Lizenzpresse und Marktzutrittsphase 1949 - 1954. Stunde Null der deutschen Presse und Entstehung des Pressemarktes in der Bundesrepublik


Seminararbeit, 2003

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Pressepolitik der Alliierten 1945-1949
2.1 Die Potsdamer Konferenz
2.2 Alliiertes Presseideal und deutsche Pressetradition
2.3 Die Organisationsstruktur für eine Neuordnung der Presse
2.4 Das Aachener Experiment
2.5 Drei Phasen-Konzept für eine „neue“ deutsche Presse

3. Das Lizensierungssystem der Allierten
3.1 Konzeption
3.2.1 Auswahl der Lizenzträger
3.2.2 Das System der Gruppenlizenz
3.3 Probleme der Praxis
3.4 Unterschiede in britischer Zone
3.5 Unterschiede in französischer Zone

4. Marktzutrittsphase 1949-1954
4.1 Generallizenz
4.2 Spannungen durch die Rückkehr der Altverleger

5. Zur Auflagenentwicklung 1949-1954

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands 1945 und dem damit verbundenen Zusammenbruch des Dritten Reichs, war auch die gleichgeschaltete Presse am Ende. Diese Ausgangsposition einer neu aufzubauenden Presse wird oft als die „Stunde Null“ bezeichnet, und wurde von vielen als eine in der Geschichte einmalige Chance angesehen. Ob die Möglichkeit eines solchen Neuanfangs wirklich bestand, und außerdem genutzt wurde, soll hier auf die BRD beschränkt geklärt werden.

2. Die Pressepolitik der Alliierten 1945-1949

2.1 Die Potsdamer Konferenz

Die Konferenz der „Großen Drei“ fand vom 17.Juli bis 02. August 1945 im Potsdamer Schloß Cecilienhof statt. Es sollten dort die politischen, wirtschaftlichen und territorialen Probleme gelöst werden, die der 2. Weltkrieg hervorgebracht hatte. Über das Schicksal Deutschlands berieten Josef Stalin (UdSSR), Harry S. Truman, der Nachfolger Roosevelts, (USA) und Winston S. Churchill (Großbritannien), der Ende Juli von Clement R. Attlee abgelöst wird.[1] Frankreich war bei dieser Konferenz nicht vertreten. Im Schlußdokument wurden als zentrale Punkte festgelegt:

- die Demokratisierung,
- die Entmilitarisierung,
- die Entnazifizierung,
- die Dekartellisierung
- und die Dezentralisierung Deutschlands.

Die Alliierten waren sich einig darüber, daß Deutschland zur Verwirklichung dieser Punkte zunächst einer Umerziehung unterworfen werden muß. Sie sahen die Deutschen als ein Volk, das daran gewöhnt war, Befehlen zu folgen, aber weder den kritischen Blick, noch das Engagement besaß, das für eine Demokratie nötig ist. Eine Entmilitarisierung sollte vor allem zur Sicherheit der Alliierten erfolgen, und auch eine Art Entmachtung darstellen. Die Entnazifizierung war unerläßlich, da verbleibendes Gedankengut der Demokratisierung entgegenwirken würde. Ebenfalls zum Zwecke der Demokratisierung sind die Ziele Dekartellisierung und Dezentralisierung angelegt. Diese waren Kennzeichen des National-sozialismus, die Aufteilung Deutschlands in verschiedene Besatzungszonen war der deutlichste Schritt, um zentrale Stellen für das ganze Gebiet zu vermeiden. Und die Dekartellisierung ist die konsequente Fortsetzung der Dezentralisierung im Bereich der Wirtschaft. Am 07. August 1945 tritt unter Vorbehalten auch Frankreich dem Abkommen bei. Die Medien und ihr Einfluß standen bei der Umsetzung im zentralen Interesse der Alliierten und sollten bei der Verwirklichung ihrer Ziele eine wichtige Rolle spielen.

2.2 Alliiertes Presseideal und deutsche Pressetradition

Die alliierte Pressepolitik, wurde auf der Grundlage von Werturteilen über das deutsche und amerikanische Pressewesen. gestaltet, dabei wurde das amerikanische Pressewesen im Zuge des durch den Krieg geprägten Schwarz-Weiß-Denkens idealisiert betrachtet, und das deutsche fast ausschließlich auf die Zeiten autoritärer Kontrolle reduziert.[2] Beide Länder hatten unterschiedliche Vorstellungen von der Funktion ihrer Zeitungen, dies führte zu einigen Konflikten bei der Umstrukturierung, in denen nicht immer die Amerikaner die Oberhand behielten.[3]

Für einen anglo-amerikanischen Journalisten stellte die strikte Trennung von Nachricht und Kommentar das oberste Gebot dar[4], Deutschland hatte dagegen eine lange Tradition politisch engagierter Zeitungen, in denen die persönliche Meinung des Journalisten in jeden Artikel einging. Außerdem wollte die Amerikaner eine klare Quellenangabe zu jeder Nachricht. Da die deutsche Bevölkerung sich nach dem Krieg von den Nazis in die Irre geführt fanden, fiel es den Alliierten recht leicht, diese Änderungen durchzusetzen. Den hohen Stellenwert des Feuilletons mußten sie jedoch ebenso akzeptieren, wie das Ressortsystem. Ein durch den sog. „copy desk“ vereinheitlichtes Zeitungsbild hätte ihren Vorstellungen ehr entsprochen.

2.3 Die Organisationsstruktur für eine Neuordnung der Presse

Da die Invasion Europas im Zweiten Weltkrieg durch britisches und amerikanische Armeen unter einem gemeinsamen Oberkommando erfolgte, gab es mit der PWD (Psycological Warfare Division) auch einen von den Amerikanern und Engländern betriebenen Planungsstab für psychologische Kriegsführung. Seine Position in der militärischen Befehlsstruktur war etwas peripher, und räumte ihm einen gewissen Grad der Unabhängigkeit ein. Innerhalb des Alliierten Obersten Hauptquartiers (SHAEF, Supreme Headquarters of the Allied Expeditionary Force) stellte die PWD eine besondere Stabseinheit dar, die im Unterschied zu anderen Einheiten sowohl planende als auch ausführende Funktionen hatte.[5]

Nach Kriegsende sollte die Information Control Division (ICD) als Teil der US-Militärregierung die Verantwortung für Aufbau und Kontrolle der deutschen Medien übernehmen. Zunächst war es jedoch die PWD, die neben Propagandaaufgaben bereits während des Krieges Pläne für die Organisation und den Wiederaufbau der deutschen Medien entwarf.

Abb. 1: Übersicht PWD und untergeordnete Heeresgruppen[6]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Übersicht zeigt, daß sich die Heeresgruppen aus Armeen verschiedener Nationalitäten zusammensetzen. Die US-Armee ist dabei jedoch überdurchschnittlich oft vertreten. Das ist wahrscheinlich auch ursächlich für die Dominanz der US-Amerikaner in der Durchführung der von der PWD geplanten psychologischen Kriegsführung. Die 1. Französische Armee war außerdem für derartige Aufgaben nicht ausgerüstet, und die kanadische wie britische Armee der 21. AG handelte oft nach ihren eigenen Befehlen, sie erwies sich damit nicht als sonderlich zuverlässig.

Das Programm, das die PWD für den Neuaufbau der deutschen Presse entwickelte, war geprägt von den Berichten über nationalsozialistische Verbrechen in Konzentrationslagern, und wurde mit der Zeit etwas gemildert. Die aktive Mitwirkung deutscher Publizisten war zunächst jedoch ausgeschlossen.[7]

2.4 Das Aachener Experiment

Aachen, das gleich hinter der holländischen Grenze lag, wurde von den westlichen Alliierten zuerst eingenommen, und war für ein paar Monate die einzige größere von Westalliierten besetzte Stadt. In dieser Zeit gründeten die Amerikaner die erste deutsche Nachkriegszeitung. Sie bekam den Titel „Aachener Nachrichten“ und erschien das erste Mal am 24. Januar 1945. Mit ihren 4n und einer Auflage von 12 000 Stück, die die damalige Einwohnerzahl von 11 000 überstieg[8], war sie für die PWD ein willkommenes Versuchsobjekt. Das Programm für die Neugründung und Kontrolle deutscher Informationsmedien konnte hier, 3 Monate vor der deutschen Kapitulation, schon einmal ausprobiert werden.[9] Es war allerdings auch Ausdruck der damals noch sehr liberalen US-Politik, daß ohne Vorlauf eine Art Lizenzzeitung gegründet wurde, die nach der Kapitulation in vollem Umfang entdeckten Naziverbrechen veränderten diese Situation zunächst grundlegend.[10] Im Dezember 1944 mußte in Aachen erstmal ein Kandidat gefunden werden, der geeignet war, die Zeitung herauszugeben. Dies war in einer Stadt aus der viele Menschen geflüchtet waren oder evakuiert wurden nicht gerade leicht, zumal die dafür zuständige Erkundungseinheit der PWD bereits die später für Lizenzbewerber geltende politische Zuverlässigkeit voraussetzte. Die Vorschläge der Militärregierung und der Kirche erfüllten diese Anforderung nicht, aber in dem Sozialdemokraten Heinrich Hollands, der die Arbeitslosigkeit einer Anstellung bei einer Zeitung der NSDAP vorgezogen hatte, wurde schließlich der Richtige gefunden. Hollands war zwar nicht hinreichend ausgebildet, aber dies war nur von sekundärer Bedeutung.[11]

2.5 Drei Phasen - Konzept für eine „neue“ deutsche Presse

1. Phase: Die Alliierten sorgten zunächst für den sog. „black out“ aller deutschen In-formationsmedien, d.h. sie verboten durch das Gesetz Nr. 191 Produktion und Vertrieb von Zeitungen sowie jeder anderen Publikationsform. Erscheinen durften allein die von den Alliierten selbst für deutsche Soldaten produzierten Heeresgruppenzeitungen, die Frontpost und die Feldpost. Diese wurden von der 12. amerikanischen Heeresgruppe erstellt und sollten durch die Verbreitung taktischer Propaganda den Widerstandswillen der ihnen gegenüberstehenden Deutschen brechen, und diese zur Kapitulation bewegen.[12] Zuerst gab es nur die Frontpost, die von amerikanischen Flugzeugen über deutschen Linien abgeworfen wurde, aber um auch wirklich alle zu erreichen, wurde zusätzlich die Feldpost gegründet, die durch Artilleriegeschosse verbreitet wurde. Mit der Kapitulation hatten beide Blätter ihr Ziel erreicht und wurden eingestellt.[13]

2. Phase: Die zweite Phase folgte direkt auf die erste, in dem durch den „black out“ entstandenen Informationsvakuum gaben die Alliierten Mitteilungsblätter für die deutsche Zivilbevölkerung heraus, und hatten damit eine gute Möglichkeit der Einflußnahme. Durch eigenständig arbeitende Redaktionen, die Anweis-ungen nach eigenem Ermessen auslegten, erschienen die „Mitteilungen“ schon bald als Zeitungen.[14] Ihr Ziel war die Information und Instruktion der Bevölkerung in den besetzten Gebieten. Die Mitteilungen verfolgten drei Schwerpunkte[15]:

1. Veröffentlichung von Gesetzen, Proklamationen, Anordnungen und anderen Informationen der Militärregierung
2. Information über den Ablauf täglichen Lebens unter der Militär-regierung durch lokale Berichterstattung
3. Widerlegung von Gerüchten durch möglichst genaue Nachrichten, um

die Stabilität zu stärken

3. Phase: Erteilung von Lizenzen und Gründung der „Neuen Zeitung“ einer überregiona-

alen amerikanischen Zeitung für die deutsche Bevölkerung, die außerdem eine

Art Muster oder Leitbild für die Lizenzzeitungen darstellen sollte. Etwas später gründeten auch die Briten und die Franzosen eine solche Zeitung für ihre Zone, bei den Briten war es „Die Welt“ und bei den Franzosen die „Nouvelles de France“.[16] Eine Konkurrenz für die Lizenzzeitungen stellten diese aber nicht dar, da die Lizenzzeitungen ihren Schwerpunkt in der regionalen Bericht-erstattung hatten. Zu den ersten lizensierten Zeitungen zählten die Aachener Nachrichten, die Frankfurter Rundschau, die Braunschweiger Zeitung und der Berliner Tagesspiegel.[17]

[...]


[1] Informationen zur politischen Bildung, Heft 259, Internetquelle siehe Literaturverzeichnis

[2] Hurwitz, H.: Die Stunde Null..., S. 34

[3] Hurwitz, H.: Die Stunde Null..., S. 40

[4] Liedtke: Die verschenkte Presse, S. 25

[5] Hurwitz, H.: Die Stunde Null..., S. 24

[6] aus: Matz, E.: Die Zeitungen der US-Armee für die deutsche Bevölkerung, S. 23

[7] Koszyk, Pruys: Wörterbuch zur Publizistik, S 228

[8] Pross: Zeitungsreport, S. 129

[9] Hurwitz: Die Stunde Null, S. 56

[10] Matz: Die Zeitungen der US-Armee für die deutsche Bevölkerung, S. 33

[11] Hurwitz: Die Stunde Null, S. 57

[12] Matz: Die Zeitungen der US-Armee für die deutsche Bevölkerung, S. 28

[13] Matz: Die Zeitungen der US-Armee für die deutsche Bevölkerung, S. 30

[14] Hurwitz: Die Stunde Null, S. 69

[15] Matz: Die Zeitungen der US-Armee für die deutsche Bevölkerung, S. 31

[16] Meyn: Massenmedien in Deutschland, S. 77/78

[17] Meyn: Massenmedien in Deutschland, S. 77

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Lizenzpresse und Marktzutrittsphase 1949 - 1954. Stunde Null der deutschen Presse und Entstehung des Pressemarktes in der Bundesrepublik
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Zentrum für Interdisziplinäre Medienwissenschaften)
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V52079
ISBN (eBook)
9783638478823
Dateigröße
1083 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lizenzpresse, Marktzutrittsphase, Stunde, Null, Presse, Entstehung, Pressemarktes, Bundesrepublik
Arbeit zitieren
Miriam Nuschke (Autor), 2003, Lizenzpresse und Marktzutrittsphase 1949 - 1954. Stunde Null der deutschen Presse und Entstehung des Pressemarktes in der Bundesrepublik , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52079

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