Kunst- und Gestaltungstherapie in der Behandlung von Traumaspätfolgestörungen

Das bipolare Arbeiten mit Täterintrojekten


Bachelorarbeit, 2018

35 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

1 ALLGEMEINE U BERLEGUNGEN ZU DEN W IRKFAKTOREN DER KLINISCHEN K UNST- UND G ESTALTUNGSTHERAPIE
1.1 Herkunft der kunstlerischen Therapie
1.2 Entwicklung der Kunsttherapie in Deutschland
1.3 Wirkungsweisen
1.4 Kunsttherapeutische Ausrichtungen
1.5 Aus der Praxis: Rahmenbedingungen und Setting

2 DERSPEZIFISCHE R AHMEN DER GKT IN DER B EHANDLUNG VON T RAUMAFOLGEN
2.1 Psychische Traumatisierung
2.2 Belastungserfahrung und Stressreaktion: neurobiologische Grundlagen
2.3 Traumaspatfogestorung
2.4 Der Vorgang der Dissoziation
2.5 Taterintrojekte und ihre Funktion
2.5.1 Die Dissoziative Identitatsstorung
2.5.2 Taterintojekte
2.6 Der spezifische Rahmen der GKT bei der Arbeit mit Traumapatienten

3 DAS BIPOLARE PRINZIP DER TRAUMATHERAPIE UND DIE G RUNDLAGEN DER DREI PHASENT RAUMATHERAPIE
3.1 Das bipolare Prinzip
3.2 Das Toleranzfenster
3.3 Prozessfokussierung: Vom Was zum Wie

4 K unst- und G estaltungstherapie in der A rbeit mit T aterintrojekten
4.1 Taterintojekte in der Kunst und Gestaltungstherapie
4.2 Kunst- und Gestaltungsinterventionen in der Stabilisierungsphase
4.3 Kunst- und Gestaltungstherapie zur Arbeit in der Expositionsphase
4.4 Kunst- und Gestaltungstherapie in der Phase der Neuorientierung

5 FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

EINLEITUNG

Traumatisierte geraten in Situationen, die zum Leben nicht mehr geeignet sind - diese Formu- lierung impliziert folgende verdichtete Trauma-Definition: Mensch und Umwelt bilden keine Einheit mehr. Zum Begriff des psychischen Traumas ist noch eine weitere Bemerkung erfor- derlich: Trauma wird mittlerweile als emotionales Belastungsmaterial bezeichnet, denn im Kern enthalt das krankmachende psychische Material uberstarke unverarbeitete negative Emo- tionen oder Emotionskomplexe, die in ihrer Starke und ihren Folgen ein Kontinuum bilden. Die moderne Traumatherapie postuliert, dass Heilung ein selbstorganisatorischer biologischer Vor- gang ist, der durch Phasenubergange von dysfunktionalen zu funktionalen Ordnungsmustern erzeugt wird, wenn bestimmte Voraussetzungen erfullt sind. Psychotherapie stellt diese Bedin­gungen her. Ein Heilungsvorgang wird in der Traumatherapie oft auch als Transformationspro- zess bezeichnet: Das krankmachende Belastungsmaterial wird in gesundes, kreatives Material umgewandelt, transformiert.

Dass Bilder therapeutisch wirksam sein konnen, ist seit Langem bekannt: Innere und auBere Bilder wirken auf die Psyche und beeinflussen das Verhalten. In bildnerischen Therapien geht es von Anfang an um einen Gestaltungsvorgang, der in seiner bildnerischen Dynamik den emo- tionalen Zustand eines Menschen spiegelt und nicht zuletzt beeinflusst. Die meisten Erwachse- nen sind uberzeugt, nicht malen bzw. gestalten zu konnen, dabei gehoren Malen, Zeichnen und Gestalten zu den tief verankerten menschlichen Ausdrucksformen, wie auch Sprechen, Bewe- gen, Tanzen und Singen. Wird doch einmal die Hemmung zu gestalten aufgehoben, beginnt der Prozess, sich dem zu stellen, was man noch nicht weiB: Es entstehen Bilder, die uberraschen, beruhren, zum Nachdenken bringen und auch Neues in die Wege leiten konnen.

Die den kunsttherapeutischen Prozess und die Gestaltungen begleitenden Gefuhle sollen kom- petent, schonend und sorgfaltig gepruft werden, um zu lernen, mit dem Entstandenen und mit sich selbst achtsam und mitfuhlend umzugehen. Asthetisch-gestalterische Prozesse konnen bei ausreichender Verankerung in einem psychotherapeutischen Setting zu sogenannten psycholo- gischen Probehandlungen werden und in Form von Wahrnehmen und Gestalten eines astheti- schen Objekts unmittelbar heilsam auf Denken und Fuhlen wirken.

Ein zentrales Element aller Therapieformen und somit auch der Kunst- und Gestaltungstherapie ist die Stabilisierung - sie hat in der Behandlung von Traumaspatfolgestorungen einen beson- deren Stellenwert und fungiert in der Kunsttherapie als sichere Plattform, von der aus weitere therapeutische und gestalterische Schritte unternommen werden konnen: Da Kunsttherapie ganz allgemein als ressourcenorientierte Therapie betrachtet wird und die innerhalb der Thera- pie angebotenen Quellen und Kontexte asthetischer Erfahrung KlientInnen allesamt als Res- sourcen dienen, konnen kunsttherapeutische Interventionen wahrend der Stabilisierungsphase in der Traumabehandlung in besonderer Weise wirken. Im weiteren Verlauf der Therapie kon- nen auf der Ebene der Gestaltung therapeutische Themen in ihrer storungsspezifischen Proble- matik subtil exponiert und bearbeitet werden.

Man kann die Begegnungsmomente mit dem Gestaltungsprozess und den Gestaltungen auch als seelische Wachstumsvorgange definieren - sie sind in diesem Sinne nicht nur etwas Krea- tives, sondern machen auch kreativ. Das Erleben eines solchen seelischen Wachstumsvorgangs fuhrt in der Praxis zu kreativen Uberlegungen, welchen Gesetzen dieser Prozess folgt und wodurch er imitiert werden kann. Alles aus auBeren Eindracken oder aus der Innenwelt des Menschen entstehende seelische Material wird von unserem mentalen System selbstorganisa- torisch aktiv umgewandelt, umgeformt und transformiert (Plassmann 2013, S. 30-31). Den selbstorganisatorischen Prozessen von KlientInnen liegt im Kern ein bipolares Prinzip zu- grunde: Den negativen Pol bildet das unverarbeitete emotionale Belastungsmaterial, das aus schweren Konflikten und traumatischen Erfahrungen besteht, im positiven Pol versammeln sich die salutogenetischen, zur Selbstorganisation notigen, aber auch befahigten Personlichkeitsan- teile (Plassmann 2013, S. 36-38).

In der Traumatherapie mit Bildern kann das so bedeutsame Prinzip des bipolaren Arbeitens in den Vordergrund gestellt werden. Dabei geht es darum, Ressourcen- und Belastungsmaterial prasent zu haben und sich gleichzeitig zwischen beiden Seiten kontrolliert bewegen zu konnen. Traumatherapie mithilfe und begleitet von Bildern hat immer etwas Kreatives, Farbiges, Ange- reichertes: Jede (Kunst-)Therapiestunde ist ein neu zu schaffendes kleines Kunstwerk, das vor der Stunde noch nicht da gewesen ist; es treten Situationen auf, die es bisher noch nicht gab; wir wissen nicht, was als Nachstes kommt, und die Momente, in denen der kreative Prozess der Selbstorganisation einsetzt, sind von groBter Kostbarkeit.

In dieser Arbeit sollen zunachst die wichtigsten Behandlungsprinzipien, Entstehung und Wirk- samkeit der Kunst- und Gestaltungstherapie sowie deren Einsatzmoglichkeiten in der Behand- lung von Traumaspatfolgestorungen vorgestellt werden. Im weiteren Verlauf wird ein Thera- pieprozess mit fur eine traumaspezifische Behandlung typischen Behandlungselementen be- schrieben und die Moglichkeiten der Kunst- und Gestaltungstherapie dargestellt. Auch die kre- ativen, selbstorganisatorischen Prozesse, die in der Gestaltung und in der therapeutischen Be- gegnung mit KlientInnen entstehen und beobachtet werden, ihre Initiierung, Steuerung und Nutzung sind Gegenstand vorliegender Arbeit.

1 ALLGEMEINE UBERLEGUNGEN ZU DEN WIRKFAKTOREN DER KLINISCHEN KUNST- UND GESTALTUNGSTHERAPIE

1.1 Herkunft der kunstlerischen Therapie

Um kunsttherapeutische Prozesse untersuchen und beschreiben zu konnen, ist es notwendig, die moderne Kunst- und Gestaltungstherapie in ihrem Wesen, ihren Ansatzen, Einsatzfeldern und ihrer Entstehungsgeschichte zu erfassen.

Die Entwicklung der Kunst- und Gestaltungstherapie reicht weit zuruck: Kunst war schon im- mer ein Ausdruck innerer Welten des Menschen. Im Mittelalter waren die Kirche und weltliche Potentaten als Auftraggeber fur die Themen und die Erschaffung von Kunstwerken verantwort- lich und erst in der Zeit der Aufklarung ist das Individuum in der westlichen Kunst in den Mittelpunkt gestellt worden. Die Moderne befreite die Kunst weiter im Sinne eines personli­chen Ausdrucks innerer Bilder, Emotionen und Sichtweisen. Wahrend van Gogh seine psychi- schen Zustande eher impulsiv in seine Bilder einflieBen lieB, setzten andere KunstlerInnen, wie z. B. Niki de Saint Phalle, ihr Werk bewusst und gezielt zur Auseinandersetzung mit der eige- nen Vergangenheit ein. Einige KunstlerInnen begannen, sich mit dem Potenzial und den Wir- kungsweisen des kreativen Ausdrucks zu beschaftigen, und brachten ihre Erkenntnisse, dass die Kunst bzw. der kreativer Prozess innere seelische Zustande, Erinnerungen und Emotionen sichtbar macht und bei der Verarbeitung innerer Themen und Konflikte helfen kann, in die Offentlichkeit (Stoveken 2013, S. 12-13). Auch der Ansatz, zunachst erzieherisch, dann auch ansatzweise therapeutisch mit musisch-bildnerischen Mitteln zu arbeiten, ist seit der Aufkla- rung zu verzeichnen: Pestalozzi zitierte die Kunstkrafte des Kinds, Schiller pladierte fur eine asthetische Erziehung, durch die sich der heranwachsende Mensch „spielerisch-ganzheit- lich“ organisieren solle. Kinder sollen im Prozess der Erziehung „kunstgemaB“ erregt werden, um uber die Darbietung asthetischer Gegenstande eine Veredelung ihrer Gemutsbestimmungen und Geschmacksurteile zu erfahren. In der Klassik werden die Vorstellungen, was menschliche Natur ist (Goethe) oder sein soll (Schiller), von idealen Vorstellungen gepragt (Menzen 2016, S. 14).

In den damals so bezeichneten Irren- oder Idiotenastalten, den Psychiatrien und Anstalten far geistig verwirrte Menschen, ist schon seit dem frahen 19. Jahrhundert ein musisch-bildnerisch ausgerichteter beschaftigungstherapeutischer Ansatz zu vermerken. Damals wurde der abrei- tende Mensch vor allem im Hinblick auf seine Funktionsfahigkeit bewertet, so auch in den zeitgenossischen Psychiatrien. Arbeits-, Ergo-, Werk- und Beschaftigungstherapien sind von Anfang an auf die Funktionen von Korper und Geist bezogen und sollen das Arbeitsvermogen wiederherstellen. Im Verlauf der Zeit weisen diese Beschaftigungsformen den kanstlerischen Therapieverfahren ihren Platz: Die erste heilpadagogische Werkstatte von Deinhardt und Geor- gens (1861) wie auch eine der ersten Schulen far Beschaftigungstherapie, die „School of Civics and Philanthropy“ (1908) versuchen, die ausgefallenen Funktionen des arbeitenden Menschen mit kanstlerisch-gestalterischen Mitteln wiederherzustellen (Menzen 2016, S. 15).

In den entstehenden kanstlerischen Werkstatten im psychiatrischen Bereich entwickelte sich vor dem Ersten Weltkrieg eine Form der Beschaftigungstherapie, die die kanstlerische Tatigkeit zum „Cur-Mittel“ erklarte. Die erste Trennung zwischen Arbeits- und (Kunst-)Beschaftigungs- therapien grenzte Arbeits- und Aufraumarbeiten von kanstlerischen Tatigkeiten ab. Die kanst- lerischen Therapien realisierten im Rahmen der Behandlung eher schopferisch-musische, indi- vidualisierte und selbstzweckorientierte Aufgabestellungen. Arbeitstherapeutische MaBnah- men dagegen waren produktions-, leistungs- und zweckorientiert. Eine kanstlerische und kunst- handwerkliche Betatigung sahen Pinel und Reil (1803) far Patienten der gehobenen Schichten vor, wahrend die handwerklich-arbeitsprozessierte Betatigung der Wiedereingliederung der Pa- tienten der unteren Schichten dient. Der deutscher Psychiater Hans Prinzhorn begann 1919 in der Heidelberger Psychiatrie, Bilder psychisch kranker PatientInnen zu sammeln, um die kanst- lerischen Ausdrucksformen nicht nur der Kunstwelt zu prasentieren, sondern auch aus padago- gischer und psychologischer Sicht als Mittel far Diagnostik und Annaherung an innere, seeli- sche Prozesse zu etablieren. Wahrend die Kunstwelt von den ausdrucksstarken Bildern faszi- niertet war, reagierte die psychiatrische Fachwelt skeptisch und zurackhaltend (Stoveken 2013, S. 14).

Ein kreativ-gestaltungstherapeutischer Ansatz hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts entwi- ckelt und eine ahnliche zweckfreie bzw. zweckgebundene Orientierung erhalten wie die Ar- beits- und Beschaftigungstherapien. Seit den 1960er Jahren hat sich eine Version tiefenpsycho- logisch und analytisch orientierter Gestaltungstherapie etabliert, die sich als „Therapie mit bild- nerischen Mitteln auf tiefenpsychologischer Grundlage“ und als Erganzung verbal orientierter Psychotherapie durch den bildnerischen Ausdruck versteht. Sie beabsichtigt die spontane Aus- druckgestalt als Synthese von Innerem und AuBerem, initiiert den Kontakt und die Vermittlung zwischen Bewusstem und Unbewusstem in der sich symbolisch entwickelnden Kommunika- tion. Ein bedeutender Vordenker dieser Richtung war C. G. Jung, der sich die Welt des bildne- rischen Gestaltens fur seine Arbeit mit dem Unbewussten in der Psychotherapie zu eigen machte: Mit Jung wird angenommen, dass der Sinn des Symbols in dem Versuch besteht, das noch ganzlich Unbekannte und Unbewusste zu verdeutlichen. Im Vorgang des Symbolisierens konnen seelische Konflikte asthetisch-bildnerisch dokumentiert werden und das Unbewusste entwerfe im Symbol eine Vorstellung dessen, was eigentlich gemeint sei und nach Bewusst- werdung, nach Gestaltung strebe (Menzen 2016, S. 20).

1.2 Entwicklung der Kunsttherapie in Deutschland

Jungs Schulerin Jolande Jacobi hat das freie Malen zur Traumaarbeit mit in KZ traumatisierten Kindern angewendet, um die aus der Traumatisierung resultierende Sprachlosigkeit zu bearbei- ten. Karlfried Graf Durckheim hat ebenfalls kunsttherapeutische Interventionen in seine kor- perbezogenen Psychotherapien integriert und Gestaltung hat auch als wirkungsvolle Erganzung in den ganzheitlichen Ansatzen humanistischer Therapierichtungen wie bei Fritz Perls ihren Platz gefunden. Selbst die Psychoanalyse nach Sigmund Freud hat sich aus diagnostischen Grunden der Gestaltung bedient und die Anthroposophie Rudolf Steiners entwickelte eine ei- gene Form der Kunsttherapie, die das philosophische Weltbild des Grunders in ihre Wirkungs- weisen einbezog und eine Mischung aus padagogischen Ansatzen, esoterischen Glaubenssatzen und psychoanalytischen Erkenntnissen darstellte. Aus diesen und weiteren Stromungen entwi- ckelte sich die Kunst- und Gestaltungstherapie in Deutschland zu einem vielschichtigen Abbild der therapeutischen, padagogischen und kunstlerischen Richtungen (Stoveken 2013, S. 13-14).

1.3 WlRKUNGSWEISEN

Die zeitgenossische Kunsttherapie wird uberwiegend im klinisch-psychologischen und im re- habilitativen Bereich eingesetzt und zwar sowohl im stationaren als auch im ambulanten und komplementaren Kontext, um im therapeutischen Sinn seelische Storungen und Beschwerden zu heilen und zu lindern wie auch korperliche und geistige Fahigkeiten wiederherzustellen.

Zweck der therapeutischen Arbeit in der Kunst- und Gestaltungstherapie ist auch, Orientierung und Gefuhlslage der PatientInnen wiederherzustellen sowie Problem- und Leidenssituationen adaquat zu bearbeiten. Insofern geht es weniger um die Kunst als solche, sondern vielmehr um den therapeutischen Raum, innerhalb dessen die seelischen Prozesse und deren Bedeutungen und Veranderungen mit Mitteln der Kunst im Zentrum stehen (Menzen 2016, S. 23).

Die Wirkungsweisen der Kunst- und Gestaltungstherapie kann man aus unterschiedlichen Per- spektiven betrachten, im Allgemeinen werden die folgenden besprochen:

— Kunst- und Gestaltungstherapie nutzt alle Formen des kreativen menschlichen Ausdrucks, um die Personlichkeitsentwicklung zu fordern oder eine Heilung psychischer oder psy- chosomatischer Storungen zu bewirken.
— Kunsttherapeutische Interventionen erweitern die Wahrnehmungsfahigkeit des Men- schen fur die inneren und auBeren Prozesse, machen damit tiefere Zusammenhange sicht- bar und eroffnen neue Bedeutungen und Perspektiven.
— Kunst- und Gestaltungstherapie transportiert die innere Wirklichkeit nach auBen und macht sie damit wahrnehmbarer und (be)greifbarer, das bis dahin Verdrangte kann durch das offenbarende, kreative Schaffen neu entdeckt und verarbeitet werden.
— Durch die Gestaltung konnen Angst machende und damit auch das Verhalten bestim- mende innere Bilder aus der bewussten und unbewussten inneren Welt hervorgeholt und durch eine distanzierte Betrachtung emotional und kognitiv neu bewertet werden.
— Kunst- und Gestaltungstherapie nutzt den kreativen Ausdruck, der in der rechten Hirnhe- misphare wurzelt, um die Erinnerungsbilder und deren emotionale Bedeutungen nicht sprachlich zutage zu fordern, sodass Inneres ungefiltert und unbeeinflusst sichtbar, fuhl- bar und letztendlich horbar wird.
— Durch das kreative Schaffen im vorsprachlichen Raum sind Kommunikation und Aus- druck nonverbal moglich und dienen als Kanal fur angestaute Emotionen, Kognitionen und Erinnerungen.
— Kunst- und Gestaltungstherapie bietet einen sicheren Raum, um Handlungen, Gefuhle, neue Perspektiven und Wege auszuprobieren und sich im sicheren Rahmen kontrolliert und passend dosiert dem Belastungsmaterial anzunahern (Stoveken 2013, S. 16-24).
— In der Kunst- und Gestaltungstherapie werden mit kreativen Mitteln Ressourcen, Fahig- keiten und Motivationsebenen des/der KlientIn aktiviert, die im Sinne einer konstruktiven Veranderung genutzt werden konnen.
— Im therapeutischen Gestaltungsprozess wird das aktuelle Problem symbolisiert und im „Dritten Raum“ der symbolischen Inszenierung erlebt und bearbeitet. Insbesondere las­sen sich sehr bedrohliche und destruktive Anteile im „Dritten Raum/Ubergangs- raum“ sehr gut ausdrucken, ohne dass der/die KlientIn oder die therapeutische Situation gefahrdet wird (Bolle 2016, S. 46).

Die Intention der bildenden Kunst ist zwingend von der Intention der Heilkunst zu unterschei- den: Die therapeutische Funktion der Kunst resultiert nicht aus der bildenden Kunst, sondern aus den Kriterien der Heilkunst, die unter den diversen kunstlerischen Positionen die therapeu- tisch nutzbaren herausgreifen. In der Kunst- und Gestaltungstherapie schafft der/die KlientIn im Beziehungsfeld zum/r TherapeutIn innere und auBere Werke, deren BetrachterIn KlientIn und TherapeutIn sind. Die erschaffenen Werke sollen vor allem dem/r KlientIn einen Nutzen bringen, auch wenn beide BetrachterInnen davon beruhrt und beeinflusst werden. In der Kunst- und Gestaltungstherapie sollen insofern keine Kunstwerke entstehen, sondern Herangehens- weisen, Ausdrucksmoglichkeiten und Handlungsstrategien entwickelt werden. Die entstande- nen Werke sollen innere und auBere Prozesse abbilden und reflektieren (Bolle 2016, S. 39).

1.4 Kunsttherapeutische Ausrichtungen

Es haben sich drei praktische Perspektiven der Kunsttherapie herauskristallisiert: eine klinisch- neurologische, eine heilpadagogisch-rehabilitative und eine psychiatrisch orientierte.

Die klinisch-neurologische und die heilpadagogisch-rehabilitative Kunsttherapie versuchen vor allem, die Selbsterlebens- und -erfahrensformen des geistig und/oder korperlich behinder- ten Menschen wiederherzustellen und/oder zu kompensieren. Die psychosomatische, zuneh- mend auch traumatherapeutisch orientierte Kunsttherapie hat als Ziel, das Selbsterleben der Betroffenen, die Belastungen, die sich nicht selten auf der somatischen Ebene sehr leidensvoll manifestieren, bildnerisch auszudrucken und dadurch aus Erstarrungen zu losen und in eine kreative Transformation zu bringen. Es geht um die innere wie die auBere Form des Erlebten und dessen bildnerische Darstellung. Das Erlebte soll beispielsweise in der traumatherapeuti- schen Behandlung nach einer Phase der Stabilisierung (u. a. mithilfe der Gestaltungsinterven- tionen) in der Traumaexposition eine greifbare und sichere Form erhalten. In der psychiatrisch orientierten Kunsttherapie geht es noch deutlicher als in der psychosomatischen Kunsttherapie um die Formen angesichts erschutterter und gefahrdeter Ich-Instanzen misslingenden sozialen Alltagsgeschehens. Haufig ist das leidensvolle dissoziative und identitatsgestorte Erleben des Patienten Ausgangspunkt der Kunsttherapie. Das Thema Beziehung ist in der Form der Thera- pie sehr zentral: Wer soziale Beziehungen nur sehr verwirrend oder gewaltformig erlebt hat, dem kann die Kunsttherapie helfen, Beziehungen neu zu gestalten und fassbar zu machen. In der Folge wird die strukturierte Beziehung, die den/die TherapeutIn und den/die PatientIn durch das Medium der Gestaltung miteinander verbindet, zur Basis fur eine neue Bewertung des Kon- takts und der Bindung (Menzen 2016, S. 24).

Bezuglich der Fachausrichtung bzw. Konzeption lassen sich grob folgende Richtungen unter- scheiden:

Analytisch orientierte Kunsttherapie stellt die unbewussten Anteile der Psyche in den Mittel- punkt, die durch das kreative Schaffen und das entstandene Produkt zum Vorschein gebracht werden. Den in der Gestaltung auftretenden Symbolen werden bestimmte Bedeutungen zuge- ordnet und das bildnerische Material dient der Aufdeckung und Einordnung durch den/die The- rapeutIn.

Anthroposophisch orientierte Kunsttherapie zielt darauf ab, die Selbstheilungskrafte des Men- schen durch die Wirkung der Farben, Formen, Bewegungen und Tone und eine vorgegebene Anleitung zu initiieren. Im Vordergrund steht der unkommentierte kreative Gestaltungsprozess. Humanistisch orientierte Kunsttherapie soll das affektive Erleben aktivieren, um das fruh ver- drangte und blockierte Material bewusst werden zu lassen und durch das Verstehen in die Ge- genwart zu integrieren. Der kreative Prozess steht mit den aufdeckenden und weiterverarbei- tenden Moglichkeiten im Vordergrund. Der Mensch wird in seinen Affekten, Kognitionen und somatischen Zusammenhangen immer als Ganzes gesehen. Der kreative Prozess der Gestaltung und das Produkt werden gemeinsam durch KlientIn und TherapeutIn mit Bedeutung versehen (Stoveken 2013, S. 14-15).

Tiefenpsychologisch fundierte Kunst- und Gestaltungstherapie nutzt kreative Ausdrucksformen zur Aufdeckung innerer Konflikte und zu deren Bearbeitung: Die asthetische Produktion soll verdrangte Affekte freisetzten, eine Bewaltigung von Konfliktspannungen durch Reduktion und Abfuhr von Triebenergie in die Wege leiten und damit eine affektive Entlastung herbei- fuhren. Das asthetische Gestalten ermoglicht den Austausch des Triebobjekts unter Beibehal- tung der Triebziele (Sublimation) und hilft dadurch, nicht sozialisierte Impulse zu bewaltigen. Der tiefenpsychologische Ansatz der Kunsttherapie wird in privater und klinischer Praxis an- gewendet und ist mit anderen, z. B. verhaltenstherapeutischen, familientherapeutischen und systemtherapeutischen Ansatzen, sehr gut kombinierbar. Das asthetische Produkt und dessen Besprechung gehoren zu diesem Methodenkreis (Menzen 2016, S. 22).

1.5 Aus der Praxis: Rahmenbedingungen und Setting

Der ideale Rahmen fur die kreativen Prozesse der Kunst- und Gestaltungstherapie ist das eigens dafur eingerichtete, immer gleichbleibende Atelier, das folgenden Kriterien entsprechen sollte: Damit sich KlientInnen auf den Gestaltungsprozess konzentrieren konnen, ist es wichtig, dass sie nicht von auBen abgelenkt werden. Die Raume sollen moglichst akustisch storungsfrei sein. Das Betreten des Ateliers wahrend der Gestaltung soil far auBenstehende Personen nicht mog- lich sein, um einen Bruch der geschutzten Atmosphare zu vermeiden. Ein Ruhebereich far nachfolgende Gesprache ist eine gute Erganzung des Kreativbereichs. Die Raume sollen mog- lichst Tageslicht bieten und far die dunklen Stunden eine Beleuchtung mit gleichmaBig hellem Licht, idealerweise dimmbare Lampen far die Ruhe- und Visualisierungsphasen.

Material ermoglicht Handlung, Ausdruck, Prozess, Wahrnehmung, Erkennen, Erkundung. In der Kunst- und Gestaltungstherapie spielt Material deshalb far die Gestaltung eine wesentliche Rolle, wobei mit einem erweiterten Begriff far Material gearbeitet wird: Darunter versteht man alles, was innere Bilder, (noch) Unaussprechbares, Inneres, Undenkbares als Gestaltung/Pro- dukt fahlbar, ausdrackbar und wahrnehmbar macht. Ein breites Spektrum an Materialien und Werkzeugen bedeutet gleichzeitig ein breites Spektrum an Moglichkeiten, Menschen individu- ell zu erreichen. Unterschiedliche Materialien eroffnen vielseitige Erlebensraume, jedes Mate­rial ermoglicht eine andere Art des Erlebens und Ausprobierens, Veranderns, Begreifens und Korrigierens.

Die kunsttherapeutische Beziehung wirkt innerhalb des vereinbarten Rahmens in einem klaren, strukturierten, respektvollen und empathischen therapeutischen Setting, in dem die KlientInnen mit einer wertoffenen Begegnung, einer achtsamen Begleitung und einer verbindlichen Bezie- hungsgestaltung rechnen konnen. Weitere wesentliche Werte in der Begegnung mit KlientIn- nen sind:

— Respektierung der Lebensgeschichte und der daraus resultierenden Individualitat,
— Kongruenz und Transparenz in der Beziehungsgestaltung und der gemeinsamen Arbeit,
— KlientInnen-Zentrierung im Prozess der Gestaltung,
— Vertraulichkeit in der Arbeit.

Kunsttherapeutisches Setting: Erstgesprache ermoglichen ein erstes Erfahren und Skizzieren der individuelleren Bedarfnisse, Anliegen und Themen der KlientInnen sowie ein gemeinsames Einschatzen und Festlegen geeigneter therapeutischer Ziele und Rahmenbedingungen. Im Erst- gesprach konnen erste Einblicke in die kunst- und gestaltungstherapeutische Arbeitsweise, In- formationen zu Wirkung, Theorie und Ethikrichtlinien gegeben sowie klare Vereinbarungen bezaglich Ort, Kosten, Bezahlung und Absageregelungen getroffen werden.

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Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Kunst- und Gestaltungstherapie in der Behandlung von Traumaspätfolgestörungen
Untertitel
Das bipolare Arbeiten mit Täterintrojekten
Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
35
Katalognummer
V520812
ISBN (eBook)
9783346124760
ISBN (Buch)
9783346124777
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tiefenpsychologie, Kunsttherapie, Trauma, Täterintrojekte, Gestaltungtherapie
Arbeit zitieren
Ewa Katarzyna Budna (Autor), 2018, Kunst- und Gestaltungstherapie in der Behandlung von Traumaspätfolgestörungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/520812

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