Anwendung systemischen Denkens auf die Entstehung und stationäre Behandlung von Essstörungen


Essay, 2019

7 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Systemische Sichtweise auf Kliniken zur Behandlung von psychischen Storungen

III. Systemische Sichtweise auf die Entstehung von Essstorungen

IV. Das System Klinik im Rahmen der Behandlung von Essstorungen

V. Schluss

VI. Literaturverzeichnis

Anwendung systemischen Denkens auf die Entstehung und stationare Behandlung von Essstorungen

I. Einleitung

In den letzten Jahren sind die Statistiken hinsichtlich der Behandlung von Essstorungen wie beispielsweise Anorexie, Bulimie und Adipositas drastisch angestiegen. Aus diesem Grunde rucken die Anforderungen an Kliniken zu ihrer Behandlung immer mehr in den Vordergrund. Die Rahmenbedingungen dieser Behandlungen sind mit einigen Risiken behaftet, die in dieser Arbeit aus systemischer Sicht betrachtet werden sollen. Insbesondere spezialisierte Kliniken haben hier einen Losungsvorschlag entgegengebracht, der die konflikthaltigen Einzelkomponenten und ihre Interaktion im therapeutischen Kontext in Einklang bringen kann.

II. Systemische Sichtweise auf Kliniken zur Behandlung von psychischen Storungen

Betrachten wir Einrichtungen zur Behandlung von psychischen Storungen, so lasst sich allgemein feststellen, dass es sich um ein komplexes System mit mehreren Ebenen handelt. Einzelne Elemente stehen in standiger Abhangigkeit zueinander, sodass sich daraus ein Netzwerk aus Interaktion ergibt. Einzelne Elemente, wie Arzte, Therapeuten, Patienten, sowie einzelne therapeutische Angebote und die situativen Gegebenheiten interagieren miteinander und sind dynamischen Veranderungsprozessen unterworfen. Ebenso lassen sich diese Elemente auf verschiedenen Ebenen betrachten, die uber verschiedene Schnittstellen wechselseitige Beeinflussung ermoglichen. Eine solche Ebene ware die der Patienten; insbesondere auBerhalb des therapeutischen Rahmens sind einzelne Patienten im Austausch miteinander. Bestimmte Gesprachsthemen haben Auswirkungen auf den Affekt, die Compliance bei therapeutischen MaBnahmen, oder aber auf den Umgang mit medizinischen- und therapeutischem Personal. Eine weitere Ebene ergibt sich aus funktionaler Sicht; beispielsweise in einer bestimmten Gruppentherapie (z.B. Ergotherapie, Korpertherapie, etc), die einmal wochentlich stattfinden. Inhalte, die dort diskutiert werden, beeinflussen nicht nur interne Prozesse des einzelnen Patienten, sondern auch zwischenmenschliche Beziehungen, und somit auch die ubergeordnete Ebene der gesamten Klinik und ihr therapeutisches Potential. Berucksichtigt man diese Sichtweise, lassen sich besonders bei der Behandlung von essgestorten Patienten Risiken herausstellen, die den therapeutischen Genesungsprozess behindern konnen.

III. Systemische Sichtweise auf die Entstehung von Essstorungen

Die Entstehung einer Essstorung ist ebenso systemisch zu betrachten, wie auch ihre Behandlung. Eine Essstorung entsteht aus den wechselseitigen Interaktionen der Umwelt, welche in Abhangigkeit, von personinternen Prozessen, bestimmte reaktive Verhaltensweisen verursachen. Die Umwelt lasst sich hinsichtlich dieser Uberlegungen als ein komplexes System verstehen, welchen in mehrere Teilsysteme untergliedert werden kann. Besonders relevant fur die Entstehung einer Essstorung sind hierbei das System Familie und das System Freundeskreis. Innerhalb des Patienten befindet sich ebenfalls ein System mit einzelnen Elementen, die auf verschiedenen Ebenen miteinander interagieren und sich im standigen Austausch mit den Systemen der Umwelt befinden. Gemeint ist die Eigenlogik des internen Systems der Person, welches auf individuell unterschiedliche Weise mit der Umwelt interagiert. Dabei handelt es sich um Einstellungen, Motive und Glaubenssatze, die eine Person als Reaktion auf RegelmaBigkeiten ihrer sozialen Umwelt entwickelt. Beispielsweise entwickelt sich ein hohes Leistungsmotiv, als Konsequenz einer in der Familie hoch angesehenen Karriereorientierung. Ebenfalls konnen beispielsweise Assoziationen zwischen Nahrung und Belohnung verstarkt in den Vordergrund treten. Es kann aber auch zu Konflikten zwischen Teilsystemen der Umwelt kommen, die dann zu einer dysfunktionalen Reaktion seitens des personinternen Systems fuhren. Beispielsweise ist Belohnungen in Form eines Schokoriegels nicht vereinbar mit den systemeigenen Regeln des Freundeskreises, wenn hier viel Wert auf Fitness und eine schlanke Figur gelegt wird. Zwar ist die Umwelt von der Eigenlogik des Systems abzugrenzen, jedoch entspringt die Eigenlogik des Systems aus den RegelmaBigkeiten seiner Umwelt. AuBerdem ist zu berucksichtigen, dass der Patient verschiedene Rollen ubernehmen kann, die er im Abgleich mit seiner systemischen Eigenlogik starker bzw. schwacher gewichtet.

Der Patient, als System, wurde sich beispielsweise bestimmten RegelmaBigen eines Teilsystems seiner Umwelt entziehen, aber dafur die Rolle eines anderen Teilsystems in seiner Eigenlogik verstarkt ubernehmen. Fur einen Betroffenen mit einer Essstorung konnte dies dann so aussehen, dass sich dieser der Belohnung (z.B. Schokoriegel) in der Familie entzieht und seine eigene Rolle im System Freundeskreis (z.B. dunn sein) an Bedeutung gewinnt.

IV. Das System Klinik im Rahmen der Behandlung von Essstorungen

Liegt eine Essstorung vor, ist eine stationare Therapie oftmals nicht mehr wegzudenken. Aus psychotherapeutischer Sicht ist dies in vielen Fallen, aufgrund des korperlichen Zustands, eine notwendige Voraussetzung fur die Wirksamkeit einer ambulanten Therapie. Die Klinik und ihre Therapieangebote sind hier als ein weiteres komplexes System zu verstehen, welches, durch Wechselwirkungen einzelner Elemente aus dem Gleichgewicht geraten kann. Diese Instabilitat ist besonders bei Kliniken zur Behandlung von Essstorungen, insbesondere bei Anorexia Nervosa, zu beobachten. In Kliniken, in denen ausschlieBlich magersuchtige Patienten behandelt werden, ist die Gefahr groB, dass das System Klinik eigene implizite RegelmaBigkeiten entwickelt, die dysfunktionale Verhaltensweisen seiner Patienten noch verstarken. Konkret konnte dies bedeuten, dass einzelne Patienten im Umgang mit dem Essen ahnliche psychosomatische Verhaltensweisen zeigen (z.B. Essen auf dem Teller breitschmieren, Nahrung in so viele Einzelteile wie moglich zerlegen, etc.), die dann von anderen Patienten ubernommen werden. Somit tragt der Klinikaufenthalt eher noch weiter zur Verschlechterung der Symptomatik bei. Aus systemischer Sicht ware es daher sinnvoll, den Patienten in einen Austausch mit einer Umwelt zu bringen, die nicht der Eigenlogik seines Systems entspricht bzw. einen Gegensatz dieser Eigenlogik darstellt. Seine Eigenlogik sollte so verandert werden, dass forderliche RegelmaBigkeiten ubernommen werden. Nur wenn das System im Austausch mit einer Umwelt ist, die die Eigenlogik seiner Elemente in Frage stellt, konnen Veranderungen resultieren. Einen praxisnahen Losungsvorschlag bietet die Klinik am Korso in Bad Oeynhausen. Dort werden sowohl magersuchtige, bulimische, als auch adipose Patienten gemeinsam behandelt. Dadurch, dass in diesem Fall groBere Unterschiede zwischen den einzelnen Elementen des Systems gibt, entsteht eine erhohte Stabilitat. Dies liegt daran, dass in einem System, wie in einer Klinik, mit ausschlieBlich Magersuchtigen, die Gefahr besteht, dass eine dysfunktionale Einstellungskomponente von der Mehrheit der Patienten ubernommen wird. Ebenfalls sind in dieser Art von Klinik, die krankheitsverstarkenden Vergleichsprozesse unter den Patienten sehr viel starker ausgepragt. Ein haufig anzutreffendes Szenario in der Praxis sind Konkurrenzkampfe zwischen den Magersuchtigen, die sich nunmehr noch verstarkter um die Nahrung und das Korperbilden drehen.

Eine stationare Klinik, die verschiedene Formen der Essstorung integriert behandelt, weist auch eine verstarkte Ahnlichkeit zu den Bedingungen im alltaglichen Kontext auf, die eine Verbesserung der Symptomatik auch nach dem Klinikaufenthalt ermoglicht. Die Systemebenen einer Klinik, mit sehr unterschiedlichen Elementen, entsprechen eher den Systemen, mit denen die Patienten auch nach ihrer Entlassung, in wechselseitiger Interaktion stehen.

Allerdings sollte auch das medizinische und therapeutische Personal als Element des Systems Klinik verstanden werden. Auch hier bringt jedes Element eine Eigenlogik mit ins Spiel, die das System Klinik in seiner Wirksamkeit aufrechterhalt. Im Einzelgesprach bietet sich die Moglichkeit, einen Perspektivwechsel, hinsichtlich der Elemente des Gesamtsystems vorzunehmen. Der Therapeut sollte hier lediglich als Unterstutzung dienen, selbst oder fremdgesetzten RegelmaBigkeiten in Frage zu stellen, und die daraus resultierenden Verhaltensweisen zu verandern. Ein solcher Perspektivwechsel konnte sein, dass die zu behandelnde Person sich vorstellt, wie es wohl ware, wenn sie zunimmt. Welche Befurchtungen liegen vor? Was denkt die erkrankte Person uber sich? Wie werden seine/ihre Freunde ihn/sie dann wohl einschatzen? Oder, wie wurde eine „gesunde“ Person ihr aktuelles Korperbild einschatzen?

Besonders wichtig im therapeutischen Kontext ist ebenfalls, dass der Therapeut die Eigenlogik des Systems seines Patienten versteht, sowie seine Rolle in verschiedenen Teilsystemen seiner Umwelt. Dazu konnte der Therapeut den Patienten beispielsweise befragen, wie er den Korper des Therapeuten einschatzt (z.B. zu dunn/dick) oder Fragen stellen, die Aufschluss daruber geben, was der/die Patient(in) glaubt, was andere von ihm/ihr denken oder erwarten. Somit berucksichtigt der Therapeut aus systemischer Sicht die individuell unterschiedlichen einzelnen Elemente und ihre wechselseitigen Abhangigkeiten, die zum personlichen Krankheitsbild fuhren. Dabei sollte, der individuelle Entstehungshintergrund eines Krankheitsbildes, auch mit entsprechend individuell ausgerichteten Behandlungsansatzen erfolgen.

V. Schluss

Zusammenfassend lasst sich feststellen, dass sowohl die Entstehung, als auch die Aufrechterhaltung und Behandlung eines psychischen Krankheitsbildes, wie die der Essstorung, durch ein komplexes Netzwerk einzelner Elemente und mehrerer Systeme bedingt ist. Diese Sichtweise schafft Anregung fur einen Perspektivwechsel, der die Eigenlogik einzelner Elemente und ihre Abhangigkeiten in Frage stellt. Damit eine Behandlung von Essstorungen aus dieser Sicht wirksam werden kann, ist es von Vorteil verschiedene Krankheitsbilder zu kombinieren, um die Eigenlogik eines jeden Patienten in Frage stellen zu konnen. Unter anderem sollte die Klinik, als System, aber auch einem moglichst realitatsnahen Ausschnitt der Umwelt des Patienten entsprechen, um die Behandlung nachhaltig sicherzustellen. Letztendlich muss aber auch individuell auf jeden Patienten eingegangen werden, um die Wirksamkeit einer Therapie zu gewahrleisten.

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Details

Titel
Anwendung systemischen Denkens auf die Entstehung und stationäre Behandlung von Essstörungen
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Psychologie)
Veranstaltung
Evaluation und Metaanalyse
Note
1,5
Autor
Jahr
2019
Seiten
7
Katalognummer
V520480
ISBN (eBook)
9783346120243
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Klinik am Korso Essstörungen Behandlung Entstehung Anorexie Bulimie Binge Eating Disorder Störungen Klinische
Arbeit zitieren
Virginia Reinheldt (Autor), 2019, Anwendung systemischen Denkens auf die Entstehung und stationäre Behandlung von Essstörungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/520480

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