Probleme mit Befragung und des Befragtenverhaltens bei der Erhebung von Daten für ego-zentrierte Netzwerke


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

31 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Ziel und Vorgehen

2. Einführung: Was ist Netzwerkanalyse ?

3. Das ego-zentrierte Netzwerk:
3.1. Namensgeneratoren
3.2. Reliabilität und Validität von Namensgeneratoren
3.3. Das Burt-Instrument und das Fischer-Instrument
3.4. Vergleich von Burt- und Fischer-Instrument und deren Auswirkungen auf Befragung

4. Genauigkeit von Befragtenangaben:
4.1. Aufgaben des Befragten
4.2. Abhängigkeit von Erinnerungsfähigkeit
4.3. Abhängigkeit von sozialer Wahrnehmung
4.4. Wahrnehmung von Freundschaftsbeziehungen

5. Abschliessende Worte

6. Literaturangaben

1. Ziel und Vorgehen:

Ziel der vorliegenden Arbeit soll sein, einen Ausschnitt und damit einen Einblick in den Bereich der Probleme mit Befragung und beim Befragtenverhalten zu geben, die bei der Erhebung von Daten für die ego-zentrierte Netzwerkanalyse auftreten können. Deshalb werde ich als erstes versuchen darzustellen, was die Netzwerkanalyse ausmacht (Abschnitt 2.). Darauf folgend wird die ego-zentrierte Netzwerkanalyse vorgestellt (Abschnitt 3.). Danach werde ich auf die zentralen Erhebungsinstrumente der ego-zentrierten Netzwerkanalyse, die Namensgeneratoren und Namensinterpretatoren, eingehen (Abschnitt 3.1) und einen Ausschnitt der über sie geführten Diskussion, betreffend ihrer Validität und Reliabilität präsentieren (Abschnitt 3.2.) Zum praktischen Verständnis werde ich die „grössten“ Stellvertreter dieser Erhebungsinstrumente kurz skizzieren (Abschnitt 3.3.) und dann vergleichenderweise auf deren Auswirkungen auf die Reliabilität und Validität von den mit ihnen erhobenen Netzwerkdaten eingehen (Abschnitt 3.4.).

Das die Genauigkeit der Angaben von Befragten auch in diesem Bereich der Sozialforschung eine bedeutende Rolle spielen, wird darauffolgend gezeigt (Abschnitt 4.). Die Anforderungen an die Daten für eine strukturelle Analyse stellen den Befragten vor schwierige Aufgaben (Abschnitt 4.1.) und die Forscher vor zusätzliche Probleme, die es zu verstehen und zu lösen gilt. Besonders wichtig erscheinen in der ego-zentrierten Netzwerkanalyse die Erinnerungsfähigkeit und die Wahrnehmung von sozialen Beziehungen. Deshalb möchte in Abschnitt 4.2. und 4.3. diese erläutern und dann exemplarisch auf die Wahrnehmung von Freundschaftsbeziehungen anhand einer Studie von Carley und Krackhardt (1996) eingehen (Abschnitt 4.4.).

In Abschnitt 5. werden Schlüsse aus den betrachteten Forschungsergebnissen gezogen.

2. Einführung: Was ist Netzwerkanalyse ?

Wie die konventionelle Sozialforschung geht auch die Netzwerkanalyse davon aus, das Sozialstrukturen mehr sind als die Summe ihrer Teile.

Die Netzwerkanalyse soll dazu beitragen, eine Verbindung von Mikro- und Makrosoziologie herzustellen und eine Erweiterung der Analyse gesellschaftlicher Strukturen zu ermöglichen. Um diese Ziel zu erreichen, wird sie für die Erklärung individuellen und kooperativen Handelns sowie für die Entstehung bzw. Veränderung von Strukturen herangezogen. Strukturen werden dabei als wesentliche soziale Eigenschaften begriffen und formal beschrieben.

Die Netzwerkanalyse erlaubt es, zusammengesetzte und intern strukturierte Einheiten mit ihren emergenten, "systemischen" Eigenschaften zu beschreiben. Diese ergeben sich aus dem Beziehungsmuster der Elemente. Die Beziehung eines Netzwerkelements zu anderen Elementen des Netzwerks und die Einbettung des jeweiligen Netzwerkelements in eine Struktur sind somit die fokalen Untersuchungsgegenstände.

Strukturelle Analyse selbst impliziert, dass man aus den Beziehungsnetzen der Akteure eines Netzwerks abstrakte Sozialstrukturen, Rollen- und Positionsgefüge auf der Ebene von Gruppen, Organisationen oder Gesellschaften ableiten kann.

Akteure können Individuen, Gruppen, Institutionen oder ganze Gesellschaften sein.

Dabei muss ein soziales Netzwerk nicht identisch mit einer sozialen Gruppe sein, das heisst, dass klare Grenzen der Zugehörigkeit (, wie deskriptive oder askriptive Merkmale,) nicht vorhanden sein müssen.

Grob lassen sich untersuchte Akteure in Individuen und Kollektive einteilen. Individuen können absolute, relationale, komparative und kontextuelle Merkmale zugewiesen werden. Kollektive können analytische (aus absoluten Merkmalen der Kollektivmitglieder errechenbar), strukturelle (die sich aus den relationalen Eigenschaften der Kollektivelemente errechnen lassen) und globale (die nicht auf die Merkmale der Mitglieder zurückgeführt werden können) Eigenschaften zugewiesen werden.

Ein Netzwerk ist somit definiert als eine abgegrenzte Menge von Elementen und der Menge der zwischen ihnen verlaufenden Beziehungen. Beziehungen lassen sich hinsichtlich ihrer Form, Inhaltes und Intensität unterscheiden.

Typische Analyseebenen, die über das einzelne Element hinausgehen sind die Dyade (ein Akteur-Paar), die Triade (drei mit einander verbundene Akteure), das ego-zentrierte Netzwerk, Cliquen oder Netzwerkcluster und Gesamtnetzwerke für die jeweils Merkmale erhoben werden können. Es findet sich in der Literatur eine Unterscheidung zwischen relationaler und positionaler Netzwerkanalyse. Positionale Analyse unterscheidet sich von der relationalen insofern, dass sie die Ähnlichkeit der sozialen Positionen untersucht, die sich in den sozialen Beziehungen zu anderen Akteuren und über alle untersuchten Beziehungstypen hinweg wiederspiegelt. Positionen in sozialen Netzwerken unterscheiden sich nach dem Muster der Aussenbeziehungen.[1]

Wie im Falle anderer sozialwissenschaftlicher Forschungsstrategien existieren mehrere Möglichkeiten der Datengewinnung, die je nach Art des untersuchten Netzwerks und der jeweiligen Fragestellung eine unterschiedliche Relevanz besitzen.

Dabei unterscheidet sich die Art der Datenerhebung nicht wesentlich von konventionellen Techniken. Am gebräuchlichsten ist wohl der Fragebogen. Aber auch Interviews, Beobachtung, Archivdaten, Tagebücher und Experimente können benutzt werden und wurden benutzt. (vgl. Faust, Wassermann, 1994)

Dies gilt auch für die Erhebung von ego-zentrierten Netzwerkdaten, wobei es hier besondere Formen der genannten Arten der Datenerhebung gibt, auf die ich im nächsten Abschnitt eingehen werde.

3. Das ego-zentrierte Netzwerk:

Das ego-zentrierte Netzwerk ist eine besondere Form des persönlichen Netzwerks, das mittels Umfrageforschung erhoben werden kann. Der zentrale Ausgangspunkt der Analyse ist eine befragte Person ego.

Forschungsfragen, die den Ansatz der ego-zentrierten Netzwerkanalyse betreffen, sind zum Beispiel die Ausbildung von Parteipräferenzen bzw. politische Meinungsbildung in der Wahl- und Medienforschung.

In der Sozialkapitalforschung kommt der ego-zentrierten Netzwerkanalyse eine bedeutende Rolle zu. Mit ihrer Hilfe wird es dem Forscher ermöglicht, die soziale und berufliche Mobilität in Abhängigkeit von Netzwerkressourcen und deren Mobilisierung zu untersuchen. So konnten zum Beispiel Volker und Flap (1999) zeigen, dass das Berufsprestige von Kontakten einer befragten Person ego starke und signifikante Effekte auf den ersten Arbeitsplatz und dessen Prestige des Befragten hatte.[2]

Namensgeneratoren und Namensinterpretatoren sind die zentralen Erhebungsinstrumente der ego-zentrierten Netzwerkanalyse.

Namensgeneratoren bestehen aus einer oder mehrerer Fragen, die in einer Befragung oder Interviews gestellt werden. Über sie werden Personen, die alteri, erfragt, die soziale Beziehungen zu ego besitzen. Die meist darauf folgenden Namensinterpretatoren, wiederum in Frageform präsentiert, sollen Daten über die Beziehungen der alteri zu ego (z.B. Kontakthäufigkeit, Dauer der Bekanntschaft, Intensität), die Beziehungen der alteri untereinander und absolute Merkmale (z.B. Alter oder Bildung) der alteri erfragen. (vgl. Mardsen, 1990,S.441)

Aus den Angaben von ego wird das ego-zentrierte Netzwerk, das um ego verankerte soziale Netzwerk zusammengestellt. Netzwerkeinheiten sind die alteri und deren Beziehungen untereinander, sowie ego und die Beziehungen der alteri zu ego. Ergänzend werden absolute Eigenschaften von ego und den alteri erhoben und in die Analyse miteinbezogen.

Aus diesen Einheiten werden Masse zur Beschreibung der Struktur des Netzwerkes sowie zur Beschreibung von ego und den alteri errechnet. Diese sind u.a. Netzwerkgrösse, Netzwerkdichte, Heterogenität für Netzwerke. Für ego und die alteri können Zentralität, Stellung im Netzwerk (Cutpoint, strukturelle u.a. Äquivalenz), Pfaddistanzen zu anderen / Erreichbarkeit, Grad der Verbundenheit zu anderen, Reziprozität errechnet werden. Wenn die Beziehungen differenzierter erfasst werden, d.h. nicht nur dichotom , sondern nach Qualität und Quantität, lassen sich weitere Masse für die Beschreibung egos und der Beziehungen zu den alteri errechnen. Zu nennen sind u.a. Indegree / Outdegree, Multiplexität, Symmetrie.

Um genannte Grössen berechnen zu können, müssen die erhobenen Daten gewissen Anforderungen genügen.[3]

Namensinterpretatoren können nur im Zusammenhang mit Namensgeneratoren gesehen werden, da sie von der Konstruktion dieser abhängen.

Ein Beispiel für einen Namensinterpretator kann die Frage nach der Wichtigkeit, der von ihm genannten Personen sein. Dabei wird der Befragte aufgefordert,

eine Rangordnungen seiner Kontakte zu erstellen. Dies verlangt vom Befragten, alle Akteure in eine komplette Rangordnung vom unbekanntesten Akteur bis zu dem Akteur, mit dem man am meisten zu tun hat, zu bringen. Innerhalb von schriftlichen Befragungen ist es nicht praktikabel, Rangordnungen über mehr als drei bis fünf Objekte zu erfragen. In persönlichen Interviews kann die Ordnungsaufgabe durch "Kartenspiele", in denen jeder Akteur mit einer Karte symbolisiert wird, unterstützt werden. Der Befragte kann das Kartenspiel sortieren und auch mehrfach umsortieren. (vgl. Jansen, 1999)

Die Unterscheidung zwischen Namensgenerator und Namensinterpretator scheinen in der Literatur selten wirklich trennscharf aufzutauchen. Deshalb möchte ich diese im Folgenden auch nicht beibehalten, sondern einfach näher auf Namensgeneratoren eingehen, da ihnen, wie oben erwähnt eine besondere Stellung in der Netzwerkanalyse zukommt.

3.1. Namensgeneratoren:

Namensgeneratoren bestehen aus einer oder mehrerer Fragen, die ein oder mehrere Beziehungstypen erfassen, zu denen ego seine Beziehungen nennen soll. Welche Beziehungen dabei zur Netzwerkabgrenzung relevant sind, muss inhaltlich begründet werden. Verschiedene Namensgeneratoren sind somit Folge verschiedener Forschungsfragen.

Er soll die Abgrenzung eines sozialen Netzwerks leisten, indem nur die mit ihm erhobenen Netzwerkeinheiten (die alteri) in die Analyse mit einbezogen werden.

Pfenning (1995) unterscheidet zwischen Interpersonalen und Globalen Namensgeneratoren. Erste unterscheidet er nach Kontextbezogenen und Stimulusbezogenen Generatoren. Kontextbezogene Generatoren erheben alteri nach sozialen Kontexten wie Familie, Freundeskreis oder Arbeitskollegen. Es können dabei je nach Forschungsfrage entweder einzelne oder mehrere Kontexte berücksichtigt werden.

Stimulusbezogene Generatoren geben den Befragte bestimmte soziale Interaktionen vor, die in verschiedenen Kontexten vorkommen können. Durch dessen Benutzung können begriffliche Unsicherheiten und Defizite bei der Verwendung sozialer Kontexte vermieden werden.

Globale Generatoren konzentrieren sich auf die Gesamterfassung sozialer Kontexte. Es wird allerdings nicht nach alteri, sondern nur nach der Struktur der Gesamtheit sozialer Beziehungen gefragt. Da sich dadurch weder Mikro- und Netzwerkstrukturgrössen errechnen lassen, bietet sich der Einsatz dieser Art von Generatoren nur an, wenn nur die Beschreibung der Struktur der sozialen Handlungsspielräume bzw. sozialen Kontexten des Befragten zentral für die Fragestellung ist.

Pfenning kommt zum Schluss, dass man mit stimulusorientierten Namensgeneratoren wohl die grösste Theoretische Validität erreichen kann, da man mit ihrer Hilfe am differenziertesten die Grössen erheben kann, die für die Berechnung netzwerkanalytischer Merkmale nötig sind. (vgl. Pfenning, 1995, S.48-49)

Unter die stimulusorientierten Generatoren sind das Fischer-Instrument und das Burt-Instrument die am meisten Gebräuchlichsten.

Neben diesen gibt es noch eine Menge anderer, je nach Forschungsziel und

-frage. Erwähnenswert ist noch der, für den deutschen ALLBUS übernommenen Namensgenerator, der eine abgewandelte Form des sogenannten Fischer-Namensgenerators ist.[4]

Die Namensgeneratoren, „die –manchmal auch in leicht abgewandelter Form – die häufigste Anwendung und grösste Beachtung erfahren haben, sind das Burt-Instrument, das Fischer-Instrument und das Wellman-Instrument, welche sich in ihrer Konzeption voneinander unterscheiden (Schenk 1995 u.a.).

(Diaz-Bone, 1997,S.53)

Im Abschnitt 3.3. möchte ich kurz auf das Fischer-Instrument und das Burt-Instrument eingehen. Das Wellman-Instrument soll hier nicht erörtert werden, da es dem Burt’schen Generator sehr ähnlich ist.

[...]


[1] Die positionale Perspektive ist besonders für die Clusteranalyse interessant, da sie, im Gegensatz zur Cliquenanalyse, die Gesamtstruktur von Rollenbeziehungen verschiedener Cluster untereinander ermöglichen kann, ohne das Akteure eines Clusters intern miteinander verbunden sein müssen. (vgl. Pappi et al., 1987, S.696); Einen Überblick über die Methoden der positionalen Perspektive bietet Pattison, 1993, S. 80-92.

[2] Ein Überblick zur Sozialkapitalfoschung bietet Lin, 2001, Kap. 6

[3] Eine Auflistung der Anforderungen findet sich bei Diaz-Bone, 1997, S.66.

[4] genaueres siehe Pfenning, 1995, S. 57-124

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Probleme mit Befragung und des Befragtenverhaltens bei der Erhebung von Daten für ego-zentrierte Netzwerke
Hochschule
Universität Mannheim  (Fakultät Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Hauptseminar Befragung und Befragtenverhalten
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
31
Katalognummer
V52163
ISBN (eBook)
9783638479479
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Hausarbeit und der daraus resultierende Hauptseminarschein ist fach- und diplomnotenrelevant (Studiengang Diplom Sozialwissenschaften).
Schlagworte
Probleme, Befragung, Befragtenverhaltens, Erhebung, Daten, Netzwerke, Hauptseminar, Befragung, Befragtenverhalten
Arbeit zitieren
Christian Richter (Autor), 2003, Probleme mit Befragung und des Befragtenverhaltens bei der Erhebung von Daten für ego-zentrierte Netzwerke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52163

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