Das Elektorat der AfD im Spiegel sozialwissenschaftlicher Untersuchungen

In welchen (Des-)Integrationszonen nach Castel lässt sich das Elektorat der Afd verorten?


Bachelorarbeit, 2019

47 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Ausgangslage
1.2. Ziel der Arbeit

2. Grundlagen
2.1. Gesellschaftliche Transformationen im postmodernen Zeitalter
2.1.1. Sozio-ökonomische Dimension: Gewandelte Erwerbsarbeit
2.1.2. Sozio-kulturelle Dimension: Die Bedrohung der kulturellen Identität
2.1.3. Sozio-politische Dimension: Die „Krise politischer Repräsentation“
2.2. Der neue Rechtspopulismus
2.2.1. Die „Alternative für Deutschland“
2.2.2. Politisch-ideologische Einordnung der AfD
2.2.3. Wahlprogramm: Was sagt die AfD zur sozialen Frage?

3. Wissenschaftliche Debatte: Wer sind die Wähler*innen der AfD?

4. Analyse des AfD-Elektorats
4.1. Sozialstruktur und Einstellung
4.2. Weitere Forschungsergebnisse
4.3. Auswertung: Aus welchen (Des-)Integrationszonen der Arbeitsgesellschaft rekrutiert sich das Elektorat der AfD?

5. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Ausgangslage

Bei den jüngsten Wahlen in Bayern und Hessen im Oktober 2018 schaffte es die „Alterna- tive für Deutschland“ (AfD) mit 10,2% (Bayern) bzw. 13,1% (Hessen) in den Landtag einzuziehen. Somit ist sie nicht nur stärkste Oppositionspartei im Deutschen Bundestag, sondern auch in jedem Landtag der Bundesrepublik vertreten (Statista 2018). Dieser Trend lässt sich als bemerkenswert erachten, gründete sich die Partei erst im Jahr 2013 und scheiterte damals noch knapp an der 5%-Hürde.

Nicht verwunderlich scheint unter Berücksichtigung der derzeitigen politischen Situation, dass sich zunehmend auch die Soziologie dem „Phänomen AfD“ annimmt. In bekannten Fachzeitschriften (z.B. Zeitschrift für Soziologie, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie) sind in den letzten Jahren zunehmend Beiträge von Soziolog*innen zu finden, die sich mit der Frage auseinandersetzen, weshalb es ausgerechnet die AfD in den letzten Jahren geschafft hat, einen so erheblichen Teil der deutschen Bevölkerung zu mobilisieren, ihre Stimme für sie abzugeben. Ist es der Wandel der AfD von einer „Profes- soren- zur Prekariatspartei“, wie es die WELT (2016) in einem Artikel schreibt, oder aber besitzen Personen, die einen niedrigen Bildungs-, Einkommens- und Arbeitsstatus aufwei- sen, keine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit die AfD zu wählen, wie es Lengfeld im Juni 2017 zu belegen scheint (vgl. Lengfeld 2017)?

Zwischen all den Debatten sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass solche Phänomene – vor allem dann, wenn sie aus soziologischer Perspektive analysiert werden – stets im Kontext gesellschaftlichen Wandels zu betrachten sind. So befördert die Modernisierung, die sich maßgeblich durch eine expandierende Globalisierung definiert, in Deutschland seit den 1990er Jahren enorme Veränderungen in den ökonomischen Lebenschancen der Individuen, sowie eine ansteigende Verunsicherung in Bezug auf Erwerbskarrieren. Um auf dem globalen Markt konkurrenzfähig bleiben zu können, greifen Unternehmen ver- mehrt zu Flexibilisierungsmaßnahmen wie etwa Vertragsbefristungen, Rationalisierungen oder auf Leiharbeit zurück, um nur einige Veränderungen zu nennen (Brinkmann et al. 2006; Keller und Seifert 2007).

Parallel dazu findet ein Wandel der Kultur statt: Multikulturalismus, die gleichgeschlecht- liche Ehe und neue Lebensformen sind nur einige Themen, die zunehmend in den Vorder- grund gesellschaftlicher und politischer Diskussionen treten (vgl. Merkel 2016, S. 11 f.). Und auch von einer „Krise politischer Repräsentation“ (Hentges 2018, S. 101), die sich durch einen Vertrauensverlust in Politiker*innen und das politische System im Allgemei- nen charakterisiert und in besonderem Maße von Menschen aus unteren Schichten der Gesellschaft als solche empfunden wird, ist zunehmend im öffentlichen Diskurs zu hören (vgl. ebd., S. 104f.). So postulieren Brinkmann et al. schon 2006, dass eine flexibilisierte Arbeitswelt durchaus eine Rolle bei Übergängen zu Rechtspopulismus spielen kann, fällt sie mit einer „akuten Krise politischer Repräsentation“ (2006, S. 84) zusammen.

Diese, so ist anzunehmen, eingetretene „akute Krise“ (ebd.) soll als Auslöser für die Thematik dieser Arbeit betrachtet werden, mit der versucht wird zu klären, in welchem Maße sich die wachsende Zustimmung für die „Alternative für Deutschland“ aus zuneh- mender Prekarisierung der Erwerbsarbeit schöpft.

1.2. Ziel der Arbeit

Aufgrund der gegenwärtigen sozio-ökonomischen und politischen Situation stützt sich die theoretische Grundannahme dieser Arbeit auf die These von Klaus Dörre, nach der das „Empfinden sozialer Unsicherheit, welches sich im wesentlichen aus prekären Beschäfti- gungs- und Lebensverhältnissen speist [...] zu massiven gesellschaftlichen Desintegrati- onsprozessen führt“ (2006). Wird dieser Annahme gefolgt, besteht zwar keine direkte Kausalität zwischen prekären Arbeitslagen und Rechtspopulismus, ein komplexer „Wirk- zusammenhang von Veränderungen in der Erwerbsarbeit, sozialer Desintegration und möglichen Übergängen zu fremdenfeindlichen, rechtsextremen Orientierungen“ (Dörre 2009, S. 291) scheint jedoch zu existieren. Aus dieser Grundidee abgeleitet, soll für diese Arbeit die These gelten: Gesellschaftliche Desintegrationsprozesse, resultierend aus zunehmend prekären (Erwerbs-)Situationen, führen zu einer wachsenden Zustimmung für rechtspopulistische Parteien und im speziellen zur Wahl der „Alternative für Deutschland“. Um die Forschungsthese zu untersuchen, wird das Modell der (Des-)Integrationszonen nach Robert Castel (2008) herangezogen, welches neben dem objektiven Wandel der Erwerbsformen die subjektive Verarbeitung dieses Prekarisierungsprozesses fokussiert. Auf Basis dieses Modells gründet sich die Forschungsfrage: In welchen (Des- )Integrationszonen nach Castel lässt sich das Elektorat der „Alternative für Deutschland“ verorten?

Zur Bearbeitung der These und Forschungsfrage muss ein Blick auf die Veränderungen geworfen werden, denen die Menschen aufgrund der Modernisierung ausgesetzt sind, denn diese nehmen einen starken Einfluss auf deren Leben in ökonomischer, kultureller und politscher Sicht. Im Grundlagenteil sollen dazu die Veränderungen in der Erwerbsarbeit mit Hilfe der (Des-)Integrationszonen und der subjektiven Verarbeitung prekärer Erwerbs- arbeit erläutert werden. In einem nächsten Schritt wird auf die kulturellen und politischen Umbrüche eingegangen, die als weitere Ursache für die Hinwendung zum Rechtspopulis- mus sowie als Folgen der sozio-ökonomischen Veränderungen gedeutet werden können. Anschließend wird der „neue Rechtspopulismus“ betrachtet und im Zuge dessen die

„Alternative für Deutschland“ vorgestellt. Die Darstellung ausgewählter Parteiinhalte lässt es zu, die Positionierung der AfD deutlich zu machen und hilft dabei, an späterer Stelle mögliche Motivationen der Wähler*innen abzuleiten, aber auch um Kontroversen bezüg- lich des Wahlverhaltens aufzuzeigen.

An den Grundlagenteil schließt sich die Betrachtung der aktuellen wissenschaftlichen Debatte an. Hier wird auf eine Diskussion zwischen Forscher*innen zurückgegriffen, bei der unterschiedliche Erkenntnisse bezüglich der AfD-Wählerschaft herausgearbeitet wurden.

Um den Kern dieser Arbeit in den Fokus zu rücken, wird im letzten Teil die Wählerschaft der AfD anhand sozialstruktureller Daten sowie Forschungsergebnissen zu Meinungsbil- dern analysiert. Es folgt eine Zusammenfassung der Analyseergebnisse und die Verortung der Wählerschaft innerhalb der (Des-)Integrationszonen. Anschließend wird ein Vergleich zwischen den Stellungsnahmen der wissenschaftlichen Debatte und den Erkenntnissen dieser Arbeit angestellt. Die Arbeit wird mit einem Fazit sowie einem kurzen Ausblick schließen.

2. Grundlagen

Seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts finden „tiefgreifende gesellschaftliche Transformationen“ (Sommer 2010, S. 31) in den OECD-Mitgliedsstaaten statt. Im wesent- lichen kennzeichnet sich dieser Prozess durch eine Wandlung „von einfachen (traditionel- len) hin zu komplexen Gesellschaftsformen und -strukturen“ (Decker 2004, S. 195). Liberalisierte Märkte, die zunehmend über die Staatsgrenzen hinaus agieren, eine aus diesem Wandel resultierende Entstehung atypischer Beschäftigungsformen, die sich vom sogenannten Normalarbeitsverhältnis in Bezug auf Arbeitszeit, Sicherheit und Flexibilität unterscheiden (Sommer 2010, S. 31 f.) sowie eine „Rückbildung des Staates“ (Bourdieu 1998) in Bezug auf die Ausführung sozialer Aufgaben ist dabei zu verzeichnen. Wird ein Anstieg der Erwerbstätigenzahl im Zuge der Globalisierung beobachtet, vollzieht sich parallel dazu eine Abnahme sozialversicherungspflichtiger Tätigkeiten (vgl. Dörre 2009, S. 291; vgl. Sommer 2010, S. 49).

Seit 2015 ist darüber hinaus der Zuzug von Geflüchteten in Deutschland durchaus als postmodernes Phänomen zu betrachten. Mit Blick auf die Präsenz der „Flüchtlingskrise“ in der Politik und den Medien wird die erhöhte Relevanz dieses Themas besonders deutlich. Parallel zu diesen Umbrüchen wächst in den vergangenen Jahren die Zustimmung für rechtspopulistische Parteien in Europa. Wird beispielsweise ein Blick auf die Wahlerfolge der FPÖ in Österreich oder des Front National in Frankreich geworfen, so wird schnell deutlich, dass die Hinwendung zum Rechtspopulismus längst nicht mehr als marginales Problem zu deuten ist (vgl. Becker und Dörre 2018, S. 12).

Der Grundlagenteil dieser Arbeit dient dem Verständnis jener Transformationen. In den folgenden Unterkapiteln werden deshalb zuerst die gesellschaftlichen Wandlungen erläu- tert (Kapitel 2.1) und anschließend wird die rechtpopulistische Entwicklung thematisiert, wobei ein Fokus auf die „Alternative für Deutschland“ gelegt wird (Kapitel 2.2).

2.1. Gesellschaftliche Transformationen im postmodernen Zeitalter

Die geschilderte Entwicklung kann nicht als ein Gebilde verstanden werden, sondern lässt sich in verschiedene Dimensionen gliedern. In diesem Kapitel sollen drei Dimensionen vorgestellt werden: Die sozio-ökonomische, die sozio-kulturelle und die sozio-politische. Die Transformationen in diesen drei Bereichen können als Beweggründe für rechtspopulis- tische Einstellungen gedeutet werden und so ist deren Erläuterung für diese Arbeit und für die Beantwortung der Forschungsfrage besonders relevant. Es wird dazu eingangs ausführ- lich auf Prekarisierungsprozesse anhand Castels Modell der (Des-)Integration eingegangen (Kapitel 2.1.1). Daran schließt sich eine Betrachtung der kulturellen Veränderungen (Kapitel 2.1.2) sowie der politischen „Repräsentationskrise“ (Kapitel 2.1.3) an, wodurch eine Überleitung zum „neuen Rechtspopulismus“ (Kapitel 2.2) geschaffen wird.

2.1.1. Sozio-ökonomische Dimension: Gewandelte Erwerbsarbeit

Bereits 1995 betonte Castel in seinem Werk „Die Metamorphosen der sozialen Frage“: „Der unbefristete Vertrag ist in Begriff, seine Hegemonie einzubüßen“ (2008, S. 349). Er nennt dabei bereits ein zentrales Merkmal der „Erosion des Normalarbeitsverhältnisses“ (Brinkmann et al. 2006, S. 9), wodurch prekäre Erwerbsarbeit zunehmend in den Fokus rückt.

Definiert sich das Normalarbeitsverhältnis als „Vollzeittätigkeit, die außerhalb des eigenen Haushalts ohne zeitliche Befristung für einen Arbeitgeber in einer halbwegs gleichmäßig auf die Werktage verteilten Arbeitszeit geleistet wird“ (ebd., S. 16), unterscheidet sich eine atypische oder auch nicht-standardisierte Beschäftigung von dieser durch einen befristeten Arbeitsvertrag, ein Zeitarbeitsverhältnis, eine geringfügige Tätigkeit oder umfasst in Teilzeit bis zu 20 Wochenstunden (vgl. Bundeszentrale für Politische Bildung et al. 2018, S. 158). Obwohl die Zahl der Arbeitnehmer*innen in den letzten Jahren kontinuierlich ansteigt, ist dem Datenreport 2018 zu entnehmen, dass parallel zu jenem Anstieg eine Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse zu verzeichnen ist (ebd.)1. Zwar wird immer wieder darauf hingewiesen, dass auch atypische Formen der Beschäftigung gewisse Vorteile mit sich bringen, in den meisten Fällen beinhalten sie jedoch ein prekäres Potenzi- al, welches nachteilige Auswirkungen für die Arbeitnehmer*innen in sich birgt. Vor allem die gesteigerte Flexibilität, welche einen häufigen Bestandteil atypischer Beschäftigungen darstellt, steigert das Arbeitslosigkeitsrisiko, Unsicherheit sowie prekäre Arbeitsbedingun- gen (vgl. Castel 2008, S. 351).

Prekarität lässt sich demnach als eine Abweichung von gesellschaftlich akzeptierten Standards der westlichen Industriestaaten betrachten und ist somit eine Kategorie, die stets im gesellschaftlichen Kontext betrachtet werden muss. So befinden sich prekär Beschäftig- te aufgrund ihres Arbeitsverhältnisses unterhalb des anerkannten Schutz-, Einkommens-, und Integrationsniveaus (vgl. Dörre et al. 2006, S. 73 f.; vgl. Dörre 2009, S. 292).

Castels Zonen der (Des-)Integration

Wie Castel bereits 1995 vermutet, ist Prekarisierung kein Prozess, der lediglich an den Rändern der Gesellschaft stattfindet. Desintegration kann demnach als Folge des Wandels innerhalb der Erwerbsarbeit gesehen werden, der sich auch auf vormals gesicherte Arbeits- plätze auswirkt und große Teile der Bevölkerung betrifft:

„Unser augenblickliches Phänomen besteht also nicht ausschließlich in der Bildung einer ‚prekären Peripherie’, sondern auch in der ‚Destabilisierung des Stabilen’. Der Prekarisierungsprozeß [sic!] zieht sich durch manche früher sta- bilisierte Beschäftigungen hindurch, das ist die Wiederkunft der massenhaften Verwundbarkeit [...]. Diese Dynamik ist keineswegs ‚marginal’ [...] so ist [...] die Prekarisierung ein zentraler Prozeß [sic!], der von den neuartigen technolo- gisch-ökonomischen Erfordernissen der Entwicklung des modernen Kapitalis- mus in Gang gehalten wird“ (Castel 2008, S. 357).

In dem Moment, in dem das Normalarbeitsverhältnis Platz machen muss für atypische Beschäftigung, schwindet auch das Integrationspotential der Lohnarbeit.

Darüber hinaus kommt es vermehrt zu einem „Sich-Einrichten in der Prekarität“ (ebd.), ein Zustand, in dem sich unsichere Tätigkeiten mit Phasen der Arbeitslosigkeit abwechseln und der durch den Ausdruck des „ständigen Zeitarbeiters“ zutreffend bezeichnet wird (vgl. ebd.). Zu guter Letzt entsteht, laut Castel, ein „Platzmangel in der Sozialstruktur“ (ebd, S. 359), von dem manche Gruppen, wie beispielsweise die alternde Arbeiterschaft, junge Leute nach Abschluss der Ausbildung oder Langzeitarbeitslose betroffen sind. Diese Menschen sind demnach nicht zu integrieren und werden von der Erwerbsarbeit ausge- schlossen (vgl. ebd.).

Castel unterscheidet auf Basis dieser Erkenntnisse drei „Zonen“ der modernen Arbeitsge- sellschaft: Die „Zone der Integration“, die sich durch das beschriebene Normalarbeitsver- hältnis kennzeichnet, die „Zone der Prekarität“, in der sich all jene befinden, für die atypi- sche, unsichere Beschäftigung einen Dauerzustand darstellt und die „Zone der Entkopp- lung“, zu der Menschen zählen, die langfristig keiner regulären Erwerbsarbeit nachgehen (vgl. Brinkmann et al. 2006, S. 15 f.).

Der Prekarisierungsthese nach Dörre et al. (2006) schrumpft die „Zone der Integration“ jedoch seit Jahren und somit wird der Anteil all jener, die aufgrund ihrer Beschäftigung ökonomische und soziale Sicherheit genießen, immer kleiner. Auf der anderen Seite scheint die „Zone der Entkopplung“ zu wachsen. Dieses Phänomen lässt sich auf eine Desintegration zurückführen, die auch die „Zone der Integration“ betrifft, wodurch vor- mals integrierte Schichten zunehmend vom Absturz bedroht sind (vgl. ebd., S. 72 f.).

Subjektive Verarbeitung prekärer Beschäftigung

Diese expandierende Desintegration lässt sich vor allem mit der Betrachtung der subjekti- ven Verarbeitung der ökonomischen Situation begründen.

Als prekär lässt sich ein Arbeitsverhältnis nämlich auch dann bezeichnen, wenn es zusätz- lich zum atypischen Charakter „subjektiv mit Sinnverlusten, Anerkennungsdefiziten und Planungsunsicherheiten [...] verbunden ist“ (Brinkmann et al. 2006, S. 17). Diese Erfah- rungen speisen sich aus der sogenannten „Re-Kommodifizierung des Arbeitsvermögens“ (Dörre 2009, S. 292), aufgrund derer Lohnarbeit ihre integrationsstiftende Funktion zu- nehmend einbüßt und sich das Band, welches soziale Sicherheit und Lohnarbeit einst verknüpfte, zu lösen scheint (vgl. ebd.).

Dörre et al. haben anhand der Ergebnisse ihrer Studie fünf subjektive Verarbeitungsformen prekärer Beschäftigung formuliert, welche sich im Zuge der Befragung von Arbeiter*innen herauskristallisiert haben2 (vgl. Dörre et al. 2006).

Die „sinnhaft-subjektbezogene Dimension“ beschreibt die Wichtigkeit der Identifikation mit der auszuführenden Tätigkeit. So können einfache, monotone Tätigkeiten, sowie die Unsicherheit in Bezug auf die Dauer des Arbeitsverhältnisses den Beschäftigten zusetzen. Aufgrund einer fachlichen Qualifikation wird ein gewisser Anspruch an die Tätigkeit gestellt. Es sollen Würde, Stolz und das Selbstwertgefühl bewahrt werden und ein gewisses Maß an Sinnproduktion garantiert sein. Ein befristeter Leiharbeitsvertrag beispielsweise genügt diesen Ansprüchen nicht (vgl. Dörre 2005, S. 190 f.).

Die „sozialkommunikative Dimension“ beleuchtet die Schattenseiten der innerbetriebli- chen positiv anmutenden Integration von Leiharbeitern in die Stammbelegschaft. Wird die Integration zwar überwiegend positiv wahrgenommen, so liegt genau in dieser positiven Integration eine umso höhere Fallhöhe beim Wechsel der Abteilung oder des Betriebs. So muss Anerkennung in Bezug auf fachliche und soziale Kompetenz stets von neuem erwor- ben werden. Hinzu kommt die geringe Wertschätzung von Seiten der Stammbelegschaft. Im Extremfall kann es aufgrund einer großen Entfernung zwischen Arbeitsplatz und Familie, Freunden oder Vereinen zu einer starken Beeinträchtigung des Sozial- und Frei- zeitlebens kommen (vgl. ebd., S. 191 f.).

Die „Status- und Anerkennungsdimension“ beschreibt ein Phänomen, welches in dieser Arbeit schon angeschnitten wurde. Hierbei handelt es sich um die status- und anerken- nungssichernde Wirkung von Erwerbsarbeit, die bei einem unsicheren Arbeitsverhältnis inkonsistent erscheint. So suchen Beschäftigte stets nach Zugehörigkeit und versuchen diese mit verschiedenen Strategien zu erreichen, was am Ende oft erfolglos bleibt3 (vgl. ebd., S. 192).

Die „institutionelle und Partizipationsdimension“ zielt auf die Vertretung der Interessen prekär Beschäftigter ab. So stellen beispielsweise Tarifkommissionen nicht immer ein stabiles Fundament der Interessensvertretung dar, wie es bei Beschäftigten mit einem geschützten Arbeitsverhältnis der Fall ist. Die Partizipationsmöglichkeit muss stets aktiv aufrechterhalten werden, was durch einen hohen Austausch an Arbeitnehmer*innen enorm erschwert wird. Durch die abgeschwächte Organisation unter den prekär Beschäftigten ist deshalb auch die Stabilität der Interessenvertretung kritisch zu betrachten (vgl. ebd., S. 192 f.).

Die „Planungsdimension“ lässt erkennen, dass eine prekäre Beschäftigungsform keine Basis für eine langfristige Lebensplanung bildet. Eine permanente Unsicherheitserfahrung, die sich durch das Wandern vom einen zum nächsten Unternehmen verfestigt und sich mit Phasen der Arbeitslosigkeit koppelt, ist an der Tagesordnung. Bei jüngeren Arbeitneh- mer*innen kommt hinzu, dass eine prekäre Beschäftigung eine Blockade für Weiterbil- dung darstellt. Je länger die Dauer dieses Zustandes ist, desto schlechter erscheinen die Karriereperspektiven. Bei der älteren Arbeitnehmerschaft kann sich diese Erkenntnis in einem Abfinden mit der eigenen prekären Lage niederschlagen (vgl. Dörre 2005, S. 193 f.; vgl. Dörre et al. 2006, S. 73).

Im Anschluss an die „Zonen der (Des-)Integration“ nach Castel sowie den Erkenntnissen ihrer Studie bezüglich der subjektiven Verarbeitung prekärer Beschäftigung haben Dörre et al. 2006 neun Verarbeitungsmuster der (Des-)Integrationspotentiale von Erwerbsarbeit unterschieden (vgl. Dörre et al. 2006, S. 73).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Typologie arbeitsweltlicher (Des-)Integrationspotentiale nach Dörre et al. (2006)

Die Forscher*innen konnten feststellen, dass die zuvor beschriebenen subjektiven Verar- beitungsformen in den unteren Zonen zwar eine höhere Relevanz aufweisen, sie sich jedoch in allen Zonen wiederfinden lassen. So reichen Unstetigkeit im Berufsleben oder die Angst vor dem Verlust der (noch sicheren) sozio-ökonomischen Situation auch in die „Zone der Integration“ hinein und können ein Gefühl der Unsicherheit und Unbeständig- keit verursachen. Gefühle der Ersetzbarkeit sind dabei auch schon beim Typ der „Unsiche- ren Integration“ wiederzufinden. Arbeitnehmer*innen aus der „Gefährdeten Integration“ werden darüber hinaus offen mit Lohnkürzungen, Standortverlagerungen, Befristungen und Personalabbau konfrontiert, obwohl sie formal betrachtet noch in die „Zone der Integration“ hinein zählen (vgl. ebd., S. 76-79).

Nach der ausführlichen Erläuterung sozio-ökonomischer Umbrüche soll im Folgenden auf die sozio-kulturellen und sozio-politischen Veränderungen der vergangenen Jahre einge- gangen werden. Die beiden Dimensionen können in Teilen als Folge sozio-ökonomischer Umbrüche gedeutet werden, sie sind jedoch durchaus auch als eigenständige Einflussfakto- ren zu betrachten, die nicht gänzlich aus dem Wandel der Erwerbsarbeit resultieren (müs- sen) (vgl. Brinkmann et al. 2006, S. 76). Die Betrachtung weiterer Dimensionen ist deshalb wichtig, da es der späteren Betrachtung rechtspopulistischer Einstellungen und dement- sprechenden Wahlverhalten nicht gerecht würde, die Beweggründe lediglich an einer Stelle zu suchen.

2.1.2. Sozio-kulturelle Dimension: Die Bedrohung der kulturellen Identität

Honneth schreibt im Zuge seiner Anerkennungstheorie4, dass „der Wegfall [von] Anerken- nungsbeziehungen [die] Erfahrung der Mißachtung [sic!] oder Demütigung zur Folge [hat], die nicht ohne schädliche Konsequenzen für die Identitätsbildung des einzelnen Individu- ums sein können“ (Fraser und Honneth 2003, S. 205). Die problemhafte Identitätsbildung, die Honneth beschreibt, kann so mit Blick auf die „Anerkennungsdimension“ subjektiver Verarbeitung prekärer Beschäftigung als ein Resultat der Prekarisierung gedeutet werden. Bei der Betrachtung der kulturellen Perspektive kann, neben Erfahrungen von Prekarität im Erwerbsleben, aber auch auf den Zuzug von Geflüchteten verwiesen werden. Die Erfah- rung von zunehmender Migration kann zu Konflikten auf individueller Ebene führen. Flecker und Kirschenhofer (2007) weisen auf eine „Bedrohung der kulturellen Identität“ hin, die sich in einer Angst vor der Zuwanderung anderer (nicht-christlicher) Kulturen manifestiert. Vor allem in den unteren sozialen Schichten steht eine multikulturelle Gesell- schaft im Widerspruch zu der ideologischen Vorstellung eines homogenen Staates (vgl. 2007, S. 25).

Wie Brinkmann et al. in ihrer Studie (2006) herausgearbeitet haben, existiert eine Angst vor Überfremdung und Zerstörung der deutschen Kultur, die mit Fleiß, Beständigkeit und Wirtschaftsstärke assoziiert wird. Diese können sich in der Bedrohung der Persönlichkeit manifestieren, die sich mit jener „leistungsstarken“ Kultur identifiziert: Vermeintlich „ungebremste Zuwanderung erscheint so als Angriff auf die eigene Persönlichkeit, auf all das, was man selbst an sich und seiner nationalen Identität wertschätzt“ (2006, S. 68).

Aber auch die wahrgenommene Bedrohung eines wirtschaftlich aufstrebenden Deutsch- lands spielt eine bedeutsame Rolle. So bilden Zugewanderte für viele eine Bedrohung in Bezug auf Arbeitsplätze oder Wohnungen. Nicht die vermeintlichen „nicht-integrierbaren“ Ausländer*innen stehen bei dieser Argumentation im Vordergrund sondern all jene, die aufgrund ihrer Qualifikationen als Konkurrent*innen um Arbeitsplätze empfunden werden (vgl. Brinkmann et al. 2006, S. 68f.).

Wolfgang Merkel schreibt von einer aufgekommenen Konfliktlinie zwischen den „Gewin- nern“ der Globalisierung, den Kosmopoliten und den „Verlierern“, den Kommunitaristen, die sich sowohl in ökonomischer als auch kultureller Sicht gegenüber stehen. So sind Kommunitaristen vergleichsweise niedriger gebildet, haben ein geringeres ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital und befürworten aufgrund ihrer nationalen und stationären Beziehungen nationalstaatliche Grenzen (vgl. Merkel 2016, S. 9, 14).

Auch bei dieser Betrachtungsweise wird deutlich, dass sich die „ökonomische und kultu- relle Konfliktdimension [...] in erheblichem Maße [überlappen]“ (ebd., S. 9). So kann auf die subjektive Verarbeitungsform prekärer Beschäftigung zurückgegriffen werden. Vor allem bei einer aufkommenden Angst vor Ersetzbarkeit steigert sich diese Angst umso mehr, je größer die Konkurrenz um den Arbeitsplatz wird. Auf diese Erfahrungen reagie- ren die Menschen mit „ausgrenzende[n] Integrationskonzepte[n]“ (Brinkmann et al. 2006, S. 76). Durch steigende Konkurrenz kommt es zu Positionskämpfen, die Brinkmann et al. als „reaktiven Nationalismus“ bezeichnen. So stellen Menschen, die von den Umbrüchen in der Erwerbsarbeit betroffen sind Ansprüche an Arbeitsplätze, die gegen fremde, auslän- dische, nicht-deutsche Kulturen verteidigt werden müssen. Die Klassifizierung und ableh- nende Haltung gegenüber ausländischen Kulturen und Menschen kann dabei als eine Methode der Stärkung der eigenen Position sowie sozialer Anerkennung betrachtet wer- den. Dies kann als eine Umdeutung der Verteilungskämpfe bzw. der sozialen Frage zwi- schen „Oben“ und „Unten“ und „Innen“ und „Außen“ verstanden werden (vgl. ebd., S. 76ff.).

2.1.3. Sozio-politische Dimension: Die „Krise politischer Repräsentation“

Darüber hinaus kam es in den vergangenen Jahren zu einem Vertrauensverlust in die Politik und einem „Zweifel an [ihrer] Problemlösungsfähigkeit“ (Decker 2004, S. 27).

Im Zuge politischer Umbrüche, welche Reformen in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik umfassen, verliert Lohnarbeit für immer mehr Menschen ihre integrationsstiftende Wir- kung. So nimmt die Regulationskraft des Staates durch Maßnahmen wie beispielsweise die Agenda 20105 immer weiter ab. Der aus diesen Reformen resultierende vermehrte Einsatz von Leiharbeit und Werkverträgen hat dabei einen starken Einfluss auf Arbeitneh-mer*innen (vgl. Kapitel 2.1.1) und trägt maßgeblich zu einem wachsenden Niedriglohnsektor in Deutschland bei (vgl. Brinkmann et al. 2006, S. 15; vgl. Grimm 2018, S. 109 f.). Aber auch durch die Anerkennung moderner Familienbilder oder anderer sexueller Orientierungen entsteht bei vielen Menschen das Gefühl, etablierte Parteien agieren nicht mehr als Interessenvertreter, sondern stünden konträr zu den Einstellungen der Bürger*innen (vgl. Bruder-Bezzel 2018, S. 147; vgl. Hentges 2018, S. 105)

[...]


1 Im Jahr 2016 arbeiten von den rund 37 Millionen Erwerbstätigen 7,7 Millionen in einem nicht- standardisierten Beschäftigungsverhältnis. Das entspricht 20,8% (vgl. Bundeszentrale für Politische Bil- dung et al. 2018, S. 158). Im Vergleich dazu lag die Zahl im Jahr 1998 bei gerade einmal 16,2% (Statistisches Bundesamt (Destatis) 2009).

2 Die Interviews fanden leitfadengestützt statt. Befragt wurden unter anderem Leiharbeiter*innen und Festangestellte der Automobilindustrie, Informationsarbeiter*innen im IT-Bereich, freie Mitarbeiter*innen auf Werkvertragsbasis oder Beschäftigte im Einzelhandel (vgl. Dörre et al. 2006, S. 74).

3 Dörre beschreibt auf Basis seiner Untersuchungen eine Ablehnung gegen andere Arbeitskleidung sowie die öffentliche Demonstration der betrieblichen Arbeitsmontur durch die Leiharbeiterschaft (vgl. Dörre 2005, S. 192).

4 Eine ausführliche Vorstellung der Theorie ist zu finden in „Umverteilung oder Anerkennung? Eine poli- tisch-philosophische Kontroverse“ (Fraser und Honneth 2003).

5 Die Agenda 2010 wurde 2003 vom damaligen SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder in seiner Regierungs- erklärung verkündet. Sie umfasst vornehmlich Reformen in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, die eine Reaktion auf die schlechte wirtschaftliche Situation Deutschlands zu dieser Zeit darstellen. Bis 2005 wur- den so Veränderungen bei Sozialleistungen oder im Arbeitsrecht umgesetzt (vgl. Walwei 2017).

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Das Elektorat der AfD im Spiegel sozialwissenschaftlicher Untersuchungen
Untertitel
In welchen (Des-)Integrationszonen nach Castel lässt sich das Elektorat der Afd verorten?
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Soziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
47
Katalognummer
V520462
ISBN (eBook)
9783346123305
ISBN (Buch)
9783346123312
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alternative für Deutschland, AfD, prekäre Arbeit, Deprivation, Castel, Transformation, Rechtspopulismus, Zone der Integration, Zone der Prekarität, Zone der Entkopplung, (Des-)Integration
Arbeit zitieren
Carolin Engelhardt (Autor), 2019, Das Elektorat der AfD im Spiegel sozialwissenschaftlicher Untersuchungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/520462

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