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Das Seelenheil von ungetauft verstorbenen Kindern und die Topografie der Hölle

Title: Das Seelenheil von ungetauft verstorbenen Kindern und die Topografie der Hölle

Seminar Paper , 2005 , 17 Pages , Grade: 1

Autor:in: Astrid Brüggemann (Author)

Ethnology / Cultural Anthropology
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„In extrema neceßitate von Vater selbst getauft“ – so lautet ein Eintrag der Tegernseer Geburtsmatrikel von 1827. Worin und warum besteht diese übergroße Not, die gewendet werden muss? In den Tegernseer Matrikeln finden sich eine Reihe Einträge, die Nottaufen von Neugeborenen oder auch den Tod von ungetauften Kindern dokumentieren. Daraus lässt sich folgende Problematik für die Eltern ableiten: Auf der einen Seite steht das kirchliche Dogma der heilsnotwendigen Taufe der von der Erbsünde vorbelasteten Kinder. Auf der anderen Seite stehen zwei Aspekte der Eltern und ihrer sozialen Gemeinschaft: Die Eltern möchten ihrem Kind Anteil am ewigen Heil ermöglichen und es besteht die Angst vor ungetauft verstorbenen Kindern, die als Wiedergänger oder Irrlichter ihr Unwesen treiben könnten.

Zwischen dem kirchlichen Dogma der heilsnotwendigen Taufe einerseits und der Alltagserfahrung der Menschen anderseits, die den Tod von ungetauften Kindern erlebten und nicht verhindern konnten, entstand ein Spannungsfeld. Der Tod konnte prä- oder perinatal so rasch eintreten, dass eine Taufe nicht mehr möglich war und brachte die betroffenen Menschen damit in ein Dilemma. Dieses Dilemma konnte durch verschiedene Maßnahmen sowohl von Seiten der Kirche als auch von Seiten der betroffenen Menschen gelöst oder wenigstens gelindert werden. Im Rahmen dieser Arbeit stelle ich zunächst die untersuchten Quellen vor. Im Anschluss daran beschreibe ich die kirchliche Dogmatik sowie die damit zusammenhängende Jenseits-Topografie und schließlich den Handlungsspielraum der Eltern bei drohendem oder eingetretenem Tod ihrer ungetauften Kinder. Als Beispiel einer alltagsgeschichtlichen Handlungspraxis gehe ich zum Schluss auf das Phänomen der „Wundertaufe“ ein.

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kindersterblichkeit im 19. Jhd. am Beispiel der Gemeinde Tegernsee

2.1. Quellenbeschreibung und Quellenkritik

2.2. Analyse der Quelle: Tegernseer Geburtsmatrikel 1827 - 1834

2.3. Das Phänomen der namenlos getauften Kinder von Tegernsee

3. Lehrmeinung der Kirche zur Taufe und dem Jenseits

3.1. Dogmatik der heilsnotwendigen Taufe

3.2. Mildernde Topografie des Jenseits

4. Handlungsmöglichkeiten der Eltern bei drohendem oder eingetretenem Tod ungetaufter Kinder

5. Die Wundertaufe als alltagsgeschichtliches Phänomen

6. Schlussbemerkung

Zielsetzung & Themen der Arbeit

Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen dem kirchlichen Dogma der heilsnotwendigen Taufe und der alltäglichen Notlage von Eltern bei Säuglingssterblichkeit im frühen 19. Jahrhundert, um aufzuzeigen, wie betroffene Menschen durch Nottaufen und religiöse Praktiken versuchten, das Seelenheil ihrer Kinder zu sichern.

  • Kindersterblichkeit im 19. Jahrhundert am Beispiel der Gemeinde Tegernsee
  • Kirchliche Lehrmeinungen zur Taufe und zum Jenseits (Limbus puerorum)
  • Handlungspraktiken der Eltern bei drohendem Kindstod
  • Das Phänomen der „Wundertaufe“ als alltagsgeschichtliche Praxis
  • Wandel im Umgang mit Tod und Bestattung ungetaufter Kinder

Auszug aus dem Buch

Die Wundertaufe als alltagsgeschichtliches Phänomen

Die Wundertaufe war ein durchaus verbreitetes Phänomen vom Mittelalter an bis zum 19. Jahrhundert, wobei die Blütezeit zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert lag. Deutlich wird dies daran, dass die Kirche immer wieder versuchte, diese Praxis einzudämmen. Eine Wundertaufe wurde dann vorgenommen, wenn bei einem für kurze Zeit wiederbelebten Kind Lebenszeichen festgestellt werden konnten.

Oberbüren im heutigen Kanton Bern oder auch das schwäbische Ursberg waren berühmte Beispiele für Wallfahrtsorte, an denen totgeborene Kinder für kurze Zeit zum Leben erweckt wurden, um getauft und anschließend kirchlich bestattet zu werden.

Oberbüren entwickelte sich rasch zum Wallfahrtsort, als 1485 Hans Stefan wegen Kirchendiebstahls mit einem Mühlstein um den Hals in der Aare ertränkt wurde und kurz darauf mit einem grünen Zweig in der Hand wieder auftauchte. Er erklärte, dass die Muttergottes von Oberbüren ihm den Zweig als Zeichen seiner Unschuld gegeben habe. Von da an galt Oberbüren als Wallfahrtsort, der gegen den jähen unverschuldeten Tod helfen konnte. Viele Menschen pilgerten dorthin, um ihre totgeborenen Kinder noch taufen zu können. Allein bis 1486 sollen über 2.000 Totgeburten nach Oberbüren gebracht worden sein.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die existenzielle Not der Eltern beim Tod ungetaufter Kinder und führt in das Spannungsfeld zwischen kirchlichem Dogma und menschlicher Alltagserfahrung ein.

2. Kindersterblichkeit im 19. Jhd. am Beispiel der Gemeinde Tegernsee: Dieses Kapitel wertet historische Geburtsmatrikel statistisch aus und untersucht dabei Besonderheiten wie illegitime Geburten sowie das auffällige Phänomen der namenlos getauften Kinder.

3. Lehrmeinung der Kirche zur Taufe und dem Jenseits: Hier wird die damalige Dogmatik des Katechismus erläutert und die theologische Entwicklung des Limbus puerorum als milderer, aber oft als unbefriedigend empfundener Ort für ungetaufte Kinder beschrieben.

4. Handlungsmöglichkeiten der Eltern bei drohendem oder eingetretenem Tod ungetaufter Kinder: Das Kapitel listet die vielfältigen rituellen Möglichkeiten auf, die Eltern ergriffen, um das Seelenheil ihrer Kinder bei akuter Lebensgefahr oder nach dem Tod zu sichern.

5. Die Wundertaufe als alltagsgeschichtliches Phänomen: Es wird die historische Verbreitung von Wallfahrtsorten wie Oberbüren und Ursberg analysiert, an denen Eltern versuchten, totgeborene Kinder durch Wunderheilung für eine Taufe kurzzeitig wiederzubeleben.

6. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung reflektiert den Wandel der Bestattungskultur und der kindlichen Sterberaten bis in die Gegenwart und vergleicht das psychologische Erleben der Eltern in der Vormoderne mit heute.

Schlüsselwörter

Tegernsee, Kindersterblichkeit, Geburtsmatrikel, Nottaufe, Wundertaufe, Limbus puerorum, Erbsünde, Volksglaube, heilsnotwendige Taufe, Jenseitsvorstellungen, Wallfahrtsorte, Traufkinder, Kirchengeschichte, Alltagsgeschichte.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich mit dem Umgang der Menschen im 19. Jahrhundert mit dem Tod ungetaufter Kinder und der Bedeutung der Taufe für das Seelenheil im Spannungsfeld zwischen Kirche und Volksglaube.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentral sind die historische Analyse von Kirchenmatrikeln, die Dogmatik der Taufe, der Limbus puerorum sowie religiöse Alltagspraktiken zur Lebensrettung bzw. Seelenrettung verstorbener Kinder.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Das Ziel ist es, den Handlungsspielraum von Eltern bei drohendem Kindstod zu untersuchen und aufzuzeigen, wie tiefgreifend das Bedürfnis war, den Kindern den Anteil am ewigen Heil zu sichern.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Autorin nutzt eine primärquellenbasierte historische Analyse der Tegernseer Geburtsmatrikel (1827–1834) in Kombination mit einer volkskundlichen Auswertung von Sekundärliteratur zur Jenseits-Topografie.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die statistische Aufarbeitung der Geburten, die dogmatische Lehre der Kirche, die praktischen Handlungsoptionen für Eltern (wie Nottaufen) und das Phänomen der Wallfahrten zu Wundertauforten.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Schlüsselbegriffe sind Nottaufe, Wundertaufe, Limbus puerorum, Kindersterblichkeit, Volksglaube und Heilsnotwendigkeit.

Wie deutet die Autorin das Fehlen von Namen bei getauften Kindern?

Die Autorin stellt die Hypothese auf, dass im Volksglauben der Name mit dem Leben verknüpft war und Eltern bei todgeweihten Kindern aus Sorge oder magischen Vorstellungen bewusst auf die Namensgebung verzichteten.

Welche Rolle spielten Wallfahrtsorte wie Ursberg?

Diese Orte fungierten als Gnadenstätten, an denen Eltern in der Hoffnung pilgerten, ihre Totgeburten durch ein Wunder kurzzeitig wiederzubeleben, um sie legal taufen und kirchlich bestatten zu können.

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Details

Title
Das Seelenheil von ungetauft verstorbenen Kindern und die Topografie der Hölle
College
LMU Munich
Course
Ledige Mütter, frommer Tod und Kirchweihschmaus: Quellen zur Volkskunde in kirchlichen Archiven
Grade
1
Author
Astrid Brüggemann (Author)
Publication Year
2005
Pages
17
Catalog Number
V51643
ISBN (eBook)
9783638475556
ISBN (Book)
9783656805113
Language
German
Tags
Seelenheil Kindern Topografie Hölle Ledige Mütter Kirchweihschmaus Quellen Volkskunde Archiven
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Astrid Brüggemann (Author), 2005, Das Seelenheil von ungetauft verstorbenen Kindern und die Topografie der Hölle, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51643
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