Das Verhältnis von Sprache und Subjektkonzeption in Gottfried Benns Gedichten "Gesänge I und II"


Hausarbeit, 2019

12 Seiten, Note: 6,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1 Gedicht

2 Ein erster Vorstoss in Gottfried Benns «GESÄNGE»

3 Ein durch den Titel aufgespannter Erwartungshorizont

4 Eine Ahnung der Zerrissenheit

5 Die Autoreflexivität des Titels

6 Das Untertauchen der Erzählinstanz

7 Eine Wiederbelebung der Kreativität durch Ego-Auflösung

8 Bibliographie

1 Gedicht

GESÄNGE

I

O daẞ wir unsere Ururahnen wären.

Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor.

Leben und Tod, Befruchten und Gebären

glitte aus unseren stummen Säften vor.

Ein Algenblatt oder ein Dünenhügel,

vom Wind Geformtes und nach unten schwer.

Schon ein Libellenkopf, ein Möwenflügel

wäre zu weit und litte schon zu sehr.

II

Verächtlich sind die Liebenden, die Spötter,

alles Verzweifeln, Sehnsucht, und wer hofft.

Wir sind so schmerzliche durchseuchte Götter

und dennoch denken wir des Gottes oft.

Die weiche Bucht. Die dunklen Wälderträume.

Die Sterne, schneeballblütengross und schwer.

Die Panther springen lautlos durch die Bäume.

Alles ist Ufer. Ewig ruft das Meer –1

2 Ein erster Vorstoss in Gottfried Benns «GESÄNGE»

Diese Arbeit behandelt Gottfried Benns im Jahr 1913 erschienenen «GESÄNGE I und II». Inhaltlich konzentriert sie sich auf das Verhältnis zwischen dem sich im Gedicht konzipierenden Subjekt und den verwendeten sprachlichen Mitteln.

Mögliche Fragestellungen, die diese Eingrenzung anbietet, betreffen die Kommunikationssituation zwischen der textlich in Erscheinung tretenden Erzählinstanz und ihrem Adressaten. Wessen Stimme ist es, die aus dem Gedicht dringt? Welche Eigenarten weist sie auf? Worauf gründet ihr Entschluss, sich zu Wort zu melden?

Besondere Aufmerksamkeit verdient aus meiner Sicht die Tatsache, dass die Erzählinstanz sich mittels formaler und semantischer Werkzeuge, die in den nächsten Seiten herausgearbeitet werden, immer weiter aus ihrem Gedicht zurückzieht und letzten Endes vollends untertaucht. Deswegen lautet die These der Arbeit: Die Erzählinstanz löscht sich in der Folge ihrer Überlegungen und mit plötzlichem Verzicht auf zuvor etablierte sprachliche Mittel selbst aus.

3 Ein durch den Titel aufgespannter Erwartungshorizont

Bevor sich der These direkt angenähert werden kann, sind Überlegungen allgemeiner Art anzustellen. Der Titel «GESÄNGE» lenkt als Paratext2 die Rezeption. Das Gedicht als literarische Ausdrucksform bietet an, im Kontext der Literaturgeschichte überprüft zu werden. Beim Titel kann es sich um einen Verweis auf das antike griechische Drama handeln. In diesem übernimmt der Chor als Gemeinschaft singender Personen eine wesentliche Funktion. Diese Beobachtung sensibilisiert dafür, sich nicht auf die Gegenwart zu beschränken, sondern eine zeitliche Rückwärtsbewegung in die Überlegungen miteinzubeziehen. Ferner impliziert der Titel, dass das Gedicht neben graphischen Merkmalen auch phonische aufweist. Weitere Besonderheiten lassen sich erst rekurrent erfassen.

4 Eine Ahnung der Zerrissenheit

Für das Verständnis des Gedichts ist der erste Vers programmatisch. Dieser erhält neben inhaltlichem Gewicht auch ein formales, da er die höchste Silbenanzahl aufweist. Er präsentiert sich als exclamatio, welche einen wichtigen Grundgedanken hervorhebt und heftige Erregung ausdrückt.3 Die Erzählinstanz in Form des Pronomens «wir» äussert den Wunsch, ihr eigener Ururahne zu sein. Wer dieses «wir» sein soll, lässt sich der dritten Strophe entnehmen: «Schmerzlich durchseuchte Götter» (v.11) – dazu später mehr.

Wie weit es zeitlich zurückgehen soll, wird in den ersten beiden Strophen präzisiert. Die Rede ist von einem «Klümpchen Schleim» (v.2), aus dessen «stummen Säften» (v.4) «Leben und Tod, Befruchten und Gebären» (v.3) hervorgleiten sollen. Diese Vorstellung wird in der zweiten Strophe expliziert. «Ein Algenblatt oder ein Dünenhügel» (v.5) wäre ideal, wohingegen «ein Libellenkopf, ein Möwenflügel» (v.7) bereits «zu weit» (v.8) wäre. Die beiden Körperteile sind synekdochisch nach dem Prinzip pars pro toto für den ganzen Organismus und in ihrer Verbindung für alle flugfähigen Organismen zu verstehen. Die Erzählinstanz hingegen möchte keinesfalls flugfähig sein und in der Lage, nach Höherem zu streben, sondern lieber «nach unten schwer» (v.6).

Die gewünschte Existenzform der Erzählinstanz ist eine primitive. Mit dem Verwandtschaftsverweis knüpft der Text an die darwinistische Vorstellung von einem Urorganismus an, aus dem alle anderen Lebensformen hervorgegangen sind, und belebt eine Regressionsfantasie, die Rückkehr zum Ursprünglichen. Das Gedicht ist somit in zwei Zeiträume zerrissen, in jenen der Wunschvorstellung und den der Realität. Die innerhalb des Wortes «Ururahnen» (v.1) auftretende geminatio4, die Verdopplung der Silbe «ur», drängt dabei auf der Zeitachse weiter zurück, als es in einfacher Ausführung der Fall wäre, und betont den ausgedrückten Wunsch, indem sie durch ihre ungewöhnliche Form für die zugrundeliegende Semantik sensibilisiert. Doch der Wunsch scheint ebendies bleiben zu müssen, er ist im Modus des Konjunktivs formuliert!

Weshalb die Erzählinstanz Regressionswünsche hegt, wird in der dritten Strophe klar. «Die Liebenden, die Spötter» (v.9), die nichts weiter sind als «Verzweifeln, Sehnsucht» (v.10) werden im Text als «verächtlich» (v.9) bezeichnet. Die angesprochenen Wesen sind synekdochisch für das Geschlecht der Menschen zu verstehen, welche auf die genannten Arten fühlen und handeln können. Ironisch ist, dass die Erzählinstanz diese Bewertungen als verächtlich erklärt, damit selbst bewertet und sich bei den Kritisierten einreiht. Diese Ahnung wird im nächsten Vers bestätigt. Das Personalpronomen «wir» bekommt seinen zweiten Auftritt und bezeichnet sich als «schmerzlich durchseuchte Götter» (v.11).

Die oben gestellte Frage, um wen oder was es sich bei der Erzählinstanz handelt, wird dadurch beantwortet: Um einen Menschen, der sich anhand seiner Denkfähigkeit sowohl als Leidenden wie auch als metaphorische Gottheit versteht. Die Fähigkeit, denken und dadurch schöpferisch wirken zu können, bildet das tertium comparationis. Die Verwendung des Plurals schliesst den Leser in die Überlegungen der Erzählinstanz mit ein. Tatsächlich ist die Vorstellung, dass jeder Mensch etwas Göttliches in sich trägt, bereits als Topos in der griechischen Mythologie verankert:

«Da begannen sie sich wie Tiere zu regen, denn sie waren erst halbbeseelt. Es fehlte ihnen der göttliche Geist, der sie zu Geschöpfen machte, die über den Tieren standen.

Athena, die Göttin der Weisheit, die Prometheus in Freundschaft zugetan war, schaute vom Olymp bewundernd dem Tun ihres Schützlings zu. Als sie ihn ratlos vor seinen Bildnissen stehen sah, eilte sie hernieder und hauchte ihnen göttlich-belebenden Atem ein. So erhielten sie Vernunft und Verstand, die sie erst zu Menschen machten . »5

Nachdem Prometheus die Menschen erschaffen hatte, diese sich aber noch wie Tiere gebärdeten, stieg die Göttin Athena selbst vom Olymp hernieder und verhalf den Menschen durch ihren göttlichen Hauch zur Vernunft.

Der göttliche Mensch sieht sich als Leidenden, weil er zwar die Möglichkeit hat, durch seinen Geist wie die Möwe oder die Libelle nach Höherem zu streben, dies aber als Last empfindet. So gibt er, wie der Text mit einem Polyptoton6 (Gott (v.11) – Götter (v.12)) zeigt, die Verantwortung an eine höhere Instanz ab. Er fühlt sich der göttlichen Rolle nicht gewachsen, weil der Verstand ihn in jene Krise stürzt, welche er als «verächtlich» abtut. Die Zerrissenheit, die hier auftritt, ist jene zwischen dem Tierischen und dem Göttlichen, der Fähigkeit wie auch der Unfähigkeit, die göttliche Gabe einzusetzen, ohne dadurch zu leiden.

Die inhaltliche Zerrissenheit lässt sich weiter stützen durch die Beobachtung, dass das Gedicht formal zwischen Ordnung und Unordnung oszilliert. Es besteht aus vier Strophen mit jeweils vier Versen. Mittig wird es in zwei gleichförmige Teile separiert, die erstens eine graphische Form der Zerrissenheit durch ihre Trennung darstellen und zweitens die zeitliche Zerrissenheit insofern unterstützen, als dass sie mit römischen Ziffern angeschrieben sind und somit wie der Titel paratextlich auf die Antike verweisen. Ferner besitzt das Gedicht als Kreuzreim7 verwendete, reine Endreime8. Am Versende wechseln sich weibliche mit männlichen Kadenzen9 ab. Doch im Gegensatz zu diesen geordneten Erscheinungen ist das Metrum ungeordnet. In der dritten Strophe gibt es vier Hebungen10, in allen anderen Strophen fünf. Weiter ist der dreizehnte Vers als Endecasillabo11 oder der dritte als vers commun12 zu erkennen, aber viele andere Verse weisen keine strikte Alternation13 auf. Beispielsweise der letzte, in dem ein Daktylus einleitet und dann durch Trochäen14 abgelöst wird.

[...]


1 Benn, Gottfried: Gesänge. In: ders.: Sämtliche Werke. Hg. v. Gerhard Schuster. Stuttgart: Klett-Cotta, 1986, S. 23.

2 Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart: J. B. Metzler, 2015, S. 133-135.

3 Ueding, Gert und Steinbrink, Bernd: Grundriss der Rhetorik: Geschichte – Technik – Methode. Stuttgart: J. B. Metzler, 2011, S. 314.

4 Ueding, Gert und Steinbrink, Bernd: Grundriss der Rhetorik: Geschichte – Technik – Methode. Stuttgart: J. B. Metzler, 2011, S. 303.

5 Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Altertums. München: Goldmann, 1958, S. 23.

6 Ueding, Gert und Steinbrink, Bernd: Grundriss der Rhetorik: Geschichte – Technik – Methode. Stuttgart: J. B. Metzler, 2011, S. 304.

7 Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart: J. B. Metzler, 2015, S. 36,37.

8 Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart: J. B. Metzler, 2015, S. 33.

9 Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart: J. B. Metzler, 2015, S. 33,34.

10 Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart: J. B. Metzler, 2015, S. 63.

11 Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart: J. B. Metzler, 2015, S. 91.

12 Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart: J. B. Metzler, 2015, S. 90.

13 Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart: J. B. Metzler, 2015, S. 88.

14 Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart: J. B. Metzler, 2015, S. 82.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis von Sprache und Subjektkonzeption in Gottfried Benns Gedichten "Gesänge I und II"
Hochschule
Universität Zürich
Note
6,0
Jahr
2019
Seiten
12
Katalognummer
V516544
ISBN (eBook)
9783346110114
ISBN (Buch)
9783346110121
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verhältnis, sprache, subjektkonzeption, gottfried, benns, gedichten, gesänge
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Das Verhältnis von Sprache und Subjektkonzeption in Gottfried Benns Gedichten "Gesänge I und II", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/516544

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