Im Jahr 1954 tauchte im Londoner Autographen- Handel die unbekannte Reinschrift einer Hymne Hölderlins auf: Die Friedensfeier. Bis zu diesem Zeitpunkt waren von der Friedensfeier lediglich ein Prosaentwurf bekannt sowie zwei Versentwürfe: Der Erste und der Zweite Hauptansatz. Hölderlin sah die Reinschrift wohl für eine Druckvorlage vor, da sie nur wenig korrigiert ist. Das Gedicht selbst kann nicht exakt datiert werden, denn man weiß nicht genau, in welchem zeitlichen Abstand zu den Entwürfen schließlich die Endfassung entstanden ist.
Es entstand wohl 1801 oder 1802, denn man vermutet einen Zusammenhang der Entstehung der Hymne zum Frieden von Lunéville. Hölderlin setzte große Hoffnungen auf diesen Frieden, nicht nur politisch gesehen, sondern auch bezogen auf das Verhältnis der Menschen untereinander.
Die Friedensfeier ist unter den Hölderlin-Forschern sehr umstritten. Nicht nur die Semantik einzelner Worte und Begriffe, sondern auch die Thematik und Leitvorstellungen im Ganzen werden sehr gegensätzlich diskutiert. Wenn man die Literatur zur Friedensfeier sichtet, erscheint es auf den ersten Blick merkwürdig, dass der eine Forscher überzeugt sein kann, in der zentralen Figur der Friedensfeier (der Fürst des Fests) Napoleon zu sehen und ein anderer fest überzeugt ist, allein Christus stelle den Fürsten dar.
Böckmann stellt zurecht fest, dass mit der Hymne ein „Zankapfel“ unter die Hölderlin-Freunde geworfen wurde. Hölderlin selbst hat den Leser um Nachsicht gebeten, er stellt seiner Hymne voran: „Ich bitte dieses Blatt nur gutmütig zu lesen. So wird es sicher nicht unfasslich, noch weniger anstößig sein.“ Mittlerweile scheinen die Forscher nicht mehr die Friedensfeier selbst „anstößig“ zu finden, sondern vielmehr die Meinungen ihrer Kollegen über die Hymne.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Fürst des Fests als Napoleon
2.1. Kerényis’ Napoleon-Hypothese
2.2. Allemanns Napoleon-Hypothese
3. Der Fürst des Fests als Christus
3.1. Diskurs über die „Christus-Hypothese“
3.2. Diskurs über die Identität des Fürsten als Christus und des Jünglings
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Rezeptionsphänomene rund um die zentrale Figur des „Fürsten des Fests“ in Hölderlins Hymne „Friedensfeier“, mit dem Ziel, den akademischen Diskurs über deren Identität kritisch zu beleuchten.
- Kritische Analyse der Napoleon-Hypothese in der Forschung
- Diskussion der Christus-Hypothese als Interpretationsansatz
- Untersuchung der Identitätsfrage zwischen „Fürst des Fests“ und „Jüngling“
- Betrachtung von Hölderlins synkretistischem Denken und seiner Mythologie
- Analyse der sprachlichen Vielschichtigkeit und Hermeneutik
Auszug aus dem Buch
2. Der Fürst des Fests als Napoleon
Karl Kerényi hat zuerst die These aufgestellt, es handele sich beim Fürsten des Fests um Napoleon. Beda Allemann hat Kerényis Argumente übernommen und weiterentwickelt. Böckmann [1955/56:3] hält diese These für ungesichert und nennt sie eine „erwünschte Verlegenheitsauskunft“. Hauptkritikpunkt Böckmanns ist die Tatsache, dass der in V. 15 und 112 genannte Fürst des Fests Napoleon darstellen soll, weil es einen Gedichtentwurf im Nachlass Hölderlins gibt, der die Überschrift „Dem Allbekannten“ trägt. Kerényi hätte die Gleichung aufgestellt, dass auf Grund dieses damals unveröffentlichten Entwurfes bei Hölderlin das Wort „Allbekannter“ immer Napoleon bedeute. Böckmann [1955/56:4] setzt dagegen, dass Hölderlin viele „allbekannte“ Erscheinungen in seinen Gedichten beschreibt. Tatsächlich lässt sich das bei einigen Gedichten Hölderlins beobachten: In „Chiron“ schreibt er
Dann hör ich oft den Wagen des Donnerers Am Mittag, wenn er naht, der bekannteste
Im Gedicht an seine Großmutter zum 72. Geburtstag heißt es über Christus
Wenige kennen ihn doch und oft erscheinet erheiternd Mitten in stürmischer Zeit ihnen das himmlische Bild.
In diesem Gedicht schreibt Hölderlin, dass Christus nur wenige kennen würden. Er meint damit sicher nicht wörtlich, dass viele Menschen Christus nicht kennen, sondern eher, dass sie ihn nicht erkennen und ihm nicht nachfolgen. Er impliziert damit, dass Christus durchaus allen bekannt sei. Ich schließe mich daher der Meinung Böckmanns an, dass man nicht den Schluss ziehen kann, dass Hölderlin, wenn er vom "Allbekannten" spricht, immer dieselbe Figur oder Person meint.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Entstehungsgeschichte der Hymne „Friedensfeier“ ein und erläutert die forschungsgeschichtliche Problematik der Identitätsbestimmung des „Fürsten des Fests“.
2. Der Fürst des Fests als Napoleon: Hier werden die Argumente der Forscher Kerényi und Allemann diskutiert, die in der zentralen Figur Napoleon sehen, sowie die kritische Gegenposition dazu dargestellt.
3. Der Fürst des Fests als Christus: Dieses Kapitel analysiert die christologische Deutungstradition und untersucht die offene Frage nach der Identität von „Fürst des Fests“ und „Jüngling“.
4. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass keine der Hypothesen als mathematisch eindeutig bewiesen gelten kann und plädiert stattdessen für eine Würdigung der vieldimensionalen Sprachstruktur Hölderlins.
Schlüsselwörter
Hölderlin, Friedensfeier, Fürst des Fests, Napoleon-Hypothese, Christus-Hypothese, Jüngling, Hermeneutik, Literaturanalyse, Rezeptionsphänomene, Hymne, Trinität, Interpretation, Philologie, Mythologie, Identitätsfrage
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den wissenschaftlichen Diskurs über die Identität der Figur des „Fürsten des Fests“ in Friedrich Hölderlins Hymne „Friedensfeier“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die kontroversen Interpretationsansätze, ob es sich bei der zentralen Gestalt um eine historische Figur wie Napoleon oder um eine christologisch konnotierte Figur handelt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Argumentationslinien verschiedener Hölderlin-Forscher aufzuarbeiten und die Frage zu klären, ob die Figur des „Fürsten des Fests“ und der „Jüngling“ als identisch zu betrachten sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse und hermeneutische Diskursbetrachtung angewandt, die sich auf Textstellen der Hymne sowie auf die Sekundärliteratur stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Diskussion der Napoleon-Hypothese und der Christus-Hypothese sowie die Untersuchung der Identitätsfrage zwischen verschiedenen im Text auftretenden Figuren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Hölderlin, Friedensfeier, Christus-Hypothese, Napoleon-Hypothese, Hermeneutik und literarische Mehrdimensionalität.
Warum wird im Text so viel Wert auf den „Jüngling“ gelegt?
Weil die Identifizierung des Jünglings mit dem Fürsten ein entscheidender Schlüssel für die Gesamtauslegung der hymnischen Struktur ist.
Warum kommt die Autorin zu dem Schluss, dass keine eindeutige Identifizierung möglich ist?
Die Autorin argumentiert, dass Hölderlins synkretistisches Denken und seine „bedeutungsschwangere“ Sprache bewusst eine eindimensionale Lesart vermeiden, um die Zeitlosigkeit des Werks zu wahren.
- Quote paper
- Astrid Brüggemann (Author), 2004, Rezeptionsphänomene zu Hölderlins "Friedensfeier" unter besonderer Berücksichtigung des "Fürsten des Festes", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51641