Unfaires Bildungssystem. Wie in Schulen Chancenungleichheit reproduziert wird


Hausarbeit, 2019

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung / Fragestellung

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Wie Chancenungleichheit entsteht
1.1 Reproduktion von Chancenungleichheit

2 Habitus-Formung und -Transformation nach Bourdieu
2.1 Probleme und Grenzen der Habitus-Formung und Transformation

5 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung / Fragestellung

Faire Bedingungen für jeden Schüler innerhalb eines Bildungssystems gelten für die meisten Eltern vermutlich als Grundvoraussetzung, wenn es darum geht das eigene Kind in seine Schullaufbahn zu entlassen. Was dabei jedoch oft unbeachtet bleibt, ist, dass Schulen einer Gesellschaft, in der soziale Ungleichheit herrscht, ebenfalls nur Chancenungleichheit praktizieren können. Sie bilden den Nachwuchs für eine Gesellschaft aus, die auf Hierarchien aufgebaut ist. Weitestgehend sollen diese Hierarchien auch in Zukunft aufrecht erhalten bleiben, was zwangsläufig eine Benachteiligung der hierarchisch untergeordneten Gesellschaftsklassen zur Folge hat.

Der französische Soziologe und Sozialphilosoph, Pierre Bourdieu, untersuchte dieses Phänomen extensiv, indem er nicht nur die Gesellschaft aus soziologischer Sicht betrachtet, sondern auch das Individuum - ohne es jedoch gänzlich zu objektivieren - zu einem Erkenntnisgegenstand seiner Untersuchung machte. Die Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Individuum lässt sich durch Strukturen erklären, die vor allem historisch bedingt sind und sich auf gewisse Weiße etabliert haben. Verwunderlich ist jedoch, warum diese Strukturen der Ungleichheit trotz sozialen Wandels, hin zur Abschaffung von Ungleichheiten und Diskriminierung, Bestand haben. Um dies nachvollziehen zu können, richtet Bourdieu sein Augenmerk nicht nur auf die Strukturen der sozialen Ungleichheit an sich, sondern ebenso auf die Mechanismen ihrer Reproduktion. Die Mischform aus Struktur und Individuum lässt sich in Bourdieus Begriff des Habitus wiederfinden. So sind im Habitus Verhaltensweisen geregelt, ohne dass ihnen eine Befolgung von strikten Regeln zugrunde liegt. Da der strukturelle Einfluss eben nicht nur das Ergebnis von rationalen Regeln ist, sondern mit anderen Faktoren im Habitus zusammenkommt, stellt der Habitus auch eine Möglichkeit zur Befreiung des strukturellen Einflusses dar. Kern dieser Arbeit ist die Beleuchtung dieser Möglichkeit aus einem pädagogischen Blickwinkel in Hinblick auf die Bekämpfung von Chancenungleichheit im Bildungswesen und den damit zusammenhängenden strukturellen Einflüssen.

Abkurzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Wie Chancenungleichheit entsteht

Das Phänomen der Chancenungleichheit ist ein soziologisches Phänomen, dass sich hinter dem Schleier der Demokratie, sozialen Friedens und dem Verbot von Diskriminierung versteckt. So bekennt sich der Mensch innerhalb menschlicher Gesellschaften gerne für Gerechtigkeit, indem er offensichtliches Fehlverhalten, beispielsweise nach der Darwin’schen Evolutionstheorie „Survival of the Fittest“, ablehnt. Allerdings bedeutet der Verzicht auf Anerkennung solchen Verhaltens nicht automatisch die Ausmerzung von Chancenungleichheit. Die Wurzel der Chancenungleichheit liegt weiterhin in der Soziologie vergraben, wo soziale Schichten in einem hierarchisch aufgebauten Schichtungsmodell nach bildungsmäßigen, wirtschaftlichen und anderen sozialen Merkmalen gegliedert werden. Diese Merkmale – die Sozialstrukturen – bestimmen in gewisser Weise unsere Kultur. Also unsere Alltagspraktiken und unser Verhalten gegenüber anderen Menschen.

Auch die Schule ist in einen solchen Rahmen von Sozialstrukturen eingebettet, die nicht immer den Sozialstrukturen der Schüler – also der Kultur ihrer Elternhäuser – entsprechen. Dies kann sich bei den Schülern beispielsweise in Form von Verhaltensweisen oder auch schulischem Vorwissen wiederspiegeln. Schulforscher, wie Prof. Dr. Rolf-Torsten Kramer, sehen dies vor allem vor dem Hintergrund der Bewertungskriterien der Schule kritisch, wo frühzeitig erworbene kulturelle Gewohnheiten somit unterschiedlich honoriert oder zurückgewiesen werden1. Gesamtgesellschaftlich betrachtet, hat dies zur Folge, dass die hierarchisch weiter unten angesiedelten sozialen Schichten, das Wissen und Können der oberen Schichten gezwungener Maße anerkennen müssen, was es zudem auch legitimiert und das Wissen und Können der unteren Schichten zugleich entwertet2. Nach Bourdieu entscheidet also primär zunächst die soziale Position – also die Zugehörigkeit zur herrschenden oder beherrschten Klasse – und später der Lebenslauf darüber, welche spezifischen (berufsorientierten) Interessen ausgebaut werden3. Oder um es mit Bourdieus Worten zu formulieren:

“Die Dialektik von subjektiven Erwartungen und objektiven Chancen ist überall in der sozialen Welt wirksam, und meist sorgt sie tendenziell für eine Anpassung der Erwartungen an die Chancen.” 4

Wobei die Objektivität der Chancen hier für die Objektivität steht, die innerhalb einer Schicht als objektiv erscheinen mag. So bleibt die Anerkennung des Wissens und Könnens unterer Schichten durch die Intellektuellen nicht aus, weil die untere Schicht objektiv minderwertig ist, sondern weil die Vorstellung von Chancengleichheit in diesem Zusammenhang mit der Illusion der intellektuellen Selbstbestimmung kollidieren würde, die bei Intellektuellen sehr ausgeprägt ist5. Natürlich können die vermeintlich objektiven Kriterien durch die Praxis erworbener Bildung erlangt werden, die sich dann im Lebenslauf wiederspiegeln und gegebenenfalls einen Einstieg in ein neues Berufsfeld ermöglichen. Allerdings ist diese Bedingung an einen geistigen Bildungsprozess geknüpft, der auch zugleich einen Sozialisationsprozess darstellt und somit fundamental durch Bedingungen des Aufwachsens bestimmt ist. Durch diese Erkenntnis hält Bourdieu es schlichtweg für eine bürgerliche Illusion sein Subjekt stets selbst neuformen zu können, um damit die Verantwortung auf das Subjekt selbst zu schieben6.

1.1 Die Reproduktion von Chancenungleichheit

Da die in dieser Arbeit behandelte Chancenungleichheit allein auf den Säulen der Legitimierung von Klassenunterschieden beruht, liegt es nahe, dass die herrschenden Klassen kaum Bedarf an einer Umstürzung dieser Verhältnisse haben. Diese Strukturen der Chancenungleichheit und die damit legitimierten Privilegien des Bildungssystems werden somit stillschweigend reproduziert, indem die weniger privilegierten Schichten ihr soziales Schicksal und ihr Bildungsschicksal auf ihren Mangel an Fähigkeiten oder Verdienst zurückführen7. Dementsprechend dient die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Feld nicht nur der Definition des Bildungsniveaus, sondern auch der Herrschaft8. Aufgrund des langen Bestehens dieser Strukturen erkennen viele Akteure diese Sachlage als natürlich und notwendig an. Anstatt diese Bedingungen in Frage zu stellen, werden Akteure aus unteren Schichten tendenziell eher dazu motiviert sich durch Aneignung fremder Felder „hochzuarbeiten“, was durch die erschwerten Bedingungen jedoch eine eher nüchtern ausfallende Erfolgsquote bedeutet. Für Bourdieu ist diese Klassifikation der Gesellschaft ein genauso historisch kontingentes Produkt der bestehenden Machtverhältnisse, wie alle anderen Diskriminierungen – sei es nach Ethnie oder Geschlecht – auch9.

2 Habitus-Formung und -Transformation nach Bourdieu

Im folgenden Kapital dieser Arbeit soll nun beleuchtet werden, wie die Sozialisation, also die Aneignung von Verhaltensmustern, oder Formung des Habitus, nach Bourdieu stattfindet. Dabei ist es essentiell auch die prozesseinwirkenden Bedingungen zu betrachten, die diese Habitualisierung stark beeinflussen. Die Theorie der Habitustransformation hilft dabei zu verstehen welche Rolle die Schule bei dieser Formung einnimmt, wie viel Handlungsspielraum das Individuum tatsächlich besitzt und welche Lösungsansätze sich daraus ergeben könnten.

Die bereits erwähnten Felder, die für ein soziales Umfeld oder eine soziale Schicht, in dem gewisse Werte zählen, stehen, stellen den Ausgangspunkt des Habitus nach Bourdieu dar. Bourdieu vergleicht das Betreten eines Feldes gerne mit einem Spiel, indem verschiedene Kapitalsorten innerhalb verschiedener Felder unterschiedliche Werte haben und die Spieler – oder Akteure, wie er sie nennt – stets auf eine Maximierung von Kapitalsorten aus sind. Wenn wir also an das Phänomen der Chancenungleichheit in der Schule denken, so kann man sagen, dass dort unterschiedliches kulturelles Kapital in ungleiches schulisches Kapital umgewandelt werden soll10. Diese ökonomische Vorstellung von Kapitalmaximierung klingt zunächst sehr simpel. Beinahe als sei der Mensch wie eine Maschine programmiert. Der Schein täuscht jedoch. Denn nicht alles lässt sich bei Bourdieu theoretisch erklären. Einen weiteren großen Faktor macht die Ökonomie der Praxis oder Praxeologie in seinen Theorien aus. Diese stellt die Frage, wie die auf Kapitalmaximierung ausgerichteten Handlungen weiterhin ihre Eigentümlichkeit bewahren können, obwohl das Leitmotiv der Praxis wissenschaftlich aufgedeckt ist. Nach Bourdieu ist die Antwort darauf, dass die strategische Ökonomie nur dann funktioniert, wenn sie als solches von den Akteuren geleugnet wird11. Das bedeutet, dass alle Handlungen (vor allem die interessenlosen und zweckfreien) immer nur unbewusst und nicht bewusst zur Kapitalmaximierung im jeweiligen Feld beitragen können. Und genau das ist der Schlüssel zum praktischen Lernen, beziehungsweise der unbewusste Sozialisationsprozess, der auch Schüler immer mehr an das Feld der Schule anpassen lässt. Erkenntnisse über andere Felder lassen sich auch von außen erschließen, ohne sie im praktischen Sinne zu betreten. Dies ist dann die reine Theorie, was beispielsweise auch den Hauptbestandteil der Soziologie ausmacht12. Solche Erkenntnisse spiegeln sich in Wissen über ein bestimmtes Feld wieder. Doch in welcher Form spiegeln sich dann die Praktiken wieder? Bourdieu sagt hierzu:

“Um angemessene Praktiken zu erhalten, muss man also vor allem auf die inkorporierten Schemata des Habitus setzen.” 13

Der Habitus ist wohl Bourdieus wichtigster Begriff, wenn es um die Beleuchtung von Praxis oder Verhaltensmustern gehen soll. Wird dabei ein neues Verhaltensmuster im Habitus aufgenommen, beispielsweise aus einem bestimmten Feld, so geschieht dies über die Praktik an sich. Durch Einprägung eines Musters, durch mehrfache Wiederholung, bis die Handlung zur Gewohnheit wird und damit im Habitus verankert ist14. Da dieser Prozess kein bewusster ist, spricht Bourdieu in seiner Forschung auch kaum von einer bewussten Intention im Zusammenhang der Habitualisierung, sondern von einer Disposition, Schemata oder Relation, die auf den Habitus einwirkt15. Diese Dispositionen haben ihren Ursprung in der Beziehung der Akteure zu den Sozialstrukturen. So entspringen die Handlungsmuster im Habitus also nicht der freien Laune des Akteurs, sondern vor allem unserer Gesellschaft. Diese Erkenntnis löst den Gegensatz vom Individuum und Gesellschaft auf und macht jedes Individuum zu einem gesellschaftlichen Individuum16.

[...]


1 Helsper, Werner et al. 2014: 188.

2 Helsper, Werner et al. 2014: 189.

3 Bourdieu, Pierre & Loïc J. D. Wacquant. 1996: 149.

4 Bourdieu, Pierre & Loïc J. D. Wacquant. 1996: 164.

5 Bourdieu, Pierre & Loïc J. D. Wacquant. 1996: 166.

6 Erler, Ingolf et al. 2011: 14.

7 Helsper, Werner et al. 2014: 188.

8 Bourdieu, Pierre & Loïc J. D. Wacquant. 1996: 32/33.

9 Bourdieu, Pierre & Loïc J. D. Wacquant. 1996: 33.

10 Helsper, Werner et al. 2014: 188.

11 Rehbein, Boike. 2011: 85.

12 Bourdieu, Pierre & Loïc J. D. Wacquant. 1996: 256.

13 Bourdieu, Pierre & Loïc J. D. Wacquant. 1996: 164.

14 Rehbein, Boike. 2011: 87.

15 Rehbein, Boike. 2011: 87.

16 Rehbein, Boike. 2011: 87.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Unfaires Bildungssystem. Wie in Schulen Chancenungleichheit reproduziert wird
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Minor Bildungswissenschaften)
Veranstaltung
Pierre Bourdieu: Bildungswissenschaftlich gelesen
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V518360
ISBN (eBook)
9783346112453
ISBN (Buch)
9783346112460
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Chancenungleichheit, Pierre, Bourdieu, Schule, Reproduktion, reproduziert, unfair, Bildungssystem, deutschsprachig, Deutschland, Habitus, Transformation
Arbeit zitieren
Niklas Pernat (Autor), 2019, Unfaires Bildungssystem. Wie in Schulen Chancenungleichheit reproduziert wird, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/518360

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