Ludwig Wittgensteins sprachphilosophische Überlegungen und Wilhelm von Humboldts sprachtheoretische Gedanken


Seminararbeit, 2016

25 Seiten, Note: 1,0

Z. Can (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

2. Wittgenstein und der linguistic turn

3. Der frühe Wittgenstein
3.1 Abbildtheorie der Sprache
3.2 Sinnvolle, sinnlose und unsinnige Sätze

4. Der späte Wittgenstein
4.1 Kritik an der Abbildtheorie
4.2 Gebrauchstheorie der Bedeutung
4.3 Familienähnlichkeiten
4.4 Radikaler Deskriptivismus
4.5 Sprache als Urphänomen

5. Humboldt
5.1 Sprache als Organismus
5.2 Sprache und Denken
5.3 Kritik an der Abbildtheorie
5.4 Der Verstehensprozess

6. Fazit: Humboldt und Wittgenstein

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nach der kopernikanischen Wende stellt der linguistic turn im akademischen Betrieb der Philosophie eines der wirkungsmächtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts dar.1 Die mit dem linguistic turn verbundene Einsicht, dass die Sprache nicht nur als Verständigungsmittel oder zur Abbildung der Wirklichkeit dient, sondern eine für den Erkenntnisprozess tiefergreifende Bedeutung hat und ihre Untersuchung eine Voraussetzung für weitere philosophische Überlegungen bilden muss, ist jedoch ein Gedanke, der nicht nur den Philosophen des 20. Jahrhunderts vorbehalten werden darf. Bereits ein ganzes Jahrhundert zuvor hat sich auch Wilhelm von Humboldt intensiv mit dem Studium der Sprache in seinen unterschiedlichsten Aspekten beschäftigt und in ihr eine erkenntniskonstitutive Funktion gesehen, über die zu reflektieren er als eine „Bedingung aller weiteren philosophischen Auseinandersetzung“ betrachtete.2

Nichtsdestotrotz wird Humboldt in der Sekundärliteratur in Bezug auf den linguistic turn nicht erwähnt und findet ebenfalls selten Aufmerksamkeit unter Fachphilosophen, die sich mit der Sprachphilosophie befassen. Dabei bestehen zwischen Humboldts Vorstellungen von der Sprache und den Kerngedanken, die kennzeichnend für die Sprachphilosophen des linguistic turns sind, durchaus übereinstimmende Punkte. Insbesondere mit dem Spätwerk Wittgensteins bestehen auffallende Parallelen, die in der vorliegenden Arbeit näher untersucht werden sollen. Wittgensteins sprachphilosophischen Überlegungen sollen dabei hauptsächlich unter Rekurs auf die Philosophischen Untersuchungen und die sprachtheoretischen Gedanken Humboldts unter Rekurs auf sein Hauptwerk Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts rekonstruiert werden, um auf der Basis dieser Rekonstruktion abschließend beide Theorien miteinander zu vergleichen und ihre Vor- und Nachteile kurz zu erörtern.

2. Wittgenstein und der linguistic turn

Obwohl Wittgenstein zu Lebzeiten bedenkliche Zweifel daran hatte, ob er eine Schule gründen könne oder überhaupt wolle, ist er posthum durch seine philosophischen Werke zum Ideengeber und Wortführer der zwei bedeutendsten sprachphilosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts geworden: der Ideal- und der Normalsprachenphilosophie.3 Während die Vertreter der Idealsprachenphilosophie (Mitglieder des Wiener Kreises, logische Empiristen) sich auf das Frühwerk Wittgensteins, den Tractatus logico-philosophicus – auf deutsch: Logisch-philosophische Abhandlung – beziehen, um ihre Theorien argumentativ zu untermauern, greifen die Vertreter der Normalsprachenphilosophie (Ryle, Austin, Strawson) auf das Spätwerk Philosophische Untersuchungen zurück und betrachten es als das Hauptwerk Wittgensteins.

Trotz der kontrastiven Gegenüberstellung und mancher Differenzen, auf die im weiteren Verlauf eingegangen wird, ist beiden Strömungen gemeinsam, dass sie philosophische Probleme im Kern als sprachliche Probleme betrachten, was man sowohl dem Tractatus: „So [durch die Vieldeutigkeit eines Wortes] entstehen leicht die fundamentalsten Verwechslungen (deren die Philosophie voll ist)“ (T 3.324), als auch den Philosophischen Untersuchungen: „Denn philosophische Probleme entstehen, wenn die Sprache feiert“ (PU 38), entnehmen kann.4 Die Differenz besteht in der unterschiedlichen Methode, wie diese Probleme zu lösen sind, und einer mit ihr verknüpften unterschiedlichen Auffassung darüber, was die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks ist. Die Methode der Idealsprachenphilosophen besteht in der Konstruktion einer idealen Zeichensprache mit einer bestimmten logischen Syntax, welche eindeutig festlegt, wie jedes einzelne Sprachzeichen zu gebrauchen ist. Diese Methode war auch in den Augen des frühen Wittgenstein notwendig, um Mehrdeutigkeiten bzw. „Irrtümern zu entgehen“ (T 3.25). Neben dieser streng-logischen Methode vertreten Idealsprachenphilosophen realistische Bedeutungstheorien, die sich von den überwiegend in der Neuzeit vertretenen subjektiven Bedeutungstheorien dadurch unterscheiden, dass sie nicht die Vorstellung des Subjekts als Bedeutung von Ausdrücken festlegen, sondern das reale Objekt, das vom sprachlichen Ausdruck bezeichnet wird.5 Sowohl die Methode als auch die Bedeutungstheorie der Idealsprachenphilosophie sind aus historischer Sicht auf den Begründer der modernen Logik Gottlob Frege zurückzuführen, der mit seiner Begriffsschrift aus dem Jahre 1879 die Grundlage für die Bildung eines logischen Kalküls zur Formalisierung der natürlichen Sprache schaffte und mit seinen sprachphilosophischen Schriften Über Sinn und Bedeutung 1892 und Der Gedanke 1918-19 den subjektiven Bedeutungstheorien idealistischer Philosophen aus der Neuzeit eine realistische entgegensetzte.6 Frege verfolgte mit seiner realistischen Bedeutungstheorie das Ziel, die objektive Wahrheit von wissenschaftlichen Aussagen zu verteidigen, und lehnte deshalb jegliche psychologische Erklärungsversuche bei der Bestimmung der Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken ab.7 Diese Überlegungen Freges waren der Anfangsgrund des linguistic turn, denn durch die Verschiebung des Akzents auf realistische Bedeutungstheorien wurden die mit dem Idealismus zusammenhängenden erkenntnistheoretischen Fragestellungen als obsolet erachtet und weitgehend verdrängt.8 Für eine Reihe von Denkern, die als Protagonisten des linguistic turn gelten, waren Freges Überlegungen das Fundament, auf dem sie ihre philosophischen Lehrgebäude errichteten. Zu jenen Protagonisten zählte auch der frühe Wittgenstein, dessen Tractatus unverkennbare Züge der Gedanken Freges aufweist. Obwohl sich der späte Wittgenstein von diesen Gedanken entfernte und sie vehement kritisierte, sind in seinem Spätwerk dennoch Überreste der fregeschen Sprachphilosophie enthalten. Insbesondere die Ablehnung jeglicher psychologischer Erklärungsversuche für die Bedeutung von Sprache und der mit ihr verbundenen erkenntnistheoretischen Fragestellungen ist ein Erbe, von dem sich Wittgenstein zeitlebens nicht getrennt hat, was im Schlusskapitel kritisch beleuchtet wird.

Im folgenden Kapitel sollen zunächst die Ansichten des frühen Wittgenstein skizziert werden, um dann auf die von Wittgenstein als Gegenentwurf konzipierte Sprachphilosophie aus den Philosophischen Untersuchungen näher einzugehen. Dieses kontrastive Vorgehen nimmt auch Wittgensteins Anliegen ernst, sein Früh- und Spätwerk zusammen zu veröffentlichen, weil die Philosophischen Untersuchungen, so Wittgenstein, „nur durch den Gegensatz und auf dem Hintergrund meiner ältern Denkweise ihre rechte Beleuchtung erhalten könne.“9

3. Der frühe Wittgenstein

So wie Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft dem Denken eine Grenze ziehen wollte, um es von Nicht-Wissenschaftlichem abzugrenzen und die Metaphysik in Gestalt der Transzendentalphilosophie als Wissenschaft zu etablieren, genauso beabsichtigte Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus, zwar „nicht dem Denken, sondern dem Ausdruck der Gedanken“ eine Grenze zu ziehen, um es von dem abzugrenzen, was jenseits seiner liegt und von Wittgenstein als „Unsinn“ bezeichnet wurde.10 Im Gegensatz zu Kant wollte Wittgenstein, die von ihm kritisierte Metaphysik jedoch nicht wieder rehabilitieren, sondern sie gänzlich mundtot machen. Wittgenstein vertrat nämlich die Ansicht, dass metaphysische Sätze unsinnig seien und man deshalb überhaupt gar nicht erst damit beginnen solle, Metaphysik zu betreiben. In diesem Sinne ist auch der berühmte Abschlusssatz aus dem Tractatus zu verstehen: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“ (T 7).

Auf den ersten Blick erscheint dieser Satz äußerst kryptisch und fragwürdig. Nähme man nämlich an, dass man über etwas nicht sprechen könne, so wäre es völlig überflüssig, hinzuzufügen, man müsse darüber schweigen. Denn wenn man nicht darüber sprechen könnte, wäre es ohnehin unmöglich, das Schweigen zu brechen. Ähnliche Zweifel wären auch an der Metaphysikkritik Wittgensteins angebracht. Wenn man nämlich innerhalb der Sprache eine Grenze ziehen und alles, was jenseits dieser Grenze läge, als Unsinn bezeichnen wollte, dann dürfte die Metaphysik nicht außerhalb der Grenze der Sprache liegen. Schließlich ist jegliche Metaphysik sprachlich verfasst. Verständlich werden der Abschlusssatz des Tractatus und der Unsinnsbegriff erst dann, wenn man sich die von Wittgenstein eingeführte Unterscheidung zwischen sinnvollen, sinnlosen und unsinnigen Sätzen auf dem Hintergrund seiner Abbildtheorie vor Augen führt.

3.1 Abbildtheorie der Sprache

So wie die „traditionelle Sprachtheorie, wie man sie bei Platon, Aristoteles, Kant, in der Port-Royal-Schule findet, [und die] von einer Eins-zu-eins-Relation zwischen Sprache und Wirklichkeit aus[geht]“11, so vertritt auch Wittgenstein in seinem Tractatus eine Abbildtheorie der Sprache. Nach Wittgenstein besteht zwischen der Welt und der Sprache ein Isomorphieverhältnis: Die Sprache bildet die Welt ab. Wie diese Abbildfunktion bzw. das Verhältnis zwischen dem Abgebildeten (Welt) und der Abbildung (Sprache) zu verstehen ist, erläutert Wittgenstein in seinem durchnummerierten Werk auf systematische Weise.

Nach Wittgenstein besteht die Welt aus Sachverhalten und die Sachverhalte wiederum aus Gegenständen (Vgl. T 1-2.01). Die Gegenstände sind die Urelemente (Wittgenstein nennt sie „Substanz“, vgl. T 2.021), aus denen sich komplexere Sachverhalte zusammensetzen: „Im Sachverhalt hängenden die Gegenstände ineinander, wie die Glieder einer Kette“ (T 2.03). Es handelt sich hierbei um ein materialistisches Weltbild, das uns durch die Sinneswahrnehmung zugänglich ist. Analog zur Welt wird die Sprache (ab T 3.1) unterteilt in Sätze und Namen. Wie aus dem Satz T 3.202: „Die im Satze angewandten einfachen Zeichen heißen Namen“, deutlich hervorgeht, haben die Namen im Satz eine analoge Funktion wie die Gegenstände in Sachverhalten und die Sätze als komplexere Gebilde, bestehend aus Namen, dieselbe Funktion wie die aus Gegenständen bestehenden Sachverhalte. Einem Gegenstand in der Welt entspricht folglich ein Name in der Sprache und einem Sachverhalt ein Satz. Ein Satz drück folglich einen Sachverhalt aus und dies ist nach Wittgenstein die wesentliche Funktion von Sprache schlechthin (vgl. T 4.5, T 5.471)

Das Entsprechungsverhältnis zwischen Sprache und Welt ist nach Wittgenstein aber nur möglich, wenn die Sprache die „logische Form, das ist die Form der Wirklichkeit“ abbildet (T 2.18). Denn nach Wittgenstein ist die Logik „keine Lehre, sondern ein Spiegelbild der Welt“, sie ist „transzendental“ (T 6.13). Mit diesem Begriff aus der kantischen Terminologie hebt Wittgenstein die Bedeutung der Logik als Voraussetzung für Sprache hervor und wertet die Logik – von einer in der abendländischen Tradition als Lehre des gültigen Schließens verstandenen Methode – zu einem sprachkonstitutiven Prinzip auf. Diese Aufwertung der Logik ist charakteristisch für den frühen Wittgenstein. Denn bei seinem Streben nach Klarheit und Eindeutigkeit sprachlicher Ausdrücke, stieß er als einziges Kriterium zur Vermeidung mehrdeutiger Aussagen auf die Logik Freges. In Anbetracht der Mehrdeutigkeit alltagssprachlicher und philosophischer Ausdrücke stand Wittgenstein mit seiner Abbildtheorie und seinem logikzentrierten Denken jedoch vor einem Problem, das er durch die Unterscheidung zwischen sinnvollen, sinnlosen und unsinnigen Sätze zu lösen versuchte.

3.2 Sinnvolle, sinnlose und unsinnige Sätze

Sinnvolle Sätze sind nach Wittgenstein der logischen Syntax gemäß gebildet und empirisch verifizierbar, also Sätze, die einen Sachverhalt in der Welt beschreiben und somit wahr sind. Zu diesen Sätzen zählt Wittgenstein alle Aussagen der Naturwissenschaften (Vgl. T 4.06 und T 4.11). Sinnlose Sätze sind nach Wittgenstein tautologische oder kontradiktorische Sätze (T 4.461), also Sätze der Logik, die „bedingungslos wahr“ oder „unter keiner Bedingung wahr“ sind (T 4.461). Sie bilden keinen möglichen Sachverhalt der Welt ab und „sagen also Nichts“ (T 6.11). Unsinnige Sätze sind dagegen weder empirisch verifizierbar (T 5.4733) noch der logischen Syntax gemäß gebildet (T 3.25). Sie sind nach Wittgenstein Sätze, mit denen sich überhaupt nichts anfangen lässt, weil sie für die Naturwissenschaften vollkommen unbrauchbar und unbedeutend sind. Zu diesen unsinnigen Sätzen zählt Wittgenstein alle Sätze der Metaphysik.

Wenn Wittgenstein also in elliptischer Form davon spricht, dass er innerhalb der Sprache eine Grenze ziehen wolle, dass die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt sind oder dass man schweigen müsse, worüber man nicht sprechen könne, so ist jedes Mal, wenn von Sprache die Rede ist, der sinnvolle Satz gemeint. Das Ziel von Wittgensteins Überlegungen ist es also, das, worüber man sinnvoll sprechen kann, zu trennen von dem, worüber sich nicht sinnvoll sprechen lässt. Das Sinnkriterium, das Wittgenstein für sinnvolle Sätze aufstellt, nämlich die Korrespondenz zwischen Satz und Sachverhalt, Wort und Gegenstand bzw. Sprache und Welt sowie die eindeutige Festlegung in der logischen Syntax, wie ein Wort zu gebrauchen ist, stützen sich auf die Abbildtheorie der Sprache als Fundament. Stellt man dieses Fundament infrage, so stürzt Wittgensteins Sinnkriterium zusammen.

Als sein eigener strengster Kritiker hat Wittgenstein in seinem Spätwerk dieses Fundament unter den verschiedensten Gesichtspunkten, die im nächsten Kapitel untersucht werden sollen, kritisiert. Indem Wittgenstein seine eigenen Gedanken kritisch hinterfragte, blieb er – einer aus dem Nachlass erhaltenen Bemerkung von 1931 nach zu urteilen – seinem eigenen Verständnis von Philosophie treu: „Die Abeit an der Philosophie ist – wie vielfach die Arbeit in der Architektur – eigentlich die Arbeit an Einem selbst. An der eignen Auffassung. Daran, wie man die Dinge sieht. (Und was man von ihnen verlangt.)“12

4. Der späte Wittgenstein

Der Unterschied zwischen dem Früh- und Spätwerk Wittgensteins macht sich bereits in den Vorworten und dem formalen Aufbau der Schriften bemerkbar. In den einleitenden Worten zum Tractatus war Wittgenstein noch der Meinung, „die [philosophischen] Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben.“13 Er war überzeugt, dass „die Wahrheit der hier [im Tractatus ] mitgeteilten Gedanken unantastbar und definitiv“ sei.14 Passend zu diesem Absolutheitsanspruch wurden die Sätze im Tractatus von Wittgenstein systematisch gegliedert und durchnummeriert, um der logischen Stringenz und Genauigkeit seiner Gedanken Ausdruck zu verleihen. Weit davon entfernt, den Anschein zu erwecken, die philosophischen Probleme endgültig gelöst zu haben, tritt Wittgenstein in dem Vorwort zu den Philosophischen Untersuchungen mit dem bescheideneren Anspruch auf, den Leser lediglich „zu eigenen Gedanken anregen“ zu wollen.15 Anstelle eines mit Dezimalzahlen durchnummerierten Werkes, das auf Objektivität Anspruch erhebt, entwirft Wittgenstein ein fragmentarisches Werk, das er mit einem „Album“ vergleicht, um dessen subjektiven Charakter zu betonen, und das aus „philosophischen Bemerkungen“ bzw. einer „Menge von Landschaftsskizzen“ zusammengesetzt ist, welche er auf seinen philosophischen „Fahrten“ durch ein „weites Gedankengebiet, kreuz und quer, nach allen Richtungen hin“ entworfen habe.16 Es lässt sich also anhand der Vorworte und dem formalen Aufbau beider Werke bereits konstatieren, dass Wittgenstein mit seinen Philosophischen Untersuchungen an einem Gegenprogramm zum Tractatus gearbeitet hat, was inhaltlich im Folgenden näher untersucht werden soll.

4.1 Kritik an der Abbildtheorie

Das Spätwerk Wittgensteins ist im Kern eine Kritik an der Reduktion der Sprache auf ihre Abbildfunktion. Der Bruch mit der Abbildtheorie beginnt in den Philosophischen Untersuchungen bereits im ersten Paragraphen, in dem Wittgenstein die Sprachauffassung des Augustinus kritisierend eine exemplarische Kritik an allen Sprachtheorien ausübt, die die Funktion der Sprache auf ihre Repräsentation der Wirklichkeit einschränken. Es ist Wittgenstein darum gelegen, zu zeigen, dass die Abbildtheorie der Sprache bloß einen bestimmten Aspekt der Sprache beschreibt und deshalb nicht den Anspruch erheben kann, eine allgemeine Sprachtheorie zu sein – folglich bloß eine „primitive Vorstellung von der Art und Weise, wie die Sprache funktioniert“ bleibt (PU 2). Es gibt nämlich eine Reihe von sprachlichen Phänomenen, die man mit ihr allein nicht erklären kann: „Denken wir allein an die Ausrufe. Mit ihren ganz verschiedenen Funktionen: Wasser! Fort! Au! Hilfe! Schön! Nicht! Bist du nun noch geneigt, diese Wörter ,Benennungen von Gegenständen‘ zu nennen?“ (PU 27)

Wittgenstein attestiert sich selbst, in seinem Frühwerk einer Sprachverwirrung anheimgefallen zu sein, als er die Bedeutung eines Wortes über den zu bezeichnenden Gegenstand definierte: „Dies heißt, die Bedeutung eines Namens verwechseln mit dem Träger eines Namens. Wenn Herr N. N. stirbt, so sagt man, es sterbe der Träger des Namens, nicht, es sterbe die Bedeutung.“ (PU 40) Indem Wittgenstein die Bedeutung eines Namens von dem Träger des Namens trennt, weist er die Grundidee des Tractatus, dass das Wesen des Satzes im Beschreiben eines Sachverhaltes bestehe, zurück.

4.2 Gebrauchstheorie der Bedeutung

Weist man die Abbildfunktion der Sprache als eine allgemeine Sprachtheorie zurück, verliert die realistische Bedeutungstheorie zur Erklärung der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke an Plausibilität. Deshalb rückt Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen anstelle der im Tractatus vertretenen realistischen Bedeutungstheorie die Gebrauchstheorie der Bedeutung in den Vordergrund: „Indem ich die Stange mit dem Hebel verbinde, setze ich die Bremse instand. – Ja, gegeben den ganzen übrigen Mechanismus. Nur mit diesem ist er der Bremshebel; und losgelöst von seiner Unterstützung ist er nicht einmal Hebel, sondern kann alles Mögliche sein, oder nichts“ (PU 6). So wie der gesamte Mechanismus ausschlaggebend dafür ist, dass eine Stange ein Hebel genannt werden kann, genauso ist der Gebrauch eines Wortes bzw. der gesellschaftliche Rahmen, in dem man ein Wort gebraucht, konstitutiv für seine Bedeutung. Ohne ein soziales Geflecht, in das die Sprache eingebettet ist, kann es nach Wittgenstein auch keine Bedeutung von Worten geben: „Jedes Zeichen scheint allein tot. Was gibt ihm Leben? – Im Gebrauch lebt es“ (PU 432).

Wie Bublitz zutreffend feststellt, ist die Argumentationsgrundlage in den Philosophischen Untersuchungen nicht mehr „ontologisch“, sondern „pragmatisch“, denn „an die Stelle der Korrespondenz von Sprach- und Wirklichkeitsstruktur als Kriterium sinnvoller Sätze, tritt die eingespielte Praxis der Sprachgemeinschaft“.17 Passend hierzu betrachtet Wittgenstein das Sprechen der Sprache als „ein Teil [...] einer Tätigkeit, oder einer Lebensform“ (PU 23) und bezeichnet „das Ganze: der Sprache und der Tätigkeiten, mit denen sie verwoben ist“ als ein „Sprachspiel“ (PU 7). Die Charakterisierung aller sprachlichen Phänomene als Sprachspiel verweist auf den prozesshaften Charakter der Sprache, der gänzlich verschieden ist von dem statischen Sprachbegriff aus dem Tractatus, in dem der Sprache lediglich die Funktion der Repräsentation zugeschrieben wurde.

[...]


1 Vgl. Rorty, Richard: The Linguistic Turn: Essays in Philosophical Method, Chicago 1997, S. 3.

2 Welbers, Ulrich: Verwandlung der Welt in Sprache: aristotelische Ontologie im Sprachdenken Humboldts, Wien 2001, S. 48.

3 Vgl. Wittgenstein, Ludwig: Vermischte Bemerkungen, Frankfurt am Main 1977, S. 116f. In einer aus dem Nachlass erhaltenen Bemerkung aus dem Jahre 1947 tut Wittgenstein seinen Unmut darüber kund, seine Gedanken von Philosophieprofessoren vereinnahmen zu lassen: „Kann ich nur keine Schule gründen, oder kann es ein Philosoph nie? Ich kann keine Schule gründen, weil ich eigentlich nicht nachgeahmt werden will. Jedenfalls nicht von denen, die Artikel in philosophischen Zeitschriften veröf- fentlichen.“ Des Weitern schreibt Wittgenstein an genannter Stelle: „Es ist mir durchaus nicht klar, daß ich eine Fortsetzung meiner Arbeit durch Andre mehr wünsche, als eine Veränderung der Lebensweise, die alle diese Fragen überflüssig macht. (Darum könnte ich nie eine Schule gründen.)“

4 Im weiteren Verlauf der Arbeit werden Zitate aus den beiden Hauptwerken Wittgensteins mit T (Tractatus logico- philosophicus) und PU (Philosophische Untersuchungen) abgekürzt sowie mit der dazugehörigen Nummerierung bzw. dem dazugehörigen Paragraphen gekennzeichnet.

5 Schrenk, Markus: Einführung in die Sprachphilosophie, Darmstadt 2008, S. 11.

6 Vgl. Ebd., S. 19.

7 Vgl. Ebd., S. 17f.

8 Vgl. Ebd.

9 Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen, Frankfurt am Main 2013, S. 8.

10 Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus, Frankfurt am Main 2014, S. 7.

11 Gloy, Karen: Grundlagen der Gegenwartsphilosophie, Paderborn 2006, S. 127.

12 Wittgenstein, Ludwig: Vermischte Bemerkungen, Frankfurt am Main 1977, S. 38.

13 Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus, Frankfurt am Main 2014, S. 8.

14 Ebd.

15 Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen, Frankfurt am Main 2013, S. 9.

16 Ebd., S. 7f.

17 Bublitz, Siv: Der ’linguistic turn’ der Philosophie als Paradigma der Sprachwissenschaft, Münster 1994, S. 10.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Ludwig Wittgensteins sprachphilosophische Überlegungen und Wilhelm von Humboldts sprachtheoretische Gedanken
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
25
Katalognummer
V516705
ISBN (eBook)
9783346108531
ISBN (Buch)
9783346108548
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ludwig, wittgensteins, überlegungen, wilhelm, humboldts, gedanken
Arbeit zitieren
Z. Can (Autor), 2016, Ludwig Wittgensteins sprachphilosophische Überlegungen und Wilhelm von Humboldts sprachtheoretische Gedanken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/516705

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