Ziel dieser wissenschaftlichen Ausarbeitung ist die Darstellung und kritische Untersuchung von Hannah Arendts Machtbegriff, der Versuch einer Begriffsbestimmung von Macht sowie eine gleichzeitige Abgrenzung von dem Phänomen der Gewalt.
„Was niemals aus den Gewehrläufen kommt, ist Macht.“ Diese These spiegelt Hannah Arendts soziologische Anschauung zur Trennung von Macht und Gewalt deutlich wider. Mit ihrem rebellischen Statement, „Macht und Gewalt sind Gegensätze: wo die eine absolut herrscht, ist die andere nicht vorhanden“, nimmt sie als Befürworterin eines separierenden Macht- und Gewaltbegriffs bis heute eine Sonderstellung in der politischen Philosophie ein.
Arendt distanziert sich radikal von dem traditionell etablierten Modell der Macht, bei dem die Phänomene Macht und Gewalt aufgrund ihrer begriffshistorischen Verknüpfung oft synonym verwendet werden. Sie bricht in ihrem politischen Konzept mit den klassischen Ansichten über die Einheit von Macht und Gewalt, indem sie die Gewalt vollständig von dem Begriff der Macht isoliert und als eine apolitische Erscheinung deklariert. Ihre Ideentheorie findet sich so in kaum einer anderen wissenschaftlichen Studie wieder.
Während im Übrigen fast einstimmig von einem Zusammenhang von Macht und Gewalt ausgegangen wird, definiert doch jeder Philosoph und Denker seinen eigenen Machtbegriff. Hannah Arendts Ansichten zur Macht zeichnen sich dabei vor allem durch ihre provokanten Thesen aus. Sie stellt sich quer zu den verbreiteten Auffassungen. Aus diesem Grund fällt die Zuordnung der politischen Denkerin zu einer philosophischen Strömung schwer, besonders da sie selbst den Begriff der Philosophin ablehnt und die Berufsbezeichnung politische Theorie präferiert.
Inhaltsverzeichnis
A. Einführung
B. Macht und Gewalt – Versuch einer Begriffsbestimmung und Begriffsabgrenzung
I. Die klassische Verknüpfung von Macht und Gewalt
II. Hannah Arendts moderne Vorstellung über die Trennung von Macht und Gewalt
1. Macht als Ergebnis kommunikativen Handelns
2. Gewalt als apolitische Erscheinungsform mit instrumentalem Charakter
3. Das Zusammenspiel von Macht und Gewalt in der Politik
C. Bewertung von Arendts Theorie der Macht
I. Chancen von Arendts Macht- und Gewaltverständnis
II. Grenzen von Arendts Macht- und Gewaltverständnis
D. Resümee
E. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit setzt sich kritisch mit Hannah Arendts radikaler Trennung von Macht und Gewalt auseinander. Ziel ist es, ihr theoretisches Konzept, welches Macht als kommunikatives Handeln und Gewalt als instrumentale, apolitische Kraft definiert, einer wissenschaftlichen Untersuchung hinsichtlich seiner Chancen und Grenzen in der politischen Realität zu unterziehen.
- Grundlagen der klassischen Machttheorien und Arendts Gegenentwurf
- Die begriffliche Separierung von Macht und Gewalt
- Kritische Analyse der theoretischen Vor- und Nachteile von Arendts Modell
- Praxisgehalt der Theorie anhand aktueller politischer Phänomene
Auszug aus dem Buch
1. Macht als Ergebnis kommunikativen Handelns
Hannah Arendt greift am Anfang ihrer Ausführungen das Zitat von Alexander Passerin d`Entrèves, einem italienischen Rechtsphilosophen, auf, der ihrer Meinung nach der einzige Autor ist, „[…] der es für der Mühe wert hält, zwischen Gewalt und Macht zu unterscheiden.“ Seiner Meinung nach, und das ist der Aufhänger für Arendts Kritik am traditionellen Modell, wäre es dann unmöglich zu differenzieren zwischen dem Befehl eines Polizisten und dem eines bewaffneten Kriminellen, wenn es „ […] keine größere Macht [gäbe], als die, welche ‚aus den Gewehrläufen kommt‘.“
Das Phänomen der Macht besteht für Arendt nicht im „Verhältnis zwischen Befehlenden und Gehorchenden“, sondern liegt in der Fähigkeit, sich mit anderen zusammenzuschließen und gemeinsam als eine Gruppe oder Organisation zu handeln. Gemeint sind hier vor allem die sogenannten „Sprechhandlungen“. Diese sind so konzipiert, dass sie die nicht berechenbaren, normalen Geschehnisse in geregelte Bahnen führen und strukturieren. Paradebeispiele solcher Sprechhandlungen sind Versprechen innerhalb der Gruppenmitglieder einer staatlichen Gemeinschaft, die ihre politischen Erscheinungsformen in Abkommen und Verträgen finden. Nach vorstehender Theorie ist diese Macht jedoch stets an die betreffende Gruppe gebunden. Ein Einzelner kann somit nach Arendts Auffassung niemals über Macht verfügen. Vielmehr ist diese abhängig von der Zahl der Mitglieder der handelnden Gemeinschaft.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einführung: Die Einleitung erläutert Arendts Abkehr vom klassischen Machtverständnis und führt in die zentrale Forschungsfrage der Arbeit ein.
B. Macht und Gewalt – Versuch einer Begriffsbestimmung und Begriffsabgrenzung: Dieses Kapitel analysiert die historische Verknüpfung von Macht und Gewalt und stellt Hannah Arendts modernen, separierenden Ansatz detailliert dar.
C. Bewertung von Arendts Theorie der Macht: Hier erfolgt eine kritische Abwägung der Chancen und Grenzen des Arendt’schen Modells unter Einbeziehung wissenschaftlicher Kontroversen.
D. Resümee: Das Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse der Untersuchung zusammen und hinterfragt die Umsetzbarkeit der theoretischen Trennung in der Praxis.
E. Ausblick: Der abschließende Teil beleuchtet am Beispiel der "Fridays for Future"-Bewegung, wie sich Arendts Theorie auf aktuelle politische Phänomene anwenden lässt.
Schlüsselwörter
Hannah Arendt, Macht, Gewalt, Machttheorie, Politische Philosophie, Kommunikation, Herrschaft, Instrumentalisierung, Politik, Sprechhandlung, Soziologie, Trennungsprinzip, Gewaltfreiheit, Staatssoziologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch die philosophische Trennung von Macht und Gewalt durch Hannah Arendt und vergleicht diese mit traditionellen Machttheorien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Definition von Macht als kommunikatives Handeln, die Analyse von Gewalt als instrumentales Mittel sowie die kritische Reflexion dieser Konzepte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Darstellung und kritische Untersuchung von Arendts Machtbegriff sowie der Versuch, diese Theorie durch eine Abgrenzung vom Gewaltbegriff in der politischen Praxis zu evaluieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine analytische Literaturarbeit, die theoretische Konzepte mittels Fachliteratur und dem Diskurs anderer Philosophen auf den Prüfstand stellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des klassischen Verknüpfungsmodells, Arendts modernes Modell sowie eine detaillierte Gegenüberstellung von Pro- und Contra-Argumenten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Machtbegriff, Arendt, politische Handlungsfähigkeit, Gewaltfreie Politik und Herrschaftstheorien geprägt.
Wie definiert Arendt den Unterschied zwischen Macht und Gewalt?
Macht ist für Arendt das Ergebnis von gemeinschaftlichem, kommunikativem Handeln, während Gewalt ein instrumentales, physisches Mittel darstellt, das apolitisch ist und keine Macht erschaffen kann.
Warum wird im Ausblick Greta Thunberg als Beispiel herangezogen?
Thunberg dient als Sonderfall, um zu prüfen, ob ihre weitgehend gewaltfreie politische Bewegung als Beispiel für eine "reine" Machtform im Sinne Arendts gedeutet werden kann.
- Citation du texte
- Lukas Heldmann (Auteur), 2020, „Was niemals aus den Gewehrläufen kommt, ist Macht". Macht und Gewalt bei Hannah Arendt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/520982