Die Mediennutzung in der frühen Lesesozialisation. Das Potenzial von Vorlese-Apps


Hausarbeit, 2019
21 Seiten, Note: 2,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lesesozialisationsfaktoren
2.1 Definition Lesesozialisation
2.2 Einflussfaktoren auf die frühe Lesesozialisation
2.3 Lesesozialisation in der Familie

3. Lesekompetenz und Digitalisierung

4. Digitale Medien und deren Nutzung
4.1 Medienkompetenz
4.2 miniKIM-Studie 2014
4.3 Vorlesestudie der Stiftung Lesen 2012

5. Vorlese Apps
5.1 Bewertungsaspekte
5.2 Vorlese - Apps
5.2.1App: „Pixi trifft eine Elfe“
5.2.2 App: „Schlaf gut“

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit wird es um die Nutzung digitaler Medien in der frühen Lesesozialisation gehen. Die frühe Lesesozialisation umfasst die Zeitspanne von der Geburt bis ungefähr zum Einschulungsalter. Hier hat die Familie als Sozialisationsinstanz den größten Einfluss auf das Kind.

Seit der neunziger Jahre kommt verstärkt der Einflussfaktor digitale Medien hinzu. Bevor die Rolle der digitalen Medien in Bezug auf die frühe Lesesozialisation näher beleuchtet wird, sind drei Begrifflichkeiten zu klären, die die Analyse- und Diskussionsgrundlage bilden. Erstens die Rolle der Lesesozialisation, zweitens die Lesekompetenz und drittens die Medienkompetenz.

Die Lesesozialisation beinhaltet unterschiedliche Faktoren, Bedingungen und Maßnahmen, die eine bedeutsame Rolle spielen, um eine ausreichende Lesekompetenz zu erwerben. Die Lesekompetenz ist wiederrum entscheidend, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben1 und gewinnt im Zeitalter der Digitalisierung, in der sich eine neue digitale Nachrichtenkultur etabliert hat, besondere Bedeutung.2

Im Zuge der Auseinandersetzung mit der Lesekompetenz und der Lesesozialisation in Bezug auf die neuen Medien, fällt immer wieder der Begriff der Medienkompetenz.3 Diese ist für Eltern und Erzieher und darüber hinaus später für Lehrpersonen, die die Aufgabe haben dem Kind einen kompetenten Umgang mit Medien zu vermitteln, bedeutsam.

Das immer vielfältiger werdende Medienangebot, bietet auch digitale Unterstützungsmöglichkeiten in der Lesesozialisation des Kindes. Durch die Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten der frühkindlichen Lesesozialisation und der gegenwärtigen Mediennutzung soll anhand von Beispiel Vorlese - Apps das Potenzial dieser in der frühen Lesesozialisation analysiert und diskutiert werden.4

2. Lesesozialisationsfaktoren

2.1 Definition Lesesozialisation

Nach Rosebrock kann die Lesesozialisation wie folgt als „den dialektischen Verlauf der Herausbildung des Einzelnen in der Auseinandersetzung mit literarischen Medien und den Prozess seines Hineinwachsens in die Schrift bzw. die literarische Kultur “ definiert werden.5 Beispielhafter und konkreter definieren Eggert und Garbe Lesesozialisation als „den Prozess der Aneignung von und Auseinandersetzung mit Literatur in dem das Medium der Schrift nicht immer eine prominente Rolle spielen muss. Dazu gehören auch Erfahrungen mit Abzählversen, Reimspielen, Theateraufführungen, Vorlesesituationen usw.“6

Zur Lesesozialisation gehört also der Umgang mit Sprache. Zunächst durch die Familie als Sozialisationsinstanz, zum Beispiel durch das Singen oder Hören von Kinderliedern, dem Erzählen und Vorlesen von Kinderbüchern, dem Spielen mit Sprachspielen und dem gemeinsamen Lesen von Bilderbüchern.7

Die Definitionen von Rosebrock und Eggert/Gabe beschreiben, was unter Lesesozialisation im Allgemeinen zu verstehen ist. Im Folgenden wird darauf eingegangen welche Faktoren eine Rolle bei der Lesesozialisation spielen. Da diese die Grundlage bilden, um später den Einfluss der Neuen Medien in der Lesesozialisation zu analysieren.

Fest steht, es gibt nicht den „schlechten Leser“ oder den „guten Leser“, sondern unterschiedliche Faktoren beeinflussen das Kind positiv oder negativ in seiner Entwicklung zum kompetenten Leser.

2.2 Einflussfaktoren auf die frühe Lesesozialisation

Drei Hauptfaktoren, welche immer wieder in der Literatur genannt werden und einen maßgeblichen Einfluss auf die Lesesozialisation haben, sind: erstens die soziale Schicht, zweitens das Geschlecht und drittens die ethnische Herkunft. Als Sozialisationsinstanzen werden in der Literatur zuerst immer die Familie und die Schule genannt, wobei es im Weiteren nur um die Rolle der Familie geht, da sie in den ersten Lebensjahren die bedeutsamste Instanz ist.

Zunächst geht es um die Familie als Sozialisationsinstanz im Allgemeinen und im Folgenden um die Schichtspezifität bzw. die soziale Schicht, wie bereits erwähnt, der erste Faktor einer gelungenen Lesesozialisation.

In Bezug auf die Familie spielen vier Aspekte eine wesentliche Rolle. Dazu gehört, das vorgelebte Leseverhalten der Eltern, die als Lesevorbild für ihre Kinder fungieren, der Dialog über Lesen und Gelesenes, das Motivieren zum Lesen seitens der Eltern und das gemeinsame Aufsuchen von Bibliotheken und Buchhandlungen und die dazugehörige Auswahlhilfe. Darüber hinaus gibt es die sogenannten „Schriftereignisse“ nach Barton, die sich im Alltag wiederfinden und zu einer Leseförderung beitragen. Dazu gehören auch die Praktiken des Vorlesens vor dem Schlafengehen und des Erzählens von Geschichten. Barton versteht darunter ein immer wieder eintretendes Ereignis, welches von einer bestimmten Kommunikationsform geprägt ist. Diese Interaktionen zwischen Elternteil und Kind ist je nach Familie unterschiedlich bezüglich der Wichtigkeit und der Art und Weise wie über das Vorgelesene gesprochen wird.8 In diesem Zusammenhang findet sich in der Literatur immer wieder der Begriff der „Anschlusskommunikation“, auf den später noch genauer eingegangen wird.

Bettina Hurrelmann geht in dieselbe Richtung wie Barton und unterstreicht noch einmal die Wichtigkeit des sozialen Aspekts des Lesens, indem sie es als das „eigentliche Fundament der Leseentwicklung“9 bezeichnet. Wenn also in der Familie gemeinsame Lesesituationen stattfinden, ein gemeinsames Buchinteresse vorherrscht und Eltern auch Kinderbücher aus eigenem Interesse lesen, ist das die effektivste Förderung für das Kind. Zusammengefasst ist die soziale Interaktion in der Familie und der Umgang mit Medien ausschlaggebend für die Lesesozialisation.10 Der sozioökonomische Status einer Familie hat ebenfalls einen nicht zu vernachlässigen Einfluss auf die Lesesozialisation. Die bereits beschriebenen Interaktionen finden häufig mehr Anwendung in der Mittelschicht, auch aufgrund der häufig höheren Bildungsabschlüsse der Eltern, wie 2001 die Stiftung für Lesen herausfand.11

Der zweite Faktor, der eine Rolle in der Lesesozialisation spielt ist das Geschlecht. Hier zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede. Diese nannte Bettina Hurrelmann bereits 1993, aber auch der Jahresbericht der Stiftung Lesen von 2011, bestätigt, dass es weiterhin geschlechtsspezifische Unterschiede gibt, da immer noch vorwiegend Mütter ihren Kindern vorlesen.12 Ein Grund warum Mädchen in jedem Alter mehr Leseinteresse aufweisen als Jungen, scheint das mütterliche Rollenvorbild zu sein. Ein weiterer ungünstiger Faktor besteht darin, dass die Mehrheit des Lehrpersonals an Grundschulen weiblich ist, sodass auch hier keine oder kaum männliche Rollenvorbilder zu finden sind.13 Die Stiftung Lesen kommt zu dem Schluss, dass nicht einmal jeder zehnte Vater seinem Kind regelmäßig vorliest.14

Der dritte Faktor „ethnische Herkunft“ stellt eine besondere Herausforderung für die erfolgreiche Lesesozialisation dar. Kinder mit Migrationshintergrund wachsen mindestens zweisprachig auf und verfügen deshalb meistens über andere Lese- und Texterfahrungen als deutschsprachige Kinder in ihrem Alter. Dies kann zu Problematiken führen, wenn Kinder in die Schule kommen, da sie alle mit unterschiedlichen Konzepten des Umgangs mit gesprochener und geschriebener Sprache aufgewachsen sind. Zu einer Verschärfung führt dies, wenn zu dem Migrationshintergrund ein niedriger sozioökonomischer Status hinzutritt. Dies begrenzt die Möglichkeiten einer erfolgreichen Lesesozialisation enorm, wenn selbst der Kauf eines Buches aus kulturellen, sprachlichen und/oder ökonomischen Gründen nicht möglich ist. Die daraus resultierende Bildungsbenachteiligung bestätigten auch PISA (2000) und IGLU (2004). Hier wird deutlich, dass der sozioökonomische Status des Kindes und seine Schulleistungen in einem engen Zusammenhang stehen.15

2.3 Lesesozialisation in der Familie

Das Mehrebenenmodell familiärer Lesesozialisation nach Hurrelmann (2006) greift die zuvor genannten Aspekte auf, fasst diese übersichtlich zusammen und bezieht den Medienaspekt mit ein. Das Modell besteht aus drei Ebenen, die Makro-, Meso- und Mikroebene. Die Makroebene, die „höchste“ Ebene stellt die gesellschaftliche Kultur mit ihrer Sozialstruktur und Mediensystem da. Darunter gestellt ist die Mesoebene, sie repräsentiert die Familienkultur, zu der Positionen, Aufgaben, Erziehungsnormen und Medienorientierungen innerhalb der Familie gehören. Die unterste Ebene, die Mikroebene, sozusagen die „Ebene des Kindes“, bildet die Ebene der persönlichen Lesekultur, worunter die lesesozialistische Interaktion zwischen Eltern und Kind auf der Basis von Medienangeboten zu verstehen ist. Die Gesellschaft wirkt demnach auf die Familie ein, indem die Eltern in eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Vorgaben und ihren eigenen Erziehungsnormen, Medienorientierungen und Handlungscharakteren gehen. Die Interaktion in der Familie und die Medienorientierung ist aus Sicht des Kindes seine Makroebene an der er sich orientiert und daraus seine individuelle Lesekultur entwickelt. Durch die jeweilige individuelle Rekonstruktion der darüberliegenden Ebene gibt es einen Veränderungsspielraum. Wird dieser allerdings nicht genutzt, was nach Garbe in unteren Bildungsschichten oft der Fall ist, besteht die Gefahr der „Reproduktion elterlicher Verhaltensweisen“16 und Texte werden als endgültig wahrgenommen. Das wiederum verhindert eine aktive Auseinandersetzung mit Texten. Die Wichtigkeit des Textes und auch die damit verbundene emotionale Komponente werden nicht erkannt. Es entsteht Desinteresse, da keine ausreichende Anschlusskommunikation gewährleistet ist.17

3. Lesekompetenz und Digitalisierung

Die Lesekompetenz ist nach PISA (2006), eine umfassende Kompetenz an der Schriftkultur aktiv teilzuhaben und mit allen Arten von Texten, aber auch Grafiken usw. umgehen zu können.18 Die Lesekompetenz ist eine „Schlüsselkompetenz für das Leben in unserer Gesellschaft [...], diese beinhaltet aber nicht nur das kompetente Lesen von Texten, sondern auch die Text-Bild-Interpretation.“19 Die Digitalisierung schafft weitere Medienangebote und Mittel der Kommunikation wie das Internet, E-Mails, SMS oder auch Apps. Die Lesekompetenz hat hier eine zentrale Bedeutung, d. h. wer gut lesen kann, kann generell kompetenter mit anderen Medien umgehen, sie wird „Basistechnik zur Mediennutzung“.20

[...]


1 Günter Lange/Swantje Weinhold (Hg.): Grundlagen der Deutschdidaktik. Sprachdidaktik - Mediendidaktik - Literaturdidaktik. Baltmannsweiler 2006.

2 Bettina Muratovic: Vorlesen digital. Interaktionsstrukturierung beim Vorlesen gedruckter und digitaler Bilderbücher. Berlin 2014.

3 Norbert Groeben/Bettina Hurrelmann (Hg.): Lesesozialisation in der Mediengesellschaft. Ein Forschungsüberblick. Weinheim: 2004.

4 Simone C. Ehmig/Carolin Seelmann: Das Potenzial digitaler Medien in der frühkindlichen Lesesozialisation. In: Frühe Bildung 3 (2014), S. 196-202.

5 Günter Lange/Swantje Weinhold (Hg.): Grundlagen der Deutschdidaktik. Sprachdidaktik - Mediendidaktik - Literaturdidaktik. Baltmannsweiler 2006.

6 Christine Garbe/Karl Holle/Tatjana Jesch: Texte lesen. Lesekompetenz - Textverstehen - Lesedidaktik - Lesesozialisation. Paderborn 2010.

7 Vgl. Garbe/Holle/Jesch: Texte lesen. Lesekompetenz - Textverstehen - Lesedidaktik - Lesesozialisation.

8 David Barton: „Eine soziokulturelle Sicht des Schriftgebrauchs“. In: Heiko Balhorn/Hans Brügelmann (Hg): Bedeutungen erfinden - im Kopf, mit Schrift und miteinander. Zur individuellen und sozialen Konstruktion von Wirklichkeiten. Konstanz 1993. S. 214-219.

9 Bettina Hurrelmann: Lese- und Mediengewohnheiten im Umbruch - Eine pädagogische Herausforderung. In: Beiträge Jugendliteratur und Medien 49 (1997). S. 215-221.

10 Bettina Hurrelmann: Lese- und Mediengewohnheiten im Umbruch - Eine pädagogische Herausforderung. In: Beiträge Jugendliteratur und Medien 49 (1997). S. 215-221.

11 Günter Lange/Swantje Weinhold (Hg.): Grundlagen der Deutschdidaktik. Sprachdidaktik - Mediendidaktik - Literaturdidaktik. Baltmannsweiler 2006.

12 Bettina Müller/Esther Dopheide: Jahresbericht Stiftung Lesen 2011. Kaiserslautern 2011. https://www.stiftunglesen.de/download.php?type=documentpdf&id=932 (01.05.2019).

13 Susanne Gölitzer: Lesesozialisation. In: Günter Lange und Swantje Weinhold (Hg.): Grundlagen der Deutschdidaktik. Sprachdidaktik - Mediendidaktik - Literaturdidaktik. Baltmannsweiler 2006. S. 202-223.

14 Bettina Müller/Esther Dopheide: Jahresbericht Stiftung Lesen 2011. Kaiserslautern 2011. https://www.stiftunglesen.de/download.php?type=documentpdf&id=932 (01.05.2019).

15 Susanne Gölitzer: Lesesozialisation. In: Günter Lange und Swantje Weinhold (Hg.): Grundlagen der Deutschdidaktik. Sprachdidaktik - Mediendidaktik - Literaturdidaktik. Baltmannsweiler 2006. S. 202-223.

16 Christine Garbe/Maik Philipp/Nele Ohlsen: Lesesozialisation. Ein Arbeitsbuch für Lehramtsstudierende. Paderborn 2009.

17 Christine Garbe/Karl Holle/Tatjana Jesch: Texte lesen. Lesekompetenz - Textverstehen - Lesedidaktik - Lesesozialisation. Paderborn 2010.

18 Cordula Artelt/Barbara Drechsel/Wilfried Bos/Tobias C. Stubbe: Lesekompetenz in PISA und PIRLS/IGLU. Ein Vergleich. In: Vertiefende Analysen zu PISA 2006 (2008).

19 Kaspar H. Spinner: Lesekompetenz ausbilden, Lesestandards erfüllen. In: Gudrun Schulz (Hg.): Lesen lernen in der Grundschule. Lesekompetenz und Leseverstehen: Förderung und Bücherwelten. Berlin 2010. S. 48-61.

20 Andrea Bertschi-Kaufmann/Tanja Graber (Hg.): Lesekompetenz - Leseleistung - Leseförderung. Grundlagen, Modelle und Materialien. Zug 2009.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Mediennutzung in der frühen Lesesozialisation. Das Potenzial von Vorlese-Apps
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
2,0
Jahr
2019
Seiten
21
Katalognummer
V518524
ISBN (eBook)
9783346108654
ISBN (Buch)
9783346108661
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mediennutzung, lesesozialisation, potenzial, vorlese-apps
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Die Mediennutzung in der frühen Lesesozialisation. Das Potenzial von Vorlese-Apps, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/518524

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Mediennutzung in der frühen Lesesozialisation. Das Potenzial von Vorlese-Apps


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden