Ziel der vorliegenden Arbeit ist es erstens die Konstruktion jüdischer Identitäten im Kontext der Taglit-Reise zu erforschen. Zweitens möchte ich die Vielfältigkeit, die Widersprüchlichkeit und den Konstruktionscharakter jüdischer Identitäten durch eine explorative Umfrage darüber was jüdisch ist beschreiben. Drittens möchte ich untersuchen, wie sich transnationale Orte bzw. Länder der Herkunft und des Seins auf die eigenen Identitäten auswirken. Eine implizierte Vorannahme ist, dass sich die Verbindung zu diesen Orten (bzw. Ländern) durch Familienangehörige und freundschaftliche Beziehungen zu Menschen im Land konstituiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungsstand
3. Zugang zum Feld
4. Methoden und Vorgehen
5. „Wie, du bist Deutsche?“ – Erste Peergroup-Erfahrungen
6. Ankunft in Israel: „You are going to run all ten days, so get used to it from now on!“
7. Von Eretz Israel zu Taglit Birthright
7.1 Die Grundidee von Taglit
8. Bin ich’s? Bist Du’s? Wer ist jüdisch? – Und wer nicht?
8.1 Daniel: „[...] ich bin von den Wurzeln her jüdisch“
8.2 Antonij: „[...] ein richtiger Jude ist der, der einen israelischen Pass hat [...]“
8.3 Anna: „Ich denke, heute kann man das schon anders sehen“
8.4 Lev: „`jüdisch´ ohne zu zögern [...] Ein starker Standpunkt“
8.5 Emilia: „Das ist halt die primäre Sozialisation, die man erfahren hat“
8.6 Tatjana: „Ich bin kein Gemeindemitglied, weil ich halachisch gesehen keine....“
8.7 Zusammenfassung
9. Identitätsstiftende Zugehörigkeiten zu Orten und Ländern
9.1 Lev: „Definitiv Deutschland!“
9.2 Tatjana: „Deutschland, vielen Dank, dass ich hier leben kann, [...] aber...“
9.3 Zusammenfassung
10. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion jüdischer Identitäten in der dritten Generation in Deutschland, insbesondere unter dem Einfluss des Bildungsprogramms „Taglit“. Ziel ist es, die Vielfältigkeit, Widersprüchlichkeit und den Konstruktionscharakter dieser Identitäten explorativ zu erforschen und aufzuzeigen, wie transnationale Bezüge sowie Herkunftsorte das Selbstverständnis der Teilnehmenden prägen.
- Konstruktion jüdischer Identität in der dritten Generation
- Einfluss der „Taglit“-Reisen auf das Selbstbild junger Juden
- Interaktion zwischen säkularer Sozialisation und jüdischen Traditionen
- Transnationale Bezüge zwischen Deutschland, Israel und dem Herkunftsland (ehemalige Sowjetunion)
- Wahrnehmung von Zugehörigkeit im Kontext von Migration und Geschichte
Auszug aus dem Buch
8. Bin ich’s? Bist Du’s? Wer ist jüdisch? – Und wer nicht?
Nicht mit allen TeilnehmerInnen gelang es mir, auf der zehntägigen Reise ein Gespräch zu führen, aber da wir einen Großteil der Reise im Reisebus verbrachten und ich bemüht war, mich stets neben jemand anderen zu setzen, habe ich ein paar Einblicke in die Lebenswelten meiner „jüdischen“ Mitreisenden bekommen. Diese teilweise sehr kurzen Gespräche habe ich entweder in mein Feldtagebuch notiert oder mit einem digitalen Aufnahmegerät aufgezeichnet. Meine Fragen an die Teilnehmenden bezogen sich darauf, wer oder was aus ihrer Perspektive jüdisch ist und welche Verbindung sie zum eigenen Jüdischsein haben. Ziel dieser Befragung war eher die Vielfältigkeit an möglichen Antworten kennen zu lernen als Allgemeingültigkeit zu produzieren, da es letztere nicht gibt.
8.1 Daniel: „Ich bin von den Wurzeln her jüdisch“
Daniel, 21 Jahre, aus Frankfurt a.M., den ich bereits im 3. Kapitel erwähnt hatte, befragte ich zu seinem Jüdischsein mit Aufnahmegerät: Ich bin von den Wurzeln her jüdisch. Ich gehöre nicht dem Judentum an und ich glaube auch nicht daran, also, ich bin nicht religiös. Ich bin Atheist, aber ich bin Jude von der Nationalität her, weil meine Vorfahren Juden waren. Ich feiere auch nicht die jüdischen Feiertage. Ich habe halt nichts damit am Hut außer, dass ich in eine jüdische Familie geboren wurde und somit auch jüdische Wurzeln habe. Sonja: Wer ist für dich jüdisch? D: Mir reicht es, jemanden als jüdisch zu bezeichnen, wenn die Person jüdische Wurzeln hat. Interessanter wäre die Frage, ob man die Leute, die zum Judentum konvertiert sind, als jüdisch bezeichnet. Ich würde sagen, ja, es wäre ja komisch zu sagen, dass man sie dann nicht als echte Juden sieht. Ich weiß ja auch nicht, woher meine Wurzeln kommen und wie das bei meinen Vorfahren war. Also, wenn Eltern und Großeltern sind jüdisch, aber weiter nach hinten weiß ich nicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die Ausgangslage jüdischen Lebens in Deutschland und stellt die Forschungsfrage nach dem Bedeutungswandel des Jüdischseins für die dritte Generation im Kontext der Taglit-Reisen.
2. Forschungsstand: Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über bestehende Studien zu jüdischen Identitäten in Deutschland und reflektiert die Problematik der Generationenzuordnung.
3. Zugang zum Feld: Die Autorin beschreibt ihre persönlichen Erfahrungen bei der Bewerbung und Teilnahme an der Taglit-Reise sowie die Vorbereitung auf die Feldforschung.
4. Methoden und Vorgehen: Es wird die Methodik der teilnehmenden Beobachtung und die Durchführung narrativer Interviews während der Reise sowie bei Nachbereitungstreffen erläutert.
5. „Wie, du bist Deutsche?“ – Erste Peergroup-Erfahrungen: Dieses Kapitel thematisiert die erste Begegnung der Teilnehmenden und die damit einhergehende Aushandlung von jüdischer Identität in einer heterogenen Gruppe.
6. Ankunft in Israel: „You are going to run all ten days, so get used to it from now on!“: Die Ankunft und die programmatischen Rahmenbedingungen der Reise werden hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Gruppe reflektiert.
7. Von Eretz Israel zu Taglit Birthright: Hier werden die ideellen Hintergründe des Programms und das Konzept der „Grundidee von Taglit“ kritisch beleuchtet.
8. Bin ich’s? Bist Du’s? Wer ist jüdisch? – Und wer nicht?: Anhand von Fallbeispielen und Interviewausschnitten wird die Vielschichtigkeit und Flexibilität in der Definition von Jüdischsein untersucht.
9. Identitätsstiftende Zugehörigkeiten zu Orten und Ländern: Die Autorin analysiert, wie die Teilnehmenden ihre Bezüge zu Deutschland, Israel und den Herkunftsländern wie der Ukraine oder Russland identitätsstiftend konstruieren.
10. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert über die Relevanz der Familiengeschichte und den Einfluss des Holocaust für die Identitätsfindung der dritten Generation.
Schlüsselwörter
Jüdische Identität, dritte Generation, Taglit, Birthright Israel, Migration, Sowjetunion, Antisemitismus, Holocaust, Identitätskonstruktion, Religion, Ethnizität, Diaspora, Transnationalismus, Selbstdefinition, Zugehörigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Identitätskonstruktion von jungen Menschen der sogenannten dritten Generation mit jüdischen Vorfahren in Deutschland und deren Erfahrungen während der Taglit-Bildungsreise nach Israel.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Aushandlung von jüdischer Identität, der Einfluss von Migration (insbesondere aus der ehemaligen Sowjetunion), die Bedeutung von Religion versus kultureller Zugehörigkeit und das Spannungsfeld zwischen der Identifikation mit Deutschland und Israel.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu erforschen, was „jüdisch sein“ für die dritte Generation in Deutschland heute bedeutet, wie diese Identität konstruiert wird und welche Rolle dabei die spezifische Erfahrung der Reise sowie transnationale Herkunftsbezüge spielen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer explorativen, ethnologischen Vorgehensweise, wobei die Methode der teilnehmenden Beobachtung in Kombination mit narrativen Interviews im Feld Anwendung findet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Reiseerfahrungen, die Auseinandersetzung mit Definitionsfragen des Jüdischseins durch verschiedene Interviewpartner sowie die Bedeutung von Herkunftsländern und Israel als imaginierten oder realen Zugehörigkeitsorten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Jüdische Identität, dritte Generation, Taglit-Programm, Migration, Kontingentflüchtlinge, Holocaust-Erbe und transnationale Zugehörigkeit.
Wie unterscheidet sich die Identitätswahrnehmung von Lev und Tatjana?
Lev positioniert sich deutlich zu Deutschland als seinem Lebensmittelpunkt, während Tatjana aufgrund ihrer Erfahrungen und ihrer familiären Prägung eine stärkere Distanz zur Identifikation mit der deutschen Gesellschaft wahrt, obwohl beide eine Verbindung zu Israel pflegen.
Welche Rolle spielt der Holocaust in der Identitätsfindung der Teilnehmenden?
Der Holocaust spielt bei der Identitätsfindung, insbesondere bei jungen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, oft eine untergeordnete oder indirekte Rolle, da viele Großeltern diesen nicht in Deutschland erlebt haben, er jedoch dennoch als prägender Hintergrund für die Migration der Eltern fungiert.
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- Sonja Knüppel (Author), 2012, Jung und Jüdisch?! Taglit und die dritte Generation mit jüdischen Vorfahren, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/519970