Rezeptionsphänomene zu Hölderlins "Friedensfeier" unter besonderer Berücksichtigung des "Fürsten des Festes"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

21 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Fürst des Fests als Napoleon
2.1. Kerényis’ Napoleon-Hypothese
2.2. Allemanns Napoleon-Hypothese

3. Der Fürst des Fests als Christus
3.1. Diskurs über die „Christus-Hypothese“
3.2. Diskurs über die Identität des Fürsten als Christus und des Jünglings

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis:

6. Anhang

1. Einleitung

Vor 50 Jahren (1954) tauchte im Londoner Autographen-Handel die unbekannte Reinschrift einer Hymne Hölderlins auf: Die Friedensfeier. Bis zu diesem Zeitpunkt waren von der Friedensfeier lediglich ein Prosaentwurf bekannt sowie zwei Versentwürfe: Der Erste und der Zweite Hauptansatz.[1] Hölderlin sah die Reinschrift wohl für eine Druckvorlage vor, da sie nur wenig korrigiert ist. Das Gedicht selbst kann nicht exakt datiert werden, denn man weiß nicht genau, in welchem zeitlichen Abstand zu den Entwürfen schließlich die Endfassung entstanden ist. Es entstand wohl 1801 oder 1802, denn man vermutet einen Zusammenhang der Entstehung der Hymne zum Frieden von Lunéville[2]. Hölderlin setzte große Hoffnungen auf diesen Frieden, nicht nur politisch gesehen, sondern auch bezogen auf das Verhältnis der Menschen untereinander.[3]

Die Friedensfeier ist unter den Hölderlin-Forschern sehr umstritten. Nicht nur die Semantik einzelner Worte und Begriffe, sondern auch die Thematik und Leitvorstellungen im Ganzen werden sehr gegensätzlich diskutiert. Wenn man die Literatur zur Friedensfeier sichtet, erscheint es auf den ersten Blick merkwürdig, dass der eine Forscher überzeugt sein kann, in der zentralen Figur der Friedensfeier (der Fürst des Fests) Napoleon zu sehen und ein anderer fest überzeugt ist, allein Christus stelle den Fürsten dar. Böckmann [1955/56:2] stellt zurecht fest, dass mit der Hymne ein „Zankapfel“ unter die Hölderlin-Freunde geworfen wurde. Hölderlin selbst hat den Leser um Nachsicht gebeten, er stellt seiner Hymne voran: „Ich bitte dieses Blatt nur gutmütig zu lesen. So wird es sicher nicht unfasslich, noch weniger anstößig sein.“ Mittlerweile scheinen die Forscher nicht mehr die Friedensfeier selbst „anstößig“ zu finden, sondern vielmehr die Meinungen ihrer Kollegen über die Hymne.

Diese Arbeit will anhand der zentralen Figur des Fürsten des Fests Rezeptionsphänomene untersuchen. Es geht hier also nicht um eine Interpretation von Hölderlins Friedensfeier, sondern im gebotenen engen Rahmen um den Diskurs der Hölderlin-Forscher, eingeschränkt auf die zentrale Gestalt der Hymne. Es werden nicht alle Aspekte zum Fürsten des Fests beleuchtet, sondern im Wesentlichen zwei Stränge: Zum einen werden Argumente diskutiert, die für die Napoleon-Hypothese sprechen und solche, die die Christus-Hypothese vertreten. Zum anderen wird die Frage untersucht, ob der Fürst des Fests aus den Strophen 2 und 9 und der Jüngling aus den Strophen 4 und 9 identisch sind oder ob es sich um unterschiedliche Figuren handelt.

2. Der Fürst des Fests als Napoleon

2.1. Kerényis’ Napoleon-Hypothese

Karl Kerényi hat zuerst die These aufgestellt, es handele sich beim Fürsten des Fests um Napoleon. Beda Allemann hat Kerényis Argumente übernommen und weiterentwickelt. Böckmann [1955/56:3] hält diese These für ungesichert und nennt sie eine „erwünschte Verlegenheitsauskunft“. Hauptkritikpunkt Böckmanns ist die Tatsache, dass der in V. 15 und 112 genannte Fürst des Fests Napoleon darstellen soll, weil es einen Gedichtentwurf im Nachlass Hölderlins gibt, der die Überschrift „Dem Allbekannten“ trägt. Kerényi hätte die Gleichung aufgestellt, dass auf Grund dieses damals unveröffentlichten Entwurfes bei Hölderlin das Wort „Allbekannter“ immer Napoleon bedeute. Böckmann [1955/56:4] setzt dagegen, dass Hölderlin viele „allbekannte“ Erscheinungen in seinen Gedichten beschreibt. Tatsächlich lässt sich das bei einigen Gedichten Hölderlins beobachten: In „Chiron“ schreibt er

Dann hör ich oft den Wagen des Donnerers

Am Mittag, wenn er naht, der bekannteste[4]

Im Gedicht an seine Großmutter zum 72. Geburtstag heißt es über Christus

Wenige kennen ihn doch und oft erscheinet erheiternd

Mitten in stürmischer Zeit ihnen das himmlische Bild.[5]

In diesem Gedicht schreibt Hölderlin, dass Christus nur wenige kennen würden. Er meint damit sicher nicht wörtlich, dass viele Menschen Christus nicht kennen, sondern eher, dass sie ihn nicht erkennen und ihm nicht nachfolgen. Er impliziert damit, dass Christus durchaus allen bekannt sei. Ich schließe mich daher der Meinung Böckmanns an, dass man nicht den Schluss ziehen kann, dass Hölderlin, wenn er vom "Allbekannten" spricht, immer dieselbe Figur oder Person meint.

Kerényi [1955:90] bringt noch ein weiteres Argument vor, warum der Fürst des Fests Napoleon sein müsse: Die Tatsache, dass der Fürst eben nicht näher benannt sei, spreche dafür, dass der zeitgenössische Leser genau wisse, wer gemeint sei. Zwar ist die Zeit der Entstehung der Hymne noch die Zeit der höchsten Machtfülle Napoleons, aber dies ist dennoch ein Argument, das sich auf jede andere Deutung ebenso anwenden ließe. Auch Christus oder der Frieden als solcher oder Gott Vater sind objektiv allen Menschen bekannt.

Natürlich kannte Kerényi die Argumente seiner „Gegner“ und wandte sich gegen die Forscher, die Christus im Fürsten erkennen wollten. Er sagt, dass Hölderlin selbst "das Unterfangen, von ihm ein Christusbild zu erzwingen" mit einem gewalttätigen Überfall verglichen hätte [Kerényi 1955:73]. Als Beleg führt er eine Stelle aus dem Patmos an:

Wenn aber einer spornte sich selbst,

Und traurig redend, unterweges, da ich wehrlos wäre

Mich überfiele, daß ich staunt´ und von dem Gotte

Das Bild nachahmen möcht´ ein Knecht –[6]

Als weiteren Beleg [Kerenyi 1955:73] nennt er den Schluss von "Wie wenn am Feiertage", "wo die Zumutung zurückgewiesen wird, die Schau von Göttern vorzutäuschen“

Sie selbst, sie werfen mich tief unter die Lebenden

Den falschen Priester...[7]

Dies sieht Kerényi als Argument, dass Hölderlin gerade kein Christusbild in einem Gedicht nachzeichnen wollte und würde.

Kerényi zitiert also Stellen aus anderen Gedichten, um zu zeigen, dass Hölderlin im Fürsten des Fests keinesfalls Christus feiern wollte. Wenn man jedoch genau dieses Verfahren anwendet und sich ansieht, was ein anderes Gedicht Hölderlins zu sagen hat, nämlich das Gedicht „Buonaparte“, so wird man schnell fest stellen, dass Hölderlin sich vehement dagegen ausspricht, Napoleon[8] in ein Gedicht zu stellen:

Buonaparte

Heilige Gefäße sind die Dichter,

Worinn des Lebens Wein, der Geist

Der Helden sich aufbewahrt,

Aber der Geist dieses Jünglings

Der schnelle, müßt´ er es nicht zersprengen

Wo es ihn fassen wollte, das Gefäß?

Der Dichter laß ihn unberührt wie den Geist der Natur,

An solchem Stoffe wird zum Knaben der Meister.

Er kann im Gedichte nicht leben und bleiben,

Er lebt und bleibt in der Welt.[9]

Hölderlin spricht hier ungewohnt deutlich aus, dass ein Held wie Napoleon – hier besteht kein Zweifel, welche Figur er in diesem Gedicht anspricht, trägt doch das Gedicht den Namen Buonapartes – jede poetische Form sprengte, jeder Meister zum Knaben würde, wenn er einen solchen Helden in Worte gießen wollte. Dies untermauert die These, dass Hölderlin nicht Napoleon meint, er wäre sonst von diesem Prinzip abgewichen und hätte Napoleon sogar eine Hymne gewidmet, die für gewöhnlich Göttern und keinen Helden vorbehalten ist.[10]

[...]


[1] Allerdings lassen sich die Versentwürfe nicht mit letzter Sicherheit unterscheiden. Vgl. Beissner [1961:173]

[2] am 9. Februar 1801 schlossen Frankreich und Österreich in Lunéville Frieden

[3] Brief an den Bruder Karl (Nr. 222) zitiert nach Hölderlin [1954, 6. Bd.]: „...daß uns der Friede, der jetzt im Werden ist, gerade das bringen wird, was er und nur er bringen konnte; denn er wird vieles bringen, was viele hoffen, aber er wird auch bringen, was wenige ahnden. [...] daß der Egoismus in allen seinen Gestalten sich beugen wird unter die heilige Herrschaft der Liebe und Güte...“

[4] Hölderlin [1951:Bd. 2, 57]

[5] Hölderlin [1946:Bd. 1, 272]

[6] Hölderlin [1951:Bd. 2, 170]

[7] Hölderlin [1951:Bd. 2, 120]

[8] Um keine babylonische Sprachverwirrung aufkommen zu lassen: Ich folge in der Arbeit unserem heutigen Sprachgebrauch und spreche von „Napoleon“ und der „Napoleon-Hypothese“. Hölderlin selbst nannte ihn „Buonaparte“.

[9] Hölderlin [1954: Bd. 1,1], Gedichte zwischen 1796-1798

[10] Zu diesem Aspekt siehe auch S. 9f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Rezeptionsphänomene zu Hölderlins "Friedensfeier" unter besonderer Berücksichtigung des "Fürsten des Festes"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Hölderlins späte Hymnen
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V51641
ISBN (eBook)
9783638475532
ISBN (Buch)
9783656798279
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hölderlins, Friedensfeier, Hymnen
Arbeit zitieren
Astrid Brüggemann (Autor), 2004, Rezeptionsphänomene zu Hölderlins "Friedensfeier" unter besonderer Berücksichtigung des "Fürsten des Festes", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51641

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