortsveränderung, die den Artusritter vom Hof weg und über einen mehrgliedrigen Aventiureweg zu ihm zurück führe. Die Handlungsführung sei im Gesamtroman auf den Protagonisten hin abgestimmt (5) und unterstehe damit dem Konstruktions- und Selektionsprinzip der auf die Hauptfigur bezogenen linearen und finalen Erzählstruktur mit einem „Happy-End“ (6). Das gesamte Feld der Interaktionen werde durch drei unterschiedliche Handlungsauslöser initiiert (7): Die äventiure als Hauptziel des Protagonisten, die minne, vorzugsweise als Minneehe und die ere, die ritterlichen Kampf fordere und mit der erlangten oder gesicherten Herrschaft eines territorialen Souveräns abschließe. In Artusromanen spiegele sich daher stets die Darstellung eines idealtypischen Verhaltensentwurfs (8), die den Weg des Helden im biographischen Prozess (9) begleite. Das in der Forschung lange Zeit als kanonisch geltende Schema der „sinnstiftenden“ Doppelwegstruktur (10), mit der sich „klassische“ und „nachklassische“ Artusromane makrostrukturell von­einander abgrenzen lassen, ist für diese Arbeit besonders relevant, da ihr die Heldenkrise mit zäsurierender Funktion als grundlegendes Strukturelement zugrunde liegt:39 Cormeau beschreibt den Kern des „klassischen“ Artusromans als Prozess der Selbstfindung des Helden, welches durch die besondere symbolische Anordnung ausgeformt werde, indem zwei Aventiuresequenzen zu einem doppelten Kursus verbunden werden. Die Krise, welche ein Defizit in der komplexen Ganzheit von Rittertüchtigkeit und Minneehe aufdecke, stehe dabei als Zäsur in der Mitte beider dventiuren. Das Ergebnis der ersten äventiure sei somit eine instabile Scheinharmonie, die erst nach der zweiten aventiure zum stabilen Endstatus des Helden führe.40 Das Strukturmodell mit eigentlich symbolischer Aussagekraft hat sich in der Forschung als communis opinio zu einem Modell der paradigmatischen Anwendung in der Untersuchung der „klassischen“ Artusepik entwickelt. So merkt Stephan Fuchs in seiner Dissertation 1997 an: „Das Strukturmodell des Artusromans mit der zentralen Doppelung des Aventiurewegs, in dessen Mitte sich ein Scheingewinn zu Verlust und Krise ausweitet und vor dessen Ende der eigentliche Wiedergewinn und die Harmonisierung mit der höfischen Gesellschaft steht, ist [...] in der Mediävistik zur Selbstverständlichkeit geworden.“41 Spätestens zwei Jahre später jedoch, brachte die Forschung dieses vermeintliche gattungsspezifische Deutungsparadigma um seine hoheitliche Stellung:42 In Publikationen wie „Weg mit dem Doppelweg. Wider eine Selbstverständlichkeit der germanistischen Artusforschung“ wird die dogmatische und kanonische Anwendung des Doppelwegschemas kritisiert. Elisabeth Schmid macht vor allem anhand des Beispiels des Parzival deutlich, dass das Doppelwegschema nicht nur nicht in allen „klassischen“ Artusromanen als Strukturelement erkennbar ist, sondern dass es in diesem konkreten Fall sogar zu fatalen Rückschlüssen führen kann, die einem Autor nicht zugestehen, von dem geschaffenen „Bauplan“ abzuweichen.43 Obwohl Schmid die Kanonisierung jener Struktur kritisert, spricht sie der Heldenkrise, als von der Struktur isoliertes Ereignis, keinerlei Bedeutung ab. Die Krise sei unbestreitbar, in der Kontiguität der „klassischen“ Artusromanen, eine Markierung von hoher kompositioneller Bedeutung. Allerdings sei sie keine spezifische „Typkonstante“ für den Aufbau von Cretiens oder den deutschsprachigen Artusromanen, sondern vielmehr klassische Peripetie.44 Die Doppelwegstruktur hat als Modell daher für die deutschsprachige, „klassische“ Artusepik im Kanon der gegenwärtigen Forschung lediglich für Hartmanns Artusromane, Erec und Iwein, seine Gültigkeit,45 wobei bei letzterem die Episoden nicht hintereinander und parallel angeordnet sind, sondern ineinander verschachtelt. Dadurch steht Iwein in seiner Geschichte mehrfach unter Zeitdruck, um die Termine einzuhalten, die er anderen zugesagt hat. In dieser Herausforderung spiegelt sich sein Terminversäumnis aus der ersten Romanhälfte, welches schließlich zu seiner persönlichen Identitätskrise führt.46 Darüber hinaus ist sein ritterlicher Einsatz in der zweiten Aventiuresequenz als besonders hervorzuheben, da er in seiner Qualität deutlich über den Normen- und Wertehorizont der arthurischen Gesellschaft hinausragt und den im Erec vorgestellten Verhaltensentwurf um eine soziale Dimension erweitert.47 Iwein treibt in der zweiten Aventiuresequenz nicht mehr primär der zielstrebige Erwerb von gesellschaftlichem Ansehen, sondern vielmehr das Bedürfnis, den in Not geratenen Menschen Hilfe zu leisten, an.48 Außerdem wird das Reich der Laudine (neben dem Artushof) als zusätzliches Normen- und Wertezentrum etabliert.49 Der „klassische“ Artusroman existiert also auch bei Hartmann nicht als stereotypisches Merkmalsbündel, welches als feste Struktur die Grundlage für spätere Artusromane bildete. Es muss vielmehr gegensätzlich davon ausgegangen werden, dass es schon bald nach der Etablierung einer Gattung zur Variation einzelner Merkmale kam, sodass die Beschreibung von Gattungsmerkmalen nur von einzelnen Texten ausgehend, im synchronen und diachronen Vergleich mit anderen, ähnlichen Texten, erfolgen kann.50

Für den Wigalois lässt sich eben diese Variation noch deutlicher als schon bei Hartmann erkennen, was seine gegenwärtige, abwertungsfreie Zuordnung zu den „nachklassischen“ Artusromanen legitim macht. Der Wigalois Wirnts von Grafenberg weist sogar darüber hinaus deutliche, intertextuelle Einflüsse anderer Gattungen, die in der Forschung beispielsweise in Bezug auf seine Tätigkeit als weltlicher Landesherr der Chanson de Geste,51 oder hinsichtlich seines temporären Zustandes als passiv leidender Heiliger der Legende zuordnet wird.52 Peter Kern postuliert lediglich zwei markante Unterschiede bei der Betrachtung von Wirnts Wigalois im direkten Vergleich mit den „Klassikern“ Hartmanns: Inhaltlich, die christlich-religiöse Einfärbung der Erzählwelt und die Vermischung von Realem und Übernatürlichem; formal, die Reduktion des zweiteiligen Protagonistenwegs zu einer einsinnigen äventiure, die in einer ungebrochenen Linie verläuft.53 Der maßgeblich von Walter Haug geprägte strukturanalytische Ansatz geht davon aus, dass der „nachklassische“ in Abgrenzung zum „klassischen“ Artusroman vor allem eine Veränderung in der „sinntragenden Symbolstruktur“ aufweist. Dadurch, dass die obligatorische Krise des Helden ausgespart werde, reduziere sich die Doppelwegstruktur auf den äußeren Rahmen, wodurch die Zweiteilung der Handlung ihre „sinntragende Funktion“ verliere. Außerdem sei der Artushof nicht mehr der äußere Orientierungspunkt als Rahmen der Handlung. Der Held sei stattdessen der Orientierungspunkt für die Idealität, wodurch er als krisenloser Träger von Normvorstellungen mit statischer Identität agiere.54 Die Krisen­losigkeit des Wigalois wurde schon früher von Joachim Heinzle als dominantesten Unterschied zu den „klassischen“ Artusromanen genannt: „Von den klassischen Artusromanen unterscheidet sich der Wigalois [...] durch seinen völlig unproblematischen Helden, der unbeirrt, ohne einen Rückschlag zu erleiden, voranschreitet.“55 Trotz des Eindrucks, dass die (theoretisch mögliche) Krise des Helden in diesem Werk nicht unbedingt ins Auge springt,56 gehen die Meinungen in der Forschung zum Vorhandensein der Heldenkrise im Wigalois und - wenn ihr Vorhandensein konstatiert wird - zur Bedeutung jener Situation, durchaus auseinander. Im Folgenden, zielt diese Arbeit daher auf die vergleichende Analyse des Phänomens der Protagonisten-Krise in ihrenjeweiligen Kontexten, ohne sie dabei auf ihre Funktion als bloßes zäsurierendes Strukturelement in der Mitte zweier Aventiurewege zu begrenzen, wobei Aufbau und Absicht der Arbeit freilich bereits das grundsätzliche Vorhandensein der Heldenkrise als intertextuelles Element im Wigalois implizieren

[...]


1 Sosna, Anette: Fiktionale Identität im höfischen Roman um 1200: 'Erec', 'Iwein', 'Parzival', 'Tristan', Stuttgart 2003, S.ll. (Im Folgenden zitiert als: Sosna: Fiktionale Identität)

2 Achnitz, Wolfgang: Deutschsprachige Artusdichtung des Mittelalters: eine Einführung, Berlin [u.a.] 2012, S. 78. (Im Folgenden zitiert als: Achnitz: Artusdichtung)

3 Sosna: Fiktionale Identität, S. 30.

4 Fasbender, Christoph: Von Gwigalois zu Wigel, in: Cora Dietl; Christoph Schanze; Friedrich Wolfzettel (Hgg.): Gattungsinterferenzen. Der Artusroman im Dialog (Schriften der Internationalen Artusgesellschaft 11), Berlin [u.a.] 2016, S. 79-94, S. 79f. (Im Folgenden zitiert als: Fasbender: Von Gwigalois zu Wigel)

5 Fasbender, Christoph: Der 'Wigalois' Wirnts von Grafenberg. Eine Einführung, Berlin 2010, S. 2. (Im Folgenden zitiert als: Fasbender: Einführung)

6 Ebd., S. 3.

7 Bockwyt, Rabea: Ein Artusritter im Krieg. Überlegungen zur Namur-Episode im Wigalois des Wimtvon Grafenberg aus intertextueller Perspektive, in: Neophilologus 94 (2010), S. 93-109, S. 96. (Im Folgeden zitiert als: Bockwyt: Artusritter im Krieg)

8 Schulze, Ursula: Art. Hartmann von Aue, in: Lexikon des Mittelalters 4 (1998), Sp. 1945­1947. (Im Folgenden zitiert als: Schulze: Hartmann)

9 Mertens, Volker: Der deutsche Artusroman (Reclams Universal-Bibliothek 17609), Stuttgart2 2007, S. 49f. (Im Folgenden zitiert als: Mertens: Artusroman)

10 Krohn, Rüdiger (Hg.): Hartmann von Aue, Iwein. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch, Herausgegeben und übersetzt von Rüdiger Krohn, Kommentiert von Mireille Schnyder, Stuttgart 2011. (Textstellen des Iwein werden stets aus dieser Ausgabe zitiert)

11 Schulze:Hartmann,Sp.l945-1947.

12 Mertens: Artusroman, S. S. 50f.

13 Schulze: Hartmann, Sp. 1945-1947.

14 Mertens: Artusroman, S. S. 52.

15 Schulze: Hartmann, Sp. 1945-1947.

16 Cormeau, Christoph; Störmer, Wilhelm (Hgg.): Hartmann von Aue: Epoche, Werk, Wirkung (Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte), München3 2007, S. 19. (Im Folgenden zitiert als: Cormeau: Hartmann)

17 Mertens: Artusroman, S. S.49f.

18 Cormeau: Hartmann, S. 198f.

19 Ebd., S. 26.

20 Schiewer, Hans-Jochen: Art. Wimt von Grafenberg, in: Lexikon des Mittelalters 9 (1998), Sp. 250-251.

21 Andersen, Peter Vinilandicus: Der Artushof im Wigalois: vom Zusammenbruch zum Wiederaufbau, in: Matthias Däumer (Hg.): Artushof und Artusliteratur (Schriften der Internationalen Artusgesellschaft 7), Berlin [u.a.] 2010, S. 155-168, S. 155f. (Im Folgenden zitiert als: Andersen: Der Artushof)

22 Fasbender: Von Gwigalois zu Wigel, S.79.

23 Achnitz: Artusdichtung, S. 183.

24 Seelbach, Ulrich; Seelbach, Sabine (Hgg.): Wirnt von Grafenberg, Wigalois. Text der Ausgabe von J.M.N. Kapteyn, übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort versehen von Sabine Seelbach und Ulrich Seelbach, Berlin; New York 2005. (Textstellen des Wigalois werden stets aus dieser Ausgabe zitiert)

25 Achnitz: Artusdichtung, S. 186.

26 Fasbender: Einführung, S. 12.

27 Fasbender: Einführung, S. 9.

28 Achnitz: Artusdichtung, S. 187.

29 Fasbender: Einführung, S. 14.

30 Ebd.,48f.

31 Achnitz: Artusdichtung, S. 189.

32 Fasbender: Einführung, S. 49.

33 Ebd., S. 4.

34 Ebd., S. 7.

35 Veeh, Michael: Auf der Reise durch die Erzählwelten hochhöfischer Kultur: Rituale der Inszenierung höfischer und politischer Vollkommenheit im "Wigalois" des Wirnt von Grafenberg (Regensburger Studien zur Literatur und Kultur des Mittelalters 2), Berlin 2013, S. 39f. (Im Folgenden zitiert als: Veeh: Auf der Reise)

36 Cormeau, Christoph: "Wigalois" und "Diu Crone": zwei Kapitel zur Gattungsgeschichte des nachklassischen Aventiureromans (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters 57), München 1977, S. 9. (Im Folgenden zitiert als: Cormeau: "Wigalois" und "Diu Crone")

37 Achnitz: Artusdichtung, S. 81.

38 Ebd., S. 79f.

39 Ebd., S. 81

40 Cormeau: "Wigalois" und "Diu Crone", S. 18.

41 Fuchs, Stephan: Hybride Helden: Gwigalois und Willehalm. Beiträge zum Heldenbild und zur Poetik des Romans im frühen 13. Jahrhundert (Frankfurter Beiträge zur Germanistik 31), Heidelberg 1997, S. 8. (Im Folgenden zitiert als: Fuchs: Hybride Helden)

42 Wolfzettel, Friedrich: Doppelweg und Biographie, in: Friedrich Wolfzettel; Peter Ihring (Hgg.): Erzählstrukturen der Artusliteratur. Forschungsgeschichte und neue Ansätze, Tübingen 1999, S. 119-141, S. 139.

43 Schmid, Elisabeth: Weg mit dem Doppelweg. Wider eine Selbstverständlichkeit der germanistischen Artusforschung, in: Friedrich Wolfzettel; Peter Ihring (Hgg.): Erzählstrukturen der Artusliteratur. Forschungsgeschichte und neue Ansätze, Tübingen 1999, S. 69-85, S. 76f.

44 Ebd., S. 75.

45 Achnitz: Artusdichtung, S. 85.

46 Ebd., S. 76.

47 Ebd., S. 78

48 Ebd., S. 76f.

49 Ebd., S. 78.

50 Ebd., S. 79f.

51 Bockwyt: Artusritter im Krieg, S. 95.

52 Fuchs: Hybride Helden, S. 146.

53 Kem, Peter: Die Auseinandersetzung mit der Gattungstradition im 'Wigalois' Wimts von Grafenberg , in: Friedrich Wolfzettel (Hg.): Artusroman und Intertextualität (Beiträge der deutschen Sektionstagung der internationalen Artusgesellschaft vom 16.- 19. Nov. 1989 an der Universität Frankfurt) (Beiträge zur deutschen Philologie 67), Gießen 1990, S. 73-83, S. 74. (Im Folgenden zitiert als: Kem: Gattungstradition)

54 Haug, Walter: Über die Schwierigkeiten des Erzählens in "nachklassischer" Zeit, in: Walter Haug; Burghart Wachinger (Hgg.): Positionen des Romans im späten Mittelalter (Fortuna vitrea 1), Tübingen 1991, S. 338-365.

55 Heinzle, Joachim: Über den Aufbau des Wigalois, in: Euphorion 67 (1973), S. 261-271, S. 267. (Im Folgenden zitiert als: Heinzle: Aufbau)

56 Andersen: Der Artushof, S. 166.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Iwein und Wigalois. Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Untertitel
Artusroman, Identität und Identitäts-Krise im Mittelalter
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Philologie - Germanistik)
Note
1,0
Jahr
2017
Seiten
40
Katalognummer
V515101
ISBN (eBook)
9783346104700
ISBN (Buch)
9783346104717
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Iwein und Wigalois, Iwein, Wigalois, Werke, autoren, hartmann von aue, wirnt von grafenberg, klassik, nachklassik, artusroman, klassischer artusroman, nachklassischer artusroman, identität, identitätskrise, aventiure, fiktionale identität, artusritter, vergleich, heldenkrise, identitätsfindung, romankontext, funktion der krise
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Iwein und Wigalois. Gemeinsamkeiten und Unterschiede, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/515101

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