Dass Krankheit ein vielschichtiger Begriff zu sein scheint, der ein sehr unterschiedliches Verständnis zu verschiedenen Zeiten und Umgebungen umfasste, zeigen sowohl die Quellen der Heiligen Schrift, die historischen Quellen der Medizingeschichte als auch die aktuellen Definitionsversuche im medizinischen Kontext der heutigen Tage.
Verfolgt man die Begriffsgeschichte bis in die Gegenwart, so reicht dieser Bestimmungszusammenhang von einem Dualismus zwischen Seele und Leib, über ein fremdbestimmtes Ereignis zur Läuterung der Menschheit bishin zu einer klar auf die beobachtbaren Symptome hin ausgerichteten Krankheitsvorstellung, die vorrangig als indexikalisch und weniger als gesamtheitlich zu betrachten ist.
Zunehmend ist in der Debatte um ein adäquates Krankheitsverständnis und die sinnvollen Wege zur ganzheitlichen Genesung die weisheitliche Literatur herangezogen worden, sowohl aus dem asiatischen Kulturraum als auch in der Wiederentdeckung frühchristlicher Schriften, wie wir sie in den Apophthegmata Patrum vorfinden.
Inhaltsverzeichnis
1. Fragestellung
2. Erläuterungen zum Körperbegriff und das Verhältnis von Leib und Seele als Grundlage der Krankheits- und Gesundheitsdefinition
2.1 Leib und Körper-ein synonymer Begriff?
2.2 Biblisches Verständnis
3. Mehrdimensionalität des Krankheitsbegriffes
3.1 Medizinisches Krankheits- und Gesundheitsverständnis der heutigen Zeit
3.2 Biblisches Verständnis
3.2.1 Alttestamentliches Krankheitsverständnis
3.2.2 Neutestamentliches Krankheitsverständnis
4. Krankheit und Gesundheit in den Apophthegmata Patrum -ein eindeutiger Begriff?
4.1 Was ist Gesundheit für die Wüstenväter?
4.2 Gestalt und Bedingungen menschlicher Gesundheit
4.2.1 Hesychia- der Zustand „innerer“ Gesundheit
4.2.2 Die physische Dimension der Hesychia
4.2.3 Maßnahmen zur Gesunderhaltung
4.3 Was ist Krankheit für die Wüstenväter und worin besteht deren Ursache?
4.3.1 Funktionalität von Krankheit
4.3.1.1 Krankheit als gottgegebene Herausforderung und asketisches Bewährungsfeld
4.3.1.2 Krankheit als Aufforderung zu praktizierter Nächstenliebe
4.3.2 Vergleich der Definitionen
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verständnis von Gesundheit und Krankheit bei den Wüstenvätern und -müttern, indem sie dieses in Bezug zu biblischen Traditionen sowie modernen Ansätzen wie der Salutogenese setzt und nach den zugrunde liegenden Ursachen und Wirkmechanismen fragt.
- Verhältnis von Leib, Seele und Krankheit
- Biblisches Krankheitsverständnis
- Die Rolle der "Hesychia" (Herzensruhe)
- Maßnahmen zur Gesunderhaltung (Askese, Stille, Weinen)
- Die Funktion von Krankheit als Herausforderung und Anlass zur Umkehr
Auszug aus dem Buch
Die physische Dimension der Hesychia
Von der Anfechtung der Herzensruhe berichten die Wüstenväter des Öfteren, da sie die Ursache für die Erkrankung von Seele und Körper bildet. Besonders erwähnenswert ist an dieser Stelle, dass nicht die Anfechtung an sich ein zu verachtendes Übel ist, sondern vielmehr eine natürliche, uns Menschen in unserer Unvollkommenheit grundgelegte Hilfe, um den Weg zurück erneut erkennen zu können.
Abbas Antonios fasst diese ganz natürliche Anfechtung wie folgt zusammen: „Keiner kann unversucht ins Himmelreich eingehen. Nimm die Versuchungen weg, und es ist keiner, der Rettung findet.“
Verliert man das Ziel der Hesychia vor Augen und kehrt man nicht auf den Pfad des Heils zurück, droht die Gottesferne und somit auch die Entfernung von sich selbst, was letztlich Krankheit nach sich ziehen muss. Die seelischen Anstrengungen sind das Zentrum des Bemühens nach der Herzensruhe, jedoch zeigt sich in folgendem Apophthegma deutlich, dass auch dem Schutz des Leibes eine Bedeutung zukommt, der, gemeinsam mit der Seele, wieder eine Einheit bildet:
Der Altvater Agathon wurde einmal gefragt, was wertvoller sei, die körperliche Anstrengung oder die Bewahrung des Inneren. Der Greis antwortete: „Der Mensch gleicht einem Baume. Die körperliche Anstrengung, das sind die Blätter, die Wachsamkeit über das Innere ist die Frucht. Nachdem nun geschrieben steht: ‚Jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird ausgehauen werden (Mt 3,10)‘ ist es klar, dass auf die Frucht all unsere Bemühungen sich richten muss, das ist die Bewahrung des Geistes. Aber auch der Schutz durch die Blätter ist notwendig und ein schönes Äußeres: das ist die körperliche Anstrengung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Fragestellung: Diese Einleitung beleuchtet die Vielschichtigkeit des Krankheitsbegriffs und führt in die Absicht der Arbeit ein, das Verständnis der Wüstenväter und -mütter zur Thematik zu untersuchen.
2. Erläuterungen zum Körperbegriff und das Verhältnis von Leib und Seele als Grundlage der Krankheits- und Gesundheitsdefinition: Das Kapitel analysiert den philosophischen und biblischen Körperbegriff, um die Grundlage für ein Verständnis von Leib und Seele als nicht synonyme, aber verbundene Einheiten zu legen.
3. Mehrdimensionalität des Krankheitsbegriffes: Hier werden medizinische und biblische Krankheitsverständnisse gegenübergestellt, wobei der Fokus auf dem Wandel vom Sündenstrafe-Konzept hin zu Aspekten der Prüfung und Läuterung liegt.
4. Krankheit und Gesundheit in den Apophthegmata Patrum -ein eindeutiger Begriff?: Dieses Hauptkapitel untersucht das spezifische Verständnis der Wüstenväter, bei dem Gesundheit als "Herzensruhe" (Hesychia) verstanden und durch asketische Lebenspraxis sowie die Beziehung zu Gott bewahrt wird.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass das Verständnis der Wüstenväter psychosomatisch geprägt ist und Krankheit als Chance zur inneren Umkehr und zur Stärkung der Gottesbeziehung deutet.
Schlüsselwörter
Apophthegmata Patrum, Wüstenväter, Wüstenmütter, Gesundheit, Krankheit, Hesychia, Herzensruhe, Askese, Körper, Seele, Psychosomatik, Gottesbeziehung, Nächstenliebe, Heilung, Akedia
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Begriffs-, Ursachen- und Wirkungsverständnis von Gesundheit und Krankheit bei den frühen christlichen Wüstenvätern und -müttern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind das biblische Verständnis von Leib und Seele, die Bedeutung der Herzensruhe (Hesychia), die Praxis der Askese sowie die Deutung von Krankheit als Herausforderung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, das Krankheits- und Gesundheitsverständnis der Wüstenväter und -mütter aus den Apophthegmata Patrum herauszuarbeiten und zu hinterfragen, wie diese ihr Leben auf Gott hin ausrichteten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse der Apophthegmata Patrum unter Einbeziehung biblischer Quellen, historischer Literatur sowie vergleichender Ansätze der modernen Medizin und Psychotherapie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden das Konzept der Hesychia, die physischen und psychischen Dimensionen von Gesundheit sowie verschiedene Maßnahmen zur Gesunderhaltung (wie Fasten, Stille und Weinen) detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird vor allem durch Begriffe wie Apophthegmata Patrum, Hesychia, Askese, Psychosomatik und Gottesbeziehung charakterisiert.
Welche Rolle spielt die "Akedia" in diesem Kontext?
Akedia wird als das Gegenteil der Hesychia verstanden; sie beschreibt einen Zustand der seelischen "Verrohung" und Gottesferne, der als intensivster Ausdruck von Krankheit gilt.
Wie bewerten die Wüstenväter körperliche Arbeit?
Körperliche Arbeit dient nicht nur dem Lebensunterhalt, sondern ist ein Weg zur Hesychia mit spiritueller Funktion, die Trägheit verhindert und zur Verherrlichung Gottes beitragen kann.
- Arbeit zitieren
- Julia Eydt (Autor:in), 2015, Der Gesundheits- und Krankheitsbegriff in den Apophthegmata Patrum. Welches Begriffs-, Ursachen- und Wirkungsverständnis lag den Wüstenvätern und -müttern zugrunde?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/520590