Satzmodi und (indirekte) Sprechakte im Spanischen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

24 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

4. Die Sprechakttheorie
4.1. Philosophische Hintergründe
4.2. Assertion und Konstatierung
4.3. Illokution
4.4. Indirekte Sprechakte

2. Modus und Modalität

3. Satzmodi und ihre Beziehung zu Sprechakten

5. Implikaturen
5.1. Konversationale Implikaturen

6. Schluss

7. Literatur

1. Einleitung

Wenn ein Diplomat „ja“ sagt, meine er „vielleicht“; wenn er „vielleicht“ sagt, meint er „nein“; und wenn er „nein“ sagt, ist er kein Diplomat. Wenn eine Dame „nein“ sagt, meint sie „vielleicht“; wenn sie „vielleicht“ sagt, meint sie „ja“; und wenn sie „ja“ sagt, ist sie keine Dame. (Voltaire)[1]

Sprechakte [2] sind in der sprachwissenschaftlichen Forschung seit circa 50 Jahren ein Begriff, beginnend mit der von John L. Austin 1955 erstmals vorgestellten Theorie (Mit seinem „How To Do Things With Words“[3] veränderte er die bis dahin geltende Haltung der Sprachforschung, bei der die Verifizierbarkeit von Äußerungen der zentrale Faktor gewesen waren, maßgeblich), die zunächst von John Searle und später von Paul H. Grice in Bezug auf indirekte Sprechakte und Implikatur weiterentwickelt wurde. Heute sind Sprechakte ein bedeutender Teilbereich verschiedener Bereiche der Sprachwissenschaft, vorrangig der Pragmatik.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Sprechakten und ihrer Verbindung zu Satzmodi mit besonderem Augenmerk auf indirekten Sprechakten – allgemein und speziell im Spanischen. Um das Konzept der indirekten Sprechakte zu umreißen, soll zuerst auf Austins allgemeine Sprechakttheorie – aus Sicht Stephen C. Levinsons[4] –eingegangen werden. Dabei werden die philosophischen Hintergründe der Sprechakttheorie beleuchtet – wie beispielsweise frühe Versuche der Klassifikation scheinbar „bedeutungsloser“ Aussagen wie die Doktrin des logischen Positivismus –, um später auf den Begriff der Illokution [5] und schließlich auf die indirekten Sprechakte einzugehen. Ausgangspunkt ist dabei John R. Searles 1975 in „Syntax and Semantics, Vol.3“ vorgestellter Aufsatz über indirekte Sprechakte, der 1979 in seinem Werk „Expression and Meaning“[6] veröffentlicht wurde.

Um auf den Zusammenhang zwischen Satzmodi und Sprechakten eingehen zu können, müssen zunächst die Begriffe Modus und Modalität im Allgemeinen geklärt werden, um dann auf das Konzept der Satzmodi im Speziellen einzugehen. Dabei orientiert sich diese Arbeit vorrangig an den Theorien Peter Schifkos in „Subjonctif und subjuntivo“[7] aus dem Jahre 1967. Zuletzt soll auf die von Grice 1967 ausgearbeitete Theorie der Implikaturen – ausgehend von seinem eigenen Werk „Logic and Conversation“[8] sowie den Überlegungen von Eckard Rolf[9] – eingegangen werden. Durch sie ergänzte Grice Searles Theorien um einige wichtige Punkte: Searle erklärte indirekte Sprechakte mit sprechakttheoretischen Prinzipien und Gesprächsrekonstruktionen, während Grice sich mit den allgemeinen Konversationsprinzipien beschäftigte, auf denen Kommunikation basiert. Anhand von Beispielen aus der spanischen Sprache soll diese Arbeit zeigen, welche Besonderheiten im Vergleich zu anderen Sprachen im romanischen Raum und speziell im Spanischen bezüglich der Sprechakttheorie auftreten.

4. Die Sprechakttheorie

Searle nennt fünf Kategorien von Sprechakten:

- assertive Sprechakte (Sachverhalt wird behauptet oder versichert; typische Verben: decir, asegurar, concluir, afirmar),
- direktive Sprechakte (Handlungen des Empfängers sollen bewirkt werden: preguntar, ordenar, ofrecer, pedir),
- kommissive Sprechakte (Sprecher legt sich auf bestimmte Handlungen fest oder weigert sich: prometer, garantizar, aceptar, rechazar)
- expressive Sprechakte (Psychischer Zustand wie etwa Dankbarkeit wird ausgedrückt: agradecer, felicitar) und
- Deklarationen (konkret mit der Äußerung verbundene Änderungen werden bewirkt, siehe nächster Abschnitt: bautizar, condenar, definir, declarar).[10]

Sprechakte kann man nicht nach den Kriterien wahr oder falsch beurteilen, sondern danach, ob sie erfolgreich sind oder nicht, wie im nächsten Abschnitt näher erläutert.[11]

4.1. Philosophische Hintergründe

In den 1930er-Jahren entstand, was Levinson als einen „philosophischen Exzess“[12] bezeichnet: Die Doktrin des logischen Positivismus. Sie legte fest, dass eine nicht verifizierbare Aussage – also eine, die nicht darauf geprüft werden kann, ob sie wahr oder falsch ist – streng genommen bedeutungslos sei. Nach dieser Definition wurden die meisten Aussagen in der alltäglichen Kommunikation bedeutungslos. Sprachphilosophen wie Ludwig Wittgenstein, der die Bewegung ursprünglich selbst mit beeinflusst hatte, kritisierten diese Haltung später. In seinen „philosophischen Untersuchungen“ postulierte er Ende der 1950er-Jahre: „Bedeutung ist Gebrauch“ und bestand darauf, dass Äußerungen nur im Zusammenhang mit den Aktivitäten beziehungsweise Sprachspielen, zu erklären seien, in denen sie eine Rolle spielen.[13]

Zur gleichen Zeit veröffentlichte Austin seine Theorie der Sprechakte. Ähnlich wie Wittgenstein behauptete er: „the total speech act in the total speech situation is the only actual phenomenon which, in the last resort, we are engaged in elucidating“[14].

Aus seiner Arbeit geht hervor, dass viele deklarative Aussagen, die im Alltag getätigt werden, keinen Anspruch auf Verifizierbarkeit erheben – das heißt, sie sind nicht darauf ausgelegt, wahr oder falsch zu sein:

- Te apuesto cinco euros a que manana va a llover.
- Bautizo este barco Queen Elizabeth .
- Declaro la guerra a Sansibar.
- Te lo prometo.
- Quiero disculparme.

Bei diesen Sätzen fällt auf, dass sie alle mit bestimmten Aktivitäten verbunden sind und sich somit nach ihrer Äußerung etwas verändert. Aus diesem Grund können sie auch nicht als wahr oder falsch empfunden werden: auf den Satz Declaro la guerra a Sansibar kann kaum mit Es cierto oder No es verdad geantwortet werden. Äußerungen wie denen im obigen Beispiel gibt Austin deshalb die Bezeichnung Performative und stellt sie Aussagen, Behauptungen und ähnlichen Äußerungen gegenüber, die er Konstative nennt. Obwohl Performative nicht als wahr oder falsch bewertet werden können, kann es dennoch vorkommen, dass sie nicht gelingen. So kann die Äußerung zur Schiffstaufe schief gehen, wenn der Sprecher nicht derjenige ist, der mit der Schiffstaufe beauftragt ist, wenn das Schiff bereits getauft wurde, oder wenn die nötigen Utensilien dazu fehlen. Aus diesem Grund gibt Austin verschiedene Bedingungen vor, die zum Gelingen eines Performativs notwendig sind:

- Eine konventionelle Prozedur mit konventioneller Auswirkung muss vorhanden sein, und die Umstände sowie die beteiligten Personen müssen den Vorgaben dieser Prozedur entsprechen.
- Die Prozedur muss korrekt und vollständig ausgeführt werden.
- Die beteiligten Personen müssen oft die Gedanken, Gefühle und Absichten haben, die die Prozedur verlangt, und wenn eine bestimmte Verhaltensweise vorgegeben ist, müssen die jeweiligen Parteien in ihrem Verhalten dieser Vorgabe entsprechen.

Beispielsweise kann ein spanischer Staatsbürger zwar zu seiner Frau sagen: Con esto me divorcio de ti. Da es aber in Spanien keine Prozedur gibt, die besagt, dass eine rechtsgültige Scheidung mit dieser Äußerung bewirkt werden kann, muss sie scheitern. In manchen muslimischen Kulturen ist es jedoch möglich, eine Scheidung mit der dreimaligen Wiederholung dieses Satzes zu bewirken; dort gibt es also eine solche Prozedur. Darüber hinaus gibt es weitere Faktoren, um Performative erfolgreich sein zu lassen: Um die Prozedur einer Wette zu vollenden, muss ein Gegenüber auf obiges erstes Beispiel die Wette annehmen; bei einer Hochzeit müssen alle Beteiligten an der Zeremonie die richtigen Worte formulieren, und so weiter. Performative können also als eine besondere Art von Zeremonie aufgefasst werden.

Levinsons Beobachtung zufolge geht Austin allerdings im Laufe seines Werks „How To Do Things With Words“ immer weiter bis zu dem Punkt, an dem er festlegt, dass es eine allgemeine Klasse performativer Äußerungen gibt, die sowohl die explizit performativen (die bisher erwähnten) wie auch die implizit performativen (praktisch alle anderen) Äußerungen beinhaltet. Außerdem beobachtet Levinson einen Wandel von der Unterscheidung in Performative/Konstative zu der allgemeineren Theorie der illokutionären Akte, die Performative und Konstative lediglich als eine Art Unterkategorien versteht.[15]

[...]


[1] Zit. nach Roland Posner: „Bedeutung und Gebrauch der Satzverknüpfer in den natürlichen Sprachen“, in: Grewendorf, G. (Hg.) (1979): Sprechakttheorie und Semantik, Frankfurt/Main, 345.

[2] „Die Sprechakttheorie basiert auf der Annahme, dass man mit einer Aussage nicht nur Sachverhalte beschreiben oder Tatsachen behaupten kann, sondern dass die meisten sprachlichen Äußerungen dazu dienen, echte kommunikative Handlungen zu vollziehen, um damit insbesondere einen Einfluss auf seine Umwelt auszuüben.“ Definition nach http://de.wikipedia.org/wiki/Sprechakt.

[3] John L. Austin (1963): How to Do Things with Words (Reprint of William James Lectures delivered at Harvard University 1955), Oxford.

[4] Stephen C. Levinson (1983): Pragmatics, Cambridge.

[5] „Der illokutionäre Akt ist die Ausrichtung auf ein kommunikatives Ziel hin. Hier kommt der Handlungsaspekt des Sprechaktes zum Tragen, d.h. wie ist eine Aussage gemeint, als Feststellung oder als Warnung?“, Definition nach http://de.wikipedia.org/wiki/Illokution.

[6] John R. Searle (1979): Expression and Meaning. Studies in the Theory of Speech Acts, Cambridge.

[7] Schifko, Peter (1967): Subjonctif und subjuntivo. Zum Gebrauch des Konjunktivs im Französischen und Spanischen. Wien/Stuttgart, 6.

[8] H. Paul Grice: „Logic and Conversation”, in: ders. (Hg.) (1989): Studies in the Way of Words, Cambridge.

[9] Eckard Rolf (1994): Sagen und Meinen. Paul Grices Theorie der Konversations-Implikaturen, Opladen.

[10] Definition durch Searle, nach http://hauber.ws/teaching/courses/2003w/tm2/misc/illokution.jsp.

[11] Wüest (1989), 84‑87.

[12] Levinson (1983), 227.

[13] Ebd.

[14] Austin zit. nach ebd.

[15] Ebd., 228-231.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Satzmodi und (indirekte) Sprechakte im Spanischen
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar: Spanisch-Portugiesischer Grammatikvergleich
Note
1,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V52154
ISBN (eBook)
9783638479387
ISBN (Buch)
9783638661997
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Satzmodi, Sprechakte, Spanischen, Hauptseminar, Spanisch-Portugiesischer, Grammatikvergleich
Arbeit zitieren
Antje Lehmann (Autor), 2005, Satzmodi und (indirekte) Sprechakte im Spanischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52154

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