Was versteht man unter sozialer Erwünschtheit?


Hausarbeit, 2018

14 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Was ist „Soziale Erwünschtheit“?
2.1 Zwei Arten sozialer Erwünschtheit nach Esser
2.2 Kritik an Esser nach Lischewski
2.3 Soziale Erwünschtheit nach Hartmann
2.4 Kritik an Hartmann nach Lischewski

3. Lischewskis Ansatz einer Definition Sozialer Erwünschtheit

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Prägende gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Ereignisse führten bisher immer dazu, dass sich in der Forschung mit ihnen intensiv auseinandergesetzt wurde. Zum Beispiel bietet die sogenannte Flüchtlingskrise der empirischen Sozialforschung die Möglichkeit, die Bevölkerung nach ihrer Einstellung zu Flüchtlingen zu befragen. Solch ein sensibles Thema wirft auch sensible Fragen an die Bevölkerung auf. Aber nicht nur die Flüchtlingskrise allein zählt zu den kontroversen Themen unserer Zeit, sondern auch andere Themen, deren Erforschung nicht einfach ist, da hinter ihnen bestimmte Verhaltensnormen stehen und somit hohe Anforderungen an ihre Messung besteht. Sensible Themen können unter anderem das Verhältnis von terroristischen Angriffen und Anti - Islamischen Haltungen sein, die steigende Angst vor Einwanderern, oder psychischen Krankheiten wie Depressionen und Alkoholsucht. Ein bestimmtes Thema erzeugt somit auch eine bestimmte Erwartungshaltung. Beispiele für den Umgang mit umstrittenen und sensiblen Themen in Deutschland stellen folgende Erhebungen dar:

Zum Beispiel die „Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften“, kurz ALLBUS. Sie enthält Fragen zu Ungleichheit, Religion, abweichendem Verhalten, Steuern und Einkommen. Des Weiteren enthält die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) Fragen zur AIDS - Prävention, zur Abwendung von sexuellem Missbrauch, Gesundheitsförderung für Menschen mit Migrationshintergrund und das Politbarometer mit Fragen zu umstrittenen politischen Themen und Haltungen. Ebenfalls erwähnenswert ist das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld, welches sich unter anderem mit Fragen der Radikalisierung, Diskriminierung, Migration und Integration beschäftigt.

Wie bereits erwähnt, konzentrieren sich diese Umfragen auf umstrittene oder sensible Themen. Besonders diese führen zu Problemen bei der Konzeption der Befragung, der Durchführung und der Darstellung der Ergebnisse. Die Befragten neigen dazu ihre Antworten in einem wünschenswerten Rahmen zu formulieren. Die Folge ist eine unwahre Antwort, die schwerwiegende Fehler in der Deutung der Ergebnisse nach sich ziehen. Diese Verzerrung im Antwortverhalten nennt man „Soziale Erwünschtheit“ oder „Social Desirability Bias“, welche empirisch durch Sozialwissenschaftler wie Edwards (1957), Crowne & Marlowe (1960) und anderen erforscht wurde und weiter erforscht wird. Um dem Problem der sozialen Erwünschtheit entgegenzuwirken und mehr wahrheitsgemäße Antworten von den Befragten zu erhalten, sind bisher verschiedene Methoden untersucht und entwickelt worden. In dieser Hausarbeit soll es aber um das allgemeine Verständnis der deutschen Forschung von „Sozialer Erwünschtheit“ gehen. Mithilfe bekannter Autoren werde ich versuchen die grundlegenden Schlussfolgerungen des heutigen Erkenntnisstandes wiederzugeben. Ziel soll es sein einen Überblick über das breite Themenfeld „Sozialer Erwünschtheit“ zu schaffen, und somit den Einstieg in die tiefergehende Betrachtung bzw. Untersuchung zu ermöglichen. Dabei werde ich zunächst die zwei Arten Sozialer Erwünschtheit nach Esser (1986) benennen und folgend auf Hartmanns (1991) Sozialer Erwünschtheit als Bewertungskriterium in seinen Grundzügen eingehen. Anschließend gehe ich anhand Lischewskis (2014) Dissertation der Frage nach, inwiefern sich das Verständnis von Sozialer Erwünschtheit bis heute weiterentwickelt hat.

2 Was ist „Soziale Erwünschtheit“?

In der Forschung gibt es selten allgemeingültige Definitionen von Fachbegriffen. So verhält es sich auch, wenn man nach einer Definition „Sozialer Erwünschtheit“ sucht.

Allgemein zählt sie zu den Formen der Antwortverzerrung in Interviews, sogenannte „Response-Errors“. Sie bildet neben der „Zustimmungstendenz“ eine der beiden wichtigsten Formen der Antwortverzerrung (Schnell, Hill, Esser, S. 345-346, 2013).

In der deutschen Forschung beschäftigen sich viele Studien nur mit einzelnen Effekten der sozialen Erwünschtheit. Die wenigen Forschungsarbeiten, die sich dem Thema aus einer theoretischen Sicht annähern, sind unter anderem die Dissertation von Hartmann (1991) und die Arbeit von Esser (1986), die in dieser Hausarbeit aufgegriffen werden. Lischewski (2014) liefert mit ihrer Dissertation eine systematische Aufarbeitung der über die letzten Jahre entwickelten Ansätze (Lischewski, S. 7, 2014). Ihre Ergebnisse werden in einer zusammenfassenden Form wiedergegeben, um einen allgemeinen Blick auf das Verständnis von sozialer Erwünschtheit zu ermöglichen.

Bei der Abgabe sozial erwünschter Antworten, liefert die Forschung zwei Erklärungsansätze:

Zum einen wird die soziale Erwünschtheit als ein Persönlichkeitsmerkmal angesehen, welches mit dem Bedürfnis nach sozialer Anerkennung verbunden ist. In diesem Zusammenhang kann man auch McClellands Theorie der gelernten Bedürfnisse sehen. Insbesondere die des Vermeidungsbedürfnisses, in der das Streben nach der Vermeidung von Versagen und Ablehnung, implementiert ist (Ripplinger, S. 34, 2008).

Zum anderen als eine situationsspezifische Reaktion auf eine Datenerhebung, bei der aufgrund der Befürchtung vor Konsequenzen Antworten idealisiert werden (Schnell, Hill, Esser, S. 347, 2013). So geht man beispielsweise auch beim Hawthorne Effekt davon aus, dass Versuchspersonen ihr natürliches Verhalten ändern können, wenn sie wissen, dass sie an einer Untersuchung teilnehmen (Schwarz, Fischhoff, Krishnamurti, Sowell, S. 15242, 2013).

Bogner und Landrock (2015), sowie Lakitsch (2007) beschreiben Soziale Erwünschtheit als die Tendenz von Befragungsteilnehmern, in einer Befragung eine überwiegend positive Beschreibung der eigenen Person abzugeben bzw., dem zu entsprechen, was der Interviewer oder andere beteiligte Personen vermeintlich von einem erwarten. Dies kann mittels einer übertriebenen Nennung von erwünschtem Verhalten oder mittels einer untertriebenen Nennung von unerwünschtem Verhalten geschehen. Orientierung bieten dabei soziale Normen (Bogner, Landrock, S. 2, 2015; Lakitsch, S. 5, 2007).

2.1 Zwei Arten sozialer Erwünschtheit nach Esser

In seiner Arbeit geht Esser von zwei Arten sozialer Erwünschtheit aus: Zum einen die kulturelle soziale Erwünschtheit, die ihre Ursache in internalisierten allgemeinen Verhaltenserwartungen hat, wie zum Beispiel die Verinnerlichung traditioneller Geschlechterrollen.

Zum anderen die situationale soziale Erwünschtheit, die sich durch die konkreten Stimuli der Befragungssituation auszeichnet, also einen Reiz der eine bestimmte Reaktion beim Befragten auslöst. Zum Beispiel wegen des Geschlechts oder Hautfarbe des Interviewers (Schnell, Hill, Esser, S. 347, 2013).

Esser sieht die Erklärung für die Verzerrungen von Antworten nach sozialer Erwünschtheit also einerseits als ein kombiniertes Ergebnis von Motiven, Bedürfnissen und Bewertungen sowie dem Versuch mit dem Antwortverhalten ein subjektiv verbundenes Ziel zu erreichen, und andererseits darin, dass gewisse Erwartungen über den Zusammenhang einer Antwort bestimmte Konsequenzen bedingen (Esser, S. 6, 1986). Darüber hinaus bewerten und interpretieren Befragte die gesamte Situation einer Erhebung vor dem Hintergrund ihrer persönlichen und auf ihre Interessen und Einbindungen bezogenen Ziele und Erwartungen (Esser, S. 7, 1986). Esser untermauert seine Aussage mit der Auffassung von Philipps (1971), dass Befragte eine bestimmte Reaktion bzw. Antwort dann liefern, wenn sie im Vorfeld verschiedene Reaktionsmöglichkeiten gegeneinander abgewogen haben, und sich für die Reaktion entscheiden, die den größten subjektiven Nutzen für sie hat. Somit sind es nicht nur die Motive, Normen und Sanktionen, usw., sondern der Vergleich von Reaktionsmöglichkeiten, der die Entscheidung für eine bestimmte Reaktion ergibt (Esser, S. 8-9, 1986). Grundsätzlich sieht Esser also, dass das Verhalten des Befragten als das Ergebnis einer Nutzen-Kosten-Erwägung erfolgten Entscheidung erklärt werden kann (Esser, S.9, 1986).

2.2 Kritik an Esser nach Lischewski

In ihrer Dissertation von 2014, weist Lischewski auf die Schwachstellen in Essers Modell hin. Wie oben beschrieben, unterscheidet Esser zwischen verschiedenen Typen von Normen. Die situativen Normen werden durch die Effekte des Interviews geprägt und die kulturellen eher durch die Gesellschaft. Lischewski deutet darauf hin, dass Esser zwar die Anonymität als Bedingung für die situativen Normen nennt, aber die Wirkung dieser Rahmenbedingung auf die kulturellen Normen nicht konkretisiert. Damit will sie verdeutlichen, dass es nicht klar ist, ob sich nach Esser auch in anonymen Befragungen, ein sozial erwünschtes Antwortverhalten aus gesellschaftlichen Erwünschtheitswahrnehmungen ergeben kann (Lischewski, S.174, 2014).

2.3 Soziale Erwünschtheit nach Hartmann

Hartmann setzt an Essers Annahme der situationalen sozialen Erwünschtheit an, dass das Antwortverhalten durch die Befragungssituation als solches beeinflusst werden kann. Sie erweitert nun dieses Konzept damit, dass soziale Erwünschtheit ein Bewertungskriterium ist, welches auf die Eigenschaften die den Merkmalen von Personen zukommt, angewendet werden kann (Hartmann, S. 38, 1991). Nach Hartmann muss dafür vorausgesetzt sein, dass jede Person ihre individuelle Vorstellung davon hat, welche Eigenschaften erwünscht sind. Wenn dann diese Bewertung mit einer Gruppe von Personen übereinstimmt, ergeben diese Vorstellungen eine gesellschaftliche Zuschreibung von sozial erwünschten (Ehrlichkeit, soziales Engagement) und sozial unerwünschten (Rassismus, Drogenmissbrauch) Verhaltensweisen bzw. Einstellungen (Hartmann, S. 38-39, 1991). Der Ausgangspunkt für die empirische Bestimmung der sozialen Erwünschtheit von Merkmalen in einem Kollektiv wird also durch eine individuelle Bewertung gebildet (Hartmann, S. 39, 1991). Dabei geht sie auf zwei Varianten der Bestimmung von kollektiver Erwünschtheit ein:

[...]

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Details

Titel
Was versteht man unter sozialer Erwünschtheit?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Empirische Methoden der Sozialforschung
Note
2.0
Autor
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V515185
ISBN (eBook)
9783346109132
ISBN (Buch)
9783346109149
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale Erwünschtheit, Messung, Verzerrung
Arbeit zitieren
Alexander Schröer (Autor), 2018, Was versteht man unter sozialer Erwünschtheit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/515185

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