Die türkische Partyszene in Nordrhein-Westfalen. Struktur und Entwicklung

Eine qualitative exploratorische Studie


Magisterarbeit, 2002

143 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Erklärungen der Zeichen in den Transkriptionen:

Glossar

1. Einleitung

2 Theoretische Grundlage: Multikulturalismus
2.1 Begriffsbestimmung
2.1.1 Kultur
2.1.2 Multikulturalismus
2.2 Modelle des Multikulturalismus
2.2.1 Egalitätsmodelle
2.2.2 Dominanzmodelle
2.3 Multikulturalismus – Gegner und Befürworter
2.3.1 Gegner
2.3.2 Befürworter

3. Empirischer Forschungsansatz und Untersuchungsziel
3.1 Methodischer Ansatz: Das offene Experteninterview
3.2 Forschungsrelevante Fragestellungen und Untersuchungsziel
3.3 Durchführung und Analyse der Interviews

4. Darstellung und Interpretation der Untersuchungsergebnisse
4.1 Die türkische Partyszene in NRW
4.1.1 Die Anfänge und die Entwicklung der türkischen Partyszene
4.1.2 Aktuelle Bestandsaufnahme NRW
4.2 Zur Struktur und Organisation von türkischen Partys
4.2.1 Die wesentlichen Merkmale der türkischen Partyszene
4.3 Die Musik in der Partyszene
4.3.1 Das türkische Musikleben in Deutschland
4.3.2 Die türkische Popmusik
4.3.3 Der DJ
4.4 Die Gäste
4.4.1 Die wesentlichen Merkmale der Gäste
4.4.2 Die Sprache
4.5 Die Veranstalter
4.5.1 Das Wissen des türkischen Partyveranstalters
4.5.2 Die Zukunft der türkischen Partyszene
4.6 Soziodemographische Daten der Befragten

5. Perspektiven aus dem Zusammenleben

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

8. ANHANG

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1:

„Zwei – Bereiche – Konzept“ nach Rex

Abbildung 2:

„Race Relations Cycle“ von Park

Abbildung 3:

Die bekanntesten türkischen Partys und Diskotheken

In Nordrhein-Westfalen

Abbildung 4:

Regionale Verteilung der türkischen Staatsangehörigen

In Nordrhein-Westfalen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1:

Forschungsrelevante Fragestellungen

Tabelle 2:

Türkische Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen

Nach Altersgruppen und Geschlecht am 31.12.1997

Tabelle 3:

Soziodemographische Daten der Befragten

Erklärungen der Zeichen in den Transkriptionen:

Frage: Äußerungen von mir immer in Kursivschrift

Antwort: Äußerungen des Informanten immer in Normalschrift

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Glossar

Arabesk: Arabesk entstand Ende der 60er Jahre aus der Mischung städtischer Unterhaltungsmusik (Sanat Müzigi, Bauchtanzmusik), Volksmusik und westlicher Popmusik. Die Hintergrundensembles der, arabesk‘ Musik verwenden typischerweise Darbuka, oft auch Schlagzeuge, E-Bass, Keyboard sowie eine größere Streichergruppe. Von Anfang an galt Arabesk als Ausdruck des Lebensgefühls in den damals rasch anwachsenden ‘gecekondu‘ – Slums-Vorstädten.

Darbuka: Becherförmige Trommel aus Ton oder heute meist Metall,

Fasil: türkische Kunstmusik.

Halk Müzigi: ‚Halk müzigi‘ heißt übersetzt ‚Volkmusik‘. Sie geht zurück auf die Tradition türkischer Liedermacher und Volkskomponisten, die mit Junus Emre (1250-1320) begann. Deren Lieder wurden über Generationen weitergegeben. Der Saz spielt die zentrale Rolle in der Halk müzigi, nahezu jedes Musikstück wird vom Saz begleitet.

Keman: Violine

Oyun havasi: volkstümliche Tanzmusik

Sanat Müzigi: Für die türkische Sanat Müzigi gibt es keine Entsprechung im mitteleuropäischen Kulturraum. Am ehesten ist diese Musikrichtung mit dem klassischen französischen Chanson vergleichbar.

Saz: Langhalslaute. Birnenähnliche Form des Korpus mit angesetztem langen Hals.

(Quelle: In Anlehnung an Greve 1997)

Tarkan: Tarkan ist der erste türkische Popstar, der Mitte 90er Jahre Europaweit seinen großen Durchbruch hatte und es auch in Deutschland in die Top Ten schaffte. Den Anfang nahm die Karriere des im rheinland-pfälzischen Alzey geborenen Tarkan Anfang der 90er Jahre. Mit 14 war er seiner Mutter gefolgt und hatte dort eine klassische Ausbildung am Konservatorium durchlaufen. Erste Gehversuche auf dem kommerziellen türkischen Musikmarkt machte er mit seinen Cover-Versionen von Gipsy Kings. Er erregte die Aufmerksamkeit der türkischen Pop Diva Sezen Aksu, mit ihrer Unterstützung gelang Tarkan der große Durchbruch. Sein zweites Album „Acayipsin“ verkaufte er mehr als zwei Millionen Mal und katapultierte den damals gerade 21-jährigen im Sommer 1994 direkt an die Spitze einer noch jungen Popbewegung, die zu diesem Zeitpunkt ihren ersten Zenit erreicht hatte.

Dass Tarkan aus der Menge herausragte lag nicht alleine an seiner Musik, auch in seinem Auftreten unterschied er sich von den anderen. Er war sexy, nahm kein Blatt vor den Mund und war ein mittlerer Kulturschock für die Türkei.

(Quelle: In Anlehnung an Solmaz 1996)

1. Einleitung

„Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“

(J.W. Goethe „Westöstlicher Diwan“)

Im Zuge der nunmehr rund 40-jährigen Migrationsgeschichte entwickelte und veränderte sich die türkische Community in Deutschland. Viele Migranten überwanden mit der Zeit ihre anfänglichen Anpassungsschwierigkeiten, es wurden Kontakte zur deutschen Gesellschaft geknüpft und man übernahm bewusst oder unbewusst deutsche Lebensgewohnheiten. Derzeit leben in der Bundesrepublik rund 2,4 Millionen Migranten türkischer Herkunft – mit leicht steigender Tendenz durch Geburt und Familiennachzug. Mit zunehmender Aufenthaltsdauer und mit dem Heranwachsen der zweiten und dritten Generation wurde die Rückkehr in die Heimat in den letzten Jahren ganz aufgegeben, wie den Ergebnissen einer aktuellen Umfrage unter der türkischen Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen zu entnehmen ist (vgl. http://www.nrw.de/aktuell/presse/pm2000_htm.).

In Deutschland entstand eine neue Heimat für sie. Das macht sich besonders in der türkischen Alltagskultur in Deutschland bemerkbar: Einbürgerungen, Wandlungen der Sprache, des Habitus, des Konsumverhaltens, der Wohnumfeldgestaltung, der Einrichtung von Institutionen zur Befriedigung der spezifischen Bedürfnisse. Die Türken in Deutschland werden zu ‚Deutsch-Türken‘ bzw. zu ‚türkischen-deutschen‘, sie verdeutschen zunehmend ihr Türkischsein und turkisieren das Deutsche. Dies äußert sich am deutlichsten in künstlerischen Ausdrucksformen wie Musik, Tanz, Theater, Film und Literatur. In allen diesen Bereichen sind die kulturellen Wandlungen deutlich sichtbar und es werden in ungeplanten gesellschaftlichen Experimenten Kultursynthesen gebildet.

Zentraler Gegenstand dieser Studie ist die Struktur und die Entwicklung der türkischen Partyszene in Nordrhein-Westfalen. Ziel der Arbeit ist es, die türkische Partyszene in Nordrhein-Westfalen von ihren Anfängen bis in die Gegenwart an auserwählten Beispielen aufzuzeigen, die Entstehungsgründe und allgemeinen Strukturen aufzudecken und ihre Bedeutung für die jungen türkischen Migranten in Nordrhein-Westfalen zu ergründen. Dabei sind vor allem auch, neben der Struktur und Entwicklung, die Folgerungen und Perspektiven für das deutsch-türkische Zusammenleben von Bedeutung.

Den theoretischen Rahmen dieser Arbeit bildet daher im zweiten Kapitel der Multikulturalismus, wo es um das Zusammenleben verschiedener ethnischer, religiöser, sprachlicher und sonstiger Gruppen innerhalb eines sozialen Rahmens geht. Ausgehend von den verschiedenen Modellen des Multikulturalismus nach Robert Hettlage, wird versucht werden diese näher zu erläutern und anhand der Modelle die Situation der türkischen Migranten in Deutschland kritisch zu beleuchten.

Anschließend wird die Methode der Datenerhebung beschrieben. Für ein breites Spektrum an Informationen und Differenzierungen wurde ein qualitatives Verfahren, als methodisches Instrument das qualitative Interview und die teilnehmende Beobachtung gewählt. (Die erhobenen Daten können dem beiliegenden Anhang entnommen werden).

Im Vordergrund des vierten Kapitels steht die Darstellung und Analyse der Informationen über die Struktur und Entwicklung der türkischen Partyszene in Nordrhein-Westfalen. Dazu wurden Funktionsträger der türkischen Party- und Unterhaltungsszene befragt und eine türkische Partyveranstaltung in Nordrhein-Westfalen besucht. Außerdem wurden zahlreiche Recherchen in Zeitungen, Zeitschriften und im Internet durchgeführt. Die Arbeit wird durch eine anschließende Betrachtung der Aussagen zum Thema Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung abgerundet und mit einer Schlussfolgerung beendet.

Die aktuelle Zunahme forschungswissenschaftlicher Studien im Zusammenhang mit dem Phänomen der Migration und seinen Folgen zeigen speziell auch mit Blick auf die Nachfolgegenerationen, dass dieses Thema gegenwärtig wachsende gesellschaftliche Brisanz erfährt. Hier seien insbesondere die Arbeiten von Attia (2000) und Unger (2000) erwähnt. Beide untersuchten den Alltag von Migrantenjugendlichen unter anderem auch im Hinblick auf die doppelt geprägte Alltagsbewältigung und Lebenswelt.

Über die Unterhaltungskultur der türkischen Migranten und insbesondere der Nachfolgegenerationen ist relativ wenig bekannt. Die einzigen forschungs-wissenschaftlichen Studien sind von dem Musikwissenschaftler Martin Greve (1997) und der Ethnologin Ayse Caglar (1998). Caglar untersuchte speziell den Berliner Unterhaltungsmarkt der Türken und hier schwerpunktmäßig Rap- oder Hip-Hop-Gruppen deutsch-türkischer Jugendlicher. Greve befasst sich mit dem Musikleben der Türken in Deutschland und hat drei Studien, unter anderem über das Musikleben der Türken in Duisburg und Berlin, veröffentlicht. Die türkische Partyszene in Nordrhein-Westfalen ist somit ein unerforschtes Gebiet und Neuland für diese qualitativ exploratorische Studie.

2 Theoretische Grundlage: Multikulturalismus

2.1 Begriffsbestimmung

2.1.1 Kultur

In dem nun folgenden Teil dieser Arbeit geht es um die theoretische Einbettung des Themas Struktur und Organisation der türkischen Partyszene in Nordrhein-Westfalen.

Die Tatsache, dass mittlerweile mehr als 2 Millionen Menschen türkischer Herkunft seit 40 Jahren und somit über mehrere Generationen einträchtig in Deutschland mit der einheimischen Bevölkerung zusammenleben und ihren Lebensmittelpunkt hier in Deutschland haben, zeigt die reale Möglichkeit des Zusammenlebens verschiedener ethnischer Gruppen und Kulturen in einem Staatsgebiet.

Der Multikulturalismus beschäftigt sich mit dem Zusammenleben verschiedener Kulturen und den damit verbundenen Problemen, Perspektiven und verschiedenen Vorstellungen. Bevor im weiteren Verlauf der Multikulturalismus und die verschiedenen Modelle des Multikulturalismus eingehend erläutert und aufgezeigt werden, ist es angebracht den in der Arbeit verwendeten Begriff der Kultur näher zu bestimmen.

„Culture, the integrated pattern of human knowledge, belief, and behaviour. Culture thus defined consists of language, ideas, beliefs, customs, taboos, codes, institutions, tool, techniques, works of art, rituals, ceremonies, and other relates components; and the development of culture depends upon man`s capacity to learn and to transmit knowledge to succeeding generations.” (Encyclopeadia Britannica, Micropadia 3. 1986: 784).

Kultur ist demnach die Art und Weise, wie das gesellschaftliche Leben und die Beziehungen in einer Gruppe von Menschen organisiert sind. Sie ist aber auch die Art und Weise wie diese Formen verstanden und interpretiert werden, das heißt die Merkmale der Kultur enthalten eine bestimmte Weltanschauung. Kultur ist einem ständigen Wandel unterworfen und ist daher etwas unabgeschlossenes, Dynamisches. Sie entwickelt sich aus dem Zusammenhang von praktischen Tätigkeiten, die Menschen in einer Gruppe verrichten. Ihre Funktion ist, praktisch allen Menschen einer Gemeinschaft zu nutzen und ihr Zusammenleben zu erleichtern. Die Gemeinsamkeiten zwischen Menschen einer Kultur werden als Kulturerbe von Generation zu Generation weitergegeben.

„Diese Einheit zeigt sich als Verständigungs-, Organisations-, Geltungs- und Verweisungszusammenhang, also an der Gemeinsamkeit von Sprache, Recht, Abstammung, Geschichte, Regelungssystemen und (letzten) Sinndeutungen.“ (Hettlage, 1996: 166).

2.1.2 Multikulturalismus

Multikulturalismus meint vom Begriff her, das Nebeneinander-Bestehen unterschiedlicher Kulturen innerhalb einer Gesellschaft. Seit Anfang der 80er Jahre ist der Begriff der multikulturellen Gesellschaft bzw. des Multikulturalismus sowohl in der Bundesrepublik als auch in anderen westlichen Ländern zunehmend zum Gegenstand wissenschaftlicher und politischer Erörterungen geworden (vgl. Leggewie 1991; Schulte 1990).

Zentraler Hintergrund der Diskussion über eine multikulturelle Gesellschaft sind internationale Migrationsprozesse; hierzu gehören insbesondere Prozesse der Arbeitsmigration, Flüchtlingsbewegungen und internationale Wanderungen. Internationale Wanderungen werden durch eine Vielzahl von Push – und Pull – Faktoren, insbesondere durch Verhältnisse von struktureller und direkter Gewalt auf nationaler und / oder internationaler Ebene verursacht. Aufgrund dieser Beziehungen sind die Lebenssituationen und Perspektiven von Migranten in der Regel in einem besonderen Maße durch Abhängigkeiten und Unsicherheiten gekennzeichnet.

In Vorstellungen von einer multikulturellen Gesellschaft werden diese Migrations-prozesse vorwiegend aus der Sicht der Aufnahmeländer thematisiert; hierzu gehören die ‚klassischen‘ Einwanderungsländer (USA, Kanada und Australien) und die industriell entwickelten Länder Nord- und Westeuropas. In den westeuropäischen Ländern und im Besonderen in der Bundesrepublik Deutschland, auf die sich die folgenden Ausführungen vor allem beziehen werden, haben die Immigrationsprozesse zu einem sozialen und kulturellen Wandel geführt. Von besonderem Gewicht ist hierbei die Entwicklung der konjunkturellen „Gastarbeiterfrage“ zur „strukturellen Minderheitenfrage“ (Heckmann 1981: 141 ff.). Dies impliziert, dass in den Aufnahmeländern Bevölkerungsgruppen entstanden sind, die nicht mehr nur vorübergehend, sondern dauerhaft anwesend sind, und deren gesellschaftliche Lage in der Regel durch soziale Ungleichheiten und Diskriminierungen gekennzeichnet ist.

Das Ursprungsland der Begriffe, multikulturelle Gesellschaft‘ und ‚Multikulturalismus‘ ist Kanada. In Deutschland wurde der Begriff der multikulturellen Gesellschaft erst im Jahre 1980 von Vertretern der beiden Großkirchen als politischer Begriff in Umlauf gebracht (vgl. Miksch 1991; Radke 1993; Schulte 1990). Anlass war „der Tag des ausländischen Mitbürgers“ im September 1980. Eine der Thesen, die zu diesem Anlass veröffentlicht wurden lautete: „ Wir leben in der Bundesrepublik in einer multikulturellen Gesellschaft“ (Miksch 1991: 182). So ist nach Miksch – einem der maßgeblichsten Vertreter und Befürworter – mit dem Begriff multikulturellen Gesellschaft eine Gesellschaft gemeint, in der „Menschen mit verschiedener Abstammung, Sprache, Herkunft und Religionszugehörigkeit so zusammenleben, dass sie deswegen weder benachteiligt noch bevorzugt werden. Zwischen den meist eingewanderten Menschen und den Einheimischen wird eine ständige Kommunikation angestrebt. Der Begriff des multikulturellen Zusammenlebens geht realistisch davon aus, dass es zwischen diesen verschiedenen kulturellen Traditionen auch Spannungen und Konflikte gibt. Aber diese Konflikte sollen im Dialog gelöst werden und nicht durch Benachteiligung von Minderheiten (…). In dem Miteinander mit Minderheitenkulturen wird (…) keine Gefahr gesehen, die es abzuwehren gilt, sondern eine Chance zur Förderung des europäischen und weltweiten friedlichen Zusammenlebens und für den gegenseitigen kulturellen Austausch.“ (Miksch 1989: 33).

Im deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Diskurs wurde der Begriff der multikulturellen Gesellschaft zum ersten Mal im Jahre 1981 auf einem Symposium an der Universität Mannheim verwendet (vgl. Mintzel 1997: 29). Im Zentrum standen das kanadische Regierungsprogramm des Multikulturalismus. Die Begriffe ‚Multikulturalismus‘ und ‚multikulturelle Gesellschaft‘ blieben in den 80er Jahren in den Sozialwissenschaften vorerst noch ohne große Resonanz. Die Anstöße kamen mehr aus der politischen Sphäre (zum Beispiel: Leggewie 1991).

Der Soziologe Hartmut Esser eröffnete 1983 die sozialwissenschaftliche Diskussion mit seinem Beitrag über „Multikulturelle Gesellschaft als Alternative zu Isolation und Assimilation“. Esser war bereits 1980 mit seiner Habilitationsschrift über „Aspekte der Wanderungssoziologie. Assimilation und Integration von Wanderern, ethnischen Gruppen und Minderheiten“ hervorgetreten, hatte aber noch nicht den Begriff der multikulturellen Gesellschaft gebraucht. Er hatte „mono-kulturell“ und „mono-ethnisch“ orientierte Theoriebildungen in Frage gestellt und die allgemeine zu beobachtende ethnische Pluralisierung moderner Gesellschaften hervorgehoben (vgl. Esser 1980). In den Sozialwissenschaften war es bis Anfang der 80er Jahre und darüber hinaus üblich gewesen, nicht von multikultureller Gesellschaft zu sprechen, sondern von multiethnischen Gesellschaften, von ‚race-relations‘, ‚ethnic-relations‘ und von ‚minority group relations‘.

1992 legte Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny seine Studie „Chancen und Risiken multikultureller Einwanderungsgesellschaft“ vor. Darin explizierte er sein analytisches Konzept der migrationsbedingten multikulturellen Gesellschaft.

Mit dem Eingang des Begriffs in die sozialwissenschaftliche Fachsprache ging jedoch keine allgemeinverbindliche, allseits akzeptierte Präzisierung einher. Heute bieten verschiedene Autoren unterschiedliche Definitionen und Konzepte an (siehe Überblicke von Schulte 1990: 2-15; Robertson-Wensauer 1993: 12-30). Schulte kennzeichnet prägnant die sozialwissenschaftlich theoretische Diskussionslage, wenn er schreibt:

„Gegenwärtig kann nur unter Vorbehalt von einem ‚Konzept‘ der multikulturellen Gesellschaft gesprochen werden – zunächst dann, wenn mit ‚Konzept‘ die Vorstellung einer systematisch entwickelten und sozialwissenschaftliche fundierten ‚Theorie‘ verbunden wird. Die meisten der bislang vorgelegten ‚positiven‘ Äußerungen können und müssen las (vorläufig) Annäherungen an eine derartige Theorie oder als Beitrag zu deren Entwicklung gewertet werde.“ (Schulte 1990: 5).

Was soll nun aber im Kern mit dem Multikulturalismus ausgesagt werden? Welche Zielsetzungen, Folgerungen und Perspektiven werden damit für eine Gesellschaft verbunden? Alf Mintzel gibt einen Überblick über die allgemeinen Zielsetzungen des Multikulturalismus, die sich wie folgt zusammenfassen lassen (vgl. Mintzel 1997: 65):

- Der Multikulturalismus richtet sich gegen jede Form des Rassismus und unterstützt den Abbau von rassistischer Diskriminierung.
- Er propagiert und unterstützt interkulturelle Kommunikation und Interaktion (vom Nebeneinander zum Miteinander)
- Der Multikulturalismus plädiert für die Gleichwertigkeit unterschiedlicher ethnischer Kulturen unter einem gemeinsamen staatlichen Dach. Eine Bürgergesellschaft, in der Ethnien unterschiedlicher Herkunft einen gleichberechtigten Platz haben.
- Er propagiert und unterstützt interkulturelles Lernen im Sinne von Akkulturationsprozessen 1 und multikulturelle Erziehung.
- Der Multikulturalismus unterstützt und weist auf Bürgertugenden wie Toleranz und Respekt vor anderen kulturellen Mustern hin.

Bei der Kontroverse über die multikulturelle Gesellschaft haben sich verschiedene Modelle entwickelt, die eine Antwort auf die Frage geben, wie das Zusammenleben von ethnischer Mehrheit und bereits. zugewanderten Minderheiten gestaltet werden soll. Damit ist zugleich die Frage verbunden, wie Freiheit und Gleichheit – also Prinzipien, die für die westlichen Gesellschaften zentrale Bedeutung haben – auf geeignetste Weise für Individuen und Gruppen realisiert werden können.

Im folgenden Teil dieser Arbeit werden die verschiedenen Modelle des Multikulturalismus in den wesentlichen Zügen konturiert, wobei hier unter Modell die heuristische Funktion der Modelle als Werkzeuge zum Ordnen und zum Gewinnen von Erkenntnissen, verstanden werden soll. Modelle dienen zudem der Klassifizierung und dem Vergleich. Sie ermöglichen Gesellschaften unter bestimmten Typus multikultureller Gesellschaften zu klassifizieren bzw. als soziale Gebilde zu betrachten, die nach modellhaft vorgegebenen analytischen Kriterien nicht als multikulturelle Gesellschaften bezeichnet werden können.

2.2 Modelle des Multikulturalismus

Als Grundlage wird in dieser Arbeit die Unterteilung von Robert Hettlage übernommen und ausgearbeitet. Hettlage unterscheidet in seinem Aufsatz „Multikulturelle Gesellschaft zwischen Kontakt, Konkurrenz und ‚accomodation‘“ zwei Hauptmodelle, Egalität und Dominanzmodelle des Multikulturalismus, die wiederum verschiedene Untermodelle aufweisen:

2.2.1 Egalitätsmodelle

Als Egalitätsmodelle bezeichnet Hettlage „solche theoretischen oder praktischen Entwürfe, die eine Gleichberechtigung von Einheimischen und Fremden, von unterschiedlichen Ethnien oder von Majoritäts- und Minoritätskulturen – als Wert und als gelebte Wirklichkeit – beabsichtigen.“ (Hettlage 1996: 167). Die drei Egalitätsmodelle sind das Additions- Insulations- und das Transformationsmodell.

Additionsmodell

Nach dem Additionsmodell sind Menschen unterschiedlicher Kulturen grundsätzlich in allen Belangen gleich zu behandeln. Die Gleichheit aller Menschen hat oberste Priorität. Hier stellt sich die entscheidende Frage, wie demokratische Grundrechte und kulturelle Identität gleichermaßen garantiert werden können.

Der am häufigsten vorgeschlagene Lösungsweg sieht eine Trennung in eine Sphäre der Öffentlichkeit und in einen privaten und kommunalen Bereich vor (vgl. Rex 1996; Taylor 1993; Radke 1991). Als Beispiel soll nun kurz das normative ‚ Zwei Bereiche – Konzept ‘ des britischen Soziologen John Rex skizziert werde. Für Rex ist sein soziologisches Konzept einer multikulturellen Gesellschaft ein Ideal, dass es zu verwirklichen gilt (vgl. 1985: 5). Das normative Konzept hebt im starkem Maße auf die Verhältnisse im klassischen Einwanderungsland Großbritannien ab, wobei Rex gemessen an seinem Konzept die Gesellschaft in Großbritannien noch weit davon entfernt sieht, den Normen dieses Konzeptes zu entsprechen.

Eine multikulturelle Gesellschaft ist, idealtypisch konstruiert, eine Gesellschaft in der im öffentlichen Bereich Einheit (‚public unitary‘) besteht, deren privater, gemeinschaftlicher Bereich dagegen von ‚cultural diversity‘ geprägt ist. Im öffentlichen Bereich herrscht eine einheitliche politische Kultur basierend auf demokratischen Grundrechten, einer verbindlichen Rechtsordnung und einer gemeinsamen Verkehrssprache. Dies stellt den kleinsten gemeinsamen Nenner aller in einem Gesellschaftssystem lebenden kulturellen Gruppierungen dar. Diese Sphäre ist gekennzeichnet von der Nicht-Wahrnehmung von ethnischen und kulturellen Unterschieden und der Betonung von Gleichheit. Im privaten und kommunalen Bereich hingegen ist eine Vielfalt von unterschiedlichen Kulturen mit unterschiedlichen Sprachen, Wertesystemen und Traditionen möglich. Sind diese Ideale erreicht oder zumindest nahezu, dann ist eine moderne Gesellschaft in das Entwicklungsstadium einer multikulturellen Gesellschaft eingetreten (vgl. Rex 1985: 2-17).

Abbildung 1: Zwei – Bereiche – Konzept von Rex

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Den Respekt vor anderen Kulturen und Ethnien zu vermitteln und auf vielfältige Weise eine multikulturelle Gesellschaft verwirklichen zu helfen, ist laut Rex eine der großen Aufgaben des Erziehungssystems. Der Schule kommt als Hauptträger interkulturellen Lernens folglich eine Schlüsselrolle zu, die sowohl den privaten als auch den öffentlichen Bereich betrifft (vgl. Rex 1990: 152). Rex hat bei dieser Funktionszuschreibung, nicht nur die eingleisige Unterrichtung der Immigrationskinder im Auge, sondern auch die Kinder der einheimischen Mehrheitskultur. Die Schule unterrichtet nicht nur über verschiedene Kulturen, sondern vermittelt auch Werte, etwa die der kulturellen Toleranz im privaten Bereich und der Chancengleichheit im öffentlichen Bereich. Rex fordert gemäß seinem normativen Konzept ein Erziehungssystem, dass eine „richtige

Balance dieser beiden Ideale in der Schule garantiert. Durch das Erziehungssystem dürften weder die Chancengleichheit im öffentlichen Bereich in Frage gestellt, noch die ‚Kultur der Privatsphäre‘ eingeschränkt werden.“ (Rex 1990: 152).

Mit der Aufteilung in eine öffentliche und eine Private Sphäre verläuft das Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft aber keineswegs konfliktfrei, da die Grenzen zwischen öffentlicher und privater Sphäre fließend sind. Rex merkt selbst kritisch an, dass sein Modell die Konfliktlagen und möglichen Spannungsherde fast ausblendet.

„I believe that we would do an injustice to the religious, cultural and political ideas of minority groups if we saw them as fitting easily and snugly into the social status quo. Sometimes their ideas and their institutions may be revolutionary and secessionist. Sometimes they are not addressed to the problems of society of settlement of all, but to those of the original homeland.” (Rex 1985: 15).

Es fällt auf, dass Rex in seiner Erörterung von Institutionen, denen eine Schlüsselposition und zentrale Funktion bei der Schaffung einer multikulturellen Gesellschaft zukommt, allein auf die interkulturelle Funktion des Erziehungssystems zu sprechen kommt (vgl. 1990: 152). Die Abgrenzung zwischen privatem und öffentlichem Bereich aber verliert Kraft der modernen Kommunikationskanäle an Trennschärfe. Private Sphäre und öffentliche Sphäre werden beide medial ‚durchdrungen‘. Fraglich ist weiterhin, ob und wie medial Inhalte im Interesse der multikulturellen Gesellschaft der Regelung bedürfen – zumal Medien, besonders im Hinblick auf die Vermittlung von Informationen über Minderheiten, eine entscheidende Rolle zufällt, wie in Kapitel 5 an Hand von Aussagebeispielen noch gezogen wird.

Werden die normativen Elemente des Konzepts auf Deutschland übertragen und als Hilfsmittel zur Bestimmung genommen, inwieweit in Deutschland möglicherweise eine multikulturelle Gesellschaft gegeben ist, so lässt sich diese Frage nach Maßgabe des Konzepts von Rex, klar verneinen, weil unter anderem die rechtliche Gleichstellung der Migranten im politischen Bereich nicht gewährleistet ist.

Insulationsmodell

Die Hauptthese zu diesem Modell, die auch als die Binnenintegrationsthese bezeichnet wird, geht auf Georg Elwert zurück:

„Eine stärkere Integration der fremdkulturellen Einwanderer in ihre eigenen sozialen Zusammenhänge innerhalb der aufnehmenden Gesellschaft – eine Binnenintegration – ist unter bestimmten Bedingungen ein positiver Faktor für ihre Integration in eine aufnehmende Gesellschaft.“ (Elwert 1982: 717).

Elwert postuliert damit einen Prozess der Integration durch Binnenintegration bzw. durch Segregation. Segregation ist in diesem Zusammenhang nicht als residenzielle Segregation, das heißt ghettoähnliche, räumliche Konzentration in eigenen Wohnvierteln zu verstehen, sondern vielmehr als soziale Segregation, die sich auf innerethnische soziale Kontakte beschränkt.

Mit der Binnenintegration ist ein Prozess der sozialen Organisation einer ethnischen Minderheit gemeint, der sich in der Herausbildung einer ethnischen Community oder Kolonie manifestiert. Die Community oder Kolonie knüpft soziale Beziehungen aus der Herkunftsgesellschaft an und gibt Gelegenheit zur Aufrechterhaltung und Aufnahme sozialer Binnenkontakte. Damit wird sozialer Isolation und dem von der Aufnahmegesellschaft ausgehenden Assimilationsdruck vorgebeugt. Gemäß Hans-Joachim Bürkner gibt es bei allen berechtigten Vorbehalten gegen das Eingliederungsziel der Binnenintegration dennoch Anhaltspunkte dafür, dass Binnenintegration die Annäherung und Integration der Migranten in die Aufnahmegesellschaft erleichtert (vgl. Bürkner 1987: 303).

Der Begriff der (Einwanderer-) Kolonie wurde laut Bürkner bereits zu Beginn der 80er Jahre von Friedrich Heckmann eingeführt in Abgrenzung zum negativ konnotierten Ghettobegriff (vgl. Bürkner 1987: 240). Im folgenden Verlauf der Arbeit wird anstatt des Begriffs der Kolonie der Begriff der Community verwendet werden, weil der Begriff der Kolonie ebenfalls negativ besetzt ist und mit dem Begriff der Kolonialisierung verbunden wird. Der Begriff der Community hebt die Gemeinschaft der Einwanderer hervor, die mehr oder weniger verbindlich sein kann, nicht zwangsläufig an räumliche Nähe gebunden ist und in der unterschiedliche Formen ethnischen Zusammenlebens stattfinden.

Wie bereits angesprochen, kann die ethnische Community mitunter eine wichtige Integrations-, Kompensations- und Schutzfunktion erfüllen. Das heißt, sie dient als ‚Über-gangsinstitution‘, als institutionalisierte Selbsthilfegruppe der konkreten Problemlösung und hilft demnach, mit der Einwanderung und dem Minderheitenstatus verbundene Schwierigkeiten zu überwinden, sowie mit Anpassungs- und Alltagsproblemen fertig zu werden. Die Binnenintegration hilft eine Identitätsdiffusion zu vermeiden (vgl. Hill, 1990: 103), sozialen Stress zu mildern (vgl. Elwert 1982: 718), und ist damit funktional im Sinne der Reduktion von Spannungen.

Die Community dient insofern als Puffer, in dem sie den Kulturwechsel, die Vereinsamung und die Orientierungslosigkeit, mit denen die Migranten konfrontiert werden, erheblich mildert. Eine solche Pufferfunktion insbesondere für psychische Probleme, die sich aus dem Kulturkonflikt ergeben, räumt auch Hoffmann-Nowotny (vgl. Hoffmann-Nowotny 1987: 57) ein, der ansonsten ethnische Segregation für eine gelungene Integration und Assimilation nicht gerade als förderlich erachtet. Immerhin kann Paul B. Hill die These von einer positiven Funktion der ethnischen Community bzw. der Binnenintegration im Rahmen seiner Untersuchung zu türkischen und jugoslawischen Zweitgenerationsangehörigen in Deutschland bestätigen (vgl. Hill 1990: 111).

Wie im empirischen Teil dieser Arbeit gezeigt werden wird, trifft dies auch auf die türkische Partyszene in NRW zu. Die meisten der befragten Veranstalter gehen zum Beispiel davon aus, dass die Gäste auf diesen Partys sich mit der türkischen Popmusik identifizieren, und die Art und Weise zu tanzen nur auf solchen Veranstaltungen ausleben können. Die Partys werden als Orte gesehen, wo man sich mit Freunden trifft, Stress abbaut du den Alltag vergisst (siehe Kapitel 4, Abschnitt 4.4).

Bislang war im Zusammenhang mit dem Konzept der Binnenintegration und der ethnischen Community vornehmlich von Arbeitsmigranten und Einwanderern die Rede. Auch wenn sich die Binnenintegrationsthese auf die erste Einwanderergeneration bezieht, lassen sich ihre Implikationen auch auf die folgenden Generationen übertragen. Natürlich muss davon ausgegangen werden, dass die Community bei den folgenden Generationen im Vergleich zur ersten als unmittelbare soziale Bezugsinstanz und Referenzgruppe an Bedeutung verliert. Dennoch ist anzunehmen, dass die ethnische Community auch bei den folgenden Generationen eine gewisse stressreduzierende, sozialintegrative Funktion erfüllt und beibehält, das heißt identitätsstiftend, orientierungsvermittelnd und nicht zuletzt selbstwertstützend wirkt. „Selbstbewusstsein kann man weitaus leichter unter denen bewahren oder erwerben, die die gleiche kulturelle Identität und den gleichen sozialen Status haben (…)“ (Elwert 1982: 721).

Das Transformationsmodell

Das Transformationsmodell kann als im empirischen Großversuch gescheitert bezeichnet werden. In den USA sollte aus einer Vielzahl verschiedener Nationen ein ‚ melting pot ‘ werden, wodurch ein eigener Charakter des Amerikaners, ohne sonstige ethnische Bindungen entstehen sollte. Grundlage dieser Annahme war ein vierstufiger ‚ race-relations-cycle ‘ bestehend aus den Ebenen contact, concurrence, accommodation und assimilation von Park und Burges (vgl. Park 1950: 150).

Abbildung 2: Der „race-relations-cycle“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: in Anlehnung an Treibel 1999: 91)

Für Park und Burgess setzt sich die menschliche Gemeinschaft aus räumlich getrennten Einheiten zusammen, deren Beziehungen durch wechselseitige Konkurrenz und Abhängigkeit bestimmt sind. Jeder einzelne Mensch findet in der Gemeinschaft als Ganzem ein seinen Lebensbedingungen angepasste Umgebung oder einem der er sich durch Merkmalsänderungen anpassen kann und anpassen wird (vgl. Treibel 1999: 89).

Die bestimmende und elementare Form zwischenmenschlicher Interaktion ist für Park und Burgess das Konkurrenzprinzip, der Wettbewerb. Sie gehen von einer durch Wettbewerb geschaffenen arbeitsteiligen Gesellschaft aus. Wettbewerb kann ohne sozialen Kontakt stattfinden. Findet allerdings sozialer Kontakt statt, so führt er unvermeidlich zum Konflikt. Konflikt ist die persönliche und bewusste Form des Wettbewerbs, der bei den sogenannten race – relations besonders heftige Formen annimmt.

Auf den Konflikt folgt ein langwieriger Prozess der Anpassung, dessen erste Stufe die Akkommodation ist. Diese läuft bewusst über sekundäre Kontakte ab. Menschen passen sich nicht nur an die äußere Umwelt, sondern auch an die sozial überlieferten Traditionen an. Dabei entsteht eine Form organisierter und wechselseitiger Beziehungen, die dadurch ermöglicht wird, dass sich eine, meist die machtunterlegene gruppe, in bestimmte berufliche Nischen und segregierte Wohnviertel zurückzieht und diese unteren Positionen widerspruchslos hinnimmt. Akkommodation ist der quasi äußerliche, strukturelle Teil des Anpassungsprozesses, der soziale Organisationen erst ermöglicht.

Die Assimilation, die vierte Stufe des Modells, geht noch einen Schritt weiter. Hierbei handelt es sich nicht nur um eine Angleichung an kulturelle Traditionen; dieser Prozess ist besonders langwierig, er erfordert Persönlichkeitsveränderungen und Modifikationen des kulturellen Erbes (vgl. Treibel 1999: 91). Park und Burgess räumen ein, dass die assimilative Stufe der Anpassung erst von der zweiten und dritten Generation der Einwanderer erreicht werde. Die Assimilation wird hier durch zunehmende Primärkontakte unterstützt: Einwanderer und Einheimische haben nicht mehr nur formelle, sondern auch freundschaftliche oder gar familiäre und verwandtschaftliche Beziehungen. Zentrale Voraussetzung von Assimilation sei eine gemeinsame Sprache. Auf lange Sicht würde die kulturelle Vielfalt aufgrund gemeinsamer Erlebnisse, Erfahrungen und Heirat durch eine gemeinsame Kultur aufgelöst.

Danach muss man sich interethnische Beziehungen als eine fortschreitende und nicht umkehrbare Abfolge von vier Interaktionsformen vorstellen. Die race–relations–cycle führt über Kontakt, Wettbewerb / Konflikt und Akkomodation zur Assimilation. Park stellte fest, dass langfristig nicht mehr nur die USA, sondern die ganze Welt zum melting pot würde, Rassen und Kulturen würden verschwinden.

Realität ist, dass in den heutigen USA große ethnische Gruppen niemals in das Gemeinwesen integriert werden konnten, deren Integration nicht erwünscht war und dass auch längst integriert angesehene ethnische Gruppen ihre ‚roots‘ suchen und ethnische Identifikation auf der symbolischen Ebene kennzeichnend für diese Gesellschaft wird.

„In Los Angeles wird zur Zeit in 82 Sprachen unterrichtet. Schon der Minimalkontakt unter den verschiedenen Ethnien ist kaum herzustellen, so dass die Homogenisierung zu einer neuen ‚Transkultur‘ hin als weitreichend gescheitert betrachtet werden muss. Die USA gelten heute als ‚salad bowl‘, in der die kulturelle Segmentierung und Segregation – nicht nur im privaten Bereich – überhand nimmt.“ (Hettlage 1996: 171).

Überträgt man dieses Modell auf Deutschland, dann kann man behaupten, dass zum Beispiel die zahlenmäßig größte Minderheit in Deutschland, die türkischstämmige Bevölkerung auf der Stufe der Akkomodation angelangt ist. Der äußerliche, strukturelle Teil der Anpassung trifft auf die meisten der hier lebenden türkischen Migranten zu. Als ein Beispiel kann hier wieder die türkische Partyszene angebracht werden. Wie auch in Kapitel 4, Abschnitt 4.2 zu sehen, werden diese Partys nach den Regeln und Normen des Unterhaltungsmarktes in Deutschland organisiert. Die Strukturierung und Organisation der Partys ist zum Beispiel mit denen der Technoszene vergleichbar. Die eingangs erwähnte Gleichberechtigung von Einheimischen und Fremden, „als Wert und gelebte Wirklichkeit“ (Hettlage 1996: 167), trifft, wenn man das Transformationsmodell auf Deutschland übertragen würde, ebenfalls nicht zu, da es für die nicht-deutsche Bevölkerung in Deutschland keine Gleichberechtigung im politischen Bereich gibt.

2.2.2 Dominanzmodelle

In den Dominanzmodellen wird der Multikulturalismus gänzlich anders verstanden. Man nimmt nicht die Wertposition der einen unitarischen Menschheit ein, von der aus die Gleichheit der Chancen, Positionen und Überzeugungen vertreten wird. Vielmehr betonen diese Modelle das faktische Gewicht der historischen Ungleichheit, aus der sich die Vorrechte der Dominanzkultur, die Macht der Majorität und die Integrationsleistungen der Migranten bestimmen. Hier unterscheidet Hettlage zwei Modelle:

Marginalisierungmodell

Unter Marginalität oder Randständigkeit wird die relativ dauerhafte, krisenhafte Randlage zwischen zwei Kulturen bzw. Gruppen verstanden, wobei die Gruppenzugehörigkeit ungeklärt ist. Marginalisierung liegt dann vor, wenn die Herkunftskultur aufgegeben wurde, weder praktiziert wird, noch als Option zur Verfügung steht, gleichzeitig aber keine Assimilation in die Kultur der Aufnahmegesellschaft erreicht wurde.

Die Marginalisierungstheorie geht auf Simmels Ausfühtungen über den „Fremden“ (vgl. Simmer (1908) 1992: 764 ff.) zurück, welcher im Widespruch von Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit, von Nähe und Ferne lebt. Aufbauend darauf entwickelte Park seine Theorie des ‚marginal man‘. „Marginalität ist, wenn man Parks Umschreibung in einer präziseren Begrifflichkeit resümiert, gekennzeichnet durch enge Beziehungen von Personen zu unterschiedlichen Gruppen bei ungeklärter Zugehörigkeit; (…).“ (Heckmann 1992: 179)

Gegen das Marginalisierungsmodell wurde immer wieder eingewandt, dass es keineswegs eine generelle Beschreibung für die Lage von Minderheiten, sondern lediglich eine mögliche Ausprägungsform darstelle. In der neueren Literatur wird das Marginalitätsproblem als ‚das Sitzen zwischen zwei Stühlen‘ vor allem in der Identitäts- und Sozialisationsdebatte diskutiert und in empirischen Phänomenen wie etwa der ‚doppelten Halbsprachigkeit‘ von Migrantenkindern geortet (vgl. Unger 2000; Attia 2000). In diesem Zusammenhang sei auf den Abschnitt 4.4.2 in Kapitel 4 verwiesen, wo auf die Sprache der zweiten und dritten Generation der in Deutschland lebenden Türken eingegangen wird.

Vorraussetzung für die ungeklärte Zugehörigkeit und die marginale Position ist das Vorhandensein einer Mehrheits- und einer Minderheitenkultur, zwischen denen ein hierarchisches Gefälle herrscht, und eine bikulturelle Prägung durch diese beiden. Die Bedingungen für eine Veränderung der Position des Fremden oder der Randpersönlichkeiten werden jedoch zu wenig reflektiert. In den Marginalitätsansätzen wird zwar berücksichtigt, dass die Gruppenzugehörigkeit nicht nur eine Frage der Selbsteinschätzung oder Selbsteinstufung, sondern ein Ergebnis von Zuschreibungsprozessen durch Individuen und Gruppen der Aufnahmegesellschaft sein könnte. Aber die als Zustand begriffene Marginalität müsste dann noch stärker als gegenseitiger Prozess und damit eher als Marginalisierung verstanden werden.

Petrus Han unterscheidet unter „Marginalisierung der Migranten im Aufnahmeland“ mehrere Bereiche, die für die Marginalisierung von entscheidender Bedeutung sind. Im Folgenden werden die für diese Arbeit relevanten Bereiche erläutert (vgl. Han 2000: 222 ff.).

a.) Residentiale Konzentration und Segregation der Migranten

Die räumliche Konzentration und Absonderung der Migranten in städtischen Siedlungsgebieten ist eine häufig zu beobachtende Folge der Migrationsbewegung und ist unter anderem auf die Ursachen Kettenmigration, Wirtschaftswachstum im Aufnahmeland und Diskriminierung am Wohnungsmarkt / staatliche Siedlungspolitik zurückzuführen:

Bei der Kettenmigration lassen sich Migranten vorzugsweise dort nieder, wo bereits Familienangehörige, Verwandte, Bekannte oder Landsleute leben. Sie erhoffen sich dadurch die familiale und landsmannschaftliche Unterstützung in die Aufnahmegesellschaft (siehe Insulationsmodell).

Das Wirtschaftswachstum einer Region führt zur erhöhten Nachfrage nach Arbeitskräften. Die so zu den Betrieben geholten ‚Gastarbeiter‘ lassen sich in den für sie vorgesehenen Werkswohnungen nieder. Hier beginnt bereits die residentiale Konzentration der Arbeitsmigranten in kleinem Umfang.

Eine Studie von H.P. Hoffmeyer-Zlotnik über die Konzentration der türkischen Arbeitsmigranten aus dem Jahre 1976 stellte fest, dass das Eindringen der türkischen Arbeitsmigranten in Berlin-Kreuzberg Mitte der 60er Jahre begann, als sich die Zahl der Ausländer in Berlin zwischen 1964-1974 von rund 34 000 auf 181 000 erhöhte und der Anteil der Türken daran 45,3% betrug. Dieser hohe Zuwachs war auf die Kettenmigration zurückzuführen. 1963 wurde Berlin-Kreuzberg wegen der Überalterung und der dichten Bebauung zum Sanierungsgebiet erklärt, so dass die statushöheren deutschen Bewohner auszogen. Die leerstehenden Wohnungen wurden mit Zwischennutzungsverträgen, die den Hausbesitzern kurzfristige Kündigungen ermöglichten, an türkische Arbeitsmigranten vermietet. Durch die höhere Belegung der Wohnungen durch die Migranten konnten nicht nur höhere Renditen erzielt, sondern auch auf notwendige Investitionen zur Sanierung verzichtet werden (vgl. Jürgen Friedrichs 1977: 157-161).

Das Beispiel Berlin-Kreuzberg zeigt, dass die Kettenmigration der türkischen Arbeitsmigration zu einem enormen Anstieg der türkischen Bevölkerung in Berlin geführt hatte, die mit Wohnungen versorgt werden mussten. Die Tatsache jedoch, dass sie sich in Altbauwohnungen mit überwiegend fehlenden sanitären Ausstattungen im Sanierungsgebiet niedergelassen haben, war unter anderem auf die Diskriminierung am Wohnungsmarkt zurückzuführen. Für Wohnungsanbieter sind Arbeitsmigranten generell interessante Mieter, weil sie bereit sind, höhere Mieten u zahlen. Sie haben dennoch Vorbehalte gegen sie, weil diese von den Einheimischen als Mitbewohner nicht akzeptiert werden. Die Ausgrenzung und Diskriminierung der Arbeitsmigranten auf dem normalen Wohnungsmarkt ist die Folgen. Dies war auch Grund dafür, warum seit den 70 er Jahren die residentiale Konzentration der Arbeitsmigranten hauptsächlich in den Sanierungsgebieten der Großstädte stattgefunden hat (vgl. Hoffmann-Zlotnik, 1986: 38-42). Die Tatsache, dass in vielen Anzeigen deutscher Tageszeitungen Migranten als Mieter von vornherein ausgeschlossen werden (z.B. „nur an deutsches Ehepaar“, „nicht an Ausländer, „nur Deutsche“), ist ein eindeutiger Beleg dafür, dass Ausländer und Arbeitsmigranten diskriminiert werden.

b.) Sektorale Konzentration der Migranten am Arbeitsmarkt

Für die Beschäftigungssituation der Migranten im Aufnahmeland ist charakteristische, dass die entweder in den Bereichen des Arbeitsmarktes eingesetzt werden, für die sie bereits in ihrem Herkunftsland angeworben und vertraglich verpflichtet sind oder überwiegend solche Arbeiten verrichten, die Einheimische aus verschiedenen Gründen (z.B. geringe Entlohnung, gesellschaftliche Geringschätzung, besonders hohe körperliche und psychische Belastung, gesundheitliche Risiken) ablehnen (vgl. Han 2000: 236). Die Folge ist eine sektorale Konzentration der Migranten am Arbeitsmarkt.

c.) Ethnische Vorurteile und Diskriminierungen

Aufgrund objektiv wahrnehmbarer Unterschiede (z.B. sozialer Status, ethnisch-kulturelle Herkunft) sind Migranten oft Vorurteilen und Diskriminierungen sowohl im sozialen als auch im institutionellen Bereich der Residenzgesellschaft ausgesetzt. Ihnen werden zum Beispiel staatsbürgerliche Rechte vorenthalten, die den Einheimischen zustehen, weil erstere nicht den gleichen Rechtsstatus haben. Dieser benachteiligende Rechtsstatus führt häufig zu institutionellen Diskriminierungen auf legaler Grundlage, wie zum Beispiel die Handhabung des Aufenthalts- und Arbeitsrechts, die wiederrum die Vorurteilsbildung verstärken, weil sie ethnische Vorurteile quasi als legitim bzw. berechtigt erscheinen lassen (vgl. Han 2000: 259).

Eine aufschlussreiche soziologische Vorurteilsfoschung, die das Phänomen des Vorurteils im Gruppenkontext untersucht hat, ist die von Herbert Blumer. Für Blumer war von fundamentaler Bedeutung, dass Rassenvorurteile nicht aus individuellen Gefühlen und Charakterstrukturen, sondern durch die Beziehungen zwischen den Rassengruppen erklären sind. Nach seiner Überzeugung gibt es folgende vier Rassengefühle, die die dominante Gruppe bei ihren Vorurteilen gegenüber den anderen Rassengruppen entwickelt (vgl. Herbert Blumer 1958: 3-4)

- Gefühl der Überlegenheit (Gefühl, dass andere Gruppen minderwertige Eigenschaften haben);
- Gefühl, dass die unterlegene Rasse wesentlich anders und fremd ist;
- Gefühl des berechtigten Rechtsanspruchs auf Privilegien und Vorteile (Anspruch auf Exklusivrechte in allen Bereichen des öffentlichen Lebens);
- Angst und Misstrauen, dass die unterlegende Rasse Pläne gegen die Vorrechte der dominanten Gruppe hegt (Angst, in der eigenen Position durch die unterlegenen Gruppen bedroht zu sein);

Nach der Auffassung von Blumer führen die ersten drei Gefühle nicht unbedingt zum Rassenvorurteil. Entscheidend ist der vierte Aspekt, nämlich die Angst in der eigenen Überlegenheit angegriffen und bedroht zu sein. Diese vier Gefühlsarten bestimmen die positionalen Relationen zwischen zwei oder mehreren Rassengruppen und produzieren den Rassenvorurteil.

Migranten sind nicht nur ethnischen Vorurteilen, sondern auch ethnischen Diskriminierungen ausgesetzt. Der Begriff der Diskriminierung bedeutet eine Ungleichbehandlung, die den Gleichheitsgrundsatz verletzt. Nach dem Gleichheitsgrundsatz darf niemand wegen seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder sozialen Kategorie bevorzugt bzw. benachteiligt werden. Liegt eine ungleiche Behandlung von Menschen auf der Basis ihrer natürlichen und sozialen Unterschiede vor, spricht man von Diskriminierung (vgl. Han 2000: 268). Ethnische Diskriminierungen liegen dann vor, wenn einzelnen oder Gruppen auf Basis ethnischer Kategorisierungen die Gleichheit der Behandlung vorenthalten wird. Ausgehend von den obigen Ausführungen sind ethnische Diskriminierungen in folgenden Bereichen zu unterschieden:

- Im politischen Bereich (z.B. Einschränkung politischer Aktivitäten, Ausschluss aus dem politischen Entscheidungsprozess)
- Im ökonomischen Bereich (z.B. Benachteiligung im Bereich öffentlicher und privater Beschäftigung, bei beruflicher Beförderung, Ausgrenzung aus bestimmten Wohngebieten)
- Im sozialen Bereich (z.B. Benachteiligung in sozialen Interaktionen und Vereinigungen)
- Im institutionellen und legalen Bereich (z.B. ungleiche Behandlung durch Behörden und Gesetze)

Im empirischen Teil der vorliegenden Arbeit wurde auch der Frage nachgegeangen, in wieweit die befragten Personen Diskriminierungen erfahren haben. Die Ergebnisse dazu finden sich in Kapitel 5.

Das Absorptionsmodell

Mit dem Absorptionsmodell ist die Aufgabe der eigenen Herkunftskultur und das Übernehmen der Kultur des Aufnahmelandes gemeint. Aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft ist dies nicht nur möglich, sondern auch notwendig für die Minderheit, um in dieser Gesellschaft bleiben zu können.

„Fremde können und sollen aufgenommen werden, so heißt es, wenn – und nur wenn – sie den Willen haben, ‚gute Einheimische‘ zu werden. Viele Vorstellungen und Integrationshilfen laufen darauf hinaus, dass man vom Fremden verlangen kann, dass sie sich entweder öffentlich unkenntlich machen (…) oder tatsächlich zu anderen Menschen werden, d.h. dass sie ihre Herkunftskultur vergessen und sich den neuen Lebensformen unterwerfen. Eine Integration des Fremden a l s Fremden scheint – nach dieser Auffassung – auf Dauer unrealistisch, ja unmöglich.“ (Hettlage 1996: 172).

Im Prozess der Assimilation verändert sich und verschwindet allmählich das mitgebrachte Gruppenbewusstsein und Zugehörigkeitsgefühl der eingewanderten Ethnie. Dabei kann es innerhalb der sich zu assimilierenden Gruppe zu Konflikten zum Beispiel zwischen den Generationen kommen, da sich die Assimilation nach und nach vollzieht und unter Umständen nicht von allen Generationen gleichermaßen gewollt sein muss.

Nach Übernahme der kulturellen, politischen und institutionellen Traditionen der aufnehmenden Gesellschaft entwickeln sich schließlich mit der vollständigen Verschmelzung Verhaltensmuster, die auf einem neuen Gruppenbewusstsein basieren und sich von den ursprünglichen Verhaltensmustern der Assimilierten unterscheiden. Geht die eingewanderte und aufgenommene Minorität völlig in der Aufnahmegesellschaft unter Aufgabe ihrer angestammten ethnischen Identität auf, dann wird diese volle Assimilation als monistische Assimilation bezeichnet (vgl. Esser 1980: 19).

Zusammenfassend lässt sich zu den vorgestellten Modellen des Multikulturalismus sagen, dass die Aspekte und Perspektiven des Zusammenlebens aufzeigen, nach denen die gesellschaftliche Wirklichkeit neu überdacht werden kann. Vor diesem Hintergrund wird im nächsten Abschnitt die Diskussion der Gegner und Befürworter des Multikulturalismus vorgestellt.

2.3 Multikulturalismus – Gegner und Befürworter

Untersucht man die bisherigen Diskussionen zur Ideen der multikulturellen Gesellschaft in Deutschland nach ihren inhaltlichen Ausrichtungen, stellt man eine Polarisierung in Gegner und Befürworter des Multikulturalismus fest, die wiederum unterschiedliche Argumentationsrichtungen aufweisen. Nachfolgend werden die unterschiedlichen Argumentationen der Gegner und Befürworter des Multikulturalismus kritisch beleuchtet.

2.3.1 Gegner

Die Gegner des Multikulturalismus sind sowohl im gemäßigt konservativen, im rechtsradikalen, als auch im linken politischen Spektrum zu finden. Auf der wissenschaftlich-akademischen Plattform haben sich aus diesen Positionen verschiedene Professoren zu Wort gemeldet, auf die nun im Folgenden kritisch eingegangen wird.

Von Positionen, die einem eher konservativen politischen Spektrum zuzurechnen sind, wird eine multikulturelle Gesellschaft in der Regel als ‚ Gefahr ‘ oder , Bedrohung ` gewertet und von daher generell abgelehnt. Hier überwiegt die Angst vor der Überfremdung und die Sorge um den Erhalt der christlich-abendländischen Kultur.

Diese Argumentationsrichtung kann als völkisch-nationalistisch bezeichnet werden. Sie lehnt die Koexistenz von ‚gleichberechtigten Kulturen’ neben der deutschen Kultur ab, um an der nationalen und kulturellen Identität der Deutschen festzuhalten, eine „durchrasste und durchmischte Gesellschaft“ zu verhindern (vgl. Geißler 1990: 181) und dadurch die Gefahr der „Überfremdung“ der deutschen Kultur und „Unterwanderung“ des deutschen Volkes zu bannen (vgl. Schulte 1990:4).

Der Soziologe Erwin Scheuch stellt fest, dass Einwanderer eher eine Belastung für den Staat darstellen, als eine Bereicherung. Ziel sei eine revolutionäre Veränderung des deutschen Bevölkerungsgefüges und letztlich die Relativierung und Zerstörung der eigenen Kultur. Gegen die These einer Bereicherung der deutschen Kultur durch die Einwanderer wird auch die These vorgebracht, dass der überwiegende Teil der Einwanderer gar nicht zur `kulturtragenden´ Ober- und Mittelschicht gehöre, sondern nur zur ungebildeten Unterschicht. Die deutsche Kultur werde dann allenfalls kulinarisch bereichert. Ein solcher, marginaler Gewinn stehe in keinem Verhältnis zu den Lasten, welche die Einwanderer dem Staat verursachten (vgl. Scheuch 1995:6).

Irenäus Eibl-Eibesfeldt begrüßt die Pluralität der Kulturen und stellt ganz klar, dass die deutsche Kultur anderen nicht überlegen sei (vgl. Eibl-Eibesfeldt 1994: 18). Um aber Pluralität, also die Verschiedenartigkeit der Kulturen überhaupt erlangen zu können, sei es legitim, ja sogar zwingend notwendig, sich für die Erhaltung der eigenen Kultur einzusetzen. Einwanderer sieht er hierbei als Konkurrenten der Einheimischen. Er sieht gar einen „Kampf der Wiegen“ auf die deutsche Gesellschaft zukommen, Bezug nehmend auf die höhere Geburtenrate der Einwanderer gegenüber der Deutschen. „so wie viele höhere Wirbeltiere Revierfremde als Eindringlinge vertreiben, so reagieren auch wir Menschen auf Zuwanderer mit archaischen Abwehrreaktionen,“ so die Erklärung von Eibl-Eibesfeldt zu Überfremdungsängsten in der Bevölkerung (vgl. Eibl-Eibesfeldt 1994: 21). Er lehnt Einwanderung grundsätzlich nicht ab, verlangt aber eine Assimilation der Einwanderer.

Ein anderes Argument der Gegner besteht darin, dass eine multikulturelle Gesellschaft wohl oder übel im Chaos versinken werde, da zwischen den Kulturen unüberbrückbare Gegensätze bestehen, die Konflikte verursachen. Diese könnte man durch Dialog nie lösen. Ein grundlegendes Dokument, das den Anti-Multikulturalismus wiedergibt, stellt das „Heidelberger Manifest“ vom 17. Juni 1981 dar, das von Professoren verschiedener westdeutscher Universitäten verfasst wurde. In diesem wird der Prozess der Einwanderung als „Unterwanderung des deutschen Volkes durch Zuzug von Millionen von Ausländern und ihren Familien“ und als „Überfremdung unserer Sprache, unserer Kultur und unseres Volkstums“ gewertet; dementsprechend wird die „Integration großer Massen nichtdeutscher Ausländer“ als unvereinbar mit der „Erhaltung des deutschen Volkes und seiner geistigen Identität auf der Grundlage unseres christlich abendländischen Erbes“ angesehen und als Schritt „zu den bekannten ethnischen Katastrophen multikultureller Gesellschaft“ bezeichnet (vgl. Burgkart 1984: 150). Bestimmend für diese und ähnliche Sichtweisen des programmatischen und organisierten Anti-Multikuturalismus sind in der Regel die Annahme, dass

- „Volk“, „Kultur“ und „Identität“ homogene Gebilde sind,
- Zwischen dem „eigenen“ Volk und seiner Kultur einerseits und „Fremden“ Völkern und Kulturen andererseits grundlegende Gegensätze bestehen,
- Eine Ausgrenzung des Heterogenen erforderlich ist, wenn der soziale Friede, die eigene Identität und die gesellschaftliche Integration gesichert werden sollen, und
- Die Völker bzw. Kulturen ungleichwertig sind wobei das jeweils Eigene als das Höherwertige, das jeweils Fremde als das jeweils Minderwertige gilt.

Wie Schulte darstellt, fordern viele Gegner des Multikulturalismus aus dem „rechten“ politischen Spektrum allgemein nicht eine Gleichberechtigung der Einwanderer, sondern eine Verringerung ihrer Rechte und den Zwang zur Assimilation an die „deutschen Tugenden“ als die Bedingung für den Aufenthalt in Deutschland (vgl. Schulte 1990: 10). In diesem Zusammenhang ist die vor einem Jahr in den Medien besonders heftig geführte Diskussion um die „deutsche Leitkultur“ erwähnenswert.

Wie schon bemerkt, gibt es Gegner des Multikulturalismus auch im „linken“ Spektrum. Es handelt sich hierbei hauptsächlich um einen Standpunkt, der Multikulturalismus als „Ideologie“ kritisiert. Sein Hauptvertreter ist Franz-Olaf Radtke.

Radtke behauptet, dass der Multikulturalismus die strukturelle Ungleichheit zwischen Deutschen und Einwanderern nicht abschafft, sondern verschleiert. Der Multikulturalismus sei nichts weiter als Sozialromantik zur Pflege der Psychohygiene seiner Befürworter und fördere die Ethnisierung sozialer Gesellschaftskonflikte und ein Aufleben von Nationalismus und Fundamentalismus. Statt Multikulturalismus komme es vor allem auf die Gleichstellung der Einwanderer an (vgl. Radtke 1990, 1991: 27ff).

„Zuwanderung von ‚Fremden‘ und ihr dauerhafter Aufenthalt setzt voraus, dass ihnen Rechtsgleichheit zugestanden wird, die sie befähigt, in der öffentlichen Sphäre als gleiche aufzutreten, deren Ansprüche und Interessen gleich gültig sind. So lange Zugewanderte und Flüchtlinge in dieser Gesellschaft in einem Status minderen Rechts leben müssen, sind sie diskriminier bar und werden überall dort diskriminiert, wo es in der Konkurrenz um Vorteile möglich ist. Erst die Gleich – Gültigkeit des Lebensrechts aller Mitglieder der Gesellschaft macht es möglich, bestimmten Differenzen gegenüber gleichgültig zu sein.“ (Radtke 1991: 94)

Radtke entwickelte, nicht ohne kritische Ironie, vier Konzepte des Multikulturalismus, die im Folgenden kurz vorgestellt werden:

1. Ein „programmatisch-pädagogischer Multikulturalismus “ nimmt Ideen der interkulturellen Erziehung auf und bemüht sich um gegenseitige Respektierung, um die Anerkennung der Gleichwertigkeit zwischen einheimischer „Mehrheitskultur“ und der „Herkunftskultur“ der Zugewanderten mit dem Ziel, „das tolerante Nebeneinander von Lebensformen nach dem Pluralismusmodell zu organisieren.“

Die strukturellen Gegebenheiten und materiellen Konflikte werden laut Radtke unterschätzt, es besteht die Tendenz „der Pädagogisierung von sozialen Problemen“, die immer dann einsetzen, „wenn andere gesellschaftliche Instanzen ein neu entstehendes Problem nicht bearbeiten können oder wollen.“

2.Als „kulinarisch-zynischer Multikulturalismus“ erscheint jenes „Mittelschichtprojekt“ junger Dienstleister du Modernisierungsgewinner, welche die „Cross-Culture“ als Zukunftskonzept für das nächste Jahrtausend feiern und die sozialen Probleme multikultureller Gesellschaften als „Preis der Freiheit“ akzeptieren.
3. Ein „demographisch-instrumenteller Multikulturalismus“ will die Einwanderung zur Entlastung des Arbeitsmarktes zulassen und die Immigranten zugleich als Beitragszahler „benutzen“, welche außerdem die demographisch bedingten „Vergreisung“ verhindern und die Finanzierung des Systems der sozialen Sicherung gewährleisten sollen. Multikulturalismus funktioniert hier als eine Art Legitimationsstrategie zur besänftigenden Einstimmung der Bevölkerung.
4. Als ein „reaktiv-fundamentalistischer Multikulturalismus“ schließlich wird die Selbstabgrenzung von Minderheiten gegen eine als „feindlich und abweisend erlebte Mehrheitsgesellschaft“ umschrieben. Mögliche Ergebnisse des Rückzugs in die Selbstorganisation sind „Subgesellschaften (Ghettos) und eigenständige Machtpotentiale (Clans).“ Solche Tendenzen zur Selbst- bzw. Re-Ethnisierung, stützen ihrerseits Vorurteile nationalkonservativer Strömungen. Sie forcieren damit deren Selbstabgrenzung gegenüber

Angeblich nicht integrierbar oder sogar nicht integrationsbereiten Minderheiten. Ergebnis kann ein integrationsfeindlicher Prozess von wechselseitiger Ausgrenzung sein (vgl. Radtke 1990: 10).

Radtke sieht in den öffentlich geführten Multikulturalismusdebatten eine Strategie der „Ethnisierung der Migranten“ und eine „Selbstethnisierung sozialer Gruppen“ vor allem mit dem Ziel, gesellschaftliche Konflikte als ethnisch verursachte Probleme zu interpretieren:

„Nationalismus und Fundamentalismus gedeihen auf dem Boden einer als ‚multikulturell‘ wahrgenommenen Gesellschaft so prächtig, weil diese Konstruktion der Gesellschaft die Kategorien ‚Nation‘, ‚Volk‘ und ‚Gemeinschaft‘ als sozial Deutungsmuster aktualisiert. (…) Der Multikulturalismus stellt die Konzeption zu Verfügung, mit denen Grenzlinien gezogen und Konflikte aufgebaut werden, deren Lösung zu sein er vorgibt.“ (Radtke 1990: 30).

2.3.2 Befürworter

Bei den Befürwortern des Multikulturalismus können allgemein zwei Argumentationsrichtungen unterschieden werden:

Die erste Richtung kann als die an den universalen Menschenrechten orientierte bezeichnet werden, die von Befürwortern unterschiedlicher Herkunft vertreten wird. Ihre Anhänger sind von der grünalternativen Partei über Kirchen und Gewerkschaften bis zu verschiedenen Initiativgruppen faktisch in allen gesellschaftlichen Gruppen zu finden (vgl. Schulte 1990: 6). Sie gehen in ihren Argumenten nicht von einem homogenen deutschen Staatsvolk aus, vielmehr wird der Multikulturalismus als die Norm in modernen Gesellschaften angesehen – gleichzeitig stellt er aber ein Programm dar, nach dem ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel vollzogen werden soll, der insbesondere nationalistische und rassistische Ausgrenzungen von Menschen ausschließt. Eine Abkehr vom völkisch-nationalen Staatsverständnis ist das Ziel.

Die Tatsache, dass Deutschland in den letzten Jahrzehnten verstärkt Einflüssen von fremden Kulturkreisen ausgesetzt war, wird nicht als Gefahr für die deutsche Kultur verstanden, sondern als Bereicherung. Der Multikulturalismus wird als ‚Chance‘ begriffen, als überzeugendes Konzept, um der anwachsenden Fremdenfeindlichkeit in Deutschland zu begegnen und das gegenwärtige und zukünftige gesellschaftliche, politische und kulturelle Zusammenleben von Einheimischen und Einwanderungsminderheiten zu regeln.

Einer der bedeutendsten Befürworter des Multikulturalismus ist, wie am Anfang dieses Kapitels erwähnt, Jürgen Miksch.

„Mit dem Begriff der multikulturellen Gesellschaft wird nicht irgendeine Harmonie umschrieben, vielmehr lenkt er die Aufmerksamkeit auf die Konflikte in der Gesllschaft. Wer mit diesem Begriff arbeitet träumt nicht mehr von einer „homogenen deutschen Nation“. Er orientiert sich an der Realität der kulturellen Vielfalt und sucht nach Zielvorstellungen, die ein gewaltfreies und friedliches Zusammenleben möglich machen.“ (Miksch 1994: 185).

In diesem Zusammenhang ist es erwähnenswert, dass Deutschland seit der Veröffentlichung des Berichtes der Zuwanderungskommission im Juli 2001 offiziell ein Einwanderungsland ist.

Die zweite Argumentationsrichtung kann als die s ozial- und wirtschaftspolitische Richtung bezeichnet werden, die wesentlich von den Arbeitgebern und konservativen Parteien vertreten wird. Sie begründet ihre Position mit sozial- und wirtschaftspolitischen Argumenten (vgl. Geißler 1990: 72-73). Angesichts der rückläufigen Bevölkerungsentwicklung und er steigenden Lebenserwartung der Menschen in Deutschland werden enorme Probleme bei der Finanzierung der Altersvorsorge gesehen. Damit der Wohlstand volkswirtschaftlich gesichert und die Kosten der Bevölkerungsalterung finanziert werden können, ist die geregelte Einwanderung von jungen qualifizierten Arbeitskräften eine Notwendigkeit.

Caroline Robertson-Wensauer bezeichnet diese Richtung der Argumentation als „pragmatisch strukturiert“. Diese Argumentationsweise würde die Ausländerpolitik instrumentalisieren, um bereits vorhandene oder zu erwartende gesamtgesellschaftliche Defizite zu kompensieren (vgl. Robertson-Wensauer 2000: 22).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Befürworter des Multikulturalismus der Panikmache vor Überfremdung und der Forderung nach Anpassungsintegration (Assimilation) entgegensetzen wollen. Lutz meint dazu: „Multikulturalismus kann als ein Programm zur Gesellschaftsveränderung bezeichnet werden, das sich dem Ideal sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit verpflichtete – ähnlich den vielen Vorläufern, sie sich in den 60ger und 70ger Jahren der Abschaffung sozialer Ungleichheiten (Arbeiterkinder, soziale Randgruppen, Jugendliche etc.) widmeten.“ (Lutz 1995: 33).

Die Gleichberechtigung der Einwanderer ist laut Schulte der entscheidende Schritt. Hätten Einwanderer erst die Möglichkeit, politisch ihre Interessen zu vertreten, könnte auch der Assimilation zum Teil vorgebeugt werden. Schulte formuliert dieses Konzept der Grundvoraussetzung rechtlicher Gleichstellung der Einwanderer als „kritisch-emanzipatorischen Multikulturalismus“ (vgl. Schulte 1990: 14). Untermauern kann man diese Grundvoraussetzung mit dem Verweis auf das Grundgesetz Artikel 3, Absatz 3, wo es heißt:

„Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ (Beck’sche Textausgaben 1991: 24)

3. Empirischer Forschungsansatz und Untersuchungsziel

3.1 Methodischer Ansatz: Das offene Experteninterview

In der sozialwissenschaftlichen Forschung werden vor allem zwei unterschiedliche Wege der Annäherung an den Untersuchungsgegenstand beschritten: Mittels quantitativer Forschungsmethoden wird primär versucht, Untersuchungsgegenstände dadurch zu beschreiben, indem wissenschaftlich interessante Phänomene ‚gezählt‘ oder ‚gemessen‘ werden, also unter dem Gesichtspunkt der Vereinfachung, Reduktion oder Abstraktion zum Zweck der Quantifizierbarkeit der Ergebnisse und damit der größeren Verallgemeinerbarkeit betrachtet werden. Seit der „qualitativen Wende“ der 80er Jahre (vgl. Mayring 1993: 1) wurde quantitatives Denken vermehrt kritisiert.

Qualitative Sozialforschung setzt sich zum Ziel, soziale Wirklichkeiten und ihre Auswirkungen auf den Menschen zu erklären, Verhältnisse und Beziehungen zwischen Einzelnen unter variierten Bedingungen zu prüfen und die psychische und soziale Welt der Individuen und Gruppen zu untersuchen. Qualitative Verfahren stellen den einzelnen Menschen in seinem konkreten Kontext und seiner Individualität ins Zentrum der Analyse (vgl. Lamnek 1993: 17 ff.) oder wie Girtler es formuliert: „Im Gegensatz zu dem konventionellen Vorgehen in der Soziologie, bei dem zuerst Hypothesen aufgestellt und diese ‚getestet‘ werden, wird bei der qualitativen Sozialforschung von der empirischen sozialen Wirklichkeit ausgegangen. Diese gefundene Wirklichkeit wird schließlich interpretiert, theoretisch eingeordnet und entsprechend dargestellt.“ (Girtler 1988: 149).

Dafür stehen mehrere qualitative Instrumente zur Vwerfügung, unter anderem die qualitative Befragung und die teilnehmende Beobachtung.

In den Sozialwissenschaften werden verschiedene Formen der qualitativen Befragung angewendet, die sich insbesondere durch das Maß ihrer Strukturierung und Standardisierung unterscheiden. Die Methoden werden in der Fachliteratur nicht einheitlich definiert. Vielmehr werden oftmals für dieselbe Befragungstechnik unterschiedliche Bezeichnungen verwendet. Lamnek unterscheidet zwischen narrativen, fokussierten, rezeptiven, Tiefen- und Intensiv-interviews (vgl. Lamnek 1993: 68). Flick (1995: 94 ff.) rechnet alle Formen der mündlichen Befragung, die mit nicht-standardisierten Fragen und einem geringen Maß an Strukturierung der Fragenanordnung vorgehen zur Gruppe der Leitfadeninterviews.

Da es in dieser Arbeit hauptsächlich darum geht, Informationen über die Struktur, Entwicklung und Organisation der türkischen Partyszene zu erlangen, war es wichtig die Funktionsträger dieser ‚Szene‘ als ‚Szeneninsider‘ bzw. als Experten zu befragen. Daher wurde als Form der qualitativen Befragung das offene, leitfadenorientierte Experteninterview gewählt:

Denn „im Unterschied zu anderen Formen des offenen Interviews bildet bei Experteninterviews nicht die Gesamtperson den Gegenstand der Analyse, d.h. die Person mit ihren Orientierungen und Einstelllungen im Kontext des individuellen oder kollektiven Lebenszusammenhangs. (…) Von Interesse sind Experten als Funktionsträger innerhalb eines organisatorischen oder institutionellen Kontextes. Die damit verknüpften Zuständigkeiten, Aufgaben, Tätigkeiten und die aus diesen gewonnenen exklusiven Erfahrungen und Wissensbestände sind die Gegenstände des Experteninterviews.“ (Meuser und Nagel 1991: 442).

Meuser und Nagel setzen sich mit Experteninterviews als spezieller Anwendungsform von Leitfadeninterviews auseinander. Da der ‚Experte‘ nicht als Einzelperson, sondern als Repräsentant einer Gruppe in die Untersuchung einbezogen wird, schränkt dies die Bandbreite an potentiellen relevanten Informationen, die der Befragte liefern soll, deutlicher ein, als bei anderen Interviews. Hier kommt dem Leitfaden eine starke Steuerungsfunktion zu. Charakteristisch für Leitfadeninterviews sind offene Fragen, die dem Befragten die Möglichkeit geben sollen, möglichst frei und viel über ‚sein‘ Thema zu erzählen.

„Die in die Entwicklung eines Leitfadens eingehende Arbeit schließt aus, dass sich der Forscher als inkompetenter Gesprächspartner darstellt. (…) Die Orientierung an einem Leitfaden schließt auch aus, dass das Gespräch sich in Themen verliert, die nichts zur Sache tun, und erlaubt zugleich dem Experten, seine Sache und Sicht der Dinge zu extemporieren.“ (Meuser und Nagel 1991: 448).

Bei standardisierten Interviews, in denen der Interviewer eher die Rolle eines Ausfragers annimmt, ist die Kommunikation extrem unnatürlich. Der Interviewte fühlt sich unterlegen und ist um eine positive Selbstdarstellung bemüht. Dieses Problem kann im offenen Experteninterview ausgeglichen werden, da der ‚Experte‘ in ungezwungener Atmosphäre frei über sein Thema sprechen kann und auf Stimuli in narrativer Form antwortet. Dadurch soll ein Gesprächsklima geschaffen werden, das dem einer natürlichen Gesprächssituation ähnelt. Girtler fordert zur Herstellung einer „echten Kommunikationssituation“, dass sich der Interviewer mit einbringt.

„Der Interviewte darf sich (…) nicht in einer Position des Unterlegenen, sondern eher in der des Partners oder des Experten sehen“, postuliert er weiter. Er vertritt auch die Einstellung, dass erst durch „persönliche Meinungsäußerungen (…) das Interview aufgelockert wird und aus einem einseitigen Prozess, bei dem der zu Interviewende von sich aus, ähnlich wie bei einem Psychiater, alles mögliche erzählt, eine echte kommunikative Situation wird, in der auch der Interviewte sich selbst gerne engagiert“ (Girtler 1988: 162).

Viel verbreitet in der qualitativen Forschung ist ebenfalls die teilnehmende Beobachtung . Die „teilnehmende unstrukturierte Beobachtung“ in Verbindung mit dem offenen „freien Interview“ bietet laut Girtler die Möglichkeit, Werte, Normen und Symbole von Subkulturen adäquat zu untersuchen. Diese Methode versucht ohne Bindung an feste Forschungsleitlinien einen direkten Kontakt und flexible Kommunikation mit der zu beschreibenden Lebenswelt herzustellen. Auf diese Weise gelingt eine zumindest annähernde Übernahme der Interpretationen bzw. der Bedeutungszuschreibungen, wie sie die Mitglieder einer bestimmten Subkultur vornehmen (vgl. Girtler 1988: 19 ff.). Die wesentlichen Kennzeichen der teilnehmenden Beobachtung sind daher das Eintauchen des Forschers in das untersuchte Feld und seine Beobachtungen aus der Perspektive des Teilnehmers. Für diese Arbeit wurden insgesamt sieben offene, leitfadenorientierte Experteninterviews durchgeführt, die anhand einer teilnehmenden Beobachtung des Forschungsfeldes ergänzt wurde.

3.2 Forschungsrelevante Fragestellungen und Untersuchungsziel

Nachfolgend werden Untersuchungsziel und forschungsleitende Fragestellungen aufgezeigt und beschrieben. Ausgangspunkt ist es, Informationen über die Struktur und organisatorischen Zusammenhänge der türkischen Partyszene zu gewinnen, um Verhaltensnormen und Regelmäßigkeiten herauszufinden und aufzuzeigen. Ferner sollen kulturelle Zusammenhänge ergründet und analysiert werden.

Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen daher die Funktionsträger, in diesem Fall die Veranstalter und DJs, der türkischen Partyszene. Um das Untersuchungsziel empirisch überprüfbar zu machen, wurden forschungsleitende Fragen entwickelt. Zunächst wurden drei Hauptfragenfelder erarbeitet und aus diesen dann die für das Fragenfeld relevanten Fragen, wie auch Tabelle 1 sichtbar, abgeleitet. Die Fragen sind in thematischer Reihenfolge angeordnet.

Tabelle 1: Forschungsrelevante Fragestellungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Akkulturation ist ein allmählicher Prozess der Einführung der Einwandererminderheiten in die Kultur der dominanten Mehrheit des Aufnahmelandes. In diesem Prozess werden die Angehörigen der Minderheiten von den Wertvorstellungen und Verhaltensnormen ihrer Herkunftskultur in die allg. Wertvorstellungen und Symbolsysteme der Mehrheitskultur hinübergeleitet. Die Akkulturationsergebnisse, die der Akkulturationsprozess hervorbringt sind Assimilation, Integration, Segregation und Marginalisierung (vgl. Han 2000: 200ff) Auf diese wird in den folgenden Kapiteln näher eingegangen.

Ende der Leseprobe aus 143 Seiten

Details

Titel
Die türkische Partyszene in Nordrhein-Westfalen. Struktur und Entwicklung
Untertitel
Eine qualitative exploratorische Studie
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
143
Katalognummer
V517355
ISBN (eBook)
9783346113252
ISBN (Buch)
9783346113269
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Multikulturalismus, Migrationsforschung, Migration, Ausgrenzung, türkische Migranten
Arbeit zitieren
Emine Barinkaya (Autor), 2002, Die türkische Partyszene in Nordrhein-Westfalen. Struktur und Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/517355

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