Thomas Mann. Herzensmonarchist und Vernunftrepublikaner


Essay, 2019

14 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Von Deutscher Republik

3. Schlussgedanken

4. Literaturverzeichnis

Übersetzung:

„Bringen Sie in Ihren Bericht so viel Unordnung, wie Ihnen beliebt“, erwiderte Jammes.

„Warum wollen Sie versuchen, die Ereignisse chronologisch zu ordnen“, sagte ich, „warum

bieten Sie sie uns nicht so dar, wie Sie sie entdeckt haben?“

„Dann müssen Sie erlauben, dass ich viel von mir spreche“, sagte Gérard.

„Wir tun doch alle nichts anderes!“ versetzte Jammes

(Gesammelte Werke Bd. 8, 1992: 146f.)

1. Vorwort

Die Geschichte der Weimarer Republik wird oft als eine Geschichte des Scheiterns er- zählt. Ein Scheitern, das unter anderem durch folgendes Problem bedingt war: Fehlende Identität mit der Republik. Es war eine Republik ohne wirkliche Republikaner. Ferner „war man als deutscher Bürger entweder Republikgegner, oder man war zweierlei zu- gleich, Vernunftrepublikaner und Herzensmonarchist (Schulze 1989: 209)“. Den Begriff des „Vernunftrepublikaners“ bzw. des „Vernunftrepublikanismus“ prägte der deutsche Historiker Friedrich Meinecke, der unter anderem auch für den Ansatz der politischen Ideengeschichte bekannt ist. Diese Begriffe – „Vernunftrepublikaner“ und „Vernunftre- publikanismus“ – sind gleichzeitig auch die Schlagwörter dieses Essays. Dabei wird ex- plizit der Wandel des berühmten deutsche Schriftstellers Thomas Mann, der insbesondere für seinen weltweit erschienenen Gesellschaftsroman „Buddenbrooks: Verfall einer Fa- milie“ bekannt ist, dargestellt. Gar wurde sein Roman über die Familie der Buddenbrooks 1929 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet und war somit nicht nur ein kom- merzieller Erfolg, sondern auch einer, der Mann zu hohem Prestige verhalf. Jedoch wer- den hier nicht die „Buddenbrooks“, „Doktor Faustus“ oder „Der Zauberberg“ näher unter die Lupe genommen, sondern seine Rede „Zur deutschen Republik“ sowie sein zuvor erschienener Großessay „Betrachtungen eins Unpolitischen“. Dabei geht es jedoch auch nicht um bloße Inhaltsangaben oder Interpretationen. Vielmehr wird der Wandel Manns dargestellt. Der Wandel von einem treuen Monarchisten, hin zu einen aus Vernunftgrün- den hervorgegangenen Republikaner. So reiht sich Mann in die Reihe weiterer Schrift- steller, Politiker und Intellektuelle wie Max Weber, Gustav Stresemann oder Eugen Schiffner ein. Sie und andere Bürgerliche, bejahten öffentlich die Republik und begannen die Monarchie aus Vernunftgründen abzulehnen. Sie wurden Vernunftrepublikaner. Man sollte dabei allerdings nicht der Auffassung sein, dass Meinecke, Mann, Weber usw. von der Demokratie schwärmten. Sie galt eher als etwas Unabwendbares und zugleich als Mittel, um streng rationalisierte Politik zu führen. Ein weiteres Motiv für die Wandlung ist die Idee der Volksgemeinschaft. So sah Meinecke die Demokratie als Chance Arbei- terschaft und Bürgertum zusammenzubringen – also Demokratie als Ventil bzw. Demo- kratie als Staatsform des sozialen Friedens. Im Falle einer Wiederkehr der Monarchie sieht Meinecke hingegen eine Katastrophe voraus. So ist bei ihm von „völliger Zerspal- tung“ oder gar „permanenten Bürgerkrieg“ die Rede. Demokratie schafft hingegen poli- tische Freiheit, die sich durch sämtliche Schichten zieht. Volksgemeinschaft fällt also mit Demokratie zusammen – und Demokratie sei im Gegensatz zur Monarchie kontinuierlich. Sollte man den Schritt zurück machen, so würde es ihr an dem Mysterium der historischen Weihe fehlen und somit auch an ihrer inneren Autorität. Man würde ferner versuchen, die fehlende Autorität durch drastische Methoden wieder herstellen zu wollen. Gemeint ist die Herstellung einer militaristischen, nur an der eigenen Macht interessierten Monarchie mit konservativer Klasseneinteilung. Umso wichtiger war es für das Bürgertum öffentlich für die Demokratie zu werben. So tat dies Thomas Mann unter anderem bei seiner Rede „Von Deutscher Republik“. Sein Publikum bestand dabei zum Großteil aus Studierenden. Man könnte aus häutiger Sicht denken das dies ein einfaches Publikum wäre. Doch dem war nicht so. Weite Teile der Studierendenschaft galten als erzkonservativ und lehnten die Weimarer Republik ab.

2. Von Deutscher Republik

Wie erwähnt, prägte Historiker Friedrich Meinecke mit dem Begriff des „Vernunftrepub- likanismus“ das Schlagwort dieses Essays. Der Vernunftrepublikaner sei dabei ein Bürger aus dem liberalen, bürgerlichen Spektrum, der sich aufgrund fehlender alternativen zur Republik bekennt. So gilt meines Erachtens der berühmte deutsche Schriftsteller Thomas Mann, als der wohl bekannteste Vertreter des Vernunftrepublikanismus. Seine prorepub- likanische Rede „Von Deutscher Republik“ stieß bei seinem Publikum (bestehend aus Teilen der Berliner Studentenschaft) auf große Ablehnung. Noch vier Jahre zuvor, also im Jahre 1918 erschien sein umfassendes Buch „Betrachtungen eines Unpolitischen“, in dem er sich zur Monarchie bekennt und sich nicht nur als antipazifistisch darstellt, son- dern zugleich den Ersten Weltkrieg in seiner Notwenigkeit verteidigt. Eben diese Wand- lung macht den Vernunftrepublikaner aus. War „Betrachtungen eines Unpolitischen“ noch ein Manifest der Konservativen, wandelte sich Mann zu einem Republikaner und nahm gar als Sozialdemokrat politische Haltung an.

Vier Jahre nach seinen „Betrachtungen“ also, appelliert Mann an die junge Studenten- schaft, wie notwendig die Republik sei und dass diese, der einzige Weg ist, flächende- ckend für humanitäre Verhältnisse zu sorgen. Genauer erschien Mann vorher die Monar- chie als national, sozial und kulturfordernd. Mit seiner Wandlung hingegen, schrieb er plötzlich genau diese Merkmale nun doch eher der Republik zu. So ist die Republik aus seiner neuen Sicht die einzige Möglichkeit eine große, nationale und vor allem kontinu- ierliche Gemeinschaft zu errichten, da er davon ausging, dass die Weimarer Republik jeglichen Extremismus unterdrückt und somit eine langlebige Ordnung herstellt. Diese Wandlung hinderte ihn jedoch nicht, seine „Betrachtungen“ in den zwanziger Jahren neu aufzulegen. Er entfernte lediglich einige Stellen aus seinem Buch, um die Aussagekraft seiner Seiten zu mildern. Ins Gegenteil, also zu einem demokratischen Buch umzuwan- deln, war jedoch nicht möglich. Es wäre also nur konsequent gewesen, wenn seine „Be- trachtungen“ nicht mehr aufgelegt würden, anstatt krampfhaft den Text so zu bearbeiten, dass sich Inhalte relativieren. Was Mann im Nachhinein eh nur zum Teil gelungen ist. Er wollte sein Buch auch gar nicht großartig verändern. Denn sie seien kein Manifest an die Monarchie. Man hätte ihn falsch verstanden. Man müsse sie vielmehr aus der Sicht eines Zeitzeugen lesen. Dennoch stellt sich die Frage, aus welchem Grund sich Mann nun po- litisch wandelte. Allein diese Antwort mit „Vernunft“ zu beantworten, wäre zu einfach und nicht gewinnbringend. Eine ausführlichere Antwort auf diese Frage liefert Mann in seinen 1939 in „Kultur und Politik“ erschienen Aufsatz selbst. Mann äußert sich folgen- dermaßen:

Mein persönliches Bekenntnis zur Demokratie geht aus einer Einsicht hervor, die gewonnen sein wollte, und meiner deutsch-bürgerlichen Herkunft und Erziehung ursprünglich fremd war: der Ein- sicht, dass das Politische und Soziale ein Teilgebiet des Menschlichen ausmacht, dass er der Totalität des humanen Problems angehört, vom Geiste in sie einzuziehen ist, und dass diese Totalität eine gefährliche, die Kultur gefährdende Lücke aufweist, wenn es ihr an dem politischen, dem sozialen Element gebricht. (Sontheimer 1958: 14)

Mann bekennt sich also zur Republik, weil er der Meinung ist, dass erstens – wie bereits oben genannt – allein die Republik in der Lage sei, die politisch extremen Lager nieder- zuschlagen und für eine friedliche Gesellschaft zu Sorgen. Dieser Gedanke liegt gar nicht so fern, wenn man sich den März 1920 anschaut. Völkische Soldaten nahmen unter Füh- rung der Putschisten Walther von Lüttwitz, Erich Ludendorff und Wolfgang Kapp am 14. März die Reichsregierung ohne jeglichen Schusswechsel ein. Grund für diesen Putsch war der Versailler Vertrag, der das Deutsche Heer massiv verkleinern sollte. Sämtliche Soldaten würden somit ihre Arbeit verlieren und stünden demzufolge vor dem finanziel- len Ruin. Da die Regierung Weimars jedoch nicht auf die Forderungen der Soldaten und Generäle einging, sahen diese sich zum Teil gezwungen, politische Gewalt anzuwenden und die Regierung zu übernehmen. Die Regierung konnte jedoch kurz vorher aus Berlin flüchten und zusammen mit den Gewerkschaften zum Generalstreik auffordern. Binnen weniger Tage wurde die ganze Republik lahmgelegt. Teilweise gab es keinen Strom mehr, Wasser floss nicht, es kam kein Gas aus den Rohren und die Lebensmittel wurden knapp. Zusätzlich weigerten sich die Berliner Beamten ihre Kooperation mit den Put- schisten. Ferner schafften es die Leute um Kapp nicht, für eine Regierung notwendige finanzielle Mittel von der Reichsbank zu erhalten. Aus diesen Gründen blieb den Put- schisten nichts anderes übrig, als am 17. März aufzugeben und das Regierungsgebäude zu verlassen. Durch den Generalstreik konnte sich jedoch die linke Extreme organisieren und bildete währenddessen die Rote Ruhrarmee mit mehreren 10.000 Bewaffneten, um eine erneute Revolution zu beginnen. Nachdem sämtliche Verhandlungen mit der Regie- rung nicht zu Frieden führten, sah sich die Regierung dazu gezwungen mit militärischen Maßnahmen den Aufstand niederzuschlagen. Groteskerweise wurden dabei unter ande- rem Soldaten der Reichswehr und Freikorps eingesetzt, die sich zuvor am Militärputsch beteiligt hatten. Nichtsdestotrotz konnte der Ruhraufstand niedergeschlagen werden. Die Weimarer Regierung schaffte es also beide politischen Pole binnen weniger Wochen zu besiegen. Es wäre jedoch sehr naiv auf Basis dieser Ereignisse von einer starken Republik zu reden. Vielmehr gilt der Sieg der Regierung über die Putschisten und linken Arbeiter als Pyrrhussieg – also als einen Sieg, bei dem der Gewinner stark geschwächt hervorgeht. So konnte sich bspw. die Koalition aus SPD, Zentrum und DDP, nach den Reichstags- wahlen vom 6. Juni 1920 nicht mehr halten. Stattdessen driftete das Wahlverhalten der Bürger nach links bzw. nach rechts ab. Die Republik war damit also gespalten und es öffnete sich der Weg für den Erfolg der Nationalsozialisten. Umso wichtiger schien es wahrscheinlich für Mann, an die Studentenschaft zu appellieren, sich zur Republik zu bekennen. Auch wenn er sich immer noch nicht als Pazifist sah, so sah er zumindest in der Republik die Möglichkeit für innerdeutschen Frieden sorgen zu können. Dafür war es jedoch vonnöten nach Vernunft zu handeln und als gutes Beispiel voran zu gehen.

Der zweite Grund weswegen Mann zum Vernunftrepublikaner wurde, liegt wohl ein we- nig auch im Eigeninteresse. Mann sagt bereits ziemlich weit am Anfang seiner Rede „Von Deutscher Republik“ folgendes:

[…] nachdem man der Demokratie alles nachgesagt hat, was ihr nachgesagt werden kann, ist fest- zustellen, dass sie des Landes geistige Spitzen, nach Wegfall der dynastisch-feudalen, der Nation sichtbarer Macht: das unmittelbare Ansehen des Schriftstellers steigt im republikanischen Staat, seine unmittelbare Verantwortlichkeit gleichermaßen, – ganz einerlei, ob er persönlich dies je zu den Wünschbarkeiten zählte oder nicht. (1993: 127f.)

Mann ging also mit gutem Beispiel voran, wenn es um die neue herausragende Verant- wortung der Schriftsteller geht. Denn nicht umsonst hielt er die Rede vor einem studenti- schen Publikum. Es gab regelrecht ein Generationsgefälle in der politischen Haltung. So neigten Personen im mittlerer bis hohen Alter eher dazu, sich mit der neuen Staatsform abzufinden und wandelten sich somit eher zu Vernunftrepublikanern. Die jungen Men- schen blieben hingegen zum Großteil demokratiefeindlich. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrten die Studierenden wieder zurück an die Universitäten. Hoch politisiert war es ihr Ziel eine „neue Studentenschaft“ zu gründen – eine Studentenschaft, die sich aktiv an der Politik der Gegenwart beteiligen wollte. Man hielt es für notwendig, sich für ein starkes Führertum einzusetzen, um ein Wiedererstarken des deutschen Volkes hervorzurufen. Demgemäß las man in zahlreichen studentischen Zeitungen und Flugblättern den Begriff der „Volksgemeinschaft“. Doch ist dabei bei weitem nicht die Gleichheit aller Gesell- schaftsklassen gemeint. Vielmehr beruht der Begriff auf ihren Erfahrungen während des Krieges, bei dem vor allem Zusammenhalt und nicht die Standes- und Gesellschaftsun- terschiede eine zentrale Rolle spielten. Unter „Volksgemeinschaft“ ist also viel mehr zu verstehen gewesen, dass sich sämtliche sozialen Schichten zueinander emotional gebun- den fühlen und so eine starke und vereinte Nation repräsentieren. Man versuchte also den Zusammenhalt, den man auf dem Kriegsfeld erfahren hatte, aufrechtzuerhalten – was wohl eher als großes Wunschdenken, anstatt als ernsthaftes Konzept aufgefasst werden kann. Nichtsdestotrotz begannen vor allem studentische Verbindungen sich nach dem Krieg zu politisieren, indem sie unter anderem Zeitschriften wie die „Burschenschaftli- chen Blätter“ herausbrachten und eine Neugestaltung und Umorientierung ihres Landes forderten. Zusätzlich begann man sich intensiv politisch fortzubilden. Der „Allgemeine Studierenden Ausschuss“ (kurz: AStA) an der Universität Tübingen, bildete gar ein eige- nes Bildungsamt und initiierte zahlreiche Vortrags- und Diskussionsabende. Zwar gab es solche Veranstaltungen bereits vor dem Krieg, jedoch konnten diese sich kaum länger als ein Semester halten. In der Nachkriegszeit war man allerdings der festen Überzeugung, die Verbindungen in politischer Bildung schulen zu müssen, um auf dessen Basis einen gesellschaftlichen Führungsanspruch fußen zu können. Leider waren aus republikani- scher Sicht diese Veranstaltungen meist antidemokratischer Haltung. Daher stand unter anderem der „Hochschulring Deutscher Art“ führ Antisemitismus und aggressiven, völ- kischen Nationalismus. Wenn auch nicht alle Verbindungen diese extreme Position inne hatten, so bildete man dennoch durch die Ablehnung der Demokratie und dem völkischen Gedanken einen nationalen Widerstand gegen die Weimarer Republik.

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Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Thomas Mann. Herzensmonarchist und Vernunftrepublikaner
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V515279
ISBN (eBook)
9783346117816
ISBN (Buch)
9783346117823
Sprache
Deutsch
Schlagworte
thomas mann, weimarer republik, von deutscher republik, geschichte, politik, ideengeschichte, vernunftrepublikaner, burschenschaft, krieg, literatur, demokratie, 20er Jahre
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Anonym, 2019, Thomas Mann. Herzensmonarchist und Vernunftrepublikaner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/515279

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